Radfahren...!
Von Hamburg nach Berlin
1. Tag: Hamburg-Eimsbüttel bis Bleckede

Ein Fahrrad-Reisebericht
   mit 12 Bildern




Elbe bei Lauenburg

Die Elbe zwischen Lauenburg und Hohnstorf - eine schöne und ruhige Landschaft, wie geschaffen zum Radfahren.

Sonntag, 19. Oktober 2008, 8:15 Uhr, Hamburg-Eimsbüttel.
 Temperatur: 10 Grad Celsius.

Müde bin ich, etwas unruhig - Ungewissheit umschreibt meinen Gemütszustand wohl am besten. Ich besteige mein Fahrrad, zwei Satteltaschen hängen an ihm mit der wichtigsten Ausrüstung für etwa sieben Tage. Regenfest sind meine Satteltaschen nicht, alle Klamotten habe ich eben drum extra in Plastiktüten als Regenschutz verpackt. Die Fahrt geht los, meine Liebste ist deutlich elanvoller als ich - na klar: Sie begibt sich schließlich auf den Weg nach Hause, ich muss hingegen von Zuhause wegfahren... Es ist kühl, mich fröstelt ein wenig, der Himmel ist von dicken Wolken bedeckt. Aber es regnet nicht, ein wenig windig ist es, aber nicht allzu schlimm, hier in der Stadt.

So also startet unsere Radtour - sie soll uns von Hamburg nach Berlin führen, möglichst in fünf, maximal in sieben Tagen. Solch eine Strecke bin ich noch nicht andeutungsweise mit dem Fahrrad gefahren. Ausgerüstet mit dem bekannten Bikeline-Radreiseführer für die Strecke Hamburg-Berlin geht es los. Für mich eine weitgehend unbekannte Strecke. Lediglich bis in die Hamburger Vier- und Marschlande hinein reichen meine Ortskenntnisse - danach wird alles für mich neu.

Die Innenstadt von Hamburg ist an einem grauen Sonntag-Morgen Mitte Oktober um diese Uhrzeit seltsam unbelebt! Die ersten elf Kilometer der Strecke kenne ich gut und könnte sie fast im Schlaf fahren - sie decken sich exakt mit meinem Arbeitsweg nach Rothenburgsort. Aber in einem so ruhigen, verschlafenen Zustand wie an diesem Sonntagmorgen habe ich den Weg durch die Innenstadt wohl noch nie erlebt...

 

 

 

Ein erster Höhepunkt auf unserer Tour dann auf der schönen Elbinsel Kaltehofe. Im Vorbeiradeln registriere ich im Augenwinkel plötzlich eine Drohgebärde! Huch!! Was mag das wohl sein?

Und tatsächlich: auf der Straße, an dem recht hohen Absatz am Rinnstein, sitzt - eine Wollhandkrabbe! Offenkundig ist der Absatz so hoch, dass sie nicht den Weg zurück ins Grün und somit ins Wasser der Elbe findet. Ihr Körper ist beeindruckend, etwas so groß, wie meine Handfläche, und Ihre beiden Scherenhände mit den kräftigen Scheren hat sie als Drohung weit auseinandergebreitet, insgesamt etwa Unterarmlänge. Während ich noch mit mir ringe, wie man diesem Tier helfen kann und ob die Scheren kräftig genug sind, meinen kleinen Finger abzukneifen, schreitet meine Liebste unverdrossen zur Tat. Sie ist eine Heldin! Mit Hilfe von Handschuhen und einer Plastiktüte wird die Krabbe über den Deich zum Elbufer gebracht. Schneller als man das Wort "tschüss" aussprechen könnte, ist sie im Wasser verschwunden...

Die Fahrt lässt sich also ganz gut und interessant an auf diesen ersten 13 Kilometern. Nachdem nun also mein Kreislauf ein wenig in Schwung gekommen ist, lässt es sich vernünftig radeln. Auch, als im Laufe der Zeit der Wind auffrischt, kommen wir ganz gut voran. Der Wind kommt böig zumeist von der Seite und beim radeln merkt man ihn nicht allzu sehr. Das ändert sich jedoch schlagartig bei einer Pause bei Ochsenwerder in den Vier- und Marschlanden. Plötzlich rüttelt durch eine Windschneise ein eisig empfundener Wind an mir. Huch - der ist ja richtig fiese kalt! Schon ein wenig nassgeschwitzt fange ich sofort an, vor Kälte zu zittern. Bitte nur eine ganz kurze Pause, etwas Wasser, schnell eine Scheibe Brot - und dann bloß weiter! Auf dem Fahrrad friere ich nicht - sofern ich meine Handschuhe trage.

Radweg in Altengamme

Auch so kann Hamburg aussehen: Radweg auf dem Weg der früheren Hamburger Marschbahn. Hier in Altengamme in den Vier- und Marschlanden.

 

 

 

Ein Kaffee, ach, das wäre jetzt schön! Wir fahren schon etliche Kilometer auf dem alten Bahndamm durch die Vier- und Marschlande, und ich weiß, dass es irgendwo nach rechts abgehen muss, zum bekannten Café Zollenspieker Fährhaus, das schön direkt an der Elbe gelegen ist. Allein: ich weiß nicht exakt, wo dies liegt und wo wir abbiegen müssten, um dorthin zu gelangen... Erst viel zu spät bemerken wir: die Abfahrt zum Zollenspieker haben wir längst verpasst. Ein Hinweisschild gab es hier nicht. Und zurück fahren? Jetzt schon, am ersten Vormittag? Niemals!

Also geht's weiter - es wird ja sicherlich noch zahlreiche weitere Möglichkeiten geben, einen Kaffee zu trinken!

Irgendwo hier in der Gegend stellen wir beide fest, dass wir (beide!!!) uns üppig mit Flickzeug und allem Möglichen für eine schnelle Fahrradreparatur ausgestattet haben - nur: eine Luftpumpe haben wir beide vergessen! So etwas geht doch gar nicht! Es ist ja schon ganz okay, so eine Tour mit Gottvertrauen zu starten, aber dann nicht mal mit einer Luftpumpe - das kann man wohl kaum noch "Gottvertrauen" nennen...

Wir schlagen uns weiter durch, der Himmel bleibt grau, die Temperatur steigt etwas mühsam auf 12 Grad, der Wind bleibt - weht uns aber immerhin nicht direkt von vorn entgegen. Hauptsache, es kommt endlich mal ein Café!

Die Hoffnung hierauf naht Zusehens - in Form des Städtchens Geesthacht an der Elbe. Wir sind hier dann schon in dem zweiten Bundesland unserer Tour: Schleswig-Holstein. Es ist zwar erst 13:00 Uhr, noch längst nicht die klassische Kaffee-Zeit, aber das kann ja nicht wirklich ein Problem sein! Was dann folgt, ist...:

Der skurrile "Höhepunkt" des Tages!

Direkt links an unserem Weg sehen wir schon bald eine Gaststätte, nichts wie hin, die Räder abgestellt - und mit Sack und Pack in die Gute Stube hinein. Nur zwei oder drei Tische von ca. 15 sind besetzt. Weit kommen wir aber nicht: Die Bedienung stellt sich kurz nach dem Eingang direkt in unseren Weg, die Hände in die Hüften gestemmt. Was wir denn wünschen. Wir fragen nach einem Kaffee. Nein, das ginge hier gar nicht. Dies hier sei ein Restaurant!! Nebenan, im Hotel, würden wir unseren Kaffee bekommen.

Zum zweiten Mal in meinem Leben bin ich aus einer Gaststätte geflogen, aber diesmal hochkant. In Geesthacht, tja. Ein fetter Minuspunkt für diesen Ort! Aber macht ja nix - unverdrossen machen wir uns auf die fünfzig Meter Weg nach nebenan, zur Gaststätte "Fährhaus Ziehl". Dort kommen wir immerhin ungeschoren in den Bedienungsbereich.

Dann spielt sich folgendes ab:

Wir (direkt am Bedienungstresen und betont freundlich): Guten Tag, wir würden gern einen Kaffee trinken, ist das hier möglich?

Bedienung 1 (blond): "Was? Einen Kaffee? Oh Gott!"

Eine halbe Minute geschieht weiter nichts, Bedienung 1 werkelt griesgrämig vor sich hin, würdigt uns keines weiteren Blickes. Wir stehen mit Sack und Pack vor dem Tresen. Dann:

Bedienung 1: (in schroffen Ton) "Setzen Sie sich hier vorne hin!!" Sie weist in Befehlston auf den Katzentisch direkt vorm Tresen, am Durchgang - macht ja nix.

Fünf Minuten lang geschieht nichts. Dann:

Bedienung 2 (brünett), an unserem Tisch, fast schon aufgesetzt freundlich wirkend: "Guten Tag". Sie stellt eine riesige Holztafel mit den aktuellen Essenangeboten direkt auf den Tisch - die Speisekarte, äh -tafel.

Zwei Zehntelsekunden später: wie der Blitz, kommt Bedienung 1 vom Tresen angeschossen, grapscht wortlos nach der Holztafel, nimmt sie wieder weg und bringt sie zu einem anderen Tisch in einem Nebenraum. Anschließend verkriecht sie sich wieder hinter dem Tresen. Wortlos.

Offenbar der Herr des Hauses schreitet seit Kurzem durch die Räume, grüßt uns betont freundlich.

 

 

 

Fünf Minuten lang geschieht ansonsten wieder nichts, während wir in dem dusteren Gastraum etwas "abschwitzen". Immerhin haben wir schon 43 Kilometer an diesem Tag bewältigt.

Dann plötzlich, wie aus dem Nichts und nach gesamt ca. einer Viertelstunde, steht Bedienung 1 an unserem Tisch, ruppig: "Dann also zwei Kännchen Kaffee!" Nicht als Frage formuliert.

Wir, betont freundlich: "Oh, geht es vielleicht auch, dass wir je einen Latte Macchiato bekommen können?"

Bedienung 1 verdreht die Augen und geht wortlos.

Fünf bis zehn Minuten lang geschieht nichts.

Dann hört man, deutlich in der ganzen Gaststätte vernehmbar, Bedienung 1 gen Küche rufen: "Helene (Name von der Redaktion geändert...), kümmerst du dich um den LATTE MACCHIATO???" mit einer merkwürdige Betonung auf "Latte Macchiato".

Der Hausherr schreitet pausenlos durch die Räume, erkundigt sich an den durchaus gut besuchten Tischen hier und da nach diesem und jenem. Uns würdigt er jedoch keines Blickes mehr. Auch weiterhin.

Zehn Minuten lang geschieht weiter nichts.

Im Hintergrund hört man dann aus einem nicht sichtbaren Munde einen Ruf durch das gesamte Lokal hallen: "Was macht denn der LATTE MACCHIATO?"

Weitere fünf Minuten tut sich nichts weiter, was uns anginge, dann: wieder ein Ruf hinter den Kulissen, diesmal ein wenig leiser, aber doch hörbar: "Dann steht noch der LATTE MACCHIATO aus..."

Auch die nächsten fünf Minuten geschieht weiter nichts. Wir haben uns mittlerweile bestens vom radeln bei dem böigen Seitenwind erholt und würden am liebsten weiter fahren. Aber die Strafe für unsere boshafte Unverschämtheit ist ja noch nicht an den Tisch gebracht worden.

Nach weiteren fünf Minuten kommt Bedienung 2 mit zwei kleinen, fast winzigen Gläschen Milchkaffee auf Untersetzern an den Tisch, platziert diese mit schon fast übertriebener Freundlichkeit, strahlend!

Zehn Minuten später ist der "Latte Macchiato" geleert, wir erfreuen uns an den guten Klos - dies ist auf einer Radtour immer eine Freude wert! Das Trinkgeld fällt leider sehr dürftig aus, wir verlassen nach dem Zahlen fluchtartig den Raum. Noch nie bin ich in einer Gaststätte so herabgewürdigt und gedemütigt worden wie hier in Geesthacht, nicht mal im allgemein unfreundlichen und extrem serviceunwilligen Bukarest, auch nicht zu sozialistischen Zeiten sonst wo in Osteuropa. Aber Beschwerden hätten eh nur für weiteren Verdruss gesorgt - und wir haben ja auch Urlaub und können schon kurz nach Verlassen der Gast(un)stätte über das Erlebnis herzlich lachen!

Aber trotzdem, der logische Gedanke: Nichts wie weg aus Geesthacht! Für uns ein Ort des blanken Entsetzens!!

Atomkraftwerk Krümmel

Das Atomkraftwerk Krümmel. Eigentlich soll hier Strom gemacht werden. Häufig aber passieren hierbei jedoch sonderbare Pannen.

 

 

 

Schnell naht danach einer der touristischen Höhepunkte der Radtour am ersten Tag: das Atomkraftwerk Krümmel! Aber nein, ich schreibe jetzt besser weiter nichts über die zahlreichen und endlos langen Tage, die ich gut zwanzig Jahre zuvor dort am Haupt-Einfahrtstor, blockierend, verbracht habe und sehr freundlich und achtsam von der Polizei entfernt wurde...

Vor dem Atomkraftwerk verbringen wir eine kurze Pause, zum Gucken, wie es heutzutage dort wohl aussieht. Nachdem dort gut ein Jahr zuvor ein Transformator völlig unkontrolliert abgefackelt ist, steht das gesamte Teil völlig nutzlos in der Gegend herum. Warum entsorgt man es nicht einfach?

 

 

 

Ein Stück des Weges weiter reicht die Beschreibung in dem Radreiseführer einfach nicht aus, um nun sicher zu erkennen, welchen Weg wir durch den beginnenden Wald nehmen müssen. Müssen wir weiter auf der ebenen Strecke oder den steilen Anstieg bergauf? Hinweise gibt es nicht. Wir entscheiden uns für die ebene Strecke, vielleicht schon allein wegen der Bequemlichkeit.

Eine gemeine Fehlentscheidung! Der Weg, den wir gewählt haben, löst sich recht schnell in allgemeinem Morast auf. Irgendwann ist an Rad fahren nicht mehr zu denken - der Boden ist einfach zu tief. Und wie heißt es doch so schön: wer sein Rad liebt - der schiebt...

Das bringt jedoch nur wenig Freude, denn alsbald versinkt man auch mit den Schuhen in dem immer tiefer werdenden Boden. Das Schieben des mit etlichen Kilos zusätzlich beladenem Rades ist enorm kraftraubend, nach vielleicht 200 Metern bin ich wieder klitschnass geschwitzt und fast am Ende meiner sowieso eher dürftigen Kräfte.

Elbhang bei Tesperhude

Oh weh! Irgendwo bei Tesperhude sind wir vom "rechten Weg" abgekommen und geraten in wegloses Matschgelände. Einziger Ausweg: Die schwer beladenen Fahrräder hier den Elbhang hoch schieben.

 

 

 

Was tun? Jetzt hier umkehren? Niemals!

Aufgeben? Also das kleine Stück nach unten direkt in die Elbe hinein gehen? Und auf die DLRG hoffen? Einfach umfallen und weinen? Oder etwa die schweren, beladenen Fahrräder den sehr steilen Elbhang nach oben schieben, querfeldein, ohne Weg?

Nach einem Moment der Ratlosigkeit entscheiden wir uns für letzteres. Trotz des durchaus steilen Hanges fällt es viel leichter, die Räder hinauf zu schieben, als weiter unten durch den Modder zu waten. Nach ca. 20 oder 30 Metern Höhenunterschied stoßen wir auf einen perfekt zu befahrenden, wunderschönen Waldweg. Ist das schön, wieder auf dem gemütlichen Sattel zu sitzen!

 

 

 

Kurz vor Lauenburg verfahren wir uns wieder - unsere Erkenntnis: Einige Beschreibungen in dem Bikeline-Führer sind für Unwissende einfach nicht ausreichend! Wenn man es erstmal erkundet hat, dann ist alles schon irgendwie klar und logisch, aber ohne genaue Ortskenntnisse ist man zuweilen zu knapp bedient. Wir landen diesmal als Folge jedoch an einem wunderschönen Plätzchen, sehr idyllisch. Es ermöglicht uns eine kurze Pause auf einer Bank, die uns einen tollen Blick über die Elbe in Richtung der Ortschaft Artlenburg in Niedersachsen ermöglicht. So schön kann es bleiben! Weiter radeln kann man hier jedoch nicht, da es nach ein wenig dichtem Gestrüpp steil runter zur Elbe geht. Also jetzt ein Stück zurück.

Auf die Suche nach dem eigentlich gemeinten Weg begeben wir uns nicht lange - wir fahren einfach auf die Bundesstraße B5, es ist nur noch ein kurzes Stück bis nach Lauenburg. Den schönen Elbort schauen wir jedoch nur in aller Kürze an, irgendwie zieht es uns weiter. Die Tage sind schließlich nicht allzu lang, wir sind noch beim ersten Tag und haben ja noch viele Kilometer vor uns und mit dem bizarren LATTE MACCHIATO in Geesthacht enorm viel Zeit verplempert.

Auf den schnellen Eindruck gefällt Lauenburg uns aber ausgesprochen gut! Wir bedauern, nicht beschlossen zu haben, hier einen Kaffee zu trinken und ziehen weiter mit der Erkenntnis, diesen einladenden Ort noch einmal in aller Ruhe und bei Sonnenschein zu besuchen - obwohl auch gerade in diesem Moment ein Hauch von Sonne am Himmel erscheint.

Allerdings nur für einen kurzen Moment. Einstweilen ziehen wir es vor, über die Elbbrücke in das dritte Bundesland, nach Niedersachsen, zu wechseln. Es geht in der Folge weiter nach Südosten, immer an der Elbe entlang. Der Himmel wird wieder dunkelgrauer und jeder der seltenen und nicht sonderlich gepflegten Radfahrer-Rastplätze wird dankbar angenommen. Langsam werden auch meine Beine etwas schwerer.

Elbdeich bei Sassendorf

Über viele Kilometer fährt man an einem solchen Deich, hier bei Sassendorf, entlang und sieht nichts von der Elbe. Das ist bei diesem grauen Wetter nicht sehr abwechslungsreich.

 

 

 

Die Strecke finde ich auf diesem Stück dann auch noch eher langweilig! Kaum einmal begegnen uns andere Radler - wer fährt auch schon Mitte Oktober auf solchen Überland-strecken? Darüber hinaus finde ich auch die Landschaft zumeist schlicht langweilig. Es ist keinesfalls so, dass man in Niedersachsen das Privileg genießen kann, AUF dem Elbdeich zu fahren - dort gibt es keinen Radweg. Nein, man fährt NEBEN dem Elbdeich - man hat also die ganze Zeit auf der linken Seite eine Art grüner Mauer. Auf der rechten Seite ist meist Landschaft - die an diesem grauen, diesigen Tag nicht sehr einladend wirkt. Durch Dörfer kommt man eher nicht, man fährt an ihnen vorbei. Orte wie Sassendorf, Bullendorf, Barförde, Wendewisch, Brackede und Radegast verschwinden rechts von uns, irgendwie im grün-grau des Tages.

Zu meiner zunehmenden körperlichen Ermattung gesellt sich also eine gewisse geistige Ermüdung hinzu. Wenn man doch zumindest irgendwo mal kurz und nett einkehren könnte! Aber es gibt direkt an der Wegstrecke nichts, überhaupt nichts - und wir hätten eigentlich auch gar keine Zeit dafür. Es wird schließlich ab fünf Uhr dunkel, zumindest so dunkel, dass es für Radler langsam gefährlich wird, wenn sie nicht auf Radwegen unterwegs sind.

 

 

 

Ich versuche mir etwas Abwechslung zu verschaffen mit dem Radio-Empfangsteil meines mp3-Players. Schließlich spielt mein Lieblings-Fußballverein zur Stunde gerade ein Ligaspiel in der zweiten Fußball-Bundesliga. Aber hochnäsig wie immer, ignoriert der Norddeutsche Rundfunk in seiner "Bundesliga-Show" beharrlich die 2. Bundesliga, sagt gerade mal zehn Minuten vor Spielende die aktuellen Spielstände durch. Wie soll man da mitfiebern? Immerhin: mein Verein führt kurz vor Schluss, auswärts, beim Abstiegskandidaten! Der Empfang in dieser Ecke des Landes ist nicht gerade gut, geradezu "berauschend" und ich muss mir kunstvolle Konstruktionen mit der Antenne einfallen lassen, um überhaupt etwas hören zu können. Erst eine Dreiviertelstunde nach Spielende jedoch lässt sich der NDR, der bei jedem Erstligaspieltag ein Mordsgeschrei veranstaltet, dazu herab, die Schlussergebnisse der zweiten Liga durchzugeben - mein Verein hat sich, wie üblich, mal wieder blamiert und in den letzten paar Minuten noch für eine Niederlage gesorgt...

Nun hasse ich also nicht nur den grauen Himmel, meinen mittlerweile schmerzenden Po, die öde Strecke und den blöden NDR, sondern auch noch "meinen" trotteligen FC St. Pauli und den frechen FC Augsburg. Wäre ich direkt neben der Elbe gefahren, ich hätte wahrscheinlich vor Wut am liebsten den mp3-Player ins Wasser geschmissen - aber der meterhohe Deich und die hunderte Meter Vorland davor halten mich davon ab.

Zwar hat mich die Beschäftigung mit diesem Desaster für meine Begleiterin völlig unkommunikativ werden lassen - aber immerhin ist eine Stunde Fahrt so vergangen, ohne, dass ich mir allzu viele Gedanken gemacht habe über meine Beine, die zusehends erlahmen, und über meinen Hintern, der - wenn ich ganz ehrlich bin - entsetzlich weh tut. Ach, hätte ich doch eine gepolsterte Radlerhose und nicht nur meine harte Jeans! Ich habe langsam keine Lust mehr, immerhin haben wir schon fast 80 Kilometer geschafft. In dem milchigen, trüben Licht weiß man gar nicht so recht, ob es eigentlich schon langsam dunkel wird...?

So oder so: Es wird Zeit dafür, eine Unterkunft zu suchen! Hierbei erweist sich der Bikeline-Radführer, wie eigentlich letztlich doch oftmals auch auf der Strecke, als ein vorzüglicher Helfer! In Bleckede werden diverse Übernachtungsmöglichkeiten aufgelistet, da wird sich doch wohl was finden lassen...? Wir beschließen, gar nicht groß bei den Herbergen anzurufen, sondern einfach mal nach den Gegebenheiten vor Ort zu schauen, und dann eben vor der Tür zu stehen und nach einer Unterkunft zu fragen.

Mit dieser Aussicht fallen mir die letzten Kilometer nach Bleckede dann plötzlich wieder verblüffend leicht! Schon sind wir dort - und an der erstmöglichen Unterkunft vor der Tür. Ein Papierzettel verweist auf einen Nachbarn - dort öffnet man uns, zeigt sich überrascht, dass jetzt noch Radler unterwegs sind und nach Unterkunft fragen. Die eigentlichen Hausherren seien verreist, aber uns wird ein Zimmer vermietet, alles klappt - wir haben unser erstes Zimmer für die Tour ergattert. Es wird uns sogar noch ein Kaffee gekocht - und eigentlich haben wir für rund 50 Euro eine ganze Hausetage für uns, mit separater Küche und separatem Bad. Nach einer Dusche ist alles bestens - bis auf meine Oberschenkel.

Bleckede am Abend

In Bleckede, Sonntags abends um 18:30 Uhr im Oktober. Ein wenig leer und kahl wirkt die Ortschaft dann schon. Aber das macht ja nichts, wir wollten nach der ersten Etappe unserer Radtour von Hamburg nach Berlin ja eh nur noch ruhen.

 

 

 

Ein kurzer Spaziergang noch durch den Ort mit seinen fast 10.000 Einwohnern, wir entdecken nicht allzu viele Möglichkeiten, etwas Essen zu gehen, entscheiden uns für ein zünftiges Gasthaus. Dort stellen wir zum einen fest, dass man auf dem Land nach wie vor gute Bratkartoffeln anzufertigen versteht - und zum anderen, dass man sich in solchen Ortschaften offenbar keinen Deut um irgendwelche Rauchverbote in Gaststätten kümmert. Zum ersten Mal seit einem guten dreiviertel Jahr esse ich in einem völlig verqualmtem Restaurant - und im Gegensatz zu früher stört mich dies plötzlich ganz gewaltig! Ebenso, wie die total nach Zigarettenqualm stinkenden Klamotten dann später in unserer Unterkunft. Wie ekelig! War das früher etwa auch so widerlich?

Lange denke ich nicht darüber nach, ein traumloser Schlaf übermannt mich recht früh mit voller Wucht!

Immerhin: die ersten 87,7 Kilometer der Strecke von Hamburg nach Berlin sind geschafft - mit einer reinen Fahrzeit von 5:47 Stunden - ein gemütliches Tempo mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von gerade mal 15,1 km/h.

 

 

Hier können Sie sich die kml-Datei dieser Tages-Etappe herunterladen - und den exakten Weg direkt z.B. in Google Earth betrachten. Bei schlechtem Empfang durch meinen GPS-Logger (z.B. in Städten oder oft auch im Wald) nimmt der angezeigte Streckenverlauf zuweilen etwas bizarre Formen an, aber er stimmt im groben doch immer. Pausen habe ich herausgeschnitten, aber kleine Rundgänge in Städten sind enthalten. Der Tourenverlauf wird auch in der Karte unten auf der (zoombaren) Karte mit der gelben Linie angezeigt.

 

Hier geht es direkt zum unmittelbar folgenden Teil 2 des Fahrrad-Reiseberichtes von Hamburg nach Berlin: dem zweiten Tag mit der Fahrt von Bleckede nach Lenzen.

 

 

 

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Dirk Matzen

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