HVV
1/2006
 Startseite /
 Home
 
 RSS-Feed
 abonnieren
 Reiseberichte
 Radfahren...!
 Bilderserien
 

Kuschelparties beim Hamburger Verkehrsverbund HVV

 

Lieber HVV,

lieber Hamburger Verkehrs-Verbund!

Es ist an der Zeit, dass ich mich einmal herzlich bei Dir bedanke! Also: Vielen Dank, lieber HVV! Tausend Dank!!

Immer wieder genieße ich es, von Dir durch Hamburg kutschiert zu werden. Das ist schön - und hilft mir. Du musst nämlich wissen, dass ich einer derjenigen Menschen bin, die ab und an ein wenig von der Einsamkeit gezwickt werden. Und der einzige, der dagegen aktiv etwas unternimmt, bist Du!

Ich liebe es von Herzen, den Feierabendbus zu mir nach Hause zu nehmen. Den ganzen Tag über fährt der im zehn Minuten-Rhythmus als groooßer Ziehharmonika-Bus - aber abends, wenn die Menschenmengen, die etwas länger als ein Durchschnittsbeamter gearbeitet haben, nach Hause wollen, dann…. ja, dann wirst Du aktiv! Nur noch alle 20 Minuten fährt der Bus, und nur noch als kleiner „Normalbus“. Da vergesse ich meine Einsamkeit. Und zwar schnell. Intensiver Körperkontakt, ganz wahlfrei mit allen x-beliebigen anderen Einsamen ist mir garantiert. Kuschelig wird’s, schon fast findet eine Orgie statt.

Ach, diese Nähe zu diesen fröhlichen Menschen - ich mag sie einfach!

Darum bin ich auch immer besonders dankbar, wenn ich U-Bahn fahre. Morgens, auf dem Weg zur Arbeit, kann ich, kaum den Federn entronnen, gleich ein wenig weiterkuscheln. Seit einiger Zeit setzt Du auf meiner U-Bahn-Strecke auch zur Hochbetriebszeit so halblange Züge ein. Das müsse wegen einer Baustelle so sein, sagst Du etwas verschämt und kleinlaut. Dafür würde auch alle 2-3 Minuten eine Bahn kommen. Das erstere mag ja noch stimmen - das zweite aber nicht. Es ist zuletzt schöön nah auf dem Weg zur Arbeit. Toll!

Warum ich mir Tag für Tag vor der U-Bahn-Fahrt eine Zeitung kaufe, willst Du wissen? Ja, nun, äh…. U-Bahn-Fahren ist nicht mein einziges Vergnügen, auch lese ich eigentlich gerne Zeitung. Dass dies bei Dir wegen dem engen Gedränge zumeist ausgeschlossen ist, das vergesse ich zuweilen. Aber: Der Axel-Springer-Verlag möchte doch auch mein Geld haben, genauso, wie Du ja auch. Also, bitte…. sei doch nicht so eifersüchtig!

Richtig toll ist es ja aber erst, seit die Benzinpreise zuweilen dramatisch ansteigen. Hei, seitdem ist es erst das volle Vergnügen! Immer mehr Autofahrer lernen das auch zu schätzen. Anstelle einsam in einer Blechdose durch die Stadt zu rollen geht man jetzt zum HVV - kuscheln. Morgens besonders beeindruckend die aufregende Mixtur der Rasierwasser-Gerüche. Ohne Dich, lieber HVV, wüsste ich gar nicht, was da gerade modern und angesagt ist. Jetzt kenne ich die Gerüche! Alle zusammen!

Ich muss ja zugeben, dass ich zu Beginn ein wenig gemurrt hatte, als vor mehreren Monaten Deine Fahrgastzahlen so explosionsartig zunahmen. Allerdings nur, weil sich ein gänzlich neues Problem auftat: ich fand keinen Platz mehr für mein Fahrrad, das mich ein paar hundert Meter zu Dir bringt. All die schönen Ständer und Bügel, die sonst immer einsam und verwaist dastanden - plötzlich waren auch sie nicht mehr alleine. Belegt waren sie, alle, zwei-, drei-, vierfach. Kein Platz mehr für mein treues Gefährt. Das fand ich zunächst schade und war traurig.

Aber dann - dann merkt ich, wie schön auch dies ist. Mein gutes Fahrrad konnte - letztlich dank Deiner enormen Attraktivität - mal seine ganze Leistungsfähigkeit zeigen. Es wurde andauernd umgeschmissen, wohl auch getreten, hin- und her geschubst, mit Wasser und Dreck bespritzt. Und: alles das hat es nur mit geringen Schäden überstanden. Und erst jetzt weiß ich wirklich, was für tolles, widerstandsfähiges Fahrrad ich wirklich habe. Kein Grund zum murren. Gäbe es bei Dir nicht so entzückend wenige Fahrradständer, dann hätte ich wohl nie richtig kapiert: Ich habe ein tolles Fahrrad! Danke für diese Erkenntnis, danke, lieber HVV!

Genießen tue ich es auch, wenn ich am Wochenende, vor allem am Sonntag, in den U-Bahnen Deinen 10-Minuten-Takt wahrnehmen darf. Besonders schön ist, dass Du dann immer ausschließlich nur Kurzzüge einsetzt. Die sind dann (wenn ich nicht gerade morgens um sechs zum Flughafen fahre oder so) noch voller, als die Bahnen in der Woche. Dort kann ich dann auch tolle Studien betreiben, was an Damen-Parfum denn so aktuell ist. Da gibt es schon erregende Mischungen und Kompositionen verschiedenster Gerüche. Diese Kurzzüge sind schon eine großartige Idee von Dir um zu garantieren, dass man auch am Wochenende keine Entzugserscheinungen bekommen muss. Und, aaaaaah, wenn dann noch irgendwo ein Fußballspiel stattfindet und zugleich Dom ist, dann bin ich sicher, dass viele nur mitfahren, um dies zu genießen.

Aber, lieber HVV - ich mache mir Sorgen! Der Zeitung konnte ich entnehmen, dass Du überlegst, Deine Preise anzuheben. Um fünf Prozent. Schon wieder. Mich ficht das natürlich nicht an - schließlich verdiene ich im öffentlichen Dienst ja Geld wie Heu und kann mir sogar ein gemietetes Dach über dem Kopf leisten! Und gerne bin ich Dein Sponsor! Für Deinen guten Zweck als Kontakthof ist mir eigentlich nichts zu teuer. Nur unter uns gesagt: Schon immer wünsche ich mir heimlich, von Dir in Anerkennung meiner jahrzehntelangen finanziellen Mühen für Dich, endlich von Dir ein T-Shirt mit dem Aufdruck „HVV-Sponsor“ zu bekommen. Aber Du zierst Dich - warum nur?

Nein, aber zurück zum Thema: ich mache mir Sorgen! Was ist, wenn die anderen Mitfahrer diese zusätzlichen Prozent mehr nicht mehr bezahlen können? Oder gar wollen? Was dann? Ist dann plötzlich Schluss mit kuscheln? Wenn die alle zu Fuß gehen, Fahrrad fahren oder vereinsamt in ihre Blechdose steigen?

Darum meine Bitte: überlege Dir das bitte noch einmal mit der Preiserhöhung! Damit das Dir nicht allzu schwer fällt, hier ein paar Tipps, wie Du das vielleicht schaffen kannst. Dass Du sparsam bist, das wissen und schätzen wir ja alle. Aber Du kannst noch mehr sparen. So kannst Du z.B. anstatt dieser „Normalbusse“ noch sparsamere Minibusse einsetzen. Es wird dann noch ein wenig näher, und es ist doch wirklich kein Problem, jemanden auf dem Schoß sitzen zu lassen. In vielen Entwicklungsländern (und glaubt man vielen Medien ist Deutschland ja längst wieder auf dem Weg dorthin) ist dies alltäglich, ganz normal. Vielleicht werden so ja weitere Barrieren zwischen den wildfremden Menschen abgebaut? Zusätzlich könnte man den einen oder die andere ja auch noch auf den Schultern tragen. Platz genug bieten Deine Busse und Bahnen.

Auch ist es in einigen Entwicklungsländern durchaus üblich, sich auf Zugdächern, aus der Tür baumelnd oder am Fenster hängend transportieren zu lassen (ha, die Kontrolleure möchte ich dann sehen!). Deine Züge sind im Übrigen doch sicherlich alle computergesteuert, oder? Dann lass doch die Fahrer einfach weg! Lass die Züge doch einfach so fahren - spar Dir die Fahrer. Auch könntest Du doch wieder halbe Kurzzüge einsetzen, die gab’s doch ganz früher auch schon mal.

Mein Lieber HVV, bitte: spare, spare, spare! Hauptsache, die Menschen kommen in Strömen zu Dir.

Mach weiter so, viele begeisterte Grüße.

 

 

 

 

Blogverzeichnis - Blog Verzeichnis bloggerei.de

web
		analytics

 

^ nach oben / Top
 
Impressum
Dirk Matzen

(Abdruck des Textes - auch in Teilen - nur mit schriftlicher Genehmigung des Autors!)