Radfahren...!

Radtour "Transalp light" - Eine Alpenüberquerung mit dem Rennrad
1. Tag: "Eine Art Prolog" von Bad Hindelang nach Grainau (107 km)

Ein Fahrrad-Reisebericht über eine Radtour über die Alpen im Juli 2012
  mit 19 Bildern




Plansee

Ein traumhaft schöner Alpensee: Der Plansee in Österreich. Meine Strecke von Bad Hindelang nach Grainau führte mich kilometerlang an seinem Ufer entlang.

 

Es ist Dienstag, der 17. Juli 2012, 10:30 Uhr, Hinterstein bei Bad Hindelang im Oberallgäu.
 

 

VOR DEM START DER TRANSALP: UNTERWEGS IM OBERALLGÄU PER RENNRAD UND ZU FUSS

Ja, wir - das sind meine Herzallerliebste und ich - haben uns für dieses Jahr etwas schönes für den Sommerurlaub überlegt. Eine Alpenüberquerung soll es sein! Per Fahrrad, genauer: Per Rennrad bzw. Fitnessrad. Und das Ganze als organisierte, geführte Tour in einer nicht allzu großen Gruppe.

Aber unsere anstehende Alpenüberquerung per Rennrad von Garmisch zum Gardasee beginnt erstmal anders: Mit 14 Tagen Wanderurlaub im Oberallgäu, in dem uns schon von zwei früheren Urlauben bekannten Dorf Hinterstein, das zu Bad Hindelang gehört.

Aber, wie der Wettergott es will, ist diese Zeit von schlechtem bzw. wechselhaftem und unkalkulierbarem Wetter überschattet, so dass unsere Wanderaktivitäten längst nicht so ausgedehnt stattfinden können, wie wir geplant hatten. In der ersten Woche gibt es Tag für Tag eine Gewitterwarnung (und tatsächlich meist auch stattfindende Gewitter), in der zweiten Woche dann ist es verdammt kalt und in der ersten Tageshälfte immer regnerisch. Unsere geplanten Wandertouren erreichen nicht annähernd das geplante Ausmaß. Sehr schade!

Andererseits jedoch nutzen wir die relativ kurzen, guten Wetterphasen der meisten Tage dann halt dazu, uns aufs Rad zu schwingen und zu üben für unsere anstehende Alpenüberquerung. Leider jedoch ist die von uns geplante "Haupt-Übungsstrecke" von unserem Urlaubsort Hinterstein über das Giebelhaus ins Obertal für Fahrräder komplett gesperrt: Straßenbau findet dort statt, ausgerechnet jetzt.

Also müssen wir uns Alternativen als "Übungsstrecken" suchen. Das "Retterschwanger Tal" bei Bruck (Bad Hindelang) erweist sich für uns Flachländer einfach als zu steil, zumindest zu Beginn: Nach jeweils gerade mal 150-200 Höhenmetern mit bis zu 15 Steigungsprozenten müssen wir schwer schnaufend und klatschnass geschwitzt irgendwann vom Rad steigen und schieben. Zu steil! Weiter hinten im Tal, nach überqueren einer urtümlichen schmalen Brücke, wird es dann geradezu aberwitzig: Steigungsprozente über 20 - da geht für uns gar nichts mehr, außer schieben.

Darüber hinaus erweisen sich die Abfahrten gerade dort bei diesen steilen Passagen für uns als extreme Herausforderung: Man braucht nur die Bremsen loslassen und nach gefühlten 30 Metern Fahrweg rast man schon mit rund 40 Sachen dahin, eine Sekunde später mit 50 km/h. Spätestens dann sollte man schon wieder beherzt in die Bremsen greifen. Schließlich weiß man ja nie, wer oder was dann in oder hinter der nächsten scharfen Kurve steht oder kommt.

Puh! Soll so etwa auch unsere Alpenüberquerung aussehen? Steile Wege bergauf und horrende Abfahrten? Ist das Ganze ein Irrsinn? Auf jeden Fall: Völlig neue, völlig fremde Fahrradwelten für uns!

Wir suchen nach Alternativen - und finden diese ganz in der Nähe unseres Ortes Hinterstein: Die mit 107 Kurven "Deutschlands kurvenreichste Straße", von Bad Hindelang hinauf nach Oberjoch, "Deutschland höchstem Dorf" mit 1140 Metern Höhe im Ortszentrum. Rund 350 Höhenmeter müssen wir von unserer Unterkunft bis in den Ortskern von Oberjoch zurücklegen, wobei der Oberjochpass mit seiner Strecke von rund neun Kilometern und einer durchschnittlichen Steigung von 3,8 Prozent bestens zu fahren ist und keine besonders steilen Passagen aufweist.

Drei- bis viermal fahren wir diese gut ausgebaute, serpentinen- und verkehrsreiche Straße als Training hinauf, dehnen eine Tour auch mal bis in das anschließende Tannheimer Tal in Österreich aus. Auch die Abfahrt lässt sich bei den moderaten Steigungen für uns Flachländer gut fahren. Nach und nach bringt es uns richtig Spaß, diese Strecke zu fahren - eine tolle Straße für Rennradler!

Und wir lernen: Der "Haupttrick" beim Hinauffahren auf die Berge besteht darin, langsam zu fahren. Nämlich genau so langsam, dass man beim Fahren locker bleiben kann und die Atmung nicht rasselnd wird. Das ist dann aber auch schon alles an "Berg-Erfahrung", die wir mitbringen, als der Start unserer "Transalp light" naht.

Während meine Liebste die rund 80 Kilometer zu dem Treffpunkt der organisierten Transalp in Grainau, dem "Zugspitzdorf", mit dem Auto fährt und dabei unser gesamtes Urlaubsgepäck und ihr Fahrrad mitnimmt, entschließe ich mich, die Anfahrt zum Treffpunkt mit meinem noch relativ neuen Rennrad zu absolvieren. Um 18 Uhr treffen sich die Teilnehmer der geführten Tour in Grainau - das müsste doch mit dem Rad aus dem traumhaft schönen Hintersteiner Tal locker zu schaffen sein!

Der umsichtige und charmante Vermieter unser Ferienwohnung in Hinterstein gibt mir vor meinem Start der Fahrt noch mit auf den Weg, ich solle aber bitte bei der Abfahrt am Gaichtpass vorsichtig sein! Dort gebe es nur eine ganz winzig-kleine Mauer am Straßenrand, direkt daneben gehe es steil in die Tiefe. Im vergangenen Jahr seien hier mindestens zwei Radfahrer zu Tode gestürzt, einer davon kam direkt aus dem Nachbardorf Bad Hindelang.

Ach je, so genau will ich das gar nicht wissen!, denke ich - und danke trotzdem für den Hinweis, klar.

 

PER RAD AUS DEM HINTERSTEINER TAL IM OBERALLGÄU NACH GRAINAU AN DER ZUGSPITZE

 

 

 

Gegen 10:30 Uhr begebe ich mich dann auf den Weg, erst. Nach ein paar eher flachen Kilometern mit einer kleinen Abfahrt aus Hinterstein lockt als Einstieg zunächst die Auffahrt nach Oberjoch. Diese kenne ich ja inzwischen gut, es bringt mir wieder richtig Spaß, die 350 Meter durch die Serpentinen-strecke zum Oberjochpass nach oben zu kurbeln. Die Autofahrer auf der Strecke sind im übrigen fast durchweg auffallend rücksichtsvoll den Radlern gegenüber. Grund genug, sich an einer passenden Stelle mal an die Seite zu stellen und die hinterher zuckelnden Autos durchzulassen.

Grenze Österreich

Dort droben, in Oberjoch - kurz vor der Grenze nach Österreich. Ich mag es auch zu Zeiten von EU und Schengen-Abkommen immer noch besonders, eine Staatsgrenze zu Fuß oder per Rad zu queren.

 

 

 

Weiter geht mein Weg in Richtung Österreich: Von Oberjoch aus ist es nur noch rund ein Kilometer, bis zur Österreichischen Grenze. Es mag ein wenig albern klingen, aber irgendwie finde ich es immer noch ziemlich spannend, per Fahrrad (oder auch zu Fuß) einen Grenzübertritt zu machen.

In Österreich dann geht es durch das wunderschöne Tannheimer Tal. Auf der flotten Abfahrt von Oberjoch nach Schattwald macht sich plötzlich und völlig unvermutet ein starker Westwind bemerkbar - wenn man mit über 50 km/h auf dem Rad die sehr gerade Strecke herunterrollt und dann an Windschneisen plötzlich und unerwartet von scharfen Seitenböen erwischt wird, dann muss man schon sehr aufpassen, um die Spur zu halten. Man ist ja schließlich auch nicht allein auf der Straße. Hui! Mit einer leicht verkrampften Haltung erreiche ich diesen ersten österreichischen Ort, Schattwald. Aber alles geht gut.

 

 

 

Das Tannheimer Tal ist sehr schön - aber auf der stark befahrenen Straße kann man nicht wirklich viele Blicke hierfür verwenden. Dafür ist der Autoverkehr hier einfach zu dicht und lässt nur wenige Pause zum Luftholen. Schade! Leider finde ich keinen Hinweis auf einen vielleicht abseits gelegenen Radweg. Grund genug für eine kurze Erholungspause in der Ortschaft Tannheim - vor allem, um sich von den vielen rasenden Autofahrern zu erholen.

Berge Tannheimer Tal

Mächtige Berggipfel säumen das Tannheimer Tal teilweise. Die beiden markanten, felsigen Gipfel gehören Gimpel (links) und Rote Flüh (rechts), beide über 2100 m hoch. Und: Ein kurzes Stück Radweg! Danke dafür.

 

 

 

An ohne Ausnahme beeindruckender Bergwelt vorbei geht es zügig weiter. Ein kurzer Fotostopp am Haldensee ist da aber natürlich auch noch drin. Der Himmel ist zwar zumeist bedeckt - aber es bleibt immerhin trocken.

Als ich gegen 12:30 Uhr den Gaichtpass erreiche, klingen die Worte meines Vermieters wieder in meinen Ohren. Erstmal also einen Fotostopp an einer kleinen Aussichtsbucht - man hat einen schönen Blick in das Tal und auf einen Steinbruch.

Gib Deinem Schutzengel eine Chance

Das Warnschild "Gib Deinem Schutzengel eine Chance" am Beginn der Abfahrt des Gaichtpasses hat sicherlich seine Berechtigung, nicht nur für Motorrad-Fahrer. Auch Radfahrer stürzen dort zu Tode - wie mir vor meiner Abfahrt noch mein Vermieter im Allgäu erzählte.

 

 

 

Aber jetzt Vorsicht bitte - die Abfahrt beginnt! Innerlich etwas verkrampft lasse ich mein Rad rollen - es kommt schnell auf Geschwindig-keiten jenseits der 40 km/h, schnell auch jenseits der 50 km/h. Spätestens ab da schaue ich dann lieber auf die Straße, als auf das Tacho oder die Umgebung.

Bald registriere ich die kleine Mauer, die mein Vermieter erwähnt hatte - und direkt neben der Mauer taucht hier und da die Krone eines Nadelbaumes auf. Das sind sicherlich nur die größten, mächtigsten Bäume, deren Spitzen hier drei Meter neben mir vorbei rasen, denke ich - und schaue besser wieder auf die Straße. Aber, eigentlich: So dramatisch, wie mein Vermieter es darstellte, ist die Abfahrt nun auch wieder nicht.

Wobei ein wenig Vorsicht bei Abfahrten immer geboten ist: Dauerhaftes Bremsen oder gar schleifenlassen der Bremsen sollte man bei einem Rennrad bei Abfahrten unterlassen - man riskiert durch die enorme Hitzeentwicklung (und das, ähm, erst recht bei meinem Gewicht) einen Platten, wenn nicht gar einen Reifenplatzer. Glauben sie mir: ich möchte wirklich nicht auf der abschüssigen Strecke bei vielleicht Tempo 50 einen Reifenplatzer erleben! Ganz ohne Bremsen geht es jedoch natürlich auch nicht - sonst wäre ich schnell bei Geschwindigkeiten, die ich Berganfänger in engen Serpentinenkurven nicht wirklich gut kontrollieren kann. Also: Es ist dosiertes, aber beherztes Bremsen notwendig. Letztlich muss man auf jeden Fall die Kontrolle über die paar scharfe Kehren, den parallel fließenden Autoverkehr und die vielen losen Steine am Straßenrand bewahren.

 

 

 

Irgendwo, mitten auf der Abfahrt, nach 150 Höhenmetern Fahrt, registriere ich aus dem Augenwinkel einen schönen Blick auf das angrenzende Lechtal und die kleine Ortschaft Weißenbach am Lech - und unter Einsatz aller meiner Kräfte in Händen und Armen schaffe ich es gerade noch, das Rad an einer kleinen Ausweichbucht zum Stehen zu bringen - für ein Foto. Das ist zwar ganz hübsch - aber war es diese Mühe wert?

 

EIN STÜCKCHEN WEG DURCH DAS LECHTAL UND DANN HINAUF ZUM PLANSEE

Weitere 150 Meter tiefer angekommen im Ort Weißenbach muss ich erstmal einen Moment Luft holen. Solche Abfahrten sehen im Fernsehen bei den Radprofis immer so locker und lässig aus - ich muss mich nach der Kraftanstrengung in den Händen und Armen und der sehr fixierten Konzentration einen Moment lang sammeln und erholen. Sicherlich vergeht das mit etwas mehr Erfahrung.

Aber, puh, diese Abfahrten in den Bergen haben es echt in sich!

Lechtal

Auf einer sehr ruhigen Nebenstraße geht es durch das schöne Lechtal.

 

 

 

Jetzt bin ich gar nicht mehr weit von dem Ort Reutte entfernt, vielleicht noch 10 Kilometer - das ist etwa schon die Hälfte der von mir geplanten Strecke. Meine General-Karte zeigt mir eine kleine Nebenstrecke von Weißenbach bis nach Reutte. Das ist großartig! Endlich runter von der stark befahrenen Bundesstraße, die ich die ganze Zeit seit der Auffahrt zum Oberjochpass gefahren bin! Eine Wohltat, endlich mal richtig entspanntes Radeln durch die wirklich wunderschöne Landschaft des Lechtals.

 

 

 

Kurz darauf dann, gegen 13 Uhr, habe ich den Ort Reutte schon erreicht. Zweieinhalb Stunden Fahrt für etwa die Hälfte der gesamten Strecke - und noch fünf Stunden Zeit bis zum Treffpunkt für die Einweisung zur Transalp. Weit und breit kein Problem in Sicht! Das Lechtal werde ich hier aber schon wieder verlassen müssen.

Da ich ja auf der Nebenstrecke nach Reutte gefahren bin, muss ich mich zunächst ein wenig orientieren, aber schnell finde ich die richtige Richtung, will wohl oder übel zurück auf die Bundesstraße nach Garmisch-Partenkirchen. Aber, Moment, Stopp - was ist das? Ein Verbotsschild für Fahrradfahrer auf der Straße? Diese Straße bin ich doch vor zehn Kilometern noch gefahren. Aber hier ist nun Schluss - ich darf nicht wieder auf die Straße, sie ist jetzt als Kraftfahrtstraße ausgeschildert.

Was also tun? An der Auffahrt zur Kraftfahrtstraße weist ein großes Schild noch eine andere Strasse lapidar nach "Deutschland" aus. Ein Blick auf meine Karte zeigt mir, dass es sich um die Nebenstraße handeln muss, die an dem Plansee vorbei in Richtung Oberammergau führt. Als landschaftlich sehr schön ist die Route markiert. Darüber hinaus bietet sie allerdings auch einen schätzungsweise 20 Kilometer langen Umweg nach Grainau bei Garmisch. Spätestens jetzt ärgere ich mich, dass man in Österreich auf den Verkehrsschildern völlig auf die Angabe von Entfernungen verzichtet.

Meine Karte weist auch noch darauf hin, dass die Einfahrt in das Tal mit einer bis zu 14prozentigen Steigung verbunden ist. Auch das noch! Aus meinen Fahrten der vorangegangenen Tage (Retterschwanger Tal!) weiß ich ja, dass irgendwo bei 10 Prozent Steigung der Bereich anfängt, der mir nicht viel Spaß bringt.

Gerade mal acht Minuten später stehe ich schnaufend am Straßenrand, bin die Steigung mit 10-12 km/h wohl doch mal wieder zu schnell angefahren - so lächerlich das auch klingen mag. Eine Kurve weiter sehe ich zwei schwer beladene Streckenradler. Die sind mit ihrem ganzen Gepäck noch zweihundert Meter weiter gekommen, als ich mit meinem leichten Rennrad, denke ich - wie will ich denn da bloß über die Alpen kommen?

Als ich drei Minuten später ganz, ganz langsam an den beiden vorbei radle, haben sie keinen Blick für mich, der ich doch freundlich grüßen wollte. Glücklicherweise lässt die Steigung, die insgesamt nur 170 m Höhenunterschied überwindet, bald etwas nach und ich komme an den wunderschön gelegenen Plansee. Da ich noch nicht ahne, wie riesig dieser tatsächlich ist, mache ich sofort einen Fotostopp (dieser Stopp hatte mit konditionellen Problemen wirklich nichts zu tun! Ehrlich!!). Insgesamt wird der in 976 Meter Höhe gelegene, zu dieser Zeit 15-16 Grad kalte See mich aber noch sechs km begleiten. Da man direkt an seinem Ufer entlang fährt, ist dies aber einfach nur schön! Da darüber hinaus auch verblüffend wenig Straßenverkehr herrscht, kann ich diese Strecke tatsächlich in vollen Zügen genießen.

Plansee Ufer

Der zweitgrößte See Tirols: Der Plansee auf 976 m Höhe in den Ammergauer Alpen. Zeit für eine ausgiebige Pause nach 2:50 Stunden und 58 km Fahrt.

 

 

 

 

In der Ortschaft "Am Plansee" (ja, so heißt der Ort tatsächlich) in der Nähe des westlichen Ende des Sees mache ich dann eine ausgiebige Mittagpause. Es wird Zeit, dass mein kleiner Rucksack mal ein wenig erleichtert wird. Und die mitgebrachten Scheiben Brot mit dem großartigen Allgäuer Bergkäse sind immer wieder einfach eine Wucht!

 

 

 

Weiter geht es dann an einen kleinen Bach, dem Torsäulenbach, entlang durch das Tal in Richtung Ammersattel, zunächst wie eine Schlucht an schroffen Felsen entlang. Da ich keine vernünftigen Entfernungs-angaben habe, werde ich ein wenig unruhig wegen des Umweges und der voranschreitenden Zeit. Problematisch ist zwar noch nichts, aber wer weiß schon, was für Steigungen mir womöglich noch bevorstehen? Ich kenne die Gegend ja nicht im Geringsten.

Das Tal, durch das ich hier fahre, ist in der Tat landschaftlich wunderschön, meine Karte hat Recht. Nur: warum der Wind hier plötzlich stark von vorne kommt, kann ich mir nicht erklären. Wir haben doch großräumigen Westwind und ich fahre grob in Richtung Norden/Nordosten. Puh, bei dem fiesen Wind ziehen sich die Kilometer mehr und mehr wie Kaugummi dahin, die geringe Steigung tut ihr Übriges dazu.

Ammerwald Hotel

Fast falle ich vor Schreck vom Rad, als mein Blick plötzlich auf diesen riesigen Hotelklotz im landschaftlich wunderschönen Ammerwald fällt. Sachen gibt's!

 

 

 

Irgendwann, unmerklich fast, überwinde ich den Ammersattel. Einen richtigen Pass nehme ich gar nicht wahr. Unmittelbar danach gerate ich wieder auf deutschen Boden, auch das bemerke ich gar nicht, es gibt keine entsprechende Beschilderung. Allerdings macht dieser Grenzübertritt Hoffnung auf Kilometerangaben auf den Straßenschildern. Langsam weitet sich zudem das Tal, macht einen kleinen Knick nach Osten - und der Wind ist weg.

Ach nein, stimmt gar nicht, der ist nicht weg - der weht jetzt plötzlich von hinten! Und ist inetwa so schnell, wie ich auf dem Rad. Auch die Strecke fällt leicht ab, unmerklich fast, aber doch. Eine schöne Gelegenheit, mich und das Fahrrad mal richtig auszufahren.

Eine gute Straße in wunderschöner Gegend mit leichtem Gefälle und Rückenwind - mehr kann man sich als Radfahrer kaum erträumen! Okay - Sonnenschein vielleicht noch. 20 Minuten lang fahre ich mit Geschwindigkeiten zwischen 40 und 50 km/h durch das Tal. Da bleibt keine Zeit zum Fotografieren. Ein rumänischer Kleinbusfahrer aus Bukarest kann mein Tempo offenbar so gar nicht einschätzen und fährt mich bei einem missratenen Überholversuch fast über den Haufen. Tja, zu dieser Stadt habe ich ja eh ein gespaltenes Verhältnis und Radfahrer kennt man dort ja sowieso so gut wie gar nicht (wer will, kann hier mein zusammenfassender Reisebericht zu mehreren Aufenthalten in Bukarest zu lesen - ein neues Fenster öffnet). Der Adrenalinschub durch das blöde Manöver lässt mich allerdings eher noch schneller werden.

Dass diese Tempofahrt ohne die Verwendung meiner Klickschuhe keine allzu gute Idee war, bemerke ich dann zum Ende des Tals hin: Mein rechtes Knie fängt an, heftig zu schmerzen. Ein typisches Zeichen für eine Überbelastung oder/und eine Fehlhaltung des Beines. Mist! Wie dumm!

Abzweigung Ettal

Blick zurück zum Ammergebirge, in Begeisterung von der Abfahrt: Hier ist die schöne Bayerische Staatsstraße 2060 zu Ende und trifft kurz vor Ettal auf die Bundesstraße 23.

 

AB IN RICHTUNG GARMISCH-PARTENKIRCHEN UND GRAINAU

Eher gemütlich rolle ich also weiter nach Ettal und genehmige mir dort gegen 15 Uhr, direkt neben dem bekannten Kloster Ettal, eine weitere Pause. Ein wenig der verbrauchten Energie muss auch wieder zugeführt werden.

Was danach folgt, ist wieder eine rasende Schussfahrt den Ettaler Sattel hinab, 230 Meter hinab in den nächsten Ort Oberau. Auf der Abfahrt kann man häufig weit voraus schauen, die Strecke ist gut einsehbar - ich habe also kein Problem damit, mein Rad einfach mal wieder richtig rollen zu lassen. Großartig!

 

 

 

Kurz danach sehe ich bereits das Zugspitz-Massiv vor mir. Dort muss Garmisch sein! Das Ziel rückt in Sichtweite. Mein Knie schmerzt trotzdem sehr, ich versuche mit so wenig Last wie möglich, aber dafür mit höherer Trittfrequenz und möglichst locker, aber schwungvoll zu treten. Aber für heute wird das keine Besserung mehr bringen.

Sehr sonderbar dann jedoch die Ausfahrt aus Oberau: Man gerät als Radfahrer automatisch auf eine autobahnähnliche Straße in Richtung Garmisch-Partenkirchen. Ja, gute Güte, was haben denn die sich dabei gedacht? Angestrengt überlege ich, ob ich vielleicht einen Fahrrad-Wegweiser übersehen habe, als ich zum ersten Mal in meinem Leben mit dem Fahrrad auf einen richtigen Beschleunigungsstreifen fahre. Aber jetzt gibt es eh kein Zurück mehr.

Es folgen ca. zwei Kilometer Fahrradfahrt vom Furchtbarsten! Obwohl ich so weit rechts, wie nur irgend möglich fahre, weit rechts vom Begrenzungsstreifen, habe ich Angst. Nackte Angst vor den zum Teil wie irre und absolut rücksichtslos an mir vorbei donnernden Autos. Angst um mein Leben. Geschwindigkeitsangaben sind für Autofahrer doch immer pro Rad gemeint, oder? Einfach völlig bekloppte Typen, viele Autofahrer in Deutschland!

Fast schreie ich vor Erleichterung, als nach zwei Kilometern ein spezieller Wegweiser Mofa-Fahrer, Radfahrer und Kutschen (Kutschen! In diesem irren Gerase, wo Autos gerne mal mit 150 km/h einen knappen halben Meter an Radlern vorbei fahren donnern, Kutschen???!?!?!) von der Straße auf einen asphaltierten Nebenweg weist. Ich war also doch nicht falsch gefahren. Welch ein Irrsinn! Und dann, glücklich:

Überlebt!

Aber natürlich habe ich Verständnis dafür, dass man in diesem armen, armen Landstrich bei Garmisch-Partenkirchen keine 250.000 Euro dafür über hat, hier einen separaten Radweg zu bauen (laut ADFC kostet ein Meter Radweg rund 123 Euro) und alles zu völlig entzerren!

Immerhin habe ich über diesen sehr hochdosierten Adrenalinschub meine Knieschmerzen eine Weile vergessen. Ja - Adrenalin ist schon eine faszinierende Droge.

Aber jetzt kehren die Schmerzen schnell zurück. Es ist ja glücklicherweise nicht mehr allzu weit. Als ich dann kurz danach vor die Wahl gestellt werde, links nach Partenkirchen und rechts nach Garmisch abzubiegen, muss ich doch noch mal meine Karte zücken. Es geht für mich nach rechts.

vor Grainau

Das letzte Stückchen Weg steht mir bevor: Anfahrt auf die 3.500-Einwohner-Ortschaft Grainau. Die Zugspitze versteckt sich ein wenig schamvoll in den Wolken.

 

 

 

Eine Weile und einen furchtbar schlechten Radweg (der hat bestimmt nur 80 Euro pro Meter gekostet) später, um eine Minute nach vier Uhr, werde ich von einem Schild "Herzlich Willkommen im Zugspitzdorf Grainau" geheißen. Eine Erleichterung! Die Begrüßungs-veranstaltung meines Reiseunternehmers um 18 Uhr habe ich also doch locker erreicht.

Kirche in Grainau

Die Kirche von Grainau in abendlicher Beleuchtung.

 

 

 

Dort findet sich ein interessantes Häuflein von 14 Radlern zusammen, die geleitet von einem Guide und mit Begleitung eines Fahrzeuges, über die Alpen radeln wollen. Man beschnuppert sich ein wenig und findet sich zum Teil sympathisch und zum Teil nicht unbedingt so sehr - wie es bei Gruppen eben so ist. Immerhin outen wir uns alle als absolute Greenhorns, was Radfahren in den Bergen angeht: Der Veranstalter bietet verschiedene Leistungsklassen an, was solche Transalp-Touren angeht, und wir 14 Leute haben alle den einfachen "Einsteiger-Level" ausgewählt. Sozusagen die leichte Tour über die Alpen.

Und diese Fahrt über die Alpen, die Transalp, kann also kommen. Die Tour heute war ja nur mein ganz persönlicher "Prolog"...

 

... der mir neben den Knieschmerzen immerhin 107,0 Kilometer Wegstrecke auf dem Tacho und 1040 Höhenmeter beschert hat. Diese habe ich bei einer reinen Fahrtzeit von 4 Stunden und 9 Minuten zurückgelegt, was einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 25,7 km/h entspricht. Nicht schlecht für die Alleinfahrt eines Flachländers in bergiger Umgebung, finde ich. Meine Spitzengeschwindigkeit von 57 km/h hatte ich bisher auch noch nie erreicht - merke aber deutlich, dass mir Geschwindigkeiten oberhalb von 50 km/h nicht wirklich gefallen. Dafür muss ich wohl noch ein Gefühl bekommen. Und bis dieses Gefühl bei mir da ist, werde ich bei Bergabfahrten ganz bewusst ein "Angstbremser" sein - auch, wenn erfahrene Bergradler mich dafür verspotten werden. Es gilt für mich einfach: Safety first!

 

 

Den Bericht zu dem zweiten Radtouren-Tag, dem ersten Tag der "richtigen Transalp" mit der Fahrt von Grainau nach Prutz in Österreich, finden Sie hier.

 

Hier können Sie meine externe Bilderserie zu allen Tagen der gesamten Transalp, der Alpenüberquerung per Rennrad, mit 73 großformatigen Bildern auf meiner externen Webseite www.reiseberichte-bilder.de aufrufen (ein neues Fenster öffnet).

 

Hier können Sie sich die kml-Datei dieser Tages-Etappe herunterladen - und den exakten Weg direkt z.B. in Google Earth nachverfolgen. Der exakte Tourenverlauf wird außerdem auch in der (zoombaren) Karte unten mit der roten Linie angezeigt.

 

 

 

 

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Dirk Matzen

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