
Mitten in der Altstadt: der Heumarkt (Rynek
Sienny). Hier finden sich etliche wunderschön wieder
aufgebauten Häuser. |
Manchmal ergeben sich ja Situationen, in denen man nicht so recht
weiß, was man am Wochenende anfangen soll... Dann haben Freunde
keine Zeit, das Kind ist nicht zu Hause, es findet kein
interessantes Fußballspiel statt, man hat auch ansonsten außer
Putzen nichts Wichtiges zu tun (aber das kann ja auch noch bis zum
nächsten Wochenende warten...). Also: was tun?
Das Wochenende verschlafen vielleicht? Neue Seiten für die
Homepage entwerfen? Mit dem Fahrrad durch die Gegend fahren,
womöglich bei Regen im kalten Vorfrühling? Oder dann doch besser
putzen?
Nein, man könnte ja auch einfach mal einen Tag etwas durch die
Gegend tingeln! Da bietet sich doch die Bahn an... Warum nicht mal
ein Länderticket für die Bahn kaufen - es gibt ja gleich drei
Möglichkeiten, die ich direkt von Hamburg aus nutzen kann:
Schleswig-Holstein, Niedersachen und Mecklenburg-Vorpommern. Nach
ein wenig Stöbern auf der Homepage der Bahn stellt sich schnell mein
Favorit heraus: es soll nach Mecklenburg-Vorpommern gehen - und als
ich dann noch lese, dass das Ticket auch noch ein Stück nach Polen
hinein reicht, nämlich bis nach Szczecin (das frühere Stettin),
kennt meine Reisesehnsucht kein Halten mehr. Ist doch Polen eines
meiner Lieblingsländer!
Schnell steht der Entschluss: es wird aus dem einen ursprünglich
geplanten Tag ein Trip über zwei Tage! Am Samstag geht es mit dem
für einen kompletten Tag gültigen Ticket nach Szczecin, am Sonntag
mit einem zweiten Mecklenburg-Vorpommern-Ticket wieder zurück - das
Ganze für jeweils 18 Euro. Leider ist die Hauptstrecke von Lübeck
nach Szczecin aufgrund von Bauarbeiten gesperrt, dann nehme ich eben
den Weg mit Umsteigen in Rostock / Stralsund / Pasewalk. Die ganze
Fahrt dauert dann eben gut sechs Stunden - macht ja nix, man kann ja
am Samstag rechtzeitig starten...
Am Freitag zuvor buche ich im Internet noch schnell ein
Hotelzimmer für lächerliche 27 Euro, incl. Frühstücksbuffet. Wie
sich später herausstellt: ein tolles "Last-Minute-Angebot" in einem
richtig guten Hotel, ein echter Glückgriff! Extrem günstige und attraktive
Lage, ein gut ausgestattetes Zimmer (wenn auch etwas klein - aber
das ist ja auch nur
für eine Nacht. Und zwei Flaschen Mineralwasser mit einem
Wasserkocher, Tee und Pulverkaffee ist schon eine außergewöhnliche
Ausstattung), tiptop sauber, und dann ein tolles
Frühstücksbuffet, das eigentlich schon allein fast den Preis wert
wäre...
Aber ich greife vor - die Fahrt nach Szczecin gestaltet sich
durchaus angenehm. Etwas verdattert registriere ich, wie viele Leute
am Samstagmorgen um halb sieben schon im Zug nach Rostock sitzen!
Vor allen Dingen junge Leute, die wohl in Hamburg die Nacht durchgefeiert oder
-getanzt haben und nun eher abgeschlafft nach Hause fahren.

Typische Straßenszene in der Neustadt. |
Ganz im Gegensatz zu der Wettervorhersage ist der Himmel
knallblau und die Sonne scheint prall! Dies ändert sich dann jedoch
ganz langsam mit jedem Kilometer, den ich gen Osten fahre...
Um Viertel vor Eins schließlich komme ich nach einer durchaus
angenehmen Fahrt im Hauptbahnhof von Stettin - Szczecin Główny
- an. Der Himmel hat noch ein paar blaue Flecken, die verschwinden
jedoch binnen einer Viertelstunde komplett. Es zieht sich mehr und
mehr zu, nachmittags gegen drei setzt langsam Regen ein, der im
Verlauf des Tages beständig zunimmt. Abends wirkt das Ganze dann
schon wie ein Dauer-Wolkenbruch. so etwas kenne ich ja! Bei den meisten
meiner Stadt-Reisen laufe ich nassgeregnet durch die Gegend - da
reiht Szczecin sich nahtlos ein in eine Linie mit Rom, Valencia oder
Mumbai...
Man sieht das zunehmende Grau hier auf der Seite auf den Fotos,
die zumeist unnatürlich blasse Farben zeigen...
Vor der Fahrt hatte ich mir im Internet gründlich den Stadtplan von Szczecin
angeschaut. Vieles ist dort in rechteckigen Formen angelegt. Ohne zu
wissen, wie es vor Ort nun konkret aussehen wird, merke ich mir
einige markante Punkte auf dem Stadtplan. Sehr schnell registriere ich
dann vor Ort,
dass ich überhaupt keine Probleme habe, mich in der Stadt zurecht zu
finden. Da ich noch eine gute Stunde Zeit habe, bis ich im Hotel
einchecken kann, beschließe ich, schon mal eine kleine Runde durch
die Stadt zu unternehmen.
Wie von allein stoße ich hierbei schon auf etliche der
Sehenswürdigkeiten der Stadt... Wenn ich jedoch meinen ersten
Eindruck der Stadt zusammenfassen soll, so würde der lauten: "Was
ist das denn???" Ich lief durch die "Altstadt" (Stare Miasto), in
der das meiste neu ist, und durch die "Neustadt" (Nowe Miasto),
die einen sehr alten Eindruck macht.
Ich kenne ja bereits einige polnische Großstädte, die meisten
davon im Jahr 1987 besichtigt: Poznań
(Posen), Warszawa (Warschau), Kraków (Krakau), Gdańsk
(Danzig), Wrocław (Breslau), Kattowice (Kattowitz), auch noch einige
kleinere Städte habe ich kennen gelernt...
Aber keine dieser Städte machte auf mich einen derart bunt
zusammengewürfelten Eindruck, wie Szczecin! Das mag vor allem daran
liegen, dass bis auf Krakow alle diese Städte im Verlauf des Zweiten
Weltkrieges mehr oder weniger komplett zerstört wurden, zumindest
von den Innenstädten blieb zumeist nichts übrig. Immer jedoch hatte
man sich dazu entschlossen, die zerstörten Innenstädte originalgetreu wieder aufzubauen (dies machte die polnischen
Restaurateure ja letztlich auch zur unbestrittenen Nummer eins in
der Welt). Anders jedoch in Szczecin! Hier entschied man sich
anders, man wollte die deutsche Stadt nicht auferstehen lassen,
sondern wollte sie etwas polnischer wieder erstehen lassen und sich
mehr an dem östlicherem Baustil orientieren.

Eine solch wilde Mischung an Baustilen
in der Altstadt ist durchaus charakteristisch für Szczecin. |
Später entschloss man sich dann aber doch, einige der
Sehenswürdigkeiten der Stadt wieder aufzubauen. Darüber hinaus hielt
die typisch sozialistische Bauweise Einzug in Szczecin. Heraus kam
ein zuweilen sonderbar anmutender Mix an Baustilen: Man findet ein paar
alte, erhaltene Häuser unmittelbar neben sozialistischen Wohnblocks,
direkt gegenüber womöglich eine wieder aufgebaute barocke Schönheit,
das Ganze zuweilen dominiert von modernen Neubauten aus Stahl und
Glas. Oftmals ist das alles bunt durcheinander vermischt - ich weiß
zunächst gar nicht, was ich hiervon halten soll. Ein wenig kenne ich
dies aus anderen polnischen Städten und auch so manche deutsche
Stadt ist ja nicht gerade gelungen, was stadtplanerische Aspekte
nach dem zweiten Weltkrieg anbelangt (um es man vorsichtig
auszudrücken).
Aber das hier in Szczecin erinnert mich am ehesten noch an den
Mix in Bukarest - wo die Zerstörungen der alten Substanz zwar auch
durch Bombardierungen im zweiten Weltkrieg entstanden sind, allerdings noch viel
mehr durch die durchgeknallten Bauphantasien eines Tyrannen.
Es ist im Übrigen keinesfalls so, dass man dem Konstrukteur der
neuen Stadtstruktur in Szczecin, Stadtpräsident und gelernte
Stadtplaner Piotr Zaremba,
heutzutage irgendwie böse ist. Keinesfalls! Im Gegenteil:
Man verehrt ihn bis heute sehr, Herr Zaremba wurde bei der Wahl
des "Stettiners des 20. Jahrhunderts" durch Zeitung Gazeta
Wyborcza im
Jahr 2000 deutlich auf den ersten Platz gewählt. Übrigens vor zwei Deutschen:
Bürgermeister Hermann Haken (1878 bis 1907) und Friedrich Ackermann,
Bürgermeister und Stadtbaumeister von 1907 bis 1931.

Abendstimmung an den Hakenterassen: Das
Regierungsgebäude der Wojewodschaft. |
Hätten sich die sowjetische Siegermacht nach dem Zweiten
Weltkrieg 1945 jedoch an das von ihnen selbst mitbeschlossene
Potsdamer Abkommen gehalten, dann wäre Stettin deutsch geblieben.
Schließlich liegt die Stadt links der in Potsdam beschlossenen
Oder-Neiße-Linie als Grenze zwischen Deutschland und Polen. Zunächst
hatten die Sowjets auch einen deutschen Bürgermeister eingesetzt,
jedoch nach drei Wochen wieder aus dem Amt getrieben und massiv
darauf hingewirkt, dass der wichtige Ostseehafen Stettin dem
polnischen Gebiet zugeschlagen wurde. Aus Stettin wurde so Szczecin.
Aber zurück zu meinem Spaziergang durch die Stadt...
Bereits auf der ersten Runde gerate ich in ein Viertel, das mir
von der Bausubstanz her ausgesprochen gut gefällt: Die "Neustadt".
Mietbauten aus der Gründerzeit stehen aneinander, die meisten leider
wenig gepflegt und durch Staub und Ruß in grauem bis schwarzem
Farbton. Wenig ansprechend - aber es ist auch offenkundig, dass ein
wenig Farbe wahre Wunder bewirken würde, zumindest äußerlich! Gerade
das um den Platz Grunwaldzki gelegene "Pariser Viertel" bietet hier
tolle Möglichkeiten - und zum Teil ist man hier auch schon dabei,
umfangreiche Sanierungen durchzuführen.

Wiederaufgebaut und etwas "windschief":
das alte Rathaus. |
Wenn man dort noch den wild ausufernden Autoverkehr etwas
eindämmt, dann können dabei so wunderschöne Straßenzüge entstehen, wie die
ul. Bogusława X. Diese ist zumindest auf einer Straßenseite schon saniert,
es sind zahlreiche einladende Restaurants und Cafés eingezogen. Den
Autoverkehr hat man aus der Straße rausgeschmissen: ein kurzes Stück
Fußgängerzone! Auf der anderen Straßenseite stehen die Häuser bis auf
die Geschäftszeilen weitgehend leer, große Tafeln klären über
geplante Restaurierungen auf (durchaus treffend als
"Revitalisierung" bezeichnet). Dann werden die Häuser nach vorne die
alten Fassaden behalten, nach hinten zum Hof wird jedoch eine
moderne Fassade die Häuser verzieren.
Keine Frage: Stadtviertel wie diese bieten große Chancen! Gut
vorstellbar, dass dort in einigen Jahren "das Leben tobt". Hätte ich
viel Geld - hier würde ich ohne Zweifel etwas davon investieren...

Die ul. Bogusława X
ist ein gutes Beispiel dafür, wie schön sich im "Pariser
Viertel" die alten Bauten der Gründerzeit renovieren lassen.
Wenn man dann auch noch den Autoverkehr, wie auf diesem
Stück, zurückdrängt, dann kann das Leben wieder einkehren... |

Anschauliche und informative Plakate
zeigen, dass man Ernst macht mit den Renovierungen ganzer
Stadtviertel, hier in der ul. Bogusława
X. Es wird nicht nur "Renoviert", es wird
"Revitalisiert". |
Weitaus weniger magisch wirkt auf mich jedoch die Altstadt - wo
doch sonst in anderen Städten, nicht nur polnischen, Altstädte immer die magischen
Anziehungspunkte sind. Hier in Szczecin war die Altstadt komplett
zerstört und wurde nach dem Krieg wieder erbaut - allerdings: Nicht
so, wie
sie zuvor aussah. Heute reiht sich hier nicht selten Bausünde an
Bausünde. Die zum Teil nach alten Plänen ähnlich nachgebauten
Gebäude am "Heumarkt" zeigen auf der einen Seite wunderbare barocke
Fassaden - auf der anderen Seite des Marktes findet man dann
viergeschossige, völlig beliebige Wohnbebauung im sozialistischen
Stil, die augenscheinlich zum Teil nach der Wende noch nicht einmal Farbe gesehen
hat. Man möchte weinen... Und doch gibt es direkt am Ufer der Odrą
(Oder) zwei Häuserblocks mit stilvollen Gebäuden, in denen
zahlreiche Gaststätten sehr einladend auf Kundschaft warten.
Immerhin!
Nach und nach klappere ich dann bei ständig zunehmenden Regen die
touristischen Highlights ab. Diese sind zum Teil wirklich sehr
sehenswert und können in ihren Bann ziehen: Die Hakenterassen
(benannt nach dem deutschen Stadtplaner und Oberbürgermeister
Hermann Haken), heute Wały Chrobrego,
mit den eindrucksvollen Gebäuden des Meeresmuseums, der Hochschule
für das Seewesen oder dem Sitz des Wojewodschaftsamtes.
Oder das Schloss der Pommernherzöge, das ich ausführlich erkunde. Nicht zuletzt die
vielen Kirchen sind sehenswert, so die St. Peter und Paul,
, St. Jakobi, St. Adalbertkirche, Johanniskirche oder die Stahlbeton-Herz-Jesu-Kirche
(der älteste Sakralbau aus Stahlbeton des Landes). Direkt um die Ecke der
letzteren Kirche findet sich das Kino Pionier - es nimmt für sich an
Anspruch, das älteste tatsächlich noch betriebene Kino der Welt zu
sein. Dies ist zwar für mich ohne weiteres nicht nachprüfbar, es
zeigt sich aber: Auch ich Szczecin ist man, wie wohl überall auf der
Welt, ganz scharf auf den Superlativ...

Für Freunde des Superlativs: Die
Herz-Jesu-Kirche -
der älteste Sakralbau Polens aus
Stahlbeton.
Nun ja, wer's mag... |
Aber dann fällt mir noch etwas auf bei meinen zahlreichen
Versuchen, trotz des fahlen Lichtes einigermaßen gute Fotos zu
erzeugen: Es ist nicht nur grau und dunstig, sondern, verdammt nochmal!, immer stehen irgendwelche Bäume im Blickfeld! Zwar ist es
noch März, und alle Bäume und Sträucher sind hier noch total kahl,
aber es fällt mir trotzdem auf: Die ganze Stadt ist durchzogen von
Bäumen. Es gibt zahlreiche große runde Plätze, als Kreisverkehre
Knotenpunkte der Straßen, aber auch immer voller Bäume! Der Blick
auf den Stadtplan zeigt darüber hinaus einige größere Grünflächen.
Ergo: Szczecin ist eine außergewöhnlich grüne Stadt - angeblich die
grünste (Superlativ! s.o.) Stadt Polens! Im Sommer muss das
wunderbar sein.
Aber nicht nur viel Grün ist markant für Szczecin - auch das
Wasser. Schließlich liegt die Stadt an der Mündung der Oder in das
Stettiner Haff und somit letztlich in die Ostsee. Ein großer
Seehafen beherrscht das Bild der Stadt weitgehend mit. Viel
Schiffsverkehr konnte ich, in Zeiten der Weltwirtschaftskrise,
allerdings nicht feststellen. Als Hamburger habe ich diesbezüglich
wahrscheinlich auch eine nicht ganz vorurteilsfreie Wahrnehmung...
Was ich jedoch deutlich wahrnehme, sind die Gerüche, die der böige
Wind zumindest am Samstag aus Richtung Hafen zu mir herüber weht.
Nicht alles ist angenehm - und auch stundenlanger Kakaogeruch wirkt
irgendwann abstoßend...

Bei den Hakenterassen am Hafen - große
Werbetafeln weisen auf des Projekt Szczecin 2050 hin. Gut
Ding will Weile haben und in Polen ist man eh freundlich
gelassen und nicht hektisch. |
Abends um acht lasse ich mich erschöpft und ausreichend
durchnässt auf mein Bett plumpsen. Eigentlich wollte ich in dem
top-modernen Fernseher auf dem Zimmer dann noch das Länderspiel der
deutschen Nationalmannschaft gegen Liechtenstein anschauen, bleibe
aber schon bei der Übertragung des Qualifikationsspiels Nordirland
gegen Polen hängen - das mein derzeitiges Gastgeberland trotz
pausenloser, drückender Überlegenheit merkwürdig und unglücklich verliert...
Auch am Sonntag bleibt es grau verhangen in Szczecin - immerhin
aber regnet es nicht mehr! Grund genug, noch ein wenig mehr von der
Stadt zu erkunden, sich etwas durch die am Sonntag Vormittag doch
recht leeren Straßen zu treiben zu lassen. Wobei ich feststelle,
dass ich das meiste Sehenswerte am Tag zuvor wirklich schon gesehen
hatte. Aber doppelt hält ja bekanntlich besser - und oft zeigt der
zweite Blick ja Details, die man zuvor nicht wahrnehmen konnte. Von
daher ist er eigentlich immer lohnend...

Der Hauptbahnhof. |
Gegen Mittag dann steige ich auf dem Hauptbahnhof wieder in den
kleinen Triebwagen-Zug, auf dem "Lübeck Hbf" als Ziel steht - wohl
wissend, dass dieser aufgrund von Baumassnahmen gar nicht bis nach
Lübeck fährt... Ein paar Kilometer aus der Stadt, noch auf
polnischem Gebiet, schießen plötzlich und unerwartet die ersten
Sonnenstrahlen durch die Bewölkung. Das heimische Hamburg empfängt
mich dann sechs Stunden später mit prallem, abendlichem Sonnenschein
- dafür vielen Dank!
Der Zimmerkollege meines zweimonatigen Aufenthaltes in Polen im
Jahr 1987, Peter, hatte damals einen
Wochenendausflug von Poznań aus nach Szczecin unternommen. Er
kam zurück mit der deprimierenden Aussage, dass sich eine Fahrt
dorthin nicht lohnen würde - keinesfalls! Es gäbe einfach nichts
Sehenswertes, eigentlich sei alles nur Schutt. Das kann ich so, 22 Jahre später, überhaupt nicht
bestätigen. Für ein Wochenende ist die Stadt allemal interessant
genug. Es gibt viel zu sehen und im Sommer kommt sicher noch ein
erhebliches Plus für den Wohlfühlfaktor hinzu - bei dem vielen Grün
(Szczecin gilt als grünste Stadt Polens) und der Nähe des Wassers. Darüber hinaus ist es völlig
unkompliziert, nach Szczecin zu fahren. Vielleicht schaue ich ja in
ein paar Jahren noch mal nach, was aus der Stadt geworden ist - also
muss es für mich heissen: "Do Widzenia, Szczecin - Auf
Wiedersehen, Stettin!"
Dieses und jenes...

Auch Szczecin hatte sein "Rotes
Rathaus"! Dies könnte doch auch in Lübeck oder Rostock
stehen, oder? Die Hanse lässt grüßen... Heute finde sich
Seedienststellen und Konzerthallen in dem Gebäude. |

Die heutige Stadtverwaltung. 800 Räume
birgt dieses gewaltige Gebäude - und nebenbei noch die
Philharmonie... |

Wie oft habe ich in Polen schon solche
Ausstellungen, wie hier vor der Stadtverwaltung Szczecins,
gesehen?? Das Geschehen vor, während und kurz nach dem
Zweiten Weltkrieg ist dort allgegenwärtig. Meist informativ
und eher nicht mit dem Zeigefinger mahnend hält man die
Vergangenheit in Erinnerung. Von der so sehnsuchtvollen
"Schluss-Strich"-Debatte in Deutschland ist man hier
Lichtjahre entfernt. Glücklicherweise!
|

Auch an der Stadtverwaltung: Das
Projekt "floating garden Szczecin 2050" wird im Rahmen eines
großen, pfiffigen Foto-Projektes propagiert. |

Im ganzen Land hoch verehrt und in der
Erinnerung lebendig: Papst Johannes
Paul II. An der Stelle des Denkmals hat
er 1987 vor rund einer Million Menschen
eine Messe gehalten. |

Der gepflegte Platz Jasne Blonie im. J.
Pawła direkt hinter der
Stadtverwaltung. Der Weg unter der dreifachen Platanenreihe
muss vor allem im Sommer sehr schön sein! Die vielen
Krokusse sind es im Frühjahr...
|

Das Eingangsportal des Rektorats der
Universität. |

Nein, kein verunglücktes Foto, sondern
pure Absicht: Das Brama Portowa, das Hafentor - früher das
"Berliner Tor". Das alte Stadttor selber ist zwar
wunderschön - nur leider steht es, wie zu sehen, völlig
verloren an einem gewaltigen Straßenknotenpunkt. Schade! |

Reiche Verzierungen an dem früheren
"Berliner Tor".
|

Eine Straßenbahn in den Farben des
großen und traditionsvollen Fußballvereins Pogoń
Szczecin. Dem Fußballfreund blutet das Herz: Einst einer der
absoluten Zuschauermagneten des polnischen Fußballs, wurde
der Club von einem größenwahnsinnigen Vereinspräsidenten mit
dem Ansinnen, in dem Verein ausschließlich noch
brasilianische Fußballer spielen zu lassen, total zu Grunde
gewirtschaftet. Man findet sich derzeit in der vierten
polnischen Liga... |

Der Hauptbahnhof von Szczecin. |

Blick über Bahnsteige des Bahnhofs und
auf meinen kleinen Zug Richtung Lübeck...
|

NBlick aus dem Zug auf Plattenbausiedlungen
außerhalb der Innenstadt. Wohnen, kaufen, Burger essen, Auto
fahren...
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EXKURS: Wie benenne ich eigentlich polnische Städte und Plätze?
Inzwischen schon fast ein ganzes Menschenleben lang hat das
polnische Staatsgebiet seine jetzige Gestalt. Lange Jahre musste das
Land um die Anerkennung seiner Grenzen ringen, insbesondere die
westlichen Staaten waren hierzu einige Jahrzehnte nicht bereit.
Gerade in der Bundesrepublik Deutschland betonte man viele
Jahre lang die Vorläufigkeit der polnischen Grenzen,
erkannte die Oder-Neiße-Linie nicht an - die Endgültigkeit
der jetzigen Grenze wurde sage und schreibe erst im Prozess
der deutschen Vereinigung im Jahre
1990 anerkannt.
Bis dahin drückte Westdeutschland durch Nichtanerkennung der
Grenze sowie dem beharrlichen Festhalten an allen deutschen
Bezeichnungen aus polnischer Sicht beständig aus: das ist doch
eigentlich UNSERS! In meinem Schulatlas entblödete man sich nicht,
auf die im Verlauf des Krieges verlorenen Gebiete dick und fett "Zur
Zeit unter polnischer Verwaltung" zu schreiben. Verständlicherweise
ließ dieses Verhalten in Polen lange Zeit und beständig alle
Alarmglocken schrillen. Wer weiß denn schon, wann den Deutschen
denn mal wieder einfällt, sich Polen oder Teile des Landes
einzuverleiben? Und sei es "nur" aus irgendwelche verquasten
historischen Zusammenhängen heraus...
Mit anderen Worten: Man ist sehr sensibel in Polen, was deutsche
Ansprüche an polnische Gebiete anbelangt. Vor der endgültigen
Anerkennung der Grenzen waren polnische Politiker sicher noch
sensibler, als heute. Es prägte sich, nicht nur in Polen, der
Begriff des "Revanchismus" für bestimmte Strömungen in Deutschland,
die tatsächlich solch verworrenes Gedankengut pflegen.
Mit diesem Wissen im Hinterkopf ist es offenkundig, dass die
Benennung polnischer Städte und Plätze immer noch geradezu ein
Politikum ist! Es mag wirklich nicht von herausregender politischer
Bedeutung sein, ob ich Mailand nun Milano, Lissabon dann Lisboa oder
Bukarest Bucureşti nenne (wobei ich
letzteres innerhalb Rumäniens tatsächlich mache...). Aber wenn ich die heutige Stadt Wroclaw
beharrlich Breslau nenne, dann steckt darin eine deutliche Aussage!
Ich selber vermeide dies. Es ist für mich schlicht eine Frage des
Respekts vor dem Land Polen mit seinen so gastfreundlichen
Menschen, die polnischen Städte bei ihrem heutigen Namen zu nennen.
Also fand mein Praktikumsaufenthalt 1987 in der polnischen Stadt
Poznań statt. Bei der polnischen
Junioren-Leichtathletik-Meisterschaft 1987 erlebte ich viele tolle
Sportler von Verein Górnik Zabrze - und nicht von Górnik Hindenburg
(wie eigentlich alle westdeutsche Medien den Verein auch in den 80er
Jahren noch nannten - wie absurd!!). Als ich dann durchs Land
reiste, gab es kürzere Aufenthalte unter anderem in Jelenia Góra,
Wałbrzych oder Karpacz. Das war für mich die Realität, so kaufte ich
Fahrkarten und so erzählte ich polnischen wie deutschen Freunden
davon. Dass diese Städte lange Zeit zuvor mal Hirschberg,
Waldenburg und Krummhübel hießen, das erfuhr ich erst viel viel
später (Karpacz sogar gerade erst in diesem Moment...), es spielte damals auch überhaupt keine Rolle im wirklichen
Leben und bei meiner Reise. Die Zeit war eben schon damals lange
über rückwärts gewandte Bezeichnungen hinweg geschwappt...
Um so befremdlicher und geradezu absurd wirkt es auf mich,
wenn ich heute, über 60 Jahren nach Ende des Infernos, z.B. selbst
auf Wikipedia über Stettin von dem Hohenzollernplatz, der Kaiser-Wilhelm-Straße oder dem Paradeplatz lese. Es mag ja noch
angehen, wenn man die heutigen polnischen Bezeichnungen wörtlich
übersetzt in Veröffentlichungen schreibt. Aber da konsequent an
alten und längst untergegangenen Bezeichnungen festzuhalten, mutet
auf mich geradezu weltfremd an - und es hilft im Übrigen auch vor
Ort nicht weiter...
Anders ist dies natürlich bei der Schilderung historischer
Zusammenhänge. Das Konzentrationslager stand natürlich in Auschwitz
und es war eine deutsche Erfindung. Es stand sicher nicht in
Oświęcim. Für mich befindet sich genau hier die Grenze: Ich bin
nach Oświęcim gefahren, um mir das Konzentrationslager Auschwitz
anzuschauen. Nicht im Traum käme ich heutzutage darauf, zu sagen,
dass ich nach Auschwitz fahren würde, und das KZ selber hat auch nie
KZ Oświęcim
geheißen... |
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