Radfahren...!
Von Hamburg nach Berlin
5. Tag: Paulinenaue bis Berlin

Ein Fahrrad-Reisebericht
   mit 22 Bildern




Berlin Siegessäule Festival of Lights

Was für ein Empfang am Zielort Berlin: Die Siegessäule - während des "Festival of Lights" in ebenso außergewöhnliches wie wunderschönes Licht getaucht.

Hier geht es direkt zum unmittelbar vorangegangenen Teil 4 des Fahrrad-Reiseberichtes von Hamburg nach Berlin, dem vierten Tag mit der Fahrt von Havelberg nach Paulinenaue.

 

Donnerstag, 23. Oktober 2008, 9:10 Uhr, Paulinenaue.
 Temperatur: 3 Grad.

Es ist richtig knackig kalt an diesem sonnigen Morgen. Der Blick aus dem Fenster unseres Privatzimmers in Richtung Kirche zeigt ein paar Nebelschwaden - aber der knallblaue Himmel erscheint geradezu magisch schön. Der letzte Tag auf unserer Radtour von Hamburg nach Berlin bricht an.

 

 

 

Meine Begleiterin möchte heute auf jeden Fall nach Berlin! Sie schlägt vor, dass wir ja eventuell auch mit einem Regionalzug bis ins Zentrum fahren könnten, vielleicht ja ab Nauen. Für mich ein völlig befremdlicher und abwegiger Gedanke! So eine Radtour kann man doch nicht mit einer Zugfahrt abschließen! Pah!

Also brechen wir nach einem reichhaltigen Frühstück auf in den kühlen, eisigen Morgen, am Flugplatz Paulinenaue / Bienenfarm entlang verlassen wir den Ort, der uns am Abend zuvor mit mehreren hilfsbereiten Menschen zwar eine Unterkunft bescherte, aber ansonsten auf uns doch recht gesichtslos wirkt und so gar kein Flair verströmt.

Schloss Ribbeck

Das Schloss Ribbeck - es wird zur Zeit unserer Tour gerade saniert. Hier lebte der "Herr Ribbeck auf Ribbeck im Havelland, ein Birnbaum in seinem Garten stand...".

Hiervon bekommen wir auf unserem ersten Stopp dann jedoch einiges geboten: in Ribbeck. Ja, genau, dem Ribbeck aus "Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland, ein Birnbaum in seinem Garten stand..." (nach dem Gedicht von Theodor Fontane, lange Zeit später auch einmal von Achim Reichel musikalisch umgesetzt). Ein wirklich entzückender Ort mit einem schönen kleinen Dorfzentrum. Bei dem blauen Himmel um so schöner! Leider wird das Herrenhaus der Familie Ribbeck gerade renoviert bzw. restauriert - aber für eine Besichtigung wären wir eh zu früh am Tag hier. Nicht zu früh jedoch für die schöne Kirche auf deren Grün seit noch nicht allzu langer Zeit ein Nachfolger des berühmten Birnbaumes steht...

Ribbeck Birnbaum

Vor der Kirche: Ein neuer Birnbaum wächst heran.

Beschwingt von dem schönen Ort geht das Radeln bei prallem Sonnenschein mittlerweile fast wie von alleine. Uns geht es prächtig!

Und doch kommen wir einfach nicht so richtig voran. Alles gerät ins Stock! Immer wieder steigen wir von den Rädern runter. Grund dafür:

 

Tausende tolle Höhepunkte des Tages!

Immer wieder MÜSSEN wir einfach Pausen einlegen, denn auf den von den Ortschaften etwas abgelegenen Radwegen werden wir wieder und wieder Augenzeugen eines grandiosen Naturschauspieles - das uns immer und immer wieder in seinen Bann schlägt und somit vom Fahrrad runter zwingt. Und dann stehen wir immer wieder mit offenen Mund dort und bewundern die gigantischen Schwärme an Kranichen und Wildgänsen, die sich hier auf den Feldern und Wiesen gesammelt haben und sammeln, um dann irgendwann gen Süden aufzubrechen.

Kraniche auf Feld

Eine Kamera mit gutem Tele-Objektiv hätte großartige Fotos erbracht. Mit meiner kleinen Kompaktkamera war es leider nicht möglich, die ganze Faszination der Felder voller Kraniche in Fotos auch nur annähernd darzustellen und zu erfassen.

 

 

 

Zu tausenden und abertausenden haben diese Vögel sich hier getroffen, vielleicht haben sie ja auch nur hier genächtigt, suchen sich jetzt hier noch ein wenig Fressbares vor ihrem Weiterflug in den Süden. Fliegen jetzt in größeren Gruppen mal hierhin, mal dorthin - immer mit großem Spektakel. Ein faszinierendes, ein anrührendes, auf jeden Fall wunderschönes Erlebnis!

Hier stehen zu bleiben ist kein Zeitverlust - nein, es ist ein Gewinn! Denn es ist eine Freude und macht ein wenig Ehrfurcht vor den Natur. Radler, die diese Tour im Sommer machen, müssen auf ein solchen Erlebnis leider verzichten. Dafür muss man sich eben doch im Oktober aufmachen.

Schade, dass meine kleine Digitalkamera kein ausreichendes Tele-Objektiv hat, um die Schönheit und Erhabenheit dieser Tiere zu erfassen...

Es fällt uns jedes Mal aufs neue schwer, uns wieder von diesem Schauspiel loszureißen - nur um dann ein paar hundert Meter weiter wieder vor einer anderen Wiese mit tausenden von Kranichen zu stehen... Ein tolles Erlebnis!

 

Und doch kommen wir am späten Vormittag irgendwie nach Nauen. Warum hier die Fensterscheibe eines türkischen Imbisses offenkundig mit Steinen zertrümmert worden ist, erschließt sich uns nicht - aber Nauen ist groß und schön genug, um ein wenig hier herumzuschlendern, sich ein nettes Café zu suchen (sowohl leckerer Kaffee, als auch die Toilette - Sie verstehen...) und noch in einem Supermarkt ein paar wichtige Dinge für Körper und Seele zu kaufen.

Rathaus von Nauen

Detailansicht am Rathaus von Nauen.

 

 

 

Großen Zeitdruck haben wir einfach nicht mehr, Berlin ist nicht mehr allzu weit. Von daher haben wir auch genügend Ruhe, uns hier ganz gelassen nach einiger Zeit wieder auf den Weg zu machen. Aber nicht sonderlich weit geht die Tour, danach kommt der nächste Schlenker, der nächste Stopp: Als Radioamateur der 70er Jahre muss ich natürlich der Großfunkstation Nauen einen Moment meiner Zeit und meiner Aufmerksamkeit gönnen. Waren die Kraniche vorhin ein Wunderwerk der Natur, so sind diese gewaltigen, komplexen Antennen-Anlagen eine Meisterleistung der Technik und der Ingenieurkunst. Und sie machen tatsächlich großen Eindruck auf mich. Seit Jahrzehnten wird von hier Radioprogramm in alle Welt gesendet, zuweilen von der Deutschen Welle, früher einmal von Radio Berlin International (dem Auslandsrundfunk der DDR) und was weiß ich noch, von wem noch. Na dann: Immer gut DX und viele 73!

Paaren im Glien, Kirche

Die Kirche der Ortschaft Paaren im Glien.

Viel Zeit verbringen wir hier allerdings nicht. So langsam verspüren wir eine magische Anziehungskraft, die da heißt: Berlin! Lange halten wir uns auch in Paaren im Glien und Perwenitz nicht auf, auf dem Berliner Autobahnring, der zwischen diesen beiden Orten verläuft, gibt es einen kurzen, andächtigen Stopp: Immerhin ist dies der "BERLINER Ring".

Autobahn Berliner Ring

Kurz hinter Paaren im Glien wird es ernst: Wir überqueren die A10 - den "Berliner Ring". Wir kommen Berlin also in großen Schritten näher.

 

 

 

Aber erst nach weiteren gut zehn Kilometern Fahrt bestehe ich in "Pausin" auf einem "Päuschen". Hier ist es noch richtig dörflich... Noch einmal rund acht Kilometer weiter gibt es noch eine Pause in einem Dorf: in Schönwalde. Die Pause hier ist dann aber plötzlich von etwas Melancholie überschattet. Wir wissen, dass dies der letzte Moment außerhalb der Großstadt sein wird!

Pause in Pausin

Jetzt noch eine schöne Pause - in Pausin.

Überresten der Berliner Mauer

Kurz hinter Schönwalde-Siedlung stoßen wir auf eine Gedenkstätte mit Überresten der Berliner Mauer.

 

 

 

Fast kommt ein wenig Traurigkeit auf: Sollte unsere Tour gerade jetzt, wo das Wetter so grandios ist und das Radeln ohne alle Probleme läuft, zu Ende gehen? Das wäre ja geradezu grotesk - kaum hat man seine Beschwerden mit Beinen, Rücken und vor allem Po überstanden, da soll alles vorbei sein?

Nun, ganz so ist es nicht. Kurz danach befinden wir uns zwar in dem nach Hamburg, Schleswig-Holstein, Niedersachsen, Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg und Sachsen-Anhalt siebten Bundesland unserer Tour: in Berlin! Aber mein Gefühl, dass, wenn wir denn jetzt schon in Berlin sind, dann ja auch gleich "da", also am Ziel, sind, erweist sich als sehr trügerisch! Ich muss feststellen, dass Berlin weitaus größer ist, als Hamburg - und auch als ich dachte. Ein ganzes Stück des Weges hier radeln wir abseits der Empfehlungen des Bikeline-Radführers durch Falkensee und durch Spandau, kommen jedoch wieder zurück auf den empfohlenen Weg - der hier, in dem Großstadtdschungel, jedoch oft schwer zu finden ist. Empfehlungen wie "nach links an dem Pfosten und den zwei Steinen vorbei in den Wiesenweg" sorgen eher für Verwirrung bei uns, als wir an einer Einfahrt mit zwei Pfosten und einem großen Stein stehen... Abbiegen, oder nicht abbiegen, das ist dann die Frage!

 

 

 

Aber doch, man findet den Weg, auch wenn man einige Zeit durch Suchen von richtigen Straßen und Abzweigungen verplempert. Nachdem wir schon über eine Stunde durch Berliner Gebiet radeln, den Lärm der Großstadt schon wieder hassen gelernt haben, Haselhorst und Jungfernheide hinter uns gelassen haben, verabschiedet sich die Sonne mit einem gewaltigen Schauspiel über dem Westhafenkanal von uns. Sie hat uns auf unserer fünftägigen Tour weitaus mehr begleitet, als wir zu hoffen gewagt hatten. Herzlichen Dank dafür!

Schloss Charlottenburg Abendlicht

Eine Sehenswürdigkeit auf den letzten Kilometern der Tour: Das Schloss Charlottenburg am Abend.

 

 

 

Für uns geht es auf Nebenstraßen nach Charlottenburg. Ein kurzer Blick auf die Sehenswürdig-keit, das Schloss, genügt uns völlig - aber ab sofort sind die Straßen gigantisch breit, gigantisch voller Autos und gigantisch laut. Was für ein Unterschied im Vergleich zu den fünf vorangegan-genen Tagen! Während es langsam richtig dunkel wird, nähern wir uns dem letzten und vielleicht absoluten Höhepunkt unserer Tour, kurz vor dem Ziel: Der "Sieges"säule. Ja, genau, wir haben gewonnen! Den Kampf gegen uns selber, gegen den inneren Schweinehund, und gegen alle anderen Unbilden der Tour (so viele gab es ja gar nicht). Nicht einmal unsere vergessene Luftpumpe haben wir benötigt! Glück gehabt - alles war gut!

Zur Feier des Tages, und vielleicht ja auch, um uns würdig zu begrüßen, wurde die Siegessäule, von den Berliner ja despektierlich "Goldelse" genannt, in den krassesten Farbe beleuchtet. Es ist in Berlin gerade das "Festival of Lights", viele öffentliche Gebäude werden zu dieser Zeit in ungewöhnlichen Farben beleuchtet.

 

 

 

Die Siegessäule, UNSERE SIEGESSÄULE! Froh und stolz sind wir - und der beste Platz, das auszudrücken ist doch die Siegessäule!

Auf den "offiziellen Endpunkt" der Bikeline-Route, das Brandenburger Tor, verzichten wir, diese Siegessäule soll einfach mal der Höhe- und Schlusspunkt unserer Tour sein. Heute haben wir immerhin noch mal 80,0 km zurückgelegt. Und das diesmal locker und leicht, ohne irgendwelche Probleme. Und gemütlich: mit eine Durchschnittsgeschwindigkeit von 15,1 km/h.

Jetzt also ab nach Kreuzberg, noch schön etwas essen, eine Dusche - und dann von den insgesamt 399,6 eher gemächlichen Kilometern auf dem Fahrrad träumen, von denen ich rückblickend nicht einen einzigen missen möchte. Es hätte sogar ruhig noch ein halber Kilometer mehr sein dürfen!

Nicht zu vergessen: Der Oktober - er erwies sich aller vorheriger Bedenken zum Trotz als großartige Zeit für eine Radtour! Oft waren wir auf weiter, weiter Flur die einzigen Radler auf der Strecke, nur ganz wenige andere Streckenradler begegneten uns in diesen fünf Tagen. Demzufolge war es auch kaum einmal ein Problem, eine Unterkunft zu finden. Dies mag im Sommer völlig anders aussehen. Es ist zwar zuweilen kalt, aber auf Kälte kann man sich ja mit der Kleidung leicht einstellen. Außerdem radelt man sich ja warm. Das Besondere jedoch an einer Tour im Oktober: Die Herbstverfärbung in der Natur! Es gab viele schöne Farben und Farbkonstellationen auf der Tour. Sie sind es, die solche herbstlichen Touren erst zu einem großartigen Erlebnis machen!

 

 

Hier können Sie sich die kml-Datei dieser Tages-Etappe herunterladen - und den exakten Weg direkt z.B. in Google Earth betrachten. Bei gestörtem oder schlechtem Empfang durch meinen GPS-Logger (z.B. in Städten oder oft auch im Wald) nimmt der angezeigte Streckenverlauf zuweilen etwas bizarre Formen an, aber er stimmt im groben doch immer. Pausen habe ich herausgeschnitten, aber kleine Rundgänge in Städten sind enthalten. Der Tourenverlauf wird auch in der Karte unten auf der (zoombaren) Karte mit der gelben Linie angezeigt.

 

 

 

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Dirk Matzen

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