Reisebericht Halbinsel Hel (Hela) -
  "Highway to Hel": Ein Ausflug nach Hel,
  im Winter

Halbinsel Hel, eine polnische Landzunge 35 km in die Ostsee hinein
   mit 37 Bildern




Halbinsel Hel, Südspitze

Im Winter an der Südspitze der Halbinsel Hel:
Klirrende Kälte, Unberührter Schnee, beißender Wind - und magisches Licht!

Zugegeben: Meine polnischen Sprachkenntnisse sind schon sehr dürftig! Einen Fahrkartenkauf z.B. geben diese leider ganz und gar nicht her - aber diesmal will ich das auch überhaupt nicht. Innerlich grinsend gehe ich zum Fahrkartenschalter und bestelle "One ticket to Hell, please". Die ein klein wenig lustlos wirkende Verkäuferin schaut etwas genervt, findet das allerdings gar nicht weiter witzig oder auch nur bemerkenswert, fragt mich etwas auf polnisch, nicht verstehend zucke ich nur die Schultern, sie tippt etwas in ihren Computer, verlangt 15 Złoty von mir (umgerechnet knapp vier Euro) und schiebt mir dann das Ticket zu - mit dem Ziel Hel. Hat sie mich missverstanden - ich hatte doch gesagt "Hell"? Nun gut, der kleine Witz war ja nur für mich selber, und eigentlich will ich ja tatsächlich eigentlich nach Hel. Nach zweieinhalb Stunden Fahrt soll ich da sein.

Es ist ein klirrend kalter Samstagmorgen, Mitte Januar und ich befinde mich auf dem Hauptbahnhof der polnischen Stadt Gdynia: Gdynia Głowny. Schon morgens um acht war ich in Gdańsk (Danzig - siehe hier den Reisebericht zu dem Aufenthalt in Gdańsk, Gdynia und Sopot) mit der Nahverkehrsbahn gestartet. Dem polnischen Fernsehen zufolge hat die vorangegangene, in dieser Region klare Nacht minus 18 Grad erreicht. Jetzt um neun Uhr in Gdynia war es kaum wärmer - aber der auf die eisige Nacht folgende, pralle Sonnenschein (in Gdansk geht die Sonne Mitte Januar schon kurz nach sieben Uhr auf!) hat mich frühzeitig aus meinem Hotelbett gelockt. Ja, das sind die richtigen Bedingungen, um meinen angedachten, aber nicht genau geplanten Trip nach Hel tatsächlich durchzuführen!

 

 

 

Winterliches Kaiserwetter - ideal für einen Ausflug auf die recht bizarr wirkende Halbinsel Hel (auf polnisch: "Mierzeja Helska"). Der Begriff Halbinsel passt nach meinem Gefühl aber gar nicht so gut: Der schmale und so zerbrechlich wirkende Streifen Land, manchmal gerade 100 Meter, am Ende jedoch 3 Kilometer breit, ragt ganze 35 Kilometer weit in die Ostsee hinein und bildet so ein Stück weit eine natürliche Grenze zwischen der Danziger Bucht und der offenen Ostsee. Nach meinem Dafürhalten passt da besser der Begriff "Landzunge" oder "Landstreifen". In Polen nennt der Volksmund das Gebilde treffend auch "Sichel". Auf einem Atlas oder einer Landkarte sieht dieses zierlich wirkende Stück Land schon sehr sonderbar aus (s. ganz unten auf dieser Seite auf Google Maps). Deutsche Bezeichnungen für die Halbinsel Hel war die "Putziger Nehrung" oder, moderner, Halbinsel Hela.

Das komische Land-Gebilde vor der Küste hat mich einfach neugierig gemacht, schon bei einem Aufenthalt 1987 in Gdańsk - aber damals reichte die Zeit nicht. Und polnische Freunde hatten mich zuvor eh schon desillusioniert: das seit ein "militärisches Gebiet". Unzugänglich! Schon erst recht für mich Westeuropäer, als Klassenfeind!

Hel, Gedenkstätte Zweiter Weiltkrieg

Gedenktafel für den Widerstand der Polen auf der Halbinsel gegen die deutsche Invasion zu Beginn des Zweiten Weltkrieges. Nirgendwo in Polen widerstand man den Deutschen so lange, wie auf Hel.

 

 

 

Mein aktueller Reiseführer des Jahres 2009 bestätigt dies - jedenfalls teilweise. Die südöstliche Hälfte der Insel war bis 1990 militärische Sicherheitszone und ist erst seitdem der Allgemeinheit zugänglich. Früher gab es dort ein paar kleine, einzelne Inselchen, die Landzunge hat sich in dieser Form nach einem Jahrtausende anhaltenden Prozess erst vor ca. 200 Jahren gebildet. Tatsächlich war es immer ein bedeutender Militärstandort, an strategisch wichtiger Position. Berühmt wurde Hel im Zweiten Weltkrieg - nirgendwo in Polen widerstand man dem Ansturm der Deutschen länger: Bis zum 2. Oktober 1939, nach dem Kriegsbeginn am 3. September.

Heute jedoch ist es ein idealer Ort für einen Badeurlaub: Es gäbe an beiden Seiten der Landzunge wunderschöne, langgezogene Strände. Dementsprechend ist es im Sommer sehr überlaufen dort. Eine touristische Infrastruktur gibt es zur Genüge - und die in meinem Reiseführer angegebenen Hotelpreise würden ohne Probleme auch nach Sylt oder Rügen passen. Nun ja, zumindest wenn man auf Sylt oder Rügen mitten in der Hochsaison ist, und wenn man sich dort eines der besseren Hotels sucht... Man kann sowohl mit dem Auto, als auch mit dem Zug die Halbinsel Hel der ganzen Länge nach befahren. Und: Es soll dort perfekt zum Radfahren sein.

Wie es auf Hel jedoch im Winter ist, das ist nirgendwo erwähnt. Aber das werde ich ja jetzt erfahren...

Mein Reiseplan ist recht simpel: Von Gdynia aus möchte ich zunächst mit dem Zug zur Ortschaft Hel fahren, die die größte und mit ca. 4.000 Einwohnern wichtigste auf der Landzunge ist. Der Ort Hel (auf deutsch auch Hela genannt) liegt am äußersten Ende der Halbinsel, wo diese immerhin ca. drei Kilometer Breite erreicht. Laut meinem Reiseführer soll die Ortschaft gar nicht so besonders schön sein. Dort möchte ich dann, wenn es denn möglich und zugänglich ist, das kurze Stück bis zum Ende der Halbinsel spazieren, mir den Fischereihafen anschauen und in einem kleinen Restaurant etwas warmes Essen und trinken. Nach gut zweieinhalb Stunden will ich dann wieder den Zug nehmen und zum Ort Jastarnia fahren, der ziemlich genau auf der Mitte der Landzunge liegt. In der Nähe der schmalsten Stelle der Halbinsel soll Jastarnia der schönste Ort von Hel sein. Nach weiteren zweieinhalb Stunden dann soll es wieder zurück nach Gdynia und dann nach Gdańsk gehen... So meine Vorstellung des heutigen Tages.

Merke: Logistisch ist das Ganze gar kein Problem, denn in Polen gibt es immer zahlreiche, zumeist ausgesprochen pünktliche und günstige Zugverbindungen.

Guter Laune sitze ich also bei prallem Sonnenschein in dem kleinen, modernen Zug aus Gdynia, der zu meiner Verblüffung richtig gut gefüllt ist. Ob die wohl alle eine Tour nach Hel machen wollen? Ist es dort wirklich im Winter so toll, dass die Züge voll sind?

Aber nein, es gibt zahlreiche Stationen auf der zweieinhalbstündigen Fahrt - und immer steigen viele Leute ein und aus, in Polen sind, anders als in Deutschland, auch bummelige Regionalzüge noch völlig normale Massenverkehrsmittel und nicht nur etwas für sonderbare Exoten wie mich...

Stadt Hel, Zug im Bahnhof

Der Nahverkehrszug im Bahnhof der Ortschaft Hel.

 

 

 

Den ganzen Morgen schon gehen mir irgendwelche Melodien im Kopf herum. Denn: Sogar die australische Mega-Rockband AC/DC hat ja diesen Ort schon ausführlich besungen, schließlich heißt einer ihrer berühmtesten Titel doch "Highway to Hel". Also habe ich diese Musik wie einen Ohrwurm im Kopf: "I'm on the Highway to Hel! On the Hiiiighway to Hel!!". Nachdem AC/DC den "Highway to Hel" dann bewältigt hatte, schrieben sie, offenbar überwältigt von einem Kirchenbesuch, einen weiteren bekannten Titel: "Hel's Bells"! Ein anderer Ohrwurm macht diesen beiden in meinem Kopf allerdings mächtig Konkurrenz, wird doch bei meinem bevorzugten Fußballverein gerne auch mal der Gesang "Welcome to the Hel, welcome to the Hel..." gesungen - allerdings erinnere ich mich nicht an ein entsprechendes Auswärtsspiel auf Hel. Bekannt sind ja auch die Hel's Angels - auch, wenn sie nicht unbedingt sind, was sie vorgeben zu sein...

Die Fahrt geht von Gdynia zunächst nach Norden - und zu meiner großen Enttäuschung bemerke ich, dass offenbar mit jedem Kilometer das Wetter schlechter wird. Damit hatte ich nicht gerechnet! Der klare Himmel über Gdańsk erschien mir sehr stabil, so, dass ich dachte, das Wetter sei großflächig so...

Die ersten paar Wölkchen werden schnell dichter, nach ca. einer Stunde Fahrt ist der Himmel komplett grau und wolkenverhangen. Wie schade! In dem Ort Władysławowo (auf deutsch früher einmal Großendorf), bekannt nicht nur für die phantastischen Strände in der Umgebung, sondern auch für den bedeutendsten Fischereihafen Polens, sind die dicken Wolken quasi auf der Erde angekommen: Dicker Nebel umgibt den Zug in den beiden Bahnhöfen der kleinen Stadt. Meine Zuversicht für einen schönen Spaziergang mit tollen Blicken auf die winterliche Ostsee sinkt beständig...

Aber eben dort in Władysławowo biegt der Zug von der Hauptstrecke ab und die Fahrt auf die Halbinsel Hel beginnt. Schnell lässt der Nebel wieder nach, glücklicherweise. Der graue Himmel jedoch bleibt.

Die Fahrt über den schmalen Landstreifen gestaltet sich ganz hübsch und interessant. Mal sieht man auf der linken Seite des Zuges die offene Ostsee, nur einen Wimpernschlag später hat man auf der rechten Seite den Blick frei auf die Danziger Bucht, dort ist es noch immer etwas nebelverhangen. Und dort ist das Wasser zugefroren, so weit man es in dem nicht sehr dichten Nebel sehen kann. Manchmal wechselt die Sicht auf die beiden Gewässer zur Linken und zur Rechten verblüffend schnell, man weiß gar nicht recht, in welche Richtung man aus dem Zug schauen soll.

Die Landschaft ist jetzt im Winter allerdings gar nicht so spektakulär, wie ich gedacht hatte. Die Dünen sind gar nicht so gewaltig, und oft fährt man schlicht durch einen Kieferwald. Auffällig: es liegt deutlich weniger Schnee, als in nahen Danzig.

Die drei Ortschaften auf dem Weg bis zur Endstation machen vom Zug aus gar nicht einen so idyllischen Eindruck, die Häuser sind eher zweckmäßig. Aber welcher Ort sieht von einem Zug aus auch einladend aus??

Dann, nach einer weiteren Dreiviertelstunde bin ich da, an der Endstation: in der Ortschaft Hel. Nur noch ca. zehn Leute verlassen mit mir den kleinen Zug. In dem schon fast rührend kleinen Bahnhof hat sogar der Fahrkartenschalter geöffnet. Ein Blick auf die übersichtliche Infotafel zeigt mir, wann ich denn diesen Ort wieder per Zug verlassen kann.

 

 

 

Während meiner kurzen Erkundung des Bahnhofs sind die anderen paar Fahrgäste schon in alle Windrichtungen zerstreut, und der kleine Triebwagen macht sich zur Rückfahrt bereit. Unversehens stehe ich alleine bei etwa minus zwölf Grad und schneidendem Wind in einer zunächst mal wenig einladenden Ortschaft. Die zahlreichen zweigeschossigen Häuser zur linken sehen aus wie - ja, wie eine Kaserne. Freilich ohne Zaun drum rum. Klar - das war ja alles militärische Einrichtung hier, vor gar nicht allzu langer Zeit.

Also gehe ich einfach den Weg in die Richtung weiter, in die der Zug gefahren war - da muss es ja zum Ende der Landzunge gehen!

An zahlreichen kleinen Einfamilienhäusern komme ich entlang, sie sehen nach Sozialismus aus, etwas lieblos ohne Besonderheiten gestaltet, wie auch in Ostdeutschland noch oft zu sehen. Allerdings mit mehr Farbe, als vor zwanzig Jahren sicherlich noch. Hier in der Ortschaft Hel sieht es gar nicht nach Badeort aus. Immerhin entdecke ich gleich beim Bahnhof auch einen Supermarkt, der offenkundig auch geöffnet hat. Verhungern und Verdursten werde ich hier also nicht!

Kaum sind Menschen zu sehen. Hier und da ist mal jemand am Schneeschippen, dafür hat man heute am Samstag ja offenbar ausgiebig Zeit. Mal stehen zwei Leute da und unterhalten sich. Alle schauen mich, ja, irritiert und neugierig an. Ein Fremder! Jetzt??

Sehr schnell bin ich froh, dass ich fast alle Klamotten übereinander angezogen hatte, die ich für meine fünftägige Reise nach Gdansk eingepackt hatte - denn: es ist schon verdammt kalt hier!

 

 

 

Ein kleiner öffentlicher Stadtplan zeigt mir, dass ich auf dem richtigen Weg zum Hafen bin. Prima! Dort angekommen, lassen mich gleich mehrere Sachen staunen: Die Trostlosigkeit der kleinen Hafenpromenade jetzt im Winter, der fiese und sehr bissige Wind (der die gefühlte Temperatur weiter sinken lässt und mir beständig Tränen in die Augen treibt), das massive Eis an den Hafenanlagen, zwei Spaziergängerpärchen (ich bin also doch nicht der einzige Verrückte!) - und das nicht gerade tobende, aber doch aufgewühlte und vor allem wild dampfende Meer!

Ich beschließe, die Hafenmole entlang zu gehen - kehre aber nach der halben Strecke um. Obwohl ich fast mein ganzes Gesicht mit meinem Schal bedeckt habe, ist die fiese Kälte für mich nicht zu ertragen. Die gefühlte Temperatur muss bei dem starken Wind weit unter minus 20 Grad liegen. Und soo schön ist es auch gar nicht am Hafen - also weg hier, nichts wie weg!

Eigentlich hätte ich mir jetzt schon einen schönen heißen Kaffee verdient - nur: wo? Ich finde keine geöffnete Möglichkeit zum Einkehren...

Also - laufe ich ein wenig, da wird mir wieder wärmer werden. In der etwas windgeschützteren Ortschaft fühlt es sich nach den paar eisigen Minuten am Hafen schon fast angenehm an...

Also halte ich weiter die Richtung auf die äußerste Spitze der Halbinsel Hel zu, in der Hoffnung, dass ich dorthin kommen kann. Nach nicht allzu langer Zeit stehe ich in einem Kiefernwald und vor einem Zaum - mit einem geöffneten Tor, aber ohne irgendeinen Hinweis darauf, wofür der Zaun hier ist.

Also: weiter! Oder betrete ich hier durch den Zaun geschützten Raum? Egal! Das schlimmste, was mir passieren kann, ist, dass ich bei der Rückkehr über ein dann verschlossenes Tor klettern muss.

Nur einen Augenblick weiter stehe ich zu meiner Überraschung dann vor einer großen, ausführlichen Infotafel, die nicht nur eine Karte des Gebietes zeigte, sondern auf die zahlreichen erhaltenen militärischen Anlagen in dem Gebiet hinweist. Die EU hat hier offenbar ein Projekt gefördert, in dem die militärische Geschichte des Ortes dokumentiert wird. Dank der EU finden sich die Informationen auch in Englisch und Deutsch.

Halbinsel Hel, militärische Anlagen

Übersichtskarte über die hinterbliebenen militärischen Anlagen auf der Südspitze der Halbinsel Hel. Die Erhaltung der historischen Anlagen sowie deren Erläuterung wurde durch ein EU-Projekt gefördert.

 

 

 

Eigentlich habe ich gar keine Lust, hier irgendwelche historischen militärischen Bunker und Sicherungs-posten zu besichtigen - aber man kommt da gar nicht umhin. Man läuft hier durch den Wald und an allen Ecken und Enden steht man unvermittelt vor Kanonensockeln, Bunkern, Schiesskuppeln, Feuerstellungen und Sicherungs-posten. Schnell merke ich: Mit dem Aufwand, mit dem das hier irgendwo in der Mitte vom Nirgendwo einmal gebaut worden ist, und mit dem Aufwand, mit dem das hier jetzt dokumentiert worden ist - man bewegt sich hier ganz offenkundig auf historisch wichtigem Boden! Und dann wird's doch irgendwie interessant.

Die fast unvorstellbare Zahl an militärischen Objekten lässt mich aber auch etwas ratlos zurück: Was, um alles in der Welt, wurde hier mit einem dermaßen Riesenaufwand verteidigt??? Okay, mit den größten Kanonen konnte man wohl die Einfahrt in die Danziger Bucht recht gut kontrollieren. Aber irgendwie skurril wirkt das alles doch auf mich, denn: hier an Ort und Stelle gibt es nichts zu verteidigen, überhaupt nichts. Außer sich selber vielleicht.

Das gute an dieser Wanderung im Wald: Der Wind kommt nicht durch! Man kann bei den frischen Temperaturen angenehm spazieren gehen! Ich bin seit dem letzten Schneefall nicht der erste Spaziergänger hier. Aber der Schnee ist auch noch nicht so festgetrampelt, dass er glatt wäre - ideal zum laufen.

 

 

 

Irgendwann allerdings bemerke ich: Der Wald lichtet sich zusehends. Das bedeutet zum einen: der Wind nimmt zu. Zum anderen: ich nähere mich tatsächlich dem Landende der Halbinsel Hel! 35 Kilometer vom "richtigen Festland" entfernt. Seit einiger Zeit schon laufe ich durch eine wahrlich magische Landschaft: Alle Pflanzen und auch alles andere ist komplett weiß, von dem gefrorenen Meeresspray. Der Himmel ist dicht bewölkt, jedoch irgendwo weiter hinten über dem Meer reißen die Wolken immer wieder ein wenig auf - was ein magisches Licht ergibt.

Ein Stück vor mir beobachte ich seit einige Zeit ein Pärchen mittleren Alters mit einem Hund. Ein Stück nach einem stählernen Durchgang - im Sommer offenbar der Durchgang zum Badestrand - bleibt die Frau mit dem Hund unvermittelt stehen, duckt sich etwas weg, dreht sich um, geht ein Stück zurück und sucht nach etwas Schutz. Der Mann in seiner leuchtend gelben Jacke geht noch etwas weiter und fotografiert hier und da ein wenig. Schnell suchen beide wieder das Weite und lassen mich allein an dem Meer. Und dies ist durchaus aufgewühlt, ähnlich wie ich.

Mit der rapide dünner werdenden Vegetation merke ich schon seit einiger Zeit, das mit jedem Meter Weg zum Meer der Wind zunimmt und es sich gleichzeitig beständig kälter anfühlt. Aber - was heißt kälter.... KALT! An der Stelle nach dem stählernen Durchgang ist ein kleiner Knick, nach unten zum Meer hin. Der Wind pfeift an dieser Stelle - darum drehte die Frau hier also um.

Halbinsel Hel, Spaziergänger

Andere Spaziergänger nehmen an der Küste schnell Reißaus - der eisige Wind ist kaum zu ertragen.

 

 

 

Umkehren konnte ich hier allerdings nicht! Der Ort wirkt auf mich magisch. Absolut magisch! Der völlig einsame, leicht gebogene Strand gibt einem das Gefühl, allein vor dem Meer, ja, fast im Meer zu stehen. Dieses Meer ist sehr "kappelig" und die Wellen wogen beständig an den Strand. Das Wasser dampft, als würde es kochen - wobei doch die eisige Luft über dem Meer nur die letzte Wärmeenergie aus diesem herauszieht. Der Übergang von Meer zu Himmel ist am Horizont kaum zu ahnen. Über allem ein Wolkenhimmel mit hin und wieder durchbrechenden Sonnenstrahlen. Binnen Sekunden erliege ich der Faszination und der Magie dieses Ortes und des Naturschauspieles vor mir und um mich herum.

Trotz kaum zu ertragender Eiseskälte. Mein Gesicht habe ich wieder fast komplett in meinen Schal eingewickelt - aber meine Augen tränen wie wild und lassen kaum einen klaren Blick zu. Es gibt keine Möglichkeit, hier auch nur einen Hauch von Schutz vor dem Wind zu suchen. Ein wenig wie eine eisige Hölle ist das hier. Hell in Hel! Im Sommer jedoch muss dies hier fast paradiesisch sein...

In solchen Momenten und an solchen Orten kann ich nicht anders - ich muss fotografieren! Dutzende Fotos. Es ist allerdings überhaupt nicht daran zu denken, meine Handschuhe auszuziehen. So kann ich den Auslösepunkt der Kamera nur ahnen, und verwackele bei dem auch gar nicht so üppigem Licht und den vielen Tränen in den Augen meine Fotos reihenweise - wie ich allerdings erst später Zuhause bemerke.

 

 

 

Fast atemlos betrachte ich das Schauspiel des dampfenden Meeres vor mir und muss immer wieder fotografieren. Und doch merke ich schnell: Lange werde ich hier nicht aushalten können! Der angetriebene Baumstumpf da vorne - ein tolles Motiv für den Vordergrund! Hin da! Foto, Foto, Foto! Und immer wieder der gebannte Blick auf das unwirklich dampfende Meer mit dem doch weit entfernten Lichterspiel darüber. Jede Sekunde aufsaugend! Irrwitzig schnell habe ich trotz der dicken Handschuhe kein Gefühl mehr in den Fingerspitzen. Nehme ich die Hände in die Jackentaschen, sind sie zusätzlich vor dem Wind geschützt - warm werden sie jedoch natürlich nicht. Und Fotos sind dann leider auch nicht mehr möglich.

Es ist schon verblüffend, wie schnell es geht, dass ich hier anfange, körperlich richtig zu leiden: Die Beine schmerzen mir, das Gesicht schmerzt und die Tränen brennen, die Hände tun weh und sind taub. Die Kälte fordert ihren Tribut...

Nach einer gefühlten Ewigkeit fällt es mir zwar schwer, von diesem magischen Ort mit dem magischen Licht, dem magischen Meer, dem magischen Wind und der magischen Kälte, Abschied zu nehmen - aber irgendwann kann ich einfach nicht mehr! Völlig erschöpft fühle ich mich. Meine Kraft und Energie reicht einfach nicht mehr. Ich flüchte förmlich, zurück zum Weg, hinein in den Windschutz der Bäume! Nichts wie weg von diesem fantastischen, aber eben auch zermürbenden und erschreckenden Ort!

Halbinsel Hel, Winter an der Südspitze

An der südlichsten Spitze von Hel.
Können Sie hier genau unterscheiden, was Boden, was Wasser und was Himmel ist?

 

 

 

Später, zu Hause in Deutschland, werde ich nachvollziehen können, dass ich gerade mal sieben Minuten hier vorne an der Küste war - die ganze Zeit allein. Niemals zuvor habe ich eine solch erbarmungslose Kälte gespürt! Bei den mittlerweile wohl nur noch minus zehn Grad im Wald (eine Stunde später kam ich mitten im Wald zufällig an einer offiziellen meteorologischen Meteorologie-Station entlang, die diesen Wert anzeigte) habe ich ein fast kuschelig warmes Gefühl. Bin zugleich aber verblüfft, wie erschöpft ich nach diesem kurzen Standaufenthalt bin. Ich spüre förmlich, wie nicht nur dem Meer, sondern auch mir die Energie unmittelbar entzogen worden ist. Wie lange hätte ich dort mit meiner normalen Winterkleidung überhaupt überleben können? Eine Stunde vielleicht? Wenn überhaupt...

Eine Polarausrüstung, das ist es, was ich gebraucht hätte! Vielleicht hätte das ja die Aufenthaltsdauer dort vorne verdoppelt? Ja, gibt es wirklich Menschen, die zu Fuß die Antarktis durchquert haben?? Was leisten denn die dort eigentlich? Hatte ich selber wirklich einmal den Wunsch, im Winter nach Spitzbergen zu reisen - oder war das nur ein Phantasterei? Ganz offenbar bin ich nicht wirklich "Naturbursche" genug für so etwas...

Also: Etwas Energie nachführen ist jetzt notwendig! Und Wassernachschub! Als tolle Idee hatte ich mir zwei Flaschen Trinkjoghurt mitgenommen, die eine war schon von der Fahrt halb leer. Komischerweise jedoch hat dieser in seinen Plastikflaschen seine Konsistenz verändert: Er ist sehr zähflüssig, fast fest, geworden. Und sehr, ja... erfrischend. Kalt, eben, sehr kalt in dem Rucksack. Was für eine tolle, ja, geradezu großartige Idee, kalten Joghurt mitzunehmen in diese Eishölle! Nach kurzem Kampf gebe ich es auf, der ebenfalls stabiler gewordenen Plastikflasche etwas entlocken zu wollen. Mein mitgebrachtes Mineralwasser ist auch erfrischend kühl, aber immerhin nicht gefroren. Glücklicherweise jedoch sind die Kekse noch in bester Verfassung...

Die Wanderung durch den winterlichen, -10 Grad kalten Wald dient also erstmal dazu, mich wieder etwas zu erholen und aufzuwärmen. Die Füße waren die ganze Zeit in Ordnung, in allen meinen Fingern hatte ich vorne am Meer jedoch schon ein völlig taubes Gefühl bekommen - aber schon mit dieser kurzen Essens-Pause war dieses taube Gefühl wieder entschwunden, nachdem ich die Hände ohne die Handschuhe in meine Hosentaschen vergraben hatte. Gott sei Dank - diese völlige Gefühllosigkeit in den Fingerspitzen war komisch und besorgniserregend.

Halbinsel Hel, Artillerie-Batterie-Museum

Mitten im Wald: Gewaltige Artillerie der Heliodor Laskowski-Küstenbatterie, die größten und modernsten Geschütze Polens der Vorkriegszeit, konnten von Hel aus den gesamten Raum vor Danzig beschießen... Heute sind diese martialischen Geräte Museum und Denkmal zugleich.

 

 

 

Beim Durchstreifen der bestens markierten Waldwege sind aber nicht nur alle meine Lebensgeister wieder da, sondern auch die Militärbunker. Immer wieder mache ich hier jetzt Stopp, lese mir die Infotafeln dazu durch, fange mehr und mehr an, mich für die Geschichte dieses Ortes zu interessieren. Da, wo es möglich ist, besteige ich Bunker oder werfe einen Blick hinein in die finsteren Gemächer.

Einen großen Bogen laufe ich durch den Wald, nur ganz vereinzelt sehe oder begegne ich anderen Spaziergängern. Eher durch Zufall gerate ich irgendwann an ein paar Häuser, oder eher Hütten, hinter denen es wieder heller wird. Kombiniere: aha, wenn es heller wird, ist dort kein Wald - also Meer. Und die Hütten sind für die sicherlich massenhaften Sommertouristen dort. Ich bin jetzt weiter nördlich, der Wind kam aus Osten, vielleicht habe ich hier ja etwas Windschutz - ach, komm, noch mal ein Blick auf dieses grandiose Meer!

Eine Minute später höre ich es schon - ein anderer Zugang zum Stand, ein wenig besser vor dem Wind geschützt. Ansonsten fehlt ein wenig dieses tolle Lichtspiel über dem Wasser. Als ich weiter runter, direkt zum Wasser, gehe rutsche ich an der recht abschüssigen Stelle plötzlich wie ferngesteuert langsam gen Brandung - und registriere voller Entsetzen, dass ich hier auf blankem Eis stehe, auf das lediglich ein wenig Sand geweht ist. Gute Güte - jetzt hier bloß nicht die schiefe Ebene weiter runter rutschen in das eisige Wasser hinein! Weit und breit ist kein anderer Mensch zu sehen - das wird mir nun aber wirklich zu gefährlich!

 

 

 

Böse kalt ist es trotz allem auch hier - nach fünf Minuten verlassen mich meine Kräfte erneut und ich flüchte in den Wald.

Jetzt will ich in den Ort hinein! Langsam wird es auch Zeit zum Zug zu kommen, wenn ich tatsächlich noch in den anderen Ort Jastarnia möchte. Der Weg geradeaus führt offensichtlich direkt in den Ort, nein, das wäre mir dann doch zu direkt. Also noch mal einen kleinen Bogen...

Ohne jegliche Karte von dem Gebiet ist diese Methode nicht ganz sicher, aber nun ja, zur Not kann ich ja noch einen Zug später nehmen - eigentlich wurscht. Nach einigen Irrungen durch den Wald bin ich dann wieder im Ort Hel. Allerdings an einer völlig anderen Stelle, als ich vermutet hatte. Hatte ich gedacht, ganz in der Nähe des Bahnhofs auf den Ort zu stoßen, so merke ich schnell und verblüfft, dass ich ganz auf der anderen Seite der Stadt angekommen bin. Nach einem sehr strammen Fußmarsch schaffe ich es gerade noch so, zwei Minuten vor Abfahrt am und im Zug zu sein. Von den gerademal gut zweieinhalb Stunden Aufenthalt irgendwie unwirklich und beinahe total erschöpft.

Jetzt noch einmal zweieinhalb Stunden in Jastarnia verbringen? Nein, völlig unvorstellbar! Selbst, wenn es dort ja vielleicht ein Restaurant oder Café gäbe, das mir etwas Warmes präsentieren könnte... Nein, vielen Dank, ich will nur noch "nach Hause" in mein schönes Hotelzimmer nach Gdańsk.

So also belasse ich es bei einer erneuten Durchfahrt durch Jastarnia, erfreue mich an dem Rudel Wildschweine, das ich auf dem Weg direkt neben den Gleisen beobachte und versuche mir vorzustellen, wie das Leben hier, auf der Halbinsel Hel wohl im Sommer sein mag...?

Sicherlich ist es hier dann sehr voll und überlaufen - die kilometerlangen Strände mit der Dünenlandschaft sind einfach verlockend schön. Eigentlich muss ich noch einmal hierher - im Sommer. Mit dem Fahrrad. Dann muss Hel dem Himmel eigentlich ganz, ganz nahe sein!

 

Zu einer Bilderserie mit 40 großformatigen, zum Teil anderen Fotos von der Fahrt auf die Halbinsel Hel im Winter geht es hier auf meiner externen Seite.

 

 

Wintereindrücke an den Küsten im Süden der Halbinsel Hel

Hel, Strand im Winter

Ob es hier auch im Sommer so schön ist? Oder ob sich dann Menschenmassen hier, Körper an Körper, drängen?

Halbinsel Hel, Dünenlandschaft

Dünen am östlichsten Punkt der Halbinsel Hel.

 

Militärische Hinterlassenschaft auf Hel

Hel, Artilleriebatterie

Eine ehemalige, massive Artilleriebatterie, gebaut 1935.

Halbinsel Hel, Schiesskuppel im Wald

Gleich an mehreren Stellen begegnet mal mitten im Wald immer wieder mal "Schiesskuppeln". Ist es nicht furchtbar? Oder, anders herum betrachtet: Ist es nicht schön, dass dieses ganze Zeugs mittlerweile völlig sinnlos in der Gegend herum steht und längst vom Militär verlassen wurde.

 

In der Ortschaft Hel (Hela)

Stadt Hel, Fischereimuseum

Eine mittelalterliche, gotische Kirche dient heute als Fischerei-Museum..

Stadt Hel, normaler Straßenzug

Normaler Straßenzug in der Stadt Hel - nicht unbedingt sehr ansehnlich.

 

Am Hafen von Hel (Hela)

Ort Hel, Fischerei-Bojen

Fischerei-Bojen stehen ungenutzt im Hafen.

Stadt Hel, vereiste Pfähle am Hafen

Vereiste Pfähle am Fischereihafen der Ortschaft Hel.

 

Andere Beobachtungen in Hel

Hel, Raureif

Vom Wind geradezu an den Metallstab geschossen, bildet der Raureif zuweilen bizarre Strukturen.

Hel, "No Future"

Auch auf der schönen Halbinsel Hel, mitten im Wald: "No Future". Ob dies von den Militärs dort hinterlassen wurde, ist mir nicht bekannt.

 

 

 

 

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Dirk Matzen

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