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Hamburg 4/2005 |
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Die Todfeindin
Liebe Leser, sagen Sie mal - haben Sie eigentlich einen Todfeind? Gibt es da jemanden, der Ihnen nach dem Leben trachtet? Ihnen ganz offen sagt, dass es Ihnen „an den Kragen geht“, wenn es zu einer Begegnung kommt? Oder: haben Sie jemandem den Tod angedroht? Oder sind sich sicher: diesen Menschen werde ich bei nächster Gelegenheit töten? Haben sie also einen wirklichen, echten Todfeind? Nein, etwa nicht? Da führen Sie ja ein friedliches Leben und haben anscheinend keine besonders großen Fehler gemacht! Oder etwa doch? Ja? Ich auch! Glückwunsch, dann haben wir etwas gemeinsam – ach, es ist doch immer schön, an jemanden zu geraten, mit dem einen etwas verbindet! Bei mir gibt es da so jemanden. Okay! Es ist eine Frau. Freunde sagen zu mir: was hast du schon von einer Frau zu befürchten? Die kann dir doch gar nichts! Ich kann dazu nur sagen: es gab mal eine Zeit, in der ich den Umgang mit Waffen systematisch gelernt habe - und ich weiß genug darüber, um mir klar darüber zu sein, dass Waffen auch in noch so zarten Frauenhänden gefährlich sind. Aber auch mit einem einigermaßen geschärften Küchenmesser kann man jemandem die Kehle durchschneiden. Zudem habe ich Frauen kennen gelernt, die gut genug in Kampfsportarten trainiert waren, um binnen Sekunden mit bloßen Händen einen Menschen töten zu können. Warum also sollte ich mir keine Sorgen machen? Auch wenn wohl die Wahrscheinlichkeit eher gering ist, dass es zu Gewalt käme - sie ist da! Wie kam es nur dazu? Stellen Sie sich vor: eine intensive, verzehrende Liebe - ebenso betörend wie zerreibend. Irgendwann war ich am Ende, nach zu vielen Aufs und Abs, nach zu vielen beleidigenden Beschimpfungen, nach zu vielen Lügen und Schauspielereien, nach zu vielen Demütigungen. Grund genug, einen klaren und sauberen Schlussstrich zu ziehen - vielleicht zu plötzlich erscheinend. Aber doch: Schluss! Es geht nichts mehr. Total emotional wie alles auch das Ende. Erst Bepöbelungen, dann Gebuhle – und doch: Aus! Ein entsetzliches Telefonat, danach noch ein kurzes - und es fallen am Ende die entscheidenden Worte: „Wenn wird uns begegnen, dann geht es Dir an den Kragen!“ höre ich. Mehr verblüfft als erschreckt frage ich „Wie jetzt - Du drohst mir?“. Die „Pädagogin“ antwortet „Ja!“ und legt auf. Die allerletzten Worte einer doch großen Liebe - die bisher letzte Begegnung. Glücklicherweise! Sonst würden Sie das ja womöglich nicht lesen können. Nein, große Gedanken mache ich mir zunächst allerdings nicht darum, habe es für übertriebene und dahingesagte Worte gehalten, bin viel zu sehr mit mir und meinem Schmerz und meinem Selbstmitleid beschäftigt. Erst ein Vierteljahr später erreicht mich die Nachricht durch eine gemeinsame Bekannte. Mir wird ausgerichtet, dass es für mich "gefährlich" würde bei einer Begegnung und ich solle dem ausweichen. Erst da fangen die Gedanken bei mir an - die Wogen hätten sich doch eigentlich längst glätten müssen. Ein wenig zumindest. Stand ich doch dem beabsichtigten Weg dieser Person jetzt schon länger nicht mehr im Wege... Und dann diese Nachricht. Kalt, nüchtern, durchdacht. Erst da kommen bei mir Gedanken - muss ich das womöglich ernst nehmen? Viel ernster, als ich mir hätte träumen lassen? Was mache ich damit? Glauben, dass im Fall der Fälle schon alles irgendwie gut gehen wird? Oder richte ich mich darauf ein? Und wenn ja: wie? Die Gedanken fangen an zu kreisen. Sie kreisen um Gewalt. Passive Gewalt. Und dann auch irgendwann aktive Gewalt. Eine frühere Gewalterfahrung - mein Wehrdienst - ist mir teilweise behilflich. Soll ich offensiv sein? Bei einer Begegnung sofort und ohne Pardon dafür sorgen, dass mein Todfeind „handlungsunfähig“ (um im Soldatenjargon zu bleiben) ist, zumindest für eine Zeit von ein paar Wochen lang? Oder sollte ich mich besser defensiv verhalten - um mich dann bei einer verdächtigen Bewegung um so massiver mein Leben zu schützen, also eine offenkundige Notwehrsituation abwarten? Allerdings mit dem Risiko, zu spät zu handeln? Sollte ich mich vielleicht bewaffnen? Die Spirale der Gewalt - sie findet in meinem Kopf statt. Quält mich und lässt mich ratlos zurück. „Ihre“ Stadtteile werden von mir gemieden, weiträumig umgangen. Bei ihr in der Nähe wohnende Freunde sehen mich kaum noch - und wenn, dann auf merkwürdigen Wegen besucht. Dieser Mensch, den ich aus meinem Leben entfernen musste - und wollte - hatte sich in einer großen Abschlussgeste massiv in mein Leben eingemischt, sich mir nachhaltig aufgedrängt. Massiver denn je zuvor. Das hätte ich mit etwas Geduld, etwas dickerer Haut und etwas mehr Klugheit leicht vermeiden können - aber jetzt es zu spät. Zwei oder drei Versuche, die Verhältnisse auf schriftlichem Wege, zum Teil unangemessen freundlich, aufzulösen werden mit schallenden verbalen Ohrfeigen beantwortet. Oder schlicht mit: „Nein, ich habe nichts zu sagen!“. Ihr grauenhaftes Machtspiel - es soll anhalten. Durchaus erschüttert registriere ich, dass es für mich keinen Weg aus diesem Dilemma gibt: ich werde damit leben müssen. Damit leben müssen, dass mir latent Gewalt angedroht wird - und eine Androhung von Gewalt ist nichts anderes als Gewalt am anderen Menschen, in rechtlichem Sinne eine Straftat. Man übt Macht aus und schränkt ihn ein. Dass der andere Mensch in der Kindheit einmal Gewaltopfer war erklärt vielleicht einiges, aber erleichtert nichts. Dies ganze ist schon Jahre her - und die Gewalt ist seitdem integraler Bestandteil meines Lebens. Mal mehr, mal weniger in meinem Bewusstsein. Zumeist habe ich zeitweilig viel mehr Angst vor meiner eigenen Gewalt - als vor der Gewalt dieser Person. Ich weiß nicht, was in dem schon beschriebenen Fall des Falles einer Begegnung bei mir vorgehen würde. Würde ich vielleicht - nach der langen Zeit des Drucks - völlig die Kontrolle über mich verlieren und aus einer Mischung aus Angst, Wut und Schwäche ein Blutbad anrichten? Ich weiß es nicht wirklich. Wie auch? Manchmal, ganz manchmal mache ich mir ein paar Gedanken um sie. Ob sie überhaupt eine Ahnung hat, wie brandgefährlich ihr Vorgehen für sie selber ist? Aber: das ist nicht mein Thema. Mögen doch bitte AIDS, Krebs, Pest, Pocken, Cholera, Lepra und Fleckfieber alle gemeinsam sie holen, bevor ich ihr begegnen muss. Und noch seltener, ganz ganz manchmal, beschleicht mich ein Bedauern. Bedauern darüber, dass von einem der größten Erlebnisse meines Lebens nur eines geblieben ist: Der Satz „Wenn wir uns begegnen, dann geht es Dir an den Kragen!“. Sonst blieb nichts. Schade! Ein einzelner Satz, der mein Leben verändert hat. Aber was ist mit Ihnen? Was machen sie mit Ihrem Todfeind? Haben sie ihm den Tod angedroht? Oder sind Sie das Opfer oder Gewalt? Wie handhaben Sie solche Situationen? Wo ist der Ausweg? Gibt es überhaupt einen? Würde mich mal interessieren, wie andere Menschen mit so etwas umgehen. Ach ja: Sonderschulpädagogen werden für gewöhnlich auf die schwächsten Teile der Gesellschaft losgelassen. Für mich noch immer kaum zu fassen, dass man primitive und gewalttätige Menschen dieser Art in solche wichtigen Rollen lässt!
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Dirk Matzen (Abdruck des Textes - auch in Teilen - nur mit schriftlicher Genehmigung des Autors!) |