Radfahren...!
Radtour Oder-Neiße-Radweg
4. Tag: Guben - Lebus (95 km)

Ein Fahrrad-Reisebericht über eine Radtour im Oktober 2010
   mit 24 Bildern





Oder Pegelmessstation Neißemünde Ratzdorf

Ein markanter Punkt auf der heutigen Etappe unserer Oder-Neiße-Radtour: Direkt an dem Zusammenfluss von Neiße und Oder treffen wir auf diese Pegelmessstation bei Ratzdorf. Bekannt von Hochwasser-Fluten als beliebtes Foto-Motiv für die Journaille. Als wir hier sind zeigt die digitale Anzeige 390 cm Pegel an - immerhin! Beim katastrophalen Oder-Hochwasser 1997 erreichte der Pegel hier sogar 692 cm. Den momentanen Stand können Sie hier abrufen.

Hier geht es zurück zum unmittelbar vorangegangenen Teil 3 des Fahrrad-Reiseberichtes auf dem Oder-Neiße-Radweg, dem dritten Tag mit der Fahrt von Bad Muskau nach Guben.

 

Es ist Freitag, der 15. Oktober 2010, 8:35 Uhr, Guben.
Temperatur: 6 Grad, bedeckter Himmel.

 

Feucht-kühl ist es, als wir heute morgen unsere Räder besteigen. In der Nacht scheint es ziemlich kräftig geregnet zu haben, es nieselt auch noch leicht, als wir starten. Ein leichtes Stimmungstief hat sich bei uns eingestellt an diesem Morgen. Grund dafür war das sehr kärgliche Frühstück, das uns heute präsentiert worden ist. Pro Nase zwei einfache Schrippen, ein Klecks Butter, eine Scheibe Wurst (essen wir sowieso nicht zum Frühstück), eine Scheibe Käse, ein Löffelchen Marmelade, zwei Scheibchen Gurken, vier Weintrauben und etwas Kaffee ist alles, was man uns zugesteht. Alles nicht sooo schlimm - wenn es nicht das erste Mal überhaupt wäre, dass man sich das Frühstück zum nicht gerade günstigen Zimmerpreis noch extra bezahlen lässt, und zwar gar nicht mal so billig.

Wir beschließen: ab jetzt nur noch Unterkünfte, wo das Frühstück im Preis inklusive ist! Da erfährt man jedenfalls nicht, wie unverschämt die Preise sind.

 

 

 

Quer durch Guben geht es wieder in Richtung Norden, zurück auf den Oder-Neiße-Radweg, "unseren" Oder-Neiße-Radweg. Dieser führt hier zunächst eine Weile abseits der Neiße entlang, die hier "Lausitzer Neiße" heißt. Der Nieselregen hört schon bald auf, der Himmel ist zwar noch bedeckt, die feuchten Straßen jedoch stören nicht weiter. Für eine Aufhellung der Stimmung sorgt jedoch erst eine Bäckerei an der Strecke in Coschen, bei der zwei Stücke Kuchen und ein leckerer Kaffee als zweites Frühstück willkommen sind! Alles gut jetzt, der Tag kann kommen.

Coschen, Rastplatz an der Neiße

Direkt bei Coschen: Ein netter Rastplatz an der Neiße.

 

 

 

Bald schon fährt man wieder auf dem gut ausgebauten Radweg direkt am oder auch auf dem Deich der Lausitzer Neiße. Wieder lassen sich überall Folgen des Hochwassers vom August 2010 sehen: mühsam aufgeschichtete Sandsäcke am Deich, Grasflächen, die aussehen, als seien sie noch in vorangegangenen Nacht von einem riesigen Bügeleisen platt gebügelt worden, Sträucher und Bäume, in denen noch in zwei Metern Höhe Stroh und Gestrüpp vom Hochwasser hängen geblieben ist. Beeindruckend, wie gewaltig dieser doch eher kleine Fluss offenbar anschwellen kann! Viel Vorstellungskraft braucht man anhand der vielen Hochwasser-Zeugnisse um uns herum gar nicht hierfür.

Deichbefestigung Neiße

Ein Stück vor Ratzdorf kann man anhand der massiven zusätzlichen Deichbefestigung ahnen, wie bedrohlich die Lage an diesem Ort zwei Monate vor unserer Tour war.

 

 

 

Ansonsten ist die Strecken aber eher unspektakulär, an die Landschaft in der Region haben wir uns mittlerweile gewöhnt - und besonders abwechslungs-reich ist sie auch gar nicht. Kurz vor der Mündung der Lausitzer Neiße in die Oder widme ich der Neiße-Gewässergüte-messstation Ratzdorf des Landes Brandenburg einen Moment meiner Aufmerksamkeit - aber viel zu sehen gibt es auch hier nicht. Man ist zudem weitgehend alleine, kaum einmal ist irgendwo ein anderer Mensch zu sehen. Eine gute Gelegenheit, zu innerer Ruhe zu kommen, dafür ist Urlaub ja auch da.

Vor der Mündung der Neiße

In Ratzdorf, Teil der Gemeinde mit dem schönen, passenden Namen "Neißemünde", kurz vor dem Ort, wo genau dies passiert: Die Neiße mündet in die Oder. Diese kommt hier als mächtiger Fluss in einem großem aus Polen und übernimmt dann die Rolle als Grenzfluss zwischen den beiden Staaten.

 

 

 

Kurz danach naht ein unbestrittener Höhepunkt unserer heutigen Etappe: Die Mündung der Neiße In die Oder, direkt bei der Ortschaft Ratzdorf. Nach mittlerweile zwei Stunden Fahrt ein guter Punkt für einen kurzen Stopp! Markant, und durch Zeitung, Funk und Fernsehen geradezu berühmt geworden ist das kleine Häuschen mit der Pegelstand-Anzeige direkt am Zusammenfluss beider Flüsse (siehe oben auf dem Titelbild des heutigen Berichtes). Journalisten brachten ihre Reportagen vom Hochwasser gerne mit diesem Häuschen im Hintergrund. Heute, als wir hier sind, zeigt der Pegel immerhin 390 (3,90 Meter) - das ist zwar ein Meter mehr, als üblich, aber doch 2,40 Meter weniger, als beim Oderhochwasser im Mai 2010.

Immerhin begegnet uns an genau dieser Stelle auch das erste kleine Schiff auf unserer gesamten Tour, ein polnisches Schiff transportiert einen Bagger.

Ab jetzt fahren wir also nicht mehr an der Neiße, sondern an der Oder. Wobei: dies bleibt zunächst nur ein Wunsch. Denn es wird heute der Tag der Umleitungen am Oder-Neiße-Radweg werden: Wegen einer Baustelle müssen wir ab Ratzdorf wieder einen Umweg fahren, auf der Landesstraße über Wellmitz und Neuzelle über Lawitz nach Eisenhüttenstadt. Es ist zwar nicht unerträglich viel Auto-Verkehr unterwegs, aber irgendwie kann uns die Strecke im Landesinneren heute gar nicht begeistern. Vielleicht liegt dies ja daran, dass es so graues Wetter ist?

Um genau 10:57 Uhr sehen wir am Horizont dann zum ersten mal das Stahlwerk und die Industrieanlagen von Eisenhüttenstadt am Horizont. Es scheint, dass es ein fürwahr gewaltiges Stahlwerk ist! Kein Wunder, wenn es sogar namensgebend für die ganze Stadt ist, die Anfang der 50er Jahre als Stahlwerk mit Musterwohnstadt der DDR gegründet wurde (und dabei die Stadt Fürstenberg/Oder schluckte). Der Anblick des Stahlwerks wird uns heute jedenfalls eine ganze Weile begleiten.

Stiftskirche Neuzelle

Eine Baustelle beschert uns einen Umweg und damit eine Fahrt durch den Ort Neuzelle. Gelegenheit, einen kurzen Blick auf die Stiftskirche des Klosters Neuzelle zu werfen.

Straße vor Kloster Neuzelle

Auch die Straße vor dem Kloster bietet einen schönen Blick!

 

 

 

Zunächst jedoch kommen wir nach Neuzelle, widmen dem bekannten Kloster und seinen Gartenanlagen etwas Zeit. Aber allzu lange bleiben wir nicht in der Anlage, fahren weiter in Richtung Eisenhütten-stadt. Der wegen Deichbau-arbeiten gesperrt Oder-Neiße-Radweg fehlt uns, statt dessen fahren wir weiter auf dem begleitenden Radweg der B112 in Richtung Eisenhüttenstadt. Die Bundesstraße ist sehr stark befahren, der Lärm der Straße wirkt nach den ruhigen Tagen zuvor wie ein Schock auf uns. Der LKW-Verkehr wird nimmt beständig zu, je näher man an Eisenhüttenstadt heran kommt. Der Radweg befindet sich zudem neben der linken Fahrtseite, ständig kommen einem also die Ungetüme entgegen - es ist unglaublich laut und mutet gefährlich an. Alles zusammen raubt uns schnell den letzten Nerv!

 

 

 

Nach einiger Zeit brauchen wir eine Pause von dieser Radfahrer-Hölle, schlagen uns irgendwo ein Stück links in einen Feldweg, 200 Meter weg von der tosenden Straße. Puh! Ein extrem hässliches und anstrengendes Stück auf unserer Oder-Neiße-Radtour, aber wohlgemerkt: Es ist eine Umleitung und NICHT Bestandteil des offiziellen Wegen. Und, okay, als Mann von der Meeresküste weiß ich: Deichbauarbeiten müssen sein, auch und gerade an Flüssen! Und der Hauptzweck des Deiches ist ja nicht, einen schönen Radweg zur Verfügung zu stellen - das ist ja eher ein nettes Nebenprodukt.

Stalinstadt

Die Wohnstadt des "Eisenhüttenkombinats Ost" (EKO), gerne auch Stalinstadt genannt, in Eisenhüttenstadt. Hier kann man vorzüglich besichtigen, wie man sich in den 50er Jahren des 20. Jahrhunderts in der DDR Wohnkultur für die Werktätigen vorstellte, die Wohnsiedlung ist geradezu ein Flächendenkmal.

 

 

 

Eigentlich sind wir ganz froh, als wir gegen halb eins dann endlich in Eisenhüttenstadt ankommen. Zunächst bestehe ich darauf, der früheren Muster-Wohnsiedlung "Stalinstadt" ein wenig Aufmerksamkeit zu schenken: Einige Häuserblocks, ganz im sozialistischen Baustil der 50er Jahre - eine frühere DDR-Vorzeigesiedlung für den Vorsprung des sozialistischen Systems. Also kann man auch heute noch, auf dem großen, zentralen Platz, auf einem monumentalen Obelisken schauen: Dem sowjetischen Ehrenmal.

Teile dieser Siedlung sind offenbar in letzter Zeit gerade erst renoviert worden. Die Häuser erinnern mich an die Gebäude in der Berliner Karl-Marx-Allee (die ja auch einmal "Stalinallee" hieß), allerdings sind diese hier in Eisenhüttenstadt etwas kleiner. Da es solche Wohnsiedlungen ja nicht gerade in üppiger Anzahl gibt, ist es allemal sehr interessant, sie anzuschauen - egal, ob man sie schön findet, oder nicht!

 

 

 

Ansonsten jedoch wirkt Eisenhüttenstadt mit seinen vielen, vielen und großen Plattenbauten auf uns eher deprimierend. Die Stadt wirkt auf uns zum großen Teil ziemlich genau so, wie der Name befürchten lässt. Augenscheinlich eine Stadt vor dem Zusammenbruch. Dieser Eindruck wird unterstützt durch die fast düstere Ausstrahlung der meisten Menschen, die uns hier heute begegnen. Nicht wenige beobachten uns argwöhnisch, wenn nicht gar feindselig. Um ehrlich zu sein: Wir sind froh, als wir Eisenhüttenstadt verlassen.

Ansicht Fürstenberg/Oder

Der direkt an der Oder gelegene Stadtteil Fürstenberg ist der historische Kern von Eisenhüttenstadt. Markant hebt sich die Nikolaikirche aus dem Ortsteil heraus.

 

 

 

Aufgrund etwas mangelhafter Beschilderung (oder etwa mangelhafter Aufmerksam-keit?) verfahren wir uns zwar zunächst - müssen aber nur ein kurzes Stück zurück, um dann wieder auf den richtigen Weg zu kommen. Dieser führt dann durch den Eisenhütten-städter Stadtteil Fürstenberg. Und hier gibt es dann ganz unvermutet eine wirklich schöne Altstadt. Fürstenberg (Oder) kann, anders, als Eisenhüttenstadt als Ganzes, auf eine lange Geschichte zurück blicken und bietet im Zentrum eine schöne "Königstraße". Immerhin - auch, wenn diese jetzt Mittags um eins verlassen und etwas verloren wirkt.

Froh sind wir allerdings trotzdem, als wir die Stadt tatsächlich wieder verlassen und ins Grüne kommen. Endlich können wir an die Oder, bisher blieb uns seit dem Zusammenfluss von Neiße und Oder ja eine Fahrt direkt an ihrem Ufer verwehrt, wegen der Baumaßnahmen. Die Oder schlägt hier einen ziemlich großen Bogen, was zur Folge hat, dass man lange Zeit noch zur linken Seite einen Blick auf das gigantische Stahlwerk von Eisenhüttenstadt hat. Es wird zu einer Art "ständigem Begleiter". Angenehm ist uns dieser "Begleiter" jedoch allerdings nicht unbedingt.

Die Natur hier an der Oder ist jedoch großartig - der Weg ist wunderschön. Ein Idylle!

Kraftwerksruine Vogelsang

Kurz hinter Eisenhüttenstadt kommen wir an der Kraftwerksruine Vogelsang vorbei. Kaum zu glauben: Dieses ist bereits seit 1945 eine Ruine, nachdem das seit 1941 von sowjetischen Zwangsarbeitern errichtete Kraftwerk nie in Betrieb genommen worden war.

 

 

 

Als wir auf dem großen Bogen des Oder-Neiße-Radwegs schon 18 Kilometer gefahren sind, scheint das Stahlwerk Eisenhüttenstadt immer noch zum Greifen nah und lässt sich noch unkompliziert in einer Gesamtansicht fotografieren - auf die Minute genau vier Stunden, nachdem ich bei der Annäherung um kurz vor 11 Uhr direkt hinter Wellmitz das erste Foto von ihm gemacht habe. Seit vier Stunden begleitet uns der Anblick des Stahlwerkes - nicht pausenlos, aber doch meistens, ohne, dass wir auf dem Weg besonders lange Pausen eingelegt hätten. Dies mag ja sinnbildlich dafür sein, wie wirtschaftlich wichtig das Stahlwerk für die gesamte Region ist.

Oder-Neiße-Radweg bei Kunitzer Loose

Der Oder-Neiße-Radweg bei Kunitzer Loose: meist ist der Weg perfekt asphaltiert, sofern man auf dem Original-Radweg fahren kann (dies wird jedoch durch Baustellen leider immer wieder verhindert). Oftmals hat man an der Oder sogar die Wahl zwischen einem Weg auf dem Oderdeich oder begleitend dazu neben dem Deich. .

 

 

 

Allerdings erwischt uns bei Kunitzer Loose wieder einmal eine Umleitung. Wieder eine Baustelle auf dem Oder-Neiße-Radweg. Immerhin erläutert hier eine ausführliche Infotafel den Weg: Wir müssen nach Brieskow-Finkenheerd in die Ortschaft hinein und dann, oh je, wieder an der Bundesstraße 112 entlang fahren. Die hat uns auf dem Weg nach Eisenhüttenstadt durch den Lärm ja schon genug Nerven gekostet. Als wir in Wiesenau auf die Bundesstraße stoßen, werfen wir einen Blick nach links, und verabschieden uns endgültig von dem Stahlwerk Eisenhüttenstadt. Immer noch scheint es zum Greifen nah. Es ist 15:45 Uhr, beinahe fünf Stunden lang hatten wir es ständig im Blick. Das zeigt schon ganz allgemein, wie sehr eine so gewaltige Industrieanlage eine ganze Region beherrschen kann. Auf ein weiteres Abschiedsfoto verzichte ich hier allerdings.

Jetzt geht es Richtung Frankfurt/Oder. Immer an der Bundesstraße entlang - und es nervt uns wieder sehr, an der tosenden Straße zu fahren! Auch zieht sich der Himmel mehr und mehr zu. Seit dem leichten Sprühregen vom Morgen hat er immerhin dicht gehalten, das ist ja auch ganz gut so! Aber insgesamt sind wir von dem Tag bisher eher genervt. Mit dem tatsächlichen Oder-Neiße-Radweg hat unsere heutige Tour nicht viel zu tun, und wir haben das Gefühl, die Strecke heute halt irgendwie durchhalten zu müssen. Aber so richtig Spaß bringt es nicht - und das nicht nur, weil wir von den vorangegangenen Tagen so schöne Fahrten in schöner Natur hatten.

Dann kommen wir nach Lossow, entdecken einen kleinen, nicht sehr gepflegten Rastplatz für Radler, den wir für eine kleine Rast nutzen. Es ist schon vier Uhr, es wird langsam Zeit, sich Gedanken zu machen, wo wir übernachten wollen...? Zwei Stunden Zeit zum fahren haben wir ja noch, dann wird es dunkel sein. Frankfurt liegt jetzt direkt vor uns - etwas weiter können wir aber schon noch fahren. Auch ist es so, dass wir Frankfurt schon von früheren Besuchen kennen - und es lockt uns nicht unbedingt so sehr dorthin. Während wir hier hin und her überlegen öffnet der Himmel seine Schleusen und lässt einen gewaltigen Platzregen nieder. Reines Glück, dass wir gerade an der Raststätte hier in Lossow sind! Wären wir irgendwo auf freier Strecke gewesen, dann wären wir wahrscheinlich gar nicht schnell genug in unsere Regen-Klamotten gekommen, um nicht völlig nass zu werden.

Regen an Rastplatz in Lossow

Flatsch! Da hat der Regen uns eingeholt. Ein kräftiger Platzregen sorgt dafür, dass wir uns in Lossow eine Weile an einem überdachten Fahrrad-Rastplatz aufhalten.

 

 

 

Wir warten den Schauer ab, über eine halbe Stunde bleiben wir an dem Rastplatz. Zwei andere Streckenradler gesellen sich noch zu uns - an ihrer weitaus besseren, professionelleren Ausstattung erkennt man, dass sie schon viele Erfahrungen mit solchen Ereignissen gesammelt haben. Ebenso neugierig, wie geringschätzig werde ich beobachtet, wie ich meine billige Regenhose um mich herum montiere. Und das, wo ich auch noch mit einem billigen Baumarkt-Fahrrad unterwegs bin (mit dem ich aber sehr zufrieden bin).

Der Regen wird weniger, es geht weiter für uns. Nach Frankfurt sind es ja nur noch wenige Kilometer.

Brücke Insel Ziegenwerder

Die schwungvoll gestaltete Radfahrer- und Fußgängerbrücke über den Oder-Nebenarm führt dann direkt in das Stadtzentrum von Frankfurt/Oder.

 

 

 

Es ist bereits 17:10 Uhr und es regnet nicht mehr, als wir in Frankfurt die Stadtmitte erreichen. Da wir Frankfurt ja schon kennen, ist unser Bedarf, die Stadt anzuschauen eher gering. Also kann es ja ruhig noch ein wenig weiter gehen. Bis zur nächsten Ortschaft mit einer Unterkunft, Lebus, sind es nur noch 12 Kilometer weiter - das sollte ja kein sonderliches Problem sein, den Ort noch bei Tageslicht zu erreichen (Mitte Oktober wird es bereits gegen 18 Uhr dunkel, erst recht bei bedeckten Himmel, und somit deutlich gefährlicher für Radler). Also rufen wir von hier aus bei einer Unterkunft in Lebus an - und, ja, wir könnten das Zimmer haben, die Dame kündigt an, schon mal ein wenig einzuheizen. Also alles klar mit der Unterkunft für heute!

500 Meter weiter dann die Panne: Ein Platten! Mein Hinterrad hat sich entschieden, alle Luft freizugeben. So ein Mist! Das allerdings ist auch der Unterschied der Strecken in Städten im Vergleich zu den Wegen über Land - es liegt immer wieder alles voller Scherben etc., man muss einfach häufiger mit solchen Pannen rechnen.

Direkt unter der Brücke über die Oder in die polnische Stadt Słubice mache ich mich ans Werk, den Schaden zu beheben. Irgendwann bei einer Gelegenheit hatte ich mal ein Spray besorgt, mit dem man den Reifen aufsprüht und das dabei etwaige Löcher gleich abdichtet. Das kann ich hier ja einfach mal testen, denke ich mir. Mache es mir auf einer Bank so bequem, wie möglich und fange an, meine Satteltaschen nach dem Notwendigen zu durchwühlen.

Nicht unerwähnt bleiben soll, dass dies tatsächlich die erste Panne ist, die wir auf einer Streckenfahrt haben. Und das ist doch insgesamt gesehen eine gute Bilanz! Und: Es ist auch der erste Platten, den ich mit diesem Rad habe, nach gefahrenen ca. 2.600 Kilometern. Auch das ist eine akzeptable Bilanz, zumal das Rad nicht mit besonderer "Antiplatt"-Bereifung ausgestattet ist. Und doch: Der Moment für eine solche Panne ist immer der falsche. Und momentan ist es in der Tat der falscheste Moment! Es wird schon fast dunkel und wir müssen auf jeden Fall noch ca. 12 Kilometer zu unser Unterkunft in Lebus fahren. Mist!

Zu meiner Überraschung erweisen sich genau jetzt die Frankfurter als ausgesprochen kommunikative Menschen! Kaum sitze ich auf der Bank und packe mein Reparatur-Werkzeug ganz unten aus meiner Satteltasche, da gruppiert sich eine ganze Familie um uns herum, mit Oma und Opa, Eltern und Enkeln. Alle betrachten das Geschehen neugierig, fragen ebenso neugierig was wir denn für eine Strecke fahren, zeigen Reaktionen von Unverständnis bis Respekt für unseren Weg. Langsam schlurfen die meisten der Familie weiter, nur der Familienvater bleibt noch vor mir stehen. Er achtet sorgsam darauf, dass kein anderes Familienmitglied sein Worte hören kann: Eigentlich findet er solche Vorhaben ja ganz toll! Und würde sowas ja auch gerne mal machen! Nur gäbe es da ein Problem: Er hätte Angst, dass er nicht lange genug auf dem Fahrrad sitzen können und ihm sein Hintern allzu sehr schmerzen würde.

Ich grinse wissend, versuche ihn grundsätzlich in dem Vorhaben zu bestärken und erzähle ihm, dass genau das eigentlich für gewöhnlich auch unser Hauptproblem ist. Mit vernünftigen und rechtzeitigen Pausen könne man das aber durchaus in den Griff kriegen. Unterstützen kann man das noch mit einem weiteren Griff: nämlich den mit der Hand an den (eigenen) Hintern - sofern man die Hand mit Radfahrer-Gesäß-Creme gefüllt hat. Das kann durchaus hilfreich sein! Aber gerade im Moment habe ich wirklich völlig andere Probleme. Unausgesprochen meinte ich damit allerdings, dass ich momentan so überhaupt keinen Nerv auf Plaudereien habe - in Anbetracht eines platten Reifens kurz vor der Dunkelheit. Der nette Herr versteht, verabschiedet sich freundlich und geht wieder seiner Familie hinterher.

Während ich mit dem Reparatur-Spray rumhantiere und das System zu verstehen versuche, gesellt sich nur Sekunden nach der Familie ein älteres Paar zu uns. Der freundliche Herr nimmt meine Panne zum Anlass, in Erinnerungen zu schwelgen. Früher, ja, früher, da sei er auch immer Fahrrad gefahren. Auch, wenn er längere Strecken vorhatte, wäre das immer so gewesen. Der Weg von Leipzig nach Berlin, ja, den kannte er gut und hätte den locker an einem Tag gefahren. Mit den schweren, alten Fahrrädern? Ja, alles kein Problem, erklärt er, während ich ein sonderbares, blasiges Abdichtungs-Gemisch in meinen platten Reifen sprühe. Ruckzuck ist der stramm vollgefüllt. Ob das funktionieren kann, wenn da noch irgendeine Scherbe oder ein Stein drinnen steckt?

Wir verabschieden uns etwas hastig und genervt - nicht nur, dass es im völlig falschen Moment eine Panne gab, nein, ausgerechnet genau dann, wenn etwas Konzentration vonnöten ist, werden die Leute auch noch extrem redselig. Komisch!

Aber: Es funktioniert mit dem vollgesprühten Reifen natürlich nicht! Ein paar hundert Meter weiter ist wieder sämtliche Luft (bzw. das, was ich da sonst an Gasen hinein gesprüht habe) aus meinem Reifen entwichen. War ja irgendwie klar! Nun also Nägel mit Köpfen machen, gründlich arbeiten - Hinterrad ausbauen und den Schlauch wechseln. Meine mitradelnde Liebste muss sich einfach in Geduld üben.

Noch während ich absteige gesellt sich wieder ein Einheimischer zu uns. Er kennt sich aus, versteht eine Menge von Fahrrädern. Eine erhebliche Menge! Und das zeigt er mir auch. Während ich mich ein wenig auf die Bastelarbeit zu konzentrieren versuche, redet er pausenlos, ohne Punkt und Komma. Gibt mir im Sekundentakt kluge Tipps und Ratschläge, was ich wie und wo und wann machen sollte und könnte. Er redet und redet, mir wird langsam schon körperlich richtig schwindelig. Er erzählt von seinem tollen Rennrad und was er damit alles für tolle Touren macht - wir verabreden uns zum nächsten Velothon in Berlin (Velothon 2010 siehe diesen Bericht - im neuen Fenster). Während er stolz und glücklich über seine große verbale Hilfe ist, komme ich langsam völlig durcheinander, werde ganz fummelig mit jemandem an der Seite, der einem pausenlos auf die Finger schaut und jeden Handgriff kommentieren und jeden zweiten irgendwie korrigieren will! Ein typischer Fall von "gut gemeint".

 

 

 

Beim Kontrollieren finde ich tatsächlich eine scharfe Glasscherbe, die in dem Mantel steckt - kein Wunder, dass dieses komisch Spray-Zeugs nicht funktionierte!

Irgendwann ist das Hinterrad wieder dran, scheint jetzt auch die nun per Hand eingepumpte Luft halten zu wollen. Der Typ hätte ja zumindest mal mit pumpen können, aber er blieb einfach die ganze Zeit bei seiner wohlgemeinten Theorie. Genervt schmeiße ich meine Sachen in die Satteltaschen, vergesse dabei etwas Werkzeug und die Ventilkappe auf einer nahen Mauer. Es ist schon kurz vor sechs und wird bei dem bedeckten Himmel schon verdächtig dunkel, als wir uns kurz und knapp verabschieden und wieder auf die Fahrräder schwingen. Wir müssen ja noch die 12 Kilometer nach Lebus zu unserer Unterkunft. In der Dunkelheit. Und mit der Ungewissheit, ob mit meinem Hinterrad wirklich alles okay ist.

Als noch vor der Stadtgrenze meine Liebste, die meine steigende Anspannung durchaus wahrgenommen hat, meinte "ach, der Typ war aber nett!" - da bin ich kurz vorm Platzen! Zwar hätte ich nicht gedacht, dass die Menschen in Frankfurt/Oder so dermaßen kommunikativ werden, wenn sie jemanden mit Werkzeug in der Hand sehen, und dies ist ja eigentlich auch etwas schönes und erfreuliches. Aber ich will jetzt nur noch nach Lebus, etwas warmes essen und dabei was kaltes trinken und schlafen. Ein wirklich blöder Tag heute! Immerhin regnet es nicht! Wir rufen schnell noch einmal bei der Vermieterin an, damit sie weiß dass wir zwar deutlich später als angekündigt, aber doch sicher kommen.

Wir fahren jetzt aber keinen abgelegenen und nach kurzer Zeit völlig finsteren Radweg, sondern den an der stark befahrenen Bundesstraße verlaufenden Radweg. Das ist dann irgendwie doch sicherer und übersichtlicher, als abgelegene, finstere Radwege. Die B112 ist heute irgendwie unser Schicksal... Bei den abseitigen, unbeleuchteten Radwegen sieht man im Dunkeln ja nicht einmal die zuweilen einige Meter hoch angebrachten Radweg-Hinweisschilder. Geschweige denn, dass man sie im Dunkeln lesen könnte.

Mein Ärger und meine Unsicherheit, ob die Luft in meinem Reifen wirklich hält, äußert sich in einer enormen Geschwindigkeit. Das Vorderlicht bei dem Fahrrad meiner Liebsten funktioniert nicht - dann muss sie jetzt wohl oder übel mein Tempo mitfahren. Das klappt auch ganz gut. Ziemlich zügig kommen wir tatsächlich nach Lebus: in gut 30 Minuten sind vom Stadtzentrum Frankfurts nach Lebus gelangt.

Der Straßenname der Unterkunft deutet darauf hin, dass die Straße in der Altstadt liegen muss. Einen Ortplan suchen wir an der Ortseinfahrt vergeblich. Der Eindruck der Stadt ist hier an der Bundesstraße etwas trostlos. Weit und breit sehen wir keinen Menschen, den wir fragen könnten, nichts. Hatte nicht ein Bekannter gesagt, Lebus sei besonders schön?

Nach einiger Zeit ratlosem Gesuche sehen wir eine junge Frau - und stürzen geradezu auf sie zu. Wahrscheinlich führt diese Hektik dazu, dass sie auf unsere Frage nach dem "Schlossberg" nur verschreckt "keine Ahnung" murmelt und zügig verschwindet. Irgendwo entdecke ich an dieser trostlosen Bundesstraße im Schummerlicht einen Wegweiser in Richtung "Altstadt" und bin mir sicher: das ist die richtige Richtung!

Eine Straßenbeleuchtung gibt es plötzlich nicht mehr - aber ganz überraschend eine gehörige, zumeist unbebaute Schussfahrt abwärts. Ob der "Schlossberg" tatsächlich so weit unten liegt? Oder ob wir diese Abfahrt wohl bereuen und wieder hinauf fahren werden? Auch, wenn Lebus keine große Stadt ist: Wir sind völlig orientierungslos.

Irgendwann sind wir in der offenbar etwas abseits von der B112 gelegenen Altstadt. Aber komisch: sie ist wie ausgestorben! Zwar gibt es Häuser, aber kein Licht brennt, nirgendwo. Auch die eigentlich ganz hübschen Straßenlaternen sind nicht eingeschaltet. Sind sie nur Attrappen? Es ist, erst recht bei dem dicht bedeckten Himmel, stockfinster in Lebus. Wir irren durch den Ort, es ist mittlerweile schon deutlich nach sieben Uhr. Vielleicht gibt es irgendwo hier einen Plan für den Ort, den wir mit Hilfe meines Fahrradlichtes lesen können? Nein, gibt es offenbar nicht.

Was, bitteschön, soll diese sonderbare Total-Verdunkelung in Lebus? So etwas gab es ja auch schon im Zweiten Weltkrieg - ob etwa wieder ein Krieg ausgebrochen ist? Wir haben die letzten Tage ja keine Nachrichten verfolgt...

Irgendwann, irgendwo ein kleiner Lichtstrahl - ich stürze wieder dahin. Und tatsächlich: dort ist jemand, eine Frau. Als ich nach der Adresse frage, kennt sie sich sofort aus - es folgt eine ausführliche, komplizierte Erklärung. So ganz falsch sind wir jedenfalls nicht. Wir schieben unsere beladenen Fahrräder durch den stockfinsteren Ort voller Kopfsteinpflaster. Irgendwann kommen wir an den Waldrand - ob das hier richtig ist? Das kann doch gar nicht sein! Immerhin geht der Weg aber noch weiter.

Wie von einer höheren Macht gerade in diesem Moment hierhin bestellt, bringt gerade in dieser Sekunde der Bewohner des letzten Hauses vor dem Wald seinen Müll hinaus. Zu wem wir denn wollen, ach so, ja klar, doch der Weg stimmt, wir müssen nur dem finstersten aller Wege folgen, dann rechts abbiegen und direkt an der nächsten Abbiegung ist es das erste, erhöht stehende Haus. Wir sind beinahe fassungslos, stehen aber doch tatsächlich nach ein paar Minuten vor unserer Unterkunft. Mit einer Mischung aus Freude und Irritation.

Immerhin: Ein ganzes, geräumiges Gartenhaus wird uns zur Verfügung gestellt, wir haben plötzlich Platz ohne Ende. Sind ob des überaus seltsamen, ereignisreichen und nicht gerade schönen Tages wie erschlagen und verzichten dankend darauf, in diesem dusteren Ort noch einmal zu suchen, ob es womöglich eine Gaststätte gibt. Uns reicht erstmal die Dusche und immerhin haben wir ja noch ein paar Vorräte.

Ein Tag voller Nervereien, Pleiten, Pech und Pannen. Und das alles bei eher mäßigem Wetter. Unsere gute Laune verlieren wir dadurch zwar nicht - aber es dürfte ruhig wieder etwas netter und schöner werden, hier an der Oder. Immerhin 94,5 Kilometer haben wir heute dann doch zurückgelegt, durch die Umleitungen einige mehr, als der normale Streckenverlauf sein würde. Bei einer reinen Fahrtzeit von 6:11 Stunden sind wir da mit unserer üblichen "Marschgeschwindigkeit" von 15,3 km/h unterwegs gewesen. Insgesamt haben wir damit schon 289 Kilometer des Oder-Neiße-Radwegs absolviert - fast schon die Hälfte des gesamten Weges!

 

 

Hier können Sie sich die kml-Datei dieser Tages-Etappe herunterladen - und den exakten Weg direkt z.B. in Google Earth nachverfolgen. Der exakte Tourenverlauf wird außerdem auch in der (zoombaren) Karte unten mit der roten Linie angezeigt, einschließlich kurzer Fußwege. Hin und wieder kommt es zu kleinen Störungen bei meinem GPS-Empfänger, aber die Route ist trotzdem bestens nachzuverfolgen.

 

Und hier geht es direkt zum unmittelbar folgenden Teil 5 des Fahrrad-Reiseberichtes des Oder-Neiße-Radweges: dem fünften Tag mit der Fahrt von Lebus bis nach Küstrin-Kietz.

 

Und, last, but not least, geht es hier zu meiner externen Bilderserie zu dieser Radtour mit 72 großformatigen Bildern auf meiner externen Webseite www.reiseberichte-bilder.de (ein neues Fenster öffnet).

 

 

 

 

          Social Bookmarks:
   

 

Meine Buch-Empfehlungen:

 

Meine Buch-Empfehlungen:


Blogverzeichnis - Blog Verzeichnis bloggerei.de

Dirk Matzen

(Abdruck oder Nutzung von Text und/oder Bildern - auch in Teilen! - nur mit schriftlicher Genehmigung des Autors!)