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Fußball-WM
6 / 2006
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"Die Welt zu Gast bei Freunden"
Fußball-Weltmeisterschaft 2006 in Deutschland
Ein paar persönliche Eindrücke

 

 


WM2006 - Das WM Stadion Hamburg vor dem Spiel Ecuador - Costa Rica
Die AOL-Arena in Hamburg, pardon: das WM-Stadion
Hamburg, vor dem Spiel Ecuador - Costa Rica.
 

 

Als alter Fußball-Fan war meine Freude groß, als ich Jahre vor dem Ereignis hörte, dass die Fußball-Weltmeisterschaft 2006 in Deutschland stattfinden solle! Toll! Als dann auch klar wurde, dass meine Heimatstadt Hamburg zu den Austragungsorten gehören würde, war ich wirklich begeistert! Eine WM direkt vor der Haustür - ein Traum wird wahr! Einmal mit dem Fahrrad zur Fußball-WM radeln...

Das Drama um die Vergabe der Eintrittskarten haben viele ja sicherlich noch in Erinnerung. Bei jeder Runde der Verlosungen war ich dabei - und in der letzten Runde hatte ich tatsächlich Glück: Meiner Bereitschaft, einen exorbitant hohen und Grenzen sprengenden Preis zu bezahlen war es zu verdanken, dass ich ein paar Wochen vor Beginn der WM doch tatsächlich eine Karte für mein "Wunsch-Spiel" in Hamburg in Händen: Ekuador gegen Costa Rica - lateinamerikanisches Flair pur im Norden Deutschlands!

 Direkt vor dem Beginn der WM hieß es jedoch zunächst einmal: raus aus dem WM-Land, 14 Tage beruflicher Einsatz in Ankara. Dort interessierte man sich für die Fußball-WM inetwa so sehr, wie man sich in Deutschland üblicherweise für eine Baseball-WM interessiert: gar nicht - die Türkei hatte sich nicht qualifiziert! Also ging der ganz Rummel im Vorfeld fast völlig an mir vorbei... Mein Hotelzimmer in Ankara bot mir einen einzigen deutschen Fernsehsender: RTL. Hin und wieder hörte ich dort in den seltenen Nachrichten dürre Vorberichte über die WM, mehr nicht. Der in "meinem geliebten" Millerntorstadion ausgetragenen FIFI-Weltcup mit Nationen ohne offizielle Nationalmannschaften (u.a. Tibet, Grönland, Sansibar, Nordzypern, Republik St. Pauli) fand z.B. nie irgendwo Erwähnung.

Und doch sorgte RTL dafür, dass ich dann kapierte, hoppla, es wird ernst mit der WM: am 1.6. sorgten die Frühnachrichten dafür, dass ich plötzlich senkrecht im Bett stand. Es gab ein paar Bilder von dem Testspiel "meines" Regionalligisten FC St. Pauli gegen Trinidad & Tobago (1:2) vom Vorabend - begleitet von warmen Worten, dass das größte Spektakel der Vor-WM-Zeit am Hamburger Millerntor stattgefunden hätte. Nanu - das Spiel hatte ich ja ganz vergessen. Da passte es dann, dass der Deutsche Botschafter in Ankara im großen Stile zum Eröffnungsspiel Deutschland gegen Costa Rica (4:2) zu einem Einweihungsfest in den riesigen Garten der Botschaft geladen hatte. Dort hatte ich dann am 9. Juni mein erstes, nun ja "semi-public" Viewing. Zuschauer aus vielen Ländern sind in der Botschaft zusammengekommen und zahlreiche türkische Fernsehteams dokumentieren dann doch ein gewisses Fußballinteresse in der Türkei. Nie hätte ich gedacht, dass es in der deutschen Botschaft einen solchen Jubel bei den beiden Toren GEGEN das deutsche Team geben könne! Nach dem erwarteten, flotten deutschen Sieg gegen Costa Rica entschwand ich zügig in meine Hotel - die aufziehenden Gewitterwolken waren bedrohlich und das zweite Spiel (Polen gegen Ecuador) könne ich ja im Hotel gucken - dachte ich. Aber nein: Auf den ca. 50 türkischen Fernsehsendern rollte nirgendwo der Ball... Nicht einmal das Ergebnis konnte irgendwo erhaschen...


WM2006 - Deutsche Botschaft in Ankara vor der Fußball-WM
Wohl der einzige öffentliche Hinweis auf die Fußball-WM
in Ankara: ein Transparent an der Deutschen Botschaft
 

WM2006 - Public-Viewing in der Deutschen Botschaft in Ankara
"Semi-Public"-Viewing im Garten der Deutschen Botschaft.
 

WM2006 - WM-Einweihungsfest in der deutschen Botschaft Ankara
Fußball-Fans und wichtige Personen zu Gast bei Freunden - auch in Ankara. Die deutsche Botschaft hatte geladen.
 

Tags darauf ging es zurück nach Hamburg - und es gab gleich das zweite "semi-public" Viewing, diesmal auf dem Flughafen in Wien, wo vor aufgestellten Großbildschirmen vor allem Briten fluchend das Spiel England gegen Paraguay verfolgen. Obwohl sie gewinnen (1:0), fluchen sie unzufrieden weiter, die Leistung des englischen Teams war aber auch lausig! In dem (winzigen!) Flugzeug aus Wien sitzt jemand, der aussieht wie ein Spieler der argentinischen Nationalmannschaft (in Trikot, Sporthose, Stutzen - allerdings nicht mit Fußballstiefeln) - und mir fällt ein: ach ja, es findet ja das erste Spiel in Hamburg statt, Argentinien gegen die Elfenbeinküste.

Gut zwei Stunden später bin ich in Hamburg und es trifft mich der Schlag: Deutsche Fahnen überall! An Häusern, an Fenstern, an Masten, an Autos, an Menschen, einfach überall! Sind hier alle verrückt geworden? Neuer Nationalismus? Mir gefällt das gar nicht - und bleibt mir auch bis zum Ende der WM nicht geheuer. Besonders, weil pausenlos und mit großer, sehr deutscher Verbissenheit darauf hingewiesen wird, dass man doch sooo entspannt mit den deutschen Farben umgeht. Allein diese pausenlosen Hinweise nerven bis zum Schluss kolossal und zeigen: es gibt keinen Hauch von Entspanntheit! Ein Türke würde im Traum nicht auf die Idee kommen, auch noch zu erklären, warum er zum Feiertag eine türkische Fahne aus dem Fenster hängt und dass er das völlig normal findet - dort IST es schlicht normal, und fertig.


WM2006 - Deutsche Fahnen an Gebäuden
Nach zwei Wochen im Ausland zurück in Hamburg, und plötzlich ist alles voller deutscher Fahnen... Sonderbar!
 

Und trotzdem gibt es eigentlich nichts zu meckern - mein erstes öffentliches Fußballgucken in Deutschland beim Spiel Argentinien gegen die Elfenbeinküste auf den Bildschirmen der Kneipe um die Ecke gestaltet sich angenehm - viele Leute haben den Weg hierhin gefunden und haben ihren Spaß - allein die Nerven der Bedienung halten dem Andrang offenkundig nicht stand. Mir fällt auf: Nie zuvor habe ich so viele Frauen auf Bildschirmen Fußball gucken sehen! Was ist hier bloß los?

Tags darauf kommt dann aber der Hammer, der mich erst richtig infiziert! Geistig nach den beiden Wochen Ankara noch ein wenig zwischen Orient und Okzident angesiedelt raffe ich mich auf, gemeinsam mit meiner Tochter das FIFA-Fanfest auf dem Hamburger Heiligengeistfeld in Augenschein zu nehmen. Unsere Erwartungen waren zuvor minimal. Ich erwartete irgendwo in der Ecke eine Leinwand und ca. 10.000 Bier- und Bratwurststände und 500 Leute drum herum. Mein Gedanke zuvor: Große Feste in Hamburg sind doch eigentlich immer nur tumbe und kulturlose Fress- und Sauffeste! Was mich hier dann jedoch erwartete, überwältigte mich geradezu: Eine riesige Riesenleinwand und drumherum schaffte ein Halbkreis, sogar mit Tribünen, eine großartige Stadionatmosphäre! Toll! Grandios gelungen!


WM2006 - FIFA-Fanfest Hamburg
Auf dem Weg zum FIFA-Fanfest Hamburg
 

WM2006 - "Fan Beach Club"
Nicht nur beim "Fan Beach Club" ging es entspannt zu
 

WM2006 - Leinwand beim FIFA-Fanfest Hamburg
Trotz viel Werbung drumherum zeigte die riesige Leinwand genügend vom Spiel. Der modernen Technik sei Dank: durch die Brillanz der Darstellung wirkte es fast so, als sei man im Stadion direkt dabei.
 

WM2006 - FIFA-Fanfest-Hamburg
Ein Glücksfall: das Wetter spielte fast die ganze Zeit mit!
 

WM2006 - Abendstimmung beim FIFA-Fanfest Hamburg
Abendstimmung beim
FIFA-Fanfest Hamburg
 

WM2006 - Fanfest auf dem Heiligengeistfeld
Das Heiligengeistfeld erwies sich als idealer
Standort für das Fanfest.
 

Nicht zum letzten mal während der WM staunte ich, wie ungeheuer viele Besucher aus den jeweils spielenden Ländern hier zusammen kamen. Nie hätte ich gedacht, dass soo viele Mexikaner und Iraner in Hamburg überhaupt leben, geschweige denn zum Fußballgucken aufbrechen. Auf einer Tribüne die Mexikaner, auf einer anderen die Iraner - und es geht genau wie in einem Fußballstadion zu. Auch zum Staunen: bei brüllender Hitze haben bestimmt 30.000 Leute (laut Zeitung) den Weg zum Heiligengeistfeld gefunden, um sich das Spiel Mexiko gegen Iran - ja nicht gerade das Spiel der größten Publikumsmagneten - anzuschauen. 30.000! Ich bin fassungslos, lasse mich aber von der Stimmung anstecken. Ja, jetzt ist die WM auch bei mir angekommen. So richtig!

In den folgenden Tagen heißt es immer wieder: ab zum FIFA-Fanfest! Mal mit Freunden, mal noch nach Feierabend eben auf ein Bier mit etwas internationalem Flair beim Fußball. Mal werde ich nicht reingelassen, weil ich ein paar Brötchen für das Abendessen im Rucksack habe - dann geht man eben zur "Casa St. Pauli" direkt nebenan, im Vereinsheim des FC St. Pauli. Auch das sehr schön gelungen! Das Wetter spielt mit, das Drumherum des FIFA-Fanfestes mit den von jedem teilnehmen Land gestalteten Pavillons, mit Kultur, Spiel und Aktionen dabei - es bringt einfach Spaß! Insgesamt ist das FIFA-Fanfest die vielleicht gelungenste Massenveranstaltung, die ich in Hamburg bisher erlebte. Und dort wird genau das ganz praktisch gelebt, was jahrelang in Bezug auf die Fußball-WM propagiert worden war: Dort ist die Welt zu Gast bei Freunden. Alle sind herzlich willkommen! Alles ist friedlich und voller entspannter Sympathie! Ein Traum von der besseren Welt! Ausgerechnet durch Fußball?


WM2006 - Der Weltkriegsbunker auf dem Heiligengeistfeld
Sogar der unvorstellbar hässliche Bunker aus dem Zweiten Weltkrieg wurde in die Festivitäten mit einbezogen und verschönt.
 

WM2006 - Beim Achtelfinalspiel England - Ecuador
Beim Achtelfinalspiel England - Ecuador, das England mühsam mit 1:0 gewann.
 

WM2006 - Fußball-Fans aus Ecuador
Die Tribüne mit den ebenso farbenfrohen wie auch stimmungsgewaltigen Fans aus Ecuador.
 

WM2006 - FIFA-Fanfest Hamburg: im Hintergrund die Flutlichtmasten des Millerntor-Stadions des FC St. Pauli
Im Hintergrund die Flutlichtmasten des Millerntor-Stadions des FC St. Pauli.
 

WM2006 - Ein Fan aus Ecuador
Ein Ecuadorianer zeigt Flagge.
 

WM2006 - Polizei auf dem FIFA-Fanfest
Meistens nix zu tun - und trotzdem keine lange Weile...
 

WM2006 - Spielende - Ecuador ist ausgeschieden
Endstand 1:0 für England - Ecuador ist ausgeschieden, die Fans trotten friedlich und gut gelaunt von dannen - auch die ausgeschiedenen Ecuadorianer.
 

WM2006 - FIFA-Fanfest Hamburg
Wurden hier die ausgeschiedenen Mannschaften direkt zum Mond geschossen?
 

WM2006 - Riesenkicker auf dem FIFA-Fenfest
Der Riesenkicker war fast immer gut belegt...
 

WM2006 - Manfred Kaltz auf der Bühne des Fanfestes Hamburg
Hamburger Fußballgrößen auf dem FIFA-Fanfest:
Manfred Kaltz auf der Bühne...
 

WM2006 - HSV-Kult-Masseur Hermann Rieger auf dem FIFA-Fanfest
... und HSV-Kult-Masseur a.D. Hermann Rieger bewegte sich ganz ungezwungen mitten durchs Fanfest und hatte auch einen freundlichen Gruß für den ungebetenen Fotografen übrig.
 

WM2006 - Frankreich-Fans nach Final-Einzug
Glückliche Fans aus Frankreich nach dem 1:0-Halbfinal-Sieg gegen Portugal am 5. Juli. Frankreich ist im Finale!
 

Doch dann ist auch schon der 15. Juni - der Tag meines WM-Besuchs. Zur Feier des Tages (und weil es bei einer Anstoßzeit um 15 Uhr eh gar nicht anders geht) habe ich einen Tag Urlaub genommen, die Tochter braucht dem Unterricht heute auch nicht bis zum Ende folgen - es geht aufs Rad, in einer guten Viertelstunde zur AOL-Arena, zu "unserem" WM-Spiel Ecuador gegen Costa Rica. Rechtzeitig sind wir am Stadion, um von Anfang an alles "aufsaugen" zu können. Tatsächlich, man konnte sich durchaus wie in Lateinamerika fühlen, jeweils etliche tausende haben ihre Teams begleitet. Man sieht vieles im Stadion, was man beim "normalen Fußball" nicht sieht und nur aus dem Fernsehen kennt, viele, nun ja, "verrückte Vögel" machen das Spiel zu einem Fest. Aus der Ecke Costa Ricas wird es allerdings recht bald ruhig, Ecuador ist einfach deutlich stärker und gewinnt zu Recht 3:0. Über einige Ärgernisse rund um die Spiele ist viel berichtet und geschrieben worden (z.B. unverschämte, exorbitante Preise für die sehr mittelmäßige Verpflegung), aber mein persönliches Ärgernis ist am nachhaltigsten: ich hatte vergessen, Ersatzakkus für meine Kamera mitzunehmen, so dass schon vor Beginn des Spiels keine Fotos mehr möglich sind... Unverzeihlich!


WM2006 - Vor dem WM-Spiel Ecuador - Costa Rica
Am Hamburger WM-Stadion vor dem Vorrunden-Spiel Ecuador gegen Costa Rica.
 

WM2006 - Fans aus Ecuador
Fans aus Ecuador verbreiten Südamerikanisches Flair und gute Laune.
 

WM2006 - Fans aus Costa Rica
Die mittelamerikanischen Costa Rica-Fans waren da doch etwas zurückhaltender. Vielleicht aufgrund der geringeren Siegaussichten?
 

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WM2006 - umfassendes Verbotsschild
Das Mitbringen von Klopapier war ebenso verboten wie Nazisymbole. Immerhin!
 

WM2006 - AOL-Arena vor dem WM Spiel Ecuador gegen Costa Rica
Zwei Stunden vor Spielbeginn verlieren sich erst wenige in der AOL-Arena des Hamburger SV.
 

WM2006 - Fans aus Ecuador
Ecuador Fans vor dem Spiel...
 

WM2006 - Costa Rica-Fans
... und Costa Rica-Fans, ebenso vor dem Spiel
 

WM2006 - Costa Rica-Fans in Verkleidung von Ronaldinho
Witzbolde am Werk - wer steckt dann da
plötzlich im Trikot von Costa Rica?? Ronaldinho für Costa Rica, das wär's doch!
 

WM2008 - Costa Rica-Fans im Stadion
Costa Rica Fans im Stadion.
 

WM2006 - Fans bunt durcheinander im Stadion
Anders als bei innerdeutschem Fußball: man ließ ganz entspannt zu, dass die Fangruppen sich bunt mischen und verzichtete auf eine rigide, polizeikontrollierte Fantrennung. Gut so!
 

WM2006 - Eintrittsbereich zur AOL-Arena eine Dreiviertelstunde vor Spielbegrinn
Eine Dreiviertelstunde vor Spielbeginn wird es extrem
eng an den Eingangsbereichen. Kaum vorstellbar,
dass alle den Zutritt rechtzeitig schafften.
 

WM2006 - Ein exotischer Ecuador-Fan
Ein Ecuador-Fan feuert sein Team schon beim Warmmachen an.
 

Das Achtelfinalspiel Spanien gegen Frankreich (1:3) am 27. Juni "erlebte" ich dann auf der großen, großen, hochgejubelten Fanmeile in Berlin - und bin total entsetzt! Die Fanmeile in Berlin, auf der Straße des 17. Juni vor dem Brandenburger Tor beginnend, ist einfach nur groß, bombastisch, Sauf- und Fressbuden drängen von links und rechts, alles ist voller Müll, vor allem Plastikbecher (in Hamburg zog man das Pfandsystem konsequent durch), es verloren sich bei dem Spiel ohne deutsche Beteiligung ein paar hundert Leute vor den diversen Leinwänden. Beim Eingang wurde ich wie ein Verbrecher penibel durchsucht und habe schnell vergessen wollen, was mir aus meinem Reisegepäck aus Sicherheitsgründen alles abgenommen und dem Müll zugeführt werden musste... Die Fanmeile Berlin war grauenhaft!!! Sie hatte nicht einen Hauch von der charmanten Stadionatmosphäre in Hamburg - und nach einer guten Viertelstunde bin ich dann auch fluchtartig davongezogen. Furchtbar!

Das Viertelfinale Deutschland gegen Argentinien am 30. Juni nehme ich zum Anlass, mich mal ausführlich in meinem Hamburger Viertel Eimsbüttel umzuschauen, was hier wohl während eines solchen wichtigen Spieles passiert. Kurz gesagt: Alles ist menschenleer, alles! Nur vor den Kneipen, die Bildschirme haben drängen sich wahre Menschenmassen. So ähnlich muss es 1954 gewesen sein: wer einen Fernseher hatte, hatte gewonnen! Wo kein Fernseher ist, ist auch (fast) kein Mensch! Alles ist eine große Party!

Und: Genau das Gefühl ist keinesfalls das, was ich mit Fußball verbinde. Fußball = 100% Party? In 40 Jahren bewusstem Fußballguckens passt für mich in dieser Formel etwas nicht. Meine Formel heißt eher: Fußball = 10*Leiden² + 99% Leidenschaft + 1/10*Glück. Vielleicht ist das der Grund, warum ich der hemmungslosen Begeisterung und der Party-Feierei bei der WM zuweilen etwas, nun ja, reserviert gegenüberstehe. Die WM ist etwas völlig anderes, als der gewöhnliche Fußball, so wie ich in kenne - aber dennoch ist sie toll! Dieses internationale Flair hat man in Deutschland so bisher wohl nur selten erlebt, vielleicht zuletzt bei den Olympischen Spielen 1972 in München.


WM2006 - Vor Eimsbüttels Kneipe "Bräuers"
Beim Viertelfinalspiel Deutschland gegen Argentinien in Hamburg-Eimsbüttel: Am dem Freitagabend drängen sich die Menschenmassen vor den Kneipen mit Bildschirmen. Überall das gleiche Bild, hier vor der Kneipe "Bräuers"...
 

WM2006 - Vor der Kneipe "Old MacDonnell"
... vor dem "Old MacDonnell"...
 

WM2006 - Vor der Kneipe "La Paz" in Eimsbüttel
... und vor dem "La Paz" in Hamburg-Eimsbüttel. Auch ohne direkt auf die Bildschirme zu schauen war es leicht, den Spielverlauf anhand der (in der ersten Halbzeit komplett fehlenden) Reaktionen der Zuschauer zu erahnen.
 

WM2006 - Fernseher auch vor einem Imbiss
Auch der kleinste Imbiss schaffte es, mit einem Fernseher Publikum anzuziehen.
 

WM2006 - Vor einem italienischen Restaurant: Kein Fernsehgeräte, keine Kundschaft
Wer kein TV-Gerät anbot, hatte während der WM kaum Chancen auf Kundschaft.
 

WM2006 - Privates Fernsehen auf dem Gehweg
Auch viele Privattreffen wurden kurzerhand auf die Straße verlegt...
 

WM2006 - Privates Fußballfest
Mal nicht nur deutsche Fahnen: Diese Nachbarschaftsgemeinschaft im Heußweg hatte sich für die Dauer der WM gleich mit allen Fahnen der WM-Teilnehmer ausgestattet. Schöne Idee! Dass dann anstelle vom Iran die Fahne Indiens auftauchte hat keinen großen Geist gestört...
 

WM2006 - Leere Osterstraße während des Spiels Deutschland gegen Argentinien
Freitags, 17:40 Uhr, Osterstraße in Hamburg-Eimsbüttel bei bestem Wetter. Normalerweise drängen sich hier zu dieser Zeit massenhaft Wochenendeinkäufer...
 

WM2006 - Leere Osterstraße während Fußballspiels
... während des Spieles Deutschland gegen Argentinien war die Einkaufszone jedoch wie ausgestorben.
 

WM2006 - Andrag vor einer Kneipe
Einen solchen Andrang erleben Hamburgs Kneipen nicht oft.
 

WM2006 - Ausgleich für Deutschland gegen Argentinien
Endlich, in der 80. Spielminute: Das Ausgleichstor für Deutschland durch Klose gegen Argentinien...
 

WM2006 - Spannendes Spiel Deutschland gegen Argentinien
... doch das Zittern geht noch lange weiter durch Verlängerung und Elfmeterschiessen.
 

Und dann ist der an Hysterie grenzende deutsche, manchmal schon deutschnationale, Taumel schlagartig vorbei! Den Italienern sei Dank: alle bleiben doch auf dem Boden. Und viele müssen, offenkundig schmerzhaft, lernen: zum Fußball gehört eben auch das ganz fiese und gemeine Verlieren! Und die Niederlage gegen Italien kam ja tatsächlich auf sehr bittere und fiese Weise zustande - alle erwarteten schon das Elfmeterschiessen, als die insgesamt etwas besseren Italiener plötzlich noch zwei Tore zustande brachten, die keiner mehr erwarten konnte.

"Unsere" Jungs haben sich großartig geschlagen, seit 1974 habe ich nicht mehr eine solche Sympathie für die in früheren Jahren meist hochnäsige und arrogante  deutsche Fußball-Nationalmannschaft empfunden. Wer weiß, wozu es gut ist, dass sie noch nicht den ganz großen Triumph eingefahren haben - sie werden daran wachsen, kein Zweifel! Unpassend zum gesamten WM-Rahmen fand ich, was mir an Mails in meine Mailbox trudelte und mir vereinzelt zu Ohren kam. Von Rache an den Italienern war die die Rede, wie man jetzt möglichst effektiv die Italiener in seiner Umgebung ärgern und demütigen solle etc. Die Welt zu Gast bei Freunden - ist man also doch nur so lange "Freund", so lange man das bessere Ende für sich hat?

Nein, das kann man so krass nun auch nicht sagen - auch wenn es solche Auswüchse bei Einzelnen gab. Der deutschen Mannschaft und dem tollen Stuttgarter Publikum bot sich jedenfalls die Möglichkeit, mit dem phantastischen Spiel um den dritten Platz, sonst immer eher ein gelangweiltes Gegurke von zwei Verlierern des Halbfinales, dem Turnier noch eine Krone aufzusetzen, die auch im Finale kaum zu toppen sein würde.

Aber als guter Gastgeber ließ Deutschland den Gästen den Vortritt auf die ganz große Bühne: das Finale in Berlin. Das erlebte ich auch in Berlin - wenn auch, natürlich!, nicht im Stadion, sondern ganz gemütlich, in einem Café auf einem Schiff in Kreuzberg. Tja, ein Finale ist eben immer eine Nervensache, der eine oder andere verliert eben diese dann umso leichter - und guter Fußball entsteht bei solchen Finals eher selten. Und: dass man die Entscheidung in dem Finale einer Fußball-Weltmeisterschaft nicht in einem Wiederholungsspiel, sondern in der Lotterie eines schnöden Elfmeterschießens sucht - das ist wahrscheinlich ein Zugeständnis an das Fernsehen, aber genau das werde ich nie verstehen können...


WM2006 - Das Finale, auf der Van Loon auf dem Landwehrkanal
Das Finale der Fußball-WM, ganz gemütlich in Berlin-Kreuzberg auf der "Van Loon" auf dem Landwehrkanal genossen. Aller Holzverschläge zum Trotz waren die Sichtbedingungen zuweilen, nun ja, suboptimal...
 

WM2006 - Zuschauer beim Public Viewing des Finales
Auf der "Van Loon". Ersichtlich ist vielleicht der Schlüssel zu dem insgesamt tollen und stimmungsvollen WM-Fest: wohl nie zuvor sind so viele Frauen wie bei dieser WM zum Fußballgucken gekommen!
 

WM2006 - Auf der "Van Loon" beim WM-Finale
Insgesamt blieb die Stimmung bei dem Finale aber gelassen bis gelangweilt...
 

 

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