Radfahren...!
Radtour Oder-Neiße-Radweg
  3. Tag: Bad Muskau - Guben (74 km)

Ein Fahrrad-Reisebericht über eine Radtour im Oktober 2010
   mit 20 Bildern





Oder-Neiße-Radweg bei Briesnig

Der Oder-Neiße-Radweg, wie er typischer kaum sein kann: Ein Blick vom Radweg auf dem Deich der Neiße auf den Strom - hier in der Nähe des Ortes Briesnig. Die Grenze zu Polen liegt in der Mitte des Flusses.

Hier geht es zurück zum unmittelbar vorangegangenen Teil 2 des Fahrrad-Reiseberichtes auf dem Oder-Neiße-Radweg, dem zweiten Tag mit der Fahrt von Görlitz nach Bad Muskau.

 

Es ist Donnerstag, der 14. Oktober 2010, 8:45 Uhr, Bad Muskau.
Temperatur: 2 Grad, starker Nebel.

 

Der Morgen empfängt uns nach dem zweckmäßigen Frühstück sehr kühl - und vor allem auch sehr nebelig, als wir heute etwas müde auf unsere Fahrräder steigen. Das ist besonders schade, hatten wir uns doch vorgenommen, heute morgen mit einer Besichtigung des polnischen Teils des UNESCO-Weltkulturerbes Muskauer Park / Park Mużakowski zu beginnen. Am Abend zuvor hatten wir zu Fuß des deutschen Teil des Parks angeschaut, der ca. ein Drittel der gesamten Fläche des Parks ausmacht.

Heute Morgen geht es also als allererstes über die nahegelegene Brücke hinüber nach Polen, in den direkt an die Neiße grenzenden Ort Łęknica. Dort empfängt uns zunächst ein größerer "Polen-Markt". Seit Polen Mitglied der EU ist, sind diese Märkte allerdings nicht mehr so günstig und attraktiv, wie zuvor. Dieser hier hat jedoch beachtliche Ausmaße - und schon fast an allen Ständen wartet man schon jetzt, vor neun Uhr, auf Kundschaft. Wir gehören mit unseren Fahrrädern nicht zu diesem Kreis, sind kurz danach schon im Park verschwunden.

Und immerhin: Der starke Nebel gibt dem Park durchaus einen ganz eigenen Reiz. Aber zum Radfahren eignet er sich mit etwas hoppeligen Wegen nicht so besonders. Also halten wir uns hier nicht allzu lange auf, wechseln über eine kleine Brücke mitten im Park wieder den Staat und fahren zurück auf die deutsche Seite. Immer wieder genieße ich es, dass es heutzutage "einfach so" möglich ist, über diese Grenze zu fahren. Dies war ja längst nicht immer so, und ich kann mich noch gut an die Zeit erinnern, als dies beinahe einem Staatsakt gleichkam, mit jeder Menge Formularen...

Fußgängerbrücke im Bad Muskauer Park zwischen Deutschland und Polen

So unkompliziert kann es mittlerweile sein, von einem Statt in den anderen zu fahren: Einfach über die Brücke fahren - und schon pendelt man zwischen Deutschland und Polen. Grenzpfosten: ja, Grenzposten: Fehlanzeige!

Wir suchen wieder den Oder-Neiße-Radweg, um uns wieder auf den Weg gen Norden zu machen. Aber schon nach wenigen Minuten stehen wir vor einem Zaun und einem Schild, das einen Teil des Weges und somit auch des Parks sperrt und auf "Akute Lebensgefahr!" hinweist. Leider fehlt jeder Hinweis auf eine Alternative. Aber ein paar aufmerksame Arbeiter in der Nähe erweisen sich als hilfsbereit und bringen uns auf den richtigen Weg.

Schild aktue Lebensgefahr im Park

Aber auch auf der deutschen Seite des Bad Muskauer Parks gibt es offenbar Schäden des Hochwassers - allerdings bekommt man diese nicht zu Gesicht.

 

 

 

Der Nebel verzieht sich zwar bald, aber es bleibt heute bedeckt. Klar kann man im Oktober nicht immer mit so traumhaftem Sonnenschein rechnen, wie am Tag zuvor!

Der Weg führt meistens auf getrennten Radwegen durch Felder, Wiesen und Ortschaften. Manchmal auch durch kurze Waldstücke. Nur hin und wieder gelangt man an die Neiße - die auch hier überall Spuren des Hochwassers von vor zwei Monaten hinterlassen hat. Besonders beeindruckt mich immer das völlig niedergedrückte Gras: dieses sieht immer wieder auf ganzen Flächen so aus, als sei es von einem riesigen Bügeleisen platt gebügelt worden. Richtet Gras sich nicht umgehend wieder auf, wenn es mal niedergedrückt wurde? Hier tut es das offenbar über Wochen nicht. Vielleicht sorgen die sichtbaren Sedimentablagerungen der Neiße dafür, dass auch das Gras nach dem Hochwasser einige Erholungszeit braucht.

 

 

 

Gemächlich lassen wir Ortschaften wie Klein und Groß Bademeusel hinter uns, machen den einen oder anderen kurzen Stopp. Ich mag es ja sehr, immer mal durch Ortschaften hindurch zu fahren. Meist geht der Weg nun allerdings direkt auf der Deichkrone der Neiße. Das bietet immer wieder schöne Ausblicke. Und ebenso immer wieder begegnen wir auch hier wieder Folgen des Hochwasser acht Wochen vor unserer Tour: Sandsäcke liegen an einigen Stellen noch am Deich aufgeschichtet. Man bekommt eine ungefähre Ahnung davon, was für eine unglaubliche Arbeit es sein muss, diese riesigen Deichflächen mit den schweren Sandsäcken sichern zu müssen.

Langsam kommen wir in die Nähe von Forst in der Lausitz, berühmt für seinen "Ostdeutschen Rosengarten". Dem Rosengarten wollen wir uns, jetzt Mitte Oktober, nicht unbedingt widmen. Aber ein Café wird der Ort hier an dem Neiße-Verlauf doch sicher haben! Irgendwo hier mitten in der Gegend, noch Kilometer vor Forst, kommt uns eine Läuferin entgegen. Es ist für uns etwas ganz besonderes, mal einen Menschen zu sehen. Eigentlich grüßen wir bei solchen Gelegenheiten gerne, sie jedoch hat dafür keinen Sinn, würdigt uns missmutig keines Blickes. Wahrscheinlich sind wir hier also nicht mehr in Sachsen, das Verhalten mutet eher Brandenburgisch an.

Radweg bei Dorf Bahren

Nur selten trifft man im Herbst andere Leute auf abgelegenen Strecken des Oder-Neiße-Radweges. Typischer Weg an der Neiße - bei heute diesigem Wetter. Hier in der Nähe des Dorfes Bahren.

 

 

 

Bald danach sind wir in Forst/Lausitz, lassen den  Rosengarten aber tatsächlich rechts liegen und werfen lediglich im Vorbeifahren einen kurzen Blick auf ihn. Ganz fasziniert bemerken wir, dass die Stadt gleich über eine ganze Handvoll Brücken über die Neiße verfügt, wovon einige jedoch zerstört und unbrauchbar sind. Sicherlich noch eine sichtbare Folge des Zweiten Weltkriegs. In einer Häuserzeile an der Neiße ist auch tatsächlich ein Café - nur leider hat dies geschlossen. Tja, die touristische Saison ist ja eh längst vorbei.

Oder-Neiße-Radweg bei Keune

Ein perfekter Weg zum Radfahren: Der Oder-Neiße-Radweg in der Nähe des Ortes Keune.

 

 

 

In die Stadt hineinfahren wollen wir aber auch nicht unbedingt. Diese Nachlässigkeit wird dadurch bestraft, dass wir erst nach einer weiteren halben Stunde die Möglichkeit bekommen, einen Kaffee zu trinken. Dafür weichen wir eine Weile lang mal ab von der üblichen Route des Oder-Neiße-Radweges. In einem Gasthaus in Sacro sind wir die einzigen Gäste weit und breit - aber dem Wirt verhagelt es nicht die ansteckend gute Laune, dass die beiden mittäglichen Gäste lediglich je einen Milchkaffee wünschen. Immerhin bietet die Gaststube auch mal einen Moment lang die Möglichkeit, am Weltgeschehen teilzunehmen, das man ansonsten auf einer solchen Tour nur allzu leicht völlig vergisst: Es läuft im TV gerade eine Live-Übertragung der Rettung der wochenlang verschütteten Chilenischen Bergleute. Anrührende Momente!

zerstörte Brücke bei Forst/Lausitz

Überbleibsel des Zweiten Weltkrieges: Eine von zwei zerstörten Brücken des Ortes Forst/Lausitz. Da wir direkt an der Radroute kein geöffnetes Café in Forst fanden, ließen wir den Ort dann links liegen.

 

 

 

Die Temperaturen sind den ganzen bisherigen Tag lang so, dass man Handschuhe tragen muss - aber es bleibt trocken und insgesamt kann man durchaus gut Fahrrad fahren. Auf die richtige Kleidung kommt es halt an. Auch bedingt durch unser abscheren von dem offiziellen Weg kommen wir nach Forst mal direkt durch Ortschaften: Sacro, Naundorf und Briesnig. Dies sorgt für nette Abwechselungen. Und wenn man dann an einem Bauernhof neben dem Schild "ACHTUNG! Freilaufenden Chef..." ein Plakat "UFF... Herbst!" entdeckt, dann zeugt das schon von einer Menge Selbstironie und freut den Radler.

Uff Herbst

"Vorsicht - freilaufender Chef" und "Uff... Herbst" - gesehen in Naundorf.

 

 

 

Anhand der Karten veranstalten wir mittlerweile lustige Ratespiele: Ist die nächste Ortschaft wohl groß genug, um einen Bäcker zu haben? Gespannt fahren wir die kommenden Orte an - und tatsächlich, es gibt im größten Ort Briesnig eine Bäckerei! Eigentlich ist auf unseren Radtouren ja keine Bäckerei vor uns sicher - nur hat diese hier leider geschlossen, klar, mittags um halb zwei! So ein Pech! Und das, wo wir, schon allein durch unsere ständige gedankliche Beschäftigung mit Bäckereien, an gar nicht anderes mehr denken können, als an Kuchen. Aber das ist hier, am östlichsten Randstreifen von Deutschland, ein gar nicht so einfaches Unterfangen!

Wasserkraftwerk Grießen

1967 stillgelegt, 1993 wieder in Betrieb genommen: Das Wasserkraftwerk Grießen, zugleich ein technisches Denkmal. Und: augenscheinlich macht man nicht nur aus Wasser Strom, sondern auch aus der Sonne.

Na gut, dann eben nicht! Wieder auf den Oder-Neiße-Radweg zurückgekehrt, machen wir halt einfach so eine Rast, ohne Kuchen, aber mit unseren Vorräten: Nüsse, Brot, Käse, Äpfel. Gegen 14 Uhr bricht dann, völlig unerwartet, aber gern gesehen, die Sonne durch. Da bringt das Radeln gleich noch mal so viel Spaß - auch, wenn es weiterhin kalt bleibt.

Ortszentrum von Guben

16 Uhr: Angekommen im Ortszentrum von Guben - jetzt geht es erstmal an die Suche nach einer Unterkunft.

 

 

 

Es geht gegen 15 Uhr - und Guben ist gar nicht mehr allzu weit entfernt. Ein Blick auf die Karte und in das Unterkunfts-Verzeichnis unser Bikeline-Radführers zeigt, dass es hier wahrscheinlich für längere Zeit die letzten Möglichkeiten gibt, eine Unterkunft zu suchen. Und auch das nur ganz vereinzelte. Also beschließen wir, genau dies zu versuchen. Bis Guben soll es heute gehen - und nicht mehr weiter. Um halb Vier sind wir in der kleinen Innenstadt von Guben. Die städtische Touristeninformation hat auch keine weiteren innerstädtischen Unterkünfte anzubieten, als unser Reiseführer - organisiert uns aber schnell und unkompliziert ein Zimmer unweit des Stadtzentrums.

Wir nutzen den Rest des Tages dazu, uns den Ort anzuschauen und auch hinüber in den polnischen Teil der Stadt, Gubin, zu schlendern. Laut dem Radreiseführer soll dieser Teil der geteilten Stadt viel schöner sein, als der deutsch - wir konnten diese Schönheit im polnischen Teil allerdings nur an wenigen Orten entdecken...

Wieder zurück auf der deutschen Seite finden wir ein nettes kleines Restaurant, das uns wieder einmal über die niedrigen Preise in dieser Region staunen lässt: Im heimatlichen Hamburg findet man keinen Mittagstisch für den Preis, zu dem man hier am Abend essen kann. Und das auch noch ganz gut.

In der Unterkunft kommen wir in den Genuss, das Bad mit polnischen Handwerkern teilen zu dürfen - aber auch das ist alles kein Problem. 73,7 Kilometer haben wir am heutigen Tag zurück gelegt, in einer reinen Netto-Fahrzeit von 4:48 Stunden mit einer wie immer gemütlichen Durchschnittsgeschwindigkeit von 15,3 km/h. Schließlich sind wir auf einer Tour zum Genießen.

Rathaus und Stadtkirche in Gubin

Natürlich müssen wir mal kurz einen Spaziergang nach Polen machen und schlendern eine Weile durch Gubin. Das Rathaus auf der linken Seite wurde nach dem Zweiten Weltkrieg originalgetreu wieder aufgebaut. Das steht der gotischen Stadtkirche rechts noch bevor - hierfür hat sich eigens ein deutsch-polnischer Förderverein gebildet.

 

 

Hier können Sie sich die kml-Datei dieser Tages-Etappe herunterladen - und den exakten Weg direkt z.B. in Google Earth nachverfolgen. Der exakte Tourenverlauf wird außerdem auch in der (zoombaren) Karte unten mit der roten Linie angezeigt, einschließlich unserer Fußwege. Hin und wieder kommt es zu kleinen Störungen bei meinem GPS-Empfänger, aber die Route ist trotzdem bestens nachzuverfolgen.

 

Und hier geht es direkt zum unmittelbar folgenden Teil 4 des Fahrrad-Reiseberichtes des Oder-Neiße-Radweges: dem vierten Tag mit der Fahrt von Guben bis nach Lebus.

 

Und, last, but not least, geht es hier zu meiner externen Bilderserie zu dieser Radtour mit 72 großformatigen Bildern auf meiner externen Webseite www.reiseberichte-bilder.de (ein neues Fenster öffnet).

 

 

 

 

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Dirk Matzen

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