Radfahren...!
Velothon 2010 in Berlin:
  Engelchen und Teufelchen fahren auf
  Affenbeinen durch Berlin

Ein Erlebnisbericht über die Teilnahme an dem 60 km-Jedermann-Radrennen
   mit 8 Bildern




Velothon - Radrennfahrer in Kreuzberg

Beim Velothon 2010: Fahrer der 60 km-Distanz an der Ecke Kottbusser Damm / Skalitzer Straße in Kreuzberg.

Mit einer enorm hohen Geschwindigkeit kommt der Rad-Rennfahrer einfach zu weit aus der Kurve. Er wird weit hinaus getragen, gerät dabei in die zur Sicherung ausgelegten Strohballen, sein Rennrad überschlägt sich, er fliegt vornüber über den Lenker - und schlägt mit voller Wucht mit dem Kopf direkt von oben auf die Leitplanke am Straßenrand. Vor Schreck rufe ich einen völlig sinnlosen Satz, glaube aber weiter überhaupt nichts ausrichten zu können - bin jedoch zunächst fast starr vor Schreck. Was für ein Schock! Furchtbar!

Schweißgebadet wache ich auf, mit wild klopfendem Herz. Brauche ein Weile, bis ich mich sammle und besinne. War mir das gerade widerfahren? Habe ich das gerade wirklich erlebt? Nein, glücklicherweise nicht. Mühsam schlafe ich wieder ein. Puh! Ist das Velothon wirklich so?

So recht weiß ich nämlich gar nicht, auf was ich mich da eingelassen habe! Hatte ich ein paar Jahre lang immer wieder mal bei den Hamburger Vattenfall-Cyclassics als rein passiver Zuschauer zugeschaut, mal beim Profi-Rennen, mal bei den Jedermännern (und - pardon - auch den Jederfrauen) so beschlichen mich beim letzten Zuschauen, im Jahr 2009, gleich drei ausgeprägte Eindrücke. Der eine war: Es muss toll sein, mit dieser Masse Radfahrern auf völlig autofreien Straßen und ungebremst mit dem Rad durch die Stadt zu fahren! Das zweite Gefühl, besonders beim Zuschauen der hinteren Jedermann-Radler: Das kannst Du doch auch!! Und das dritte Gefühl: Man muss doch eigentlich zumindest ein Radrennen bestritten haben, bis man 50 Jahre alt ist!!!

Also gab es da ein kleines Teufelchen in mir, der mich eine Weile ritt und mir immer wieder einredete, ich sei doch eigentlich ein verkappter Radrennfahrer! Wusste dies nur 49 Jahre lang noch nicht so richtig.

Monatelang ging ich also mit dem Gedanken schwanger, ob ich mich nicht einfach mal für die Hamburger Cyclassics und / oder das Berliner Velothon anmelden sollte. Ein wenig mehr Sport, als bisher - das täte mir bestimmt gut! Meint mein Arzt auch. Zudem wird in diesen beiden Rennen eine Kurzdistanz angeboten, in Berlin (beim Velothon, das im Jahr 2010 zum dritten Mal stattfindet - Termin Ende Mai) wurde diese kurze Distanz über 60 Kilometer angeboten und es wird hierfür von den Rennfahrern eine Durchschnittgeschwindigkeit von 23 km/h erwartet. In Hamburg gibt es eine 55 km-Strecke - bei denen man aus dem Rennen genommen wird, wenn man langsamer als 25 km/h im Schnitt fährt.

Nun ja, beides beschäftigt mich... Das jeweils erwartete Tempo kommt mir doch ziemlich flott vor! Auf meinem gerade mal elf Kilometer langen Arbeitsweg bin ich froh, wenn ich überhaupt mal einen Schnitt von 23 km/h hinbekomme. Allerdings fahre ich da auch mitten durch den Berufsverkehr, einmal quer durch die Hamburger Innenstadt. Bin ich allerdings mal eine längere Strecke abseits der Stadt unterwegs, dann bewegt sich meine Durchschnittsgeschwindigkeit irgendwo zwischen 18 und 20 km/h - wobei ich dann als "Genussfahrer" für gewöhnlich auch nicht besonders auf Geschwindigkeit achte. Die große Frage also für mich: kann ich tatsächlich ganze 60 Kilometer mit 23 km/h fahren, oder gar mit 25 km/h???

Ein weiteres Hindernis darüber hinaus: So etwas wie ein Rennrad besitze ich gar nicht! In Hamburg fahre ich auf einem City-Rad umher - ich nenne es eher geringschätzig als liebevoll "Gurke". In Berlin bin ich noch Besitzer eines billigen, aber überraschend guten MIFA-Discounter-Trekkingbikes, das allerdings von vornherein beim halben Preis mindestens doppelt so gut ist, wie meine Hamburger City-Gurke (bei deren Kauf mich ein erbärmlicher, aber überraschenderweise sehr angesehener kleiner Eimsbütteler Fahrradhändler erbarmungslos über den Tisch gezogen hatte - er hat mich, zudem nach einer jämmerlich versauten Reparatur, niemals wieder gesehen...).

Wie kann ich bei solchen Voraussetzungen eigentlich an ein Jedermann-Radrennen auch nur denken? Allerdings - der Gedanke lässt und lässt mich einfach nicht mehr los...

Irgendwann - es ist tiefer Winter, Schnee und Eis haben Hamburg und ganz Deutschland fest im Griff - reitet das Teufelchen mich gerade wieder einmal. Kurzer Blick auf die Homepage des Velothons in Berlin, und wie der Zufall es will, läuft gerade seit ein paar Stunden die Anmeldefrist. Ohne jetzt weiter lange nachzudenken, melde ich mich an, sichere mir hierbei beim gleichen Veranstalter auch noch das Anmelderecht für die Hamburger Cyclassics.

Ein Hintergedanke dabei: Es ist die letzte Möglichkeit, so etwas noch zu machen, bevor ich tatsächlich 50 bin! Und: Vielleicht schaffe ich es auf diese Weise ja tatsächlich, mich ein wenig mehr sportlich anzutreiben. Ein leichter Schauer läuft mir allerdings schon über den Rücken beim letzten "Anmeldung Bestätigen"-Klick im Internet. Und etwas verdattert bin ich auch über mich selber und meinen Mut. Die enormen Gebühren für die Anmeldung sind kurz danach von meinem Konto abgebucht.

Zur Zeit der Anmeldung ist jedenfalls eher an schlitterige Spaziergänge direkt auf der Alster, als an Radfahren auf Straßen zu denken. Und das bleibt dann auch so, Woche um Woche.

Mein Vorhaben "Jedermann-Radrennen" gerät schon allein durch die fast schon gar nicht gekannten Witterungsverhältnisse mehr und mehr ins Stocken. Was also tun?

Eigentlich brauche ich ja ein anderes Fahrrad für so etwas - und jetzt, in klirrendem Winter, gibt es bestimmt gute Preisnachlässe. Eine Beratung für ein flotteres Fahrrad kann ja nicht schaden - nach einem halben Dutzend furchtbarer bis desolater Erfahrungen mit verschiedenen "kleinen Fahrrad-Klitschen" beschließe ich, rein informativ, einen größeren Fahrradhändler aufzusuchen. Vielleicht hat der ja mehr Auswahl und meint nicht, mir irgendeinen blöden Ladenhüter aufschwatzen zu müssen.

Ein Rennrad soll es aber keinesfalls sein - ich will ein Rad, mit dem ich mich durchaus sportlich durch die Stadt bewegen kann, das aber auch Licht hat, ein Schutzblech und einen Gepäckträger - für Fahrten zur Arbeit und auch längeren Radtouren mit Satteltaschen. Also so eine Art eierlegendes-Wollmilchsau-Fahrrad. Zu meiner Verblüffung wird mir prompt genau so etwas präsentiert - ein richtig elegantes und sportlich-flottes Trekking-Rad. Dass dieses Rad eine Narbenschaltung hat, behagt mir nach furchtbar schlechten Erfahrungen mit dieser Technik zwar nicht so recht. Aber okay, diese Schaltungen sind sehr wartungsarm und hätten sich die letzten Jahre technisch deutlich verbessert, höre ich. Nur die für mich passende Rahmengröße 59 cm müsse man halt noch besorgen. 20 Prozent Preisnachlass, wegen Winter - und: schon gekauft! Über Schnee und Eis schiebe ich das gute neue Stück dann an einem sonnigen Samstag über 30 cm Neuschnee drei Kilometer nach Hause, dort muss es die nächsten vier Wochen in der Guten Stube verbringen: Radfahren bis Mitte März völlig undenkbar!

Velothon, mein Trekkingrad für die Fahrt

Hier schon im Startbereich des Rennens: Mein Trekkingrad, kurz vor der Teilnahme am Velothon. Im Vergleich zu den anderen Rennmaschinen sieht es mit Schutzblechen, Lichtanlage, Nabendynamo, Gepäckträger und Nabenschaltung eher etwas unbeholfen aus - aber der bei Rennrädern eingesparte Ständer erfüllt im Moment gerade seinen Zweck bestens!

 

 

 

Aber ab da sind es ja nur noch gut zwei Monate bis zum Velothon in Berlin - und ich habe noch keinen Kilometer in diesem Jahr auf dem Fahrrad gesessen! Grund genug also, den Fitnessraum meines Arbeitgebers vermehrt aufzusuchen, dort stelle ich mir das Spinning-Rad auf irgendwie mittelschwer ein, nehme mir vor, auf eine Stunde fahren bei etwa 30 km/h zu kommen. Das klappt recht bald - auch, wenn sowohl ich als auch das Spinning-Rad danach immer nass, wie durchs Wasser gezogen, sind und die Schwierigkeits-Einstellung immer zügig auf sehr leicht verändert wird. Trotzdem bleiben Sorgen: Das ist ja nicht die richtige Welt! Ein Spinning-Rad bietet keinen Gegenwind, keine Hügel, kein Ausweichen vor anderen. Und eine Stunde lang 30 km/h reicht ja eben auch nicht für 60 Kilometer!

Doch trotzdem bleibt das Gefühl, immerhin eine gewisse Grundkondition zu haben. Als es dann endlich, endlich wieder aufs "richtige" Rad geht, erweist sich meine Neuinvestition dann in der Tat als großer Spaßbringer - das neue Rad verlockt mich zum Radfahren! Was kann mir besseres passieren? Allerdings ist da aber auch der Vorsatz, das gute Stück zunächst vor Streusalzresten und allzu großen Wasserpfützen zu schützen - der Rost an dem Guten Stück soll erst viel später kommen. Also bewege ich mich wochenlang zunächst fast nur auf "Gurke" durch die Stadt.

Unterdessen versuche ich, im Internet einige Mut machende Aufmunterungen und Tipps für ein Jedermann-Radrennen zu finden. Dies jedoch gestaltet sich schwierig: Ich finde fast nur deprimierende Schilderungen und Forumsbeiträge. Offenbar vom Ehrgeiz zerfressene Radler prahlen hochnäsig über ihre Topleistungen, schreiben lange Heldengeschichten, ja, wahre -epen. Meckern auf der anderen Seite massiv über hilf- und ahnungslose Neulinge, Anfänger und Sonntagsfahrer beim Jedermannrennen in Berlin (sie selber sind offenbar nie Anfänger gewesen). Klagen auch mal über ihre jämmerlichen Leistungen mit nur 38, 40 oder 42 km/h bei Rennen XY. Meckern über eine desolat schlechte Strecke beim Velothon in Berlin. Meckern über mangelndes Zuschauerinteresse ebenda. Meckern über einen unverschämten und teuren Veranstalter. Meckern über Radler mit unrasierten Beinen ("Affenbeine" werden diese immer wieder genannt). Meckern über das Velothon! Meckern, meckern, meckern...

Erschüttert und deprimiert beschleicht mich das Gefühl, dass diese Welt doch nicht meine Welt ist! Ein Haufen verrückter Ehrgeizlinge, die alles Mist finden - außer sich selber, offenbar.

Einzig und allein eine einzige, ausgesprochen nette Schilderung auf "Helmuts-Fahrrad-Seiten", geschrieben mit viel Herz auch für die Unsportlichen und Exoten bei einem solchen Rennen (hier bei den Cyclassics in Hamburg), macht mir etwas Mut und zeigt mir, dass man bei solchen Ereignissen nicht unbedingt verbissen und rücksichtslos um Hundertstel und Tausendstelsekunden kämpfen muss, sondern auch einfach mal Spaß haben kann... Prädikat: sehr lesenswert!

Doch trotz alledem will ich es mir beweisen und entwickle mit der Zeit eine Art "Schlachtplan" zum Bewältigen des Velothons. An Abenden und Wochenendtagen, wo weiter nichts los ist, kann ich ja fleißig Kilometer machen und üben.

Nun, viel wird aus diesen Plänen allerdings nicht: Ein einziges mal geht es mit dem guten neuen Rad (Spitznahme ziemlich schnell "Raser") nach der Arbeit raus in die Vier- und Marschlande zum Zollenspieker, 25 Kilometer kämpfe lang ich alleine und zunehmend verzweifelt gegen den böigen Wind. Die Rückfahrt auf anderem Weg ist zwar etwas angenehmer, aber als ich nach 45 Kilometern und einer Durchschnitts-Geschwindigkeit von 22 km/h geschafft in die S-Bahn taumele, kommt in mir das Gefühl hoch, dass ich noch jede Menge trainieren muss, um die 60 km Velothon mit 23 km/h zu schaffen!

Hierzu kommt es jedoch leider überhaupt nicht mehr - ein schlimmer Unfall in der Familie sorgt dafür, dass meine freie Zeit fast ausschließlich mit Zugfahrten und Krankenhaus-Besuchen statt mit Fahrrad-Training verbracht wird. Allein zu Ostern ergibt sich die Möglichkeit, in der Märkischen Schweiz bei Berlin mal ein wenig "Hügel zu trainieren" und auch zu Pfingsten noch mal ein paar Stunden am Stück auf dem Rad zu sitzen - aber ansonsten bleibt einzig und allein der Arbeitsweg für mein Training.

Ob das auf diese Weise überhaupt klappen kann? Ich bin mir total unsicher! Besonders, als es am Freitag, den 28. Mai, per Zug zusammen mit "Raser" nach Berlin geht. Gerade erst 500 Kilometer habe ich mit dem schönen neuen Rad absolviert. Aber immerhin hat es noch eine gründliche Inspektion hinter sich gebracht. An diesem Freitagabend bin ich weiß Gott nicht der einzige, der am Dammtor-Bahnhof mit einem Fahrrad in den Zug einsteigt - allerdings der einzige ohne Rennrad. Das also sind meine "Konkurrenten", jedenfalls ein paar von ihnen. Ob die auch alle wie die Verrückten um jede Hundertstelsekunde kämpfen?

Ein gewisses Kribbeln kann ich in dem Moment nicht leugnen. Inzwischen ist die offizielle Strecke via Homepage bekannt gegeben worden - einige Bruchstücke der Strecke sind mir als ständigem Berlin-Besucher durchaus bekannt. Als besondere Attraktion wird die Fahrt auf der Landebahn des stillgelegten Flughafens Tempelhof angekündigt. Etwas erschreckt bin ich jedoch darüber, dass die Gesamtstrecke dadurch auf über 64 Kilometer verlängert wird. Also noch ein paar Kilometer mehr - auch das noch!

Mein ganz großes Ziel bei diesem Jedermann-Radrennen ist also... das Ziel. Oder, mit anderen Worten: Ich will ins Ziel kommen - mehr nicht! Doch, ich will mehr, wichtiger noch: Ich will keinen Sturz! Was wurde alles auf den Internetseiten von furchtbaren, entsetzlichen Stürzen berichtet! Ich möchte also nur wohlbehalten das Ziel erreichen, bevor der Besenwagen die zu langsam fahrenden Fahrer einsammelt. Bzw. dadurch aus dem Rennen nimmt, dass die Startnummer und der Transponder abgegeben werden müssen. Mein Gegner heißt also, außer mir selber: Der Besenwagen. Wieder und wieder versuche ich mir zu sagen, dass es ja keine Schande wäre, aus dem Rennen genommen zu werden! Dann fahre ich die Runde eben gemütlich für mich allein zu Ende, ohne Startnummer auf dem Rücken und auf den begleitenden Radwegen! Ist doch eigentlich wurscht! Oder besser: sollte doch eigentlich wurscht sein...

Am Samstag, den 29. Mai 2010, hole ich mir bei strahlendem Sonnenschein direkt vor dem Brandenburger Tor die Startunterlagen ab. Die erste Startnummer meines Lebens. Dazu der Transponder, der am Lenker des Rades anzubringen ist. Es wird darauf hingewiesen, dass der Verlust dieses Transponders mich 70 Euro kosten würde - immerhin! Auf ihn muss man also besonders achten! Das Ganze verpackt in einen giftgrünen Plastikrucksack - zusammen mit allerlei Werbeartikeln und einer Trinkflasche. Einer der Werbeartikel: Eine kleine Flasche "Alpecin forte" - Shampoo für den Herrn mittleren Alters gegen Haarausfall. Aha, das ist also die Zielgruppe! Da gehöre ich ja exakt dazu!

Die Wettervorhersage für den folgenden Renntag lässt allerdings nichts Gutes vermuten: Regen und gar Gewitter sind angesagt.

Langsam wandelt sich meine Courage in leichte Ängstlichkeit. Wie soll das nur klappen mit dem Schnitt von 23 km/h, nun auch noch bei Unwetter?

Und dann ist es auch schon Sonntagmorgen, kurz nach sechs Uhr. Der Wecker reißt mich aus einem etwas unruhigen, aber doch erholsamen Schlaf. Meine Startzeit ist 8:15 Uhr, aus dem Block E des 60 km-Rennfeldes. Die Startblöcke beinhalten jeweils 1.000 Fahrer - insgesamt haben rund 12.000 Fahrer für das Velothon gemeldet, jeweils ca. 6.000 Fahrer für die beiden Streckenlängen 60 und 120 km. Hinter "meinem Block E" gibt es noch einen Block F, der startet fünf Minuten später und sorgt auf diese Weise dafür, dass ich zumindest zum Anfang ein wenig Abstand zum Besenwagen haben werde. Eine Erleichterung für mich!

Zwei Stunden vor Beginn des Rennens ist es durchaus angesagt, noch ein paar Kohlenhydrate in Form von zwei Scheiben Brot und einer Banane zu mir zu nehmen. Der Himmel ist zwar bedeckt, aber es regnet nicht und irgendwie fühle ich mich gut an diesem Morgen! Ganz unvermutet verfliegt meine Verzagtheit des Tages zuvor zusehends - ich freue mich schlicht auf das bevorstehende Ereignis! Und das, obwohl ich keinerlei Gedanken daran verschwendet habe, mir die Beine zu rasieren! Ich fahre halt mit meinen unrasierten "Affenbeinen", auch, wenn es die anderen annervt. Ich habe also Affenbeine - und das ist auch gut so!

Eingeprägt hatte ich mir immer wieder und auch noch mal am Tag zuvor einige übliche Verhaltensweisen bei Radrennen sowie vor allem die gut und ausführlich erklärten Hinweise zu den Gefahrenstellen auf der Strecke. Besonders intensiv wird auf Kopfsteinpflaster und gefährliche Kurven in dem hügeligen Gelände am Grunewaldturm sowie auf zahlreiche Engpässe und Fahrsteinkanten am Flughafen Tempelhof hingewiesen. Ich habe versucht, mir so viel wie möglich davon zu merken.

Also: Ran mit der Startnummer an mein Renn-Trikot und rein in meine "Renn"klamotten! Zu einer richtig guten Rad-Hose und einem guten Fahrrad-Helm gesellen sich hierbei noch diverse Discounter-Artikel - die aber alle ihren Zweck bestens erfüllen. Der Transponder kommt mittels zwei mitgelieferten Kabelbindern an den Lenker - gleich neben meinen kleinen Fahrrad-Computer und einen externen GPS-Logger, den ich wie üblich mit einem Klett-Band am Lenker befestige. Und dann geht's auch schon, quasi zum Einrollen, die rund fünf Kilometer direkt zu meinem Startblock in der Berliner Prachtallee "Unter den Linden".

Meine Liebste begleitet mich zum Start. Wir haben außerdem noch einen optimistischen Treffpunkt an einem späteren Ort des Rennens ausgemacht: In der Skalitzer Straße in Kreuzberg, immerhin nach ca. 50 Kilometern. Ca. zwei Stunden nach dem Start des Rennens hoffe ich, dort zu sein und noch einmal durch frisches Wasser und einen Kuss neu motiviert zu werden. Für den Fall, dass ich nicht bis hierhin komme, habe ich mir allerdings auch mein Handy und fünf Euro für eine U-Bahn-Fahrt in meine Trikottaschen gesteckt...

Velothon, Startblock F vor dem Start

Der Startblock F des Velothons 2010 für die 60 km-Distanz kurz vor dem Start. Auf den ersten paar hundert Metern wird die Geschwindigkeit durch die Skater begrenzt. Für mich glücklich: Ich starte fünf Minuten aus Block E - dadurch ist mein Vorsprung vor dem Besenwagen um einige Minuten größer...

 

 

 

Aber so weit bin ich ja noch lange nicht - derzeit fühle ich mich eher ein wenig sonderbar, schon eine dreiviertel Stunde vor Beginn zum Startbereich zu kommen. Aber ich bin bei weitem nicht der erste. Um mich herum wuselt es von vielen fast professionell aussehenden Radrennfahrern. Kaum jemand, der nicht zumindest mit einem Rennrad unterwegs ist. Und schon gar niemand außer mir, der mit einer Narbenschaltung fahren wird.

Glücklicherweise regnet es nicht, es hängen zwar schwere Wolken über Berlin, die Straßen sind etwas feucht vom nächtlichen Regen - aber die Wolken halten dicht. Ein wenig schauen meine Liebste und ich uns noch das allgemeine Geschehen an - aber dann, eine gute halbe Stunde vor dem Start gehe auch ich in den durch Gitter abgesperrten und durch Kontrolleure an den Eingängen gesicherten Startblock.

Ganz an die rechte Seite des Absperrgitters stelle ich mich - dort kann ich noch bequem mit meiner Liebsten plaudern. Eigentlich hatte ich erwartet, spätestens zu diesen Zeitpunkten extrem nervös und aufgeregt zu sein. Aber nichts da, zu meiner eigenen Verblüffung bin ich völlig ruhig und gelassen! Freue mich, hin und wieder mal einen anderen Teilnehmer mit Trekkingrad und Gepäckträger zu sehen - damit bin ich also nicht so ganz der einzige! Aber wohl wirklich der Einzige, der mit einer Narbenschaltung unterwegs ist. Aber was soll's? Fast meldet sich das Teufelchen in mir zu Wort, es kommt eine leichte "Jetzt-erst-Recht-Stimmung" auf: Euch Rennrad-Rennfahrern werde ich es schon zeigen! Na ja, zumindest ein paar von Euch. Aber so richtig lasse ich dieses Teufelchen nicht zu Wort kommen.

Meine Ängstlichkeit jedoch ist zu diesem Zeitpunkt völlig verflogen - ich fühle mich gut, freue mich auf das unmittelbar bevorstehende Erlebnis (denn das wird es ja werden, so oder so) und glaube plötzlich an mich.

Weit, weit vor mir muss in diesen Minuten das Rennen beginnen. Einen Kommentator kann ich leise in der Ferne reden hören, verstehen kann ich ihn jedoch nicht. Höre ich da in diesen Minuten etwa Klänge der deutschen Nationalhymne? Ich kann es nicht wirklich erkennen. Viel zu weit hinten stehe ich in dem Feld der rund 6000 Starter der 60-Kilometer-Strecke (eine Stunde später werden noch einmal so viele Starter auf die 120 Kilometer-Runde gehen - mir eine völlig unvorstellbare Distanz!). Ein sicherlich beeindruckendes Bild, das ich in seiner Gänze jedoch nicht wahrnehmen kann.

Während die ersten Rennfahrer aus den vordersten Blöcken also ins Rennen gehen (sie werden nach den Vorjahresergebnissen in die vordersten Blöcke sortiert), plaudere ich hier hinten noch über die Absperrung hinweg gelassen mit meiner Liebsten - wir nennen diese Zone den "Kiss & Go-Bereich". Nur wenige Begleiter und Begleiterinnen machen Gebrauch von dieser Möglichkeit, die meisten Rennfahrer (ca. 90 %) und Rennfahrerinnen (ca. 10 %) starten, ohne von Begleitern auf den Weg gebracht zu werden. Meine Freundin zeigt sich jedoch sehr beeindruckt von der Rennatmosphäre hier. Man ist zwar konzentriert, aber doch nicht verkrampft, und irgendwie liegt eine enorme Energie in der Luft. Ihr gefällt das - und mir auch.

So langsam will ich doch aber auch mal los! Dieses lange Warten ist nicht so richtig mein Fall. Noch immer bin ich keinen Funken aufgeregt, eher neugierig, was da wohl auf mich zu kommt. Es ist doch recht frisch an diesem Morgen und mit meinem kurzärmligen Renn-Trikot gehöre ich auch bei der Bekleidung zur absoluten Minderheit. Praktisch ist die Begleitung durch meine Freundin allerdings auch in diesem Fall: Immerhin kann noch eine Jacke tragen, die ich ihr dann vor meinem Start in die Hand drücken kann.

 

 

 

Und der Start kommt dann doch irgendwann auch auf mich zu, unweigerlich. Ich höre von vorne, fünf Minuten nach der angekündigten Startzeit um 8:15 Uhr, wie von den Fahrern in meinem Block runter gezählt wird: 5 - 4 - 3 - 2 - 1 - Start. Ein kurzer Kuss noch, ein kurzes Winken, ein paar Sekunden Warten noch und dann rolle ich in der Masse los. Ganz, ganz langsam zunächst. Ein paar hundert Meter geht es zunächst in sehr gemütlichem Tempo auf der Straße Unter den Linden entlang in Richtung Brandenburger Tor - das Feld wird durch ein paar Inline-Skater, die vorweg fahren, noch im Tempo kontrolliert.

Kurz bevor ich selber dann zum Brandenburger Tor komme, sehe ich den Sprecher auf der rechten Straßenseite stehen und höre einen klugen Satz von ihm: "Leute, fahrt hier kein wildes Rennen, sondern genießt die Fahrt auf den freien Straßen von Berlin und habt Spaß!" Gedankenschnell beschließe ich, dass dies das Motto meines Tages sein soll: Ich will das hier genießen! Ich will Spaß haben! Ganz genau! Recht hat er!

Das fängt schon ein paar Sekunden später an: Das Rollen durch das Brandenburger Tor ist ein besonderes und irgendwie feierliches, erhabenes Gefühl! Direkt nach dem Brandenburger Tor sind die Inline-Skater dann von der Rennstrecke nach rechts abgebogen, während die Rennstrecke auf dem Pariser Platz eine scharfe Linkskurve macht: Das Rennen ist freigegeben. Ein paar Meter weiter steht der Startbogen - als ich immer noch sehr langsam durch ihn hindurch fahre höre ich ein dutzendfaches leises "Piep", ausgelöst durch die Transponder an den vielen Rädern. Die Zeitnahme startet - das Rennen läuft nun also auch für mich! Ab diesem Moment bin ich also ein "Jedermann". Tatsächlich ein "Hobby-Radrennfahrer".

Und: ich halte mich strikt an meinen zuvor überlegten Schlachtplan. Der da nach der Empfehlung meines gutmütigen inneren Engelchens lautet: Zurückhaltend fahren! Ganz rechts, um Platz für die ehrgeizigen Verrückten zu lassen! Immer schön geradeaus fahren, keine Schlenker, kein Ausweichen vor irgendwelchen Schlaglöchern oder so - nix! Und orientieren, wie das in einem solchen Rennfeld überhaupt alles so abläuft! Das Engelchen regiert - ich fahre extrem diszipliniert und vorsichtig.

Hochkonzentriert bin ich bei der Sache. Merke gar nichts von der Umgebung. Der Potsdamer Platz liegt schnell hinter mir. Ich bemerke das nicht - meine ganze Konzentration gilt dem Geschehen auf dem Asphalt. Eine mäßige Geschwindigkeit schlage ich an, so 26 bis 28 km/h. Andere sind da deutlich hemmungsloser und fahren schon hier Geschwindigkeiten, als gäbe es kein Morgen. Sollen sie doch... Sollen sie doch möglichst schnell an mir vorbei und weg fahren! Meine momentane Geschwindigkeit würde mich ja so souverän vor dem Besenwagen ins Ziel bringen - und sie fährt sich hier auf den ersten paar Kilometern eigentlich von alleine. Ohne besondere Anstrengung, zu meiner eigenen Verblüffung. Eine erste Erkenntnis: In diesem Umfeld fährt es sich viel leichter, als allein auf der Straße. Braves "Raser" - es rollt einfach ungebremst!

Gut so, ich bin zufrieden, rolle irgendwie in dem großen Feld mit, durch die Kurfürstenstraße an der Gedächtniskirche vorbei, auf den Ernst-Reuter-Platz zu. Hin und wieder schnuppere ich mal an 30 km/h Geschwindigkeit, aber alles bleibt sehr locker. Richtige Gruppenbildungen unter den Rennfahrern scheint es gar nicht zu geben, offenbar orientieren sich viele andere zunächst auch noch ein wenig. Das alles lässt sich gut an, ich finde meine Rolle in diesem Rennen - das ich ja vor allem gegen mich selber mache.

Eines jedoch stimmt, was in einigen Foren im Internet zu lesen ist: Zuschauer gibt es an der Strecke hier in Berlin so gut wie gar nicht. Im Startbereich bis zum Potsdamer Platz standen einige Zuschauer - zumeist wohl Angehörige der Fahrer. Aber dann wird es sehr, sehr dünne, kaum jemand interessiert sich für das Rennen. Mich stört das nicht - ich bin ja genügend mit dem Radfahren beschäftigt. Aber eigentlich sind allein die Streckenposten die Zuschauer.

Davon allerdings gibt es viel, sehr viele! An jeder Stelle, die irgendwie auch nur gefährlich sein könnte, steht jemand in auffälligem Dress und schwenkt beharrlich eine Fahne, oder passt auf die vereinzelten Fußgänger auf - die mit den Füßen scharren, um endlich die Straße zwischen diesen doofen Radrennfahrern queren zu können.

 

 

 

Es geht dem Schloss Charlottenburg entgegen. Der Straßenbelag ist zeitweilig tatsächlich ziemlich schlecht, es ruckelt und schüttelt am Fahrrad - das also war gemeint, als im Internet immer wieder auf die schlechte Qualität der Straßen hingewiesen wurde! Aber, mal ehrlich: das ist doch eine Lachnummer! Als Radfahrer, der in Hamburg notorisch auf den vorgeschriebenen Radwegen fährt, kann ich nur feststellen, dass jeder zweite Radweg in Hamburg von weitaus schlechterer Qualität ist, als das hier. Was also soll das kindische Gemecker im Internet?

Allerdings: das Geschüttel am Fahrrad lässt den mit dem Klettband am Lenker befestigten GPS-Logger wild umhertanzen. Wie verrückt schlackert er an meinem Lenker, und andauernd öffnet sich das Klettband immer weiter - ich muss ständig aufpassen, dass das Gerät nicht herunterfällt. Wie lästig!

An einer leichten Steigung am Spandauer Damm nimmt das allgemeine Tempo verblüffend ab. Gibt es hier etwa eine Gefahrenstelle oder so? Nein, es ist die eher winzige Steigung als solche, die das Tempo drosselt. Ich trotte ein wenig mit. Das kleine Engelchen in mir meint: "Gut so - fahre auch weiterhin schön zurückhaltend und friedlich!"

Aber hin und wieder trete ich doch ein klein wenig kräftiger in die Pedalen und rolle jetzt öfter mit über 30 km/h über die Strecke - aber immer noch hoch konzentriert. Irgendwie fällt es mir viel leichter, hier in diesem Umfeld eine solche Geschwindigkeit zu fahren, als wenn ich morgens auf dem Weg zur Arbeit bin... Na, kein Wunder! Wahrscheinlich gibt es auf dem Weg zur Arbeit mehr innere Widerstände, als ich mir eingestehen mag.

Ein sehr befriedigender Gedanke huscht mir immer wieder mal durch den Hinterkopf: Wenn ich weiter so fahre, dann hat der Besenwagen keine Chance gegen mich! Ätsch!

Die Verrückten, also die wahnsinnig auf Geschwindigkeit achtenden Rücksichtslosen, sind inzwischen längst an mir vorbei und wahrscheinlich schon kurz vor dem Ziel - da gibt es dann nach und nach meine ersten, zaghaften Überholmanöver. Tatsächlich: Ich überhole mit meinem Nabenschaltungs-Trekkingfahrrad Radrennfahrer, die mit Outfit und Technik aussehen wie Profis. Eher verblüfft nehme ich das zunächst zur Kenntnis. Aber ich möchte einfach meine ruhige, konstante Geschwindigkeit halten.

Und so langsam entspanne ich mich auch etwas aus meiner verbissenen Konzentration - und das Ganze fängt mehr und mehr an, mir tatsächlich Spaß zu machen. Die Mitradler um mich herum scheinen das Rennen ähnlich wie ich machen zu wollen und sind nicht von übermäßigem Ehrgeiz besessen. Es ist nicht mehr so eng und voll um mich herum, als dass ich nicht auch mal einen kurzen Blick in die Umgebung werfen könnte. Durchaus zügig komme ich voran, mein Fahrradcomputer zeigt eine Durchschnittsgeschwindigkeit von bald schon 28 km/h an. Prima!

Irgendwo hier in der Gegend, nach gut 13 Kilometern, ergibt es sich dann, dass ich die hintersten Radler des vor mir gestarteten Blocks D überhole. In dem Moment meldet mein kleines Teufelchen sich mal wieder zu Wort: "Na, also! Du kannst es doch! Fahr doch etwas schneller weiter, verdammt! Überhole, überhole, überhole!" Diese Gedanken schiebe ich locker Beiseite, amüsiere mich fast über diese bisher eher unbekannte Facette in mir. Und doch: plötzlich bin stolz wie Bolle, die ersten Fahrer des Blocks vor mir erreicht zu haben! Alles fühlt sich gut, ja, fast schon großartig an! Auch meinem Fahrrad scheint dies zu gefallen - es zeigt keinerlei Mucken.

Gerade mal ein paar hundert Meter weiter werde ich dann von den ersten Fahrern des hinter mir gestarteten Blocks F einge- und überholt. Wieder kommt eine Welle an Radrennfahrern, die so fahren, als würden sie von einer Horde wilder Teufel gejagt. Ich halte mich da besser weiterhin ganz rechts auf der Strecke und schaue mich weiter bei jedem Ausscheren fürs Überholen wachsam um, damit ich nicht jemandem Schnelleren in seinen Weg fahre. "Sehr achtsam - das muss so sein!" meint mein Engelchen.

Irgendwo nach ca. 12 Kilometern dann aber kommt ein Missgeschick, das meine Aufmerksamkeit eine ganze Weile doch sehr, sehr in Anspruch nimmt, eigentlich über alle Maßen: Mein GPS-Logger tanzt auf etwas unebener Strecke gerade wieder wie wild über den Lenker an seinem schon wieder halb geöffneten Klettband (komisch, bei meinen sonstigen Radtouren ist dies noch nie so passiert - meine momentane Geschwindigkeit und die damit verbundenen härteren Schläge scheinen den Unterschied zu machen), da bemerke ich, dass diese wild herumschlackernde Box meine Startnummer am Lenker mit dem Transponder auf einer Seite losgeschlagen hat. Der Transponder war mit zwei Kabelbindern befestigt - hiervon ist der eine jetzt von der dünnen, papierenen Startnummer abgerissen. Der Transponder hängt "wie ein Schluck Wasser in der Kurve" am Lenker - und droht, bei der nächstbesten Erschütterung ganz herunter zu fallen. Mir geht durch den Sinn: Der Verlust des Transponders würde mir mit einem Betrag von Euro 70 in Rechnung gestellt werden.

Das geht ja nun gar nicht! Angestrengt überlege ich, was ich denn tun sollte, wenn der Transponder tatsächlich herunter fällt. Soll ich dann anhalten? Zurückgehen - und das Teil in einer passenden Sekunde wieder aufsammeln? 70 Euro Verlust - das wäre einfach zu ärgerlich! Einfach blöde, dass das Teil nur auf einem etwas verstärkten Papier befestigt ist! Da ist ein Verlust ja schon fast vorprogrammiert! Auch der Verlust meines GPS-Loggers (der übrigens auch fast 70 Euro gekostet hatte) droht immer wieder. Mit anderen Worten: ich bin sehr besorgt um die beiden Dinge, die sich an meinem Lenker tun: Bitte nichts verlieren!! Im schlimmsten Fall geht sogar beides flöten...

Also halte ich Ausschau nach einer der insgesamt sechs Service-Stationen, die am Straßenrand eingerichtet sein sollen. Leider weiß ich nicht mehr, wo diese sein sollen.

Das Ganze bei einer ziemlich konstanten Geschwindigkeit von rund 30 km/h. Diese wird ab und an in einigen Kurven deutlich gesenkt, erfordert aber durchaus eine Menge Aufmerksamkeit. Besonders angestrengt fühle ich mich insgesamt allerdings noch nicht. Oder, um es so zu sagen: Mein Kopf ist bisher eigentlich angestrengter, als die Beine. Mein Engelchen ist mit mir aber sehr zufrieden bisher.

So geht es flott weiter in den Grunewald. Die Straßen werden schmaler, es ist mit den tief hängen Wolken ziemlich duster, mein Automatik-Licht geht manchmal an - Wald eben. Wie peinlich, denke ich - mit Licht auf einem Radrennen! Die wildesten Überholer aus dem Block F sind mittlerweile offenbar an mir vorbei, das Rennfahrerfeld um mich herum ist recht homogen und harmonisch. Man gibt Acht aufeinander und erfreut sich an der freien Fahrt auf den Straßen.

Mir fällt ein, dass es vor allem zwei Warnungen für den Grunewald gab: Zum einen vor einem Stück Kopfsteinpflaster, zum anderen vor gefährlichen Kurven bei einer Abfahrt.

Das Stück Kopfsteinpflaster taucht recht schnell vor mir auf. Ich bin so dermaßen besorgt um den Transponder und meinen GPS-Logger, dass ich die hoppeligen Steine kaum registriere - und dann auch schon drüber hinweg bin. Völlig problemlos - das ist sicherlich ein Vorteil meines Trekking-Rades mit seinen im Vergleich zu Rennrädern unendlich breiten Reifen.

Dann jedoch wird es vor mir plötzlich langsam - sehr langsam. Was ist los? Ein Sturz vor mir? Oh weh, hoffentlich nicht! Bisher hatte ich noch keinen Sturz am Wegesrand wahrgenommen, lediglich einige Fahrer mit technischen Pannen.

Aber meine Sorge ist unbegründet: Es ist kein Sturz - sondern die Steigung zum Grunewaldturm lässt die Fahrer vor mir offenbar verzagen und arg ins Stocken kommen. Mir jedoch geht es prächtig. So gewaltig kann eine Steigung in Berlin doch gar nicht sein, dass man hier plötzlich so dermaßen schleichen muss! Mir kommen die rund 450 m Höhenunterschied in den Sinn, die ich im vergangenen Sommer mit einem 80er-Jahre Fahrrad mit Dreigang-Schaltung im Allgäu hinauf gefahren war. Das Teufelchen flüstert mir zu: "Du kannst doch an dieser lächerlichen Steigung viel mehr als die da und brauchst doch Dein Tempo gar nicht weiter reduzieren!".

Ein wenig höre ich auf diese Stimme - und trete etwas kräftiger in die Pedale. Die Folge: Ganz unversehens bin ich plötzlich einer von denen, die links fahren. Gleich dutzendweise überhole ich auf der recht schmalen Straße meine Konkurrenten - die ich allerdings nach wie vor mehr als "Mitfahrer" empfinde. Meine Beine funktionieren gut - und auch meine Luft reicht locker. Viele der anderen wirken auf mich verblüffend angestrengt - während bei meinem Fahrrad gerade wieder das Automatik-Licht angeht.

Blöd nur, dass ich ständig ein Auge auf meine beiden Problemfälle haben muss: Den GPS-Logger und der Lenker-Startnummer mit Transponder. Denn schon nach einigen Minuten Anstieg geht es ein Stückchen abwärts, und zwar mit Schwung. Mir geht durch den Kopf, dass es hier also irgendwo kritische Stellen geben muss! Ruckzuck rolle ich über mit über 40 km/h, aber es kommt noch ein kleiner Anstieg - den ich völlig locker überwinde. Den Grunewaldturm auf der rechten Seite nehme ich gar nicht wahr.

Sekunden später fahre ich schon wieder rasant bergab, einige Sekunden zeigt mein Tacho eine Geschwindigkeit von über 50 km/h an. Jetzt ist also allerhöchste Aufmerksamkeit nötig! Aber schon ist dieser Höhepunkt wieder vorbei, die ersten unübersehbaren Warnschilder vor einer gefährlichen Rechtskurve tauchen auf. Mehrere Sicherungsposten stehen auf beiden Seiten der Strecke und schwenken hektisch Fahnen. Ich sortiere mich auf der rechten Seite ein, bremse. Ein weiterer Sicherungsposten steht mit einem Megaphon auf der linken Seite, ruft unablässig in die Menge hinein: "Vorsicht, es kommt eine gefährliche Rechtskurve, alle abbremsen!" Alles erscheint dramatisch, also Achtung jetzt, in die Bremse greifen - ich reduziere meine Geschwindigkeit deutlich, wie auch alle vor mir.

Allerdings höre ich links hinter mir, wie jemand mit offenbar hoher Geschwindigkeit immer näher zu mir aufschließt, rasend schnell. Eher irritiert von dem aller Warnungen zum Trotz herannahenden Etwas schaue ich direkt in der Kurve nach links - und sehe dann mit meinen Augen tatsächlich genau das zu Beginn des Artikels beschriebene Horror-Szenario!

Ein Fahrer mit einem schnittigen Rennrad scheint sämtliche Warnungen total ignoriert zu haben (vielleicht waren ja auch seine Bremsen kaputt?), er rast offenbar völlig ungebremst und viel zu schnell in die gar nicht sooo enge, aber überraschend langgezogene Kurve, vor Schreck und Entsetzen schreie ich einen völlig sinnlosen Satz: "Ja, was machst Du denn da???" Das nützt natürlich auch nichts. Er wird weit herausgetragen aus der Kurve, zu weit. Gerät direkt vier Meter neben mir in die zur Sicherung vor der Leitplanke ausgelegten Strohballen, sein Fahrrad überschlägt sich, der Fahrer überschlägt sich auch und prallt dabei mit sehr hoher Energie mit dem Kopf direkt von oben auf die Leitplanke. Ein grauenhafter Anblick! Blankes und fassungsloses Entsetzen packt mich!

Nicht nur mich - auch der Fahrer direkt vor, greift entsetzt in die Bremse, dreht sich um, kann den Blick kaum von dem furchtbaren Sturz lassen. Binnen Sekundenbruchteilen gehen mir dutzende Gedanken durch den Kopf - was ist nun zu tun??? Mein Engelchen ruft: "Halte sofort an! Helfe dem Verunglückten!" Teufelchen flüstert: "Der hat selber Schuld und Du kannst hier gar nichts ausrichten!".

Sofort wird mir klar, dass ich hier tatsächlich nichts ausrichten kann, ein Stoppen in der Kurve wäre extrem gefährlich und würde garantiert weitere Stürze und Unfälle mit den Folgenden nach sich ziehen. Auch sehe ich im gleichen Moment, dass dem Veranstalter die Gefährlichkeit dieser Kurve sehr bewusst war, ein Krankenwagen steht direkt nach dem Ende der Kurve bereit. Gott sei Dank!! Ein wenig bin ich erleichtert - aber einfach noch fassungslos und wie starr vor Schrecken.

Einer meiner ersten Gedanken auch: Wie gut, dass Fahrradhelme bei dem Rennen Pflicht sind! Kaum vorstellbar, dass der Fahrer diesen Sturz ohne Helm ohne ernsthafte und lebenslange Folgen überlebt hätte - wenn er es überhaupt überlebt hätte! Wahrscheinlich wäre er ohne Helm auf der Stelle tot gewesen. So aber kann man die Hoffnung haben, dass er dieses zwar selbstverschuldete, aber doch erschreckende Unglück einigermaßen überstanden hat. Ich wünsche es ihm von Herzen alles Gute!

Wochenlang wird dieser schreckliche Unfall mir immer wieder durch den Sinn gehen, ich werde immer wieder nachts von ihm träumen - wie am Anfang des Textes geschildert. Das dort geschilderte war nämlich keineswegs nur ein wirrer Alptraum, sondern eine tatsächliche Begebenheit... (ein kurzer Hinweis: sollten Sie das auch in der linken Spalte verlinkte Youtube-Video der 120 km-Strecke vom Velothon 2010 betrachten, so können Sie die genaue Stelle dieses Sturzes in der langgezogenen Kurve nach exakt 2:32 Minuten des Videos sehen)

Aber meine Fahrt geht weiter. Auch mein Vordermann ist sehr erschreckt - er schaut sich fast im Sekundentakt um. Die folgende enge Linkskurve durchrollen wir wie in Trance so langsam wie Fahrradtouristen. Noch viele hunderte Meter und mehrere Kurven weiter im dichten Wald dreht er sich immer wieder mit erschüttertem Blick um - wohl wissend, dass er nichts sehen kann und nicht erfahren wird, wie es dem Verunglückten geht.

Sowohl seines, als auch mein Tempo reduziert sich für längere Zeit deutlich. Starr vor Schrecken, wir beide. Und womöglich auch von etlichen hinter uns, die das Geschehen nicht direkt neben sich, sondern vor sich sahen.

Hatte ich zuvor gerade angefangen, Spaß an dem Rennen zu bekommen, so hat dieser jetzt einen gehörigen Dämpfer erfahren. Meine Güte, so ein Rennen ist ein wirklich gefährliches Unterfangen, wenn man nicht konzentriert fährt - denke ich wieder und wieder. Und wie ein Film in einer Endlosschleife sehe ich den Sturz immer und immer wieder vor meinem inneren Auge ablaufen.

Und doch erfordert das Geschehen direkt um mich herum ständig soviel Aufmerksamkeit, dass ich gar nicht anders kann, als mich hierauf zu konzentrieren. Engelchen ruft: "Lass diesen ganzen Wahnsinn sein, es ist wirklich gefährlich! Stell am besten Dein Fahrrad ab und geh nach Hause!" Teufelchen flüstert: "Stell Dich nicht so an! Wo gehobelt wird, da fallen Späne. Fahr weiter, aber mal mit ein bisschen Dampf, verdammt!".

Also fahre ich weiter, mit sehr gemäßigtem, konstanten Tempo. Etwa einen Kilometer weiter hat es ein Stück vor mir auf ganz gerader Strecke offenbar wieder einen Sturz gegeben - auf der linken Seite ist ein Krankenwagen vorgefahren, ein Helfer will zwischen den Rennfahrern hindurch zu einem Gestürzten, der auf der rechten Straßenseite mit aufgeschlagenen, blutenden Knien neben seinem Rennrad auf dem Boden sitzt, offenkundig geschockt. Das Durchkommen zwischen den Radfahrern gestaltet sich für den Helfer schwierig.

Diese zumeist enge und düstere Straße durch den Wald gefällt mir immer weniger, lieber würde ich wieder auf die breiten, ausladenden Straßen in der Stadt zurückkehren. Ja, es ist durchaus duster, die Wolken hängen immer noch dicht und tief - aber immerhin behalten sie ihre feuchte Last für sich. Glücklicherweise.

Vor der Fahrt in der Stadt steht aber noch ein längeres Stück Fahrt entlang der Avus, immer noch durch den Wald, immer wieder mal mit kurzen heftigen Schlägen durch Absätze auf der Straße. Wieder muss ich verstärkt mein Augenmerk auf den Transponder und den GPS-Logger richten, damit die mir nicht verloren gehen und davonfliegen. Gäbe es doch bloß mal eine dieser Servicestationen, damit zumindest meine Startnummer mal wieder richtig am Lenker befestigt werden könnte. Ich komme in einen etwas genervten Zustand. Das Stück Weg entlang der Avus zieht sich irgendwie wie Kaugummi und nervt schon richtig! (Anmerkung von 2011: Beim Rennen ein Jahr später liegt hier neben der Avus frischer Asphalt - glatt wie ein Babypopo! Danke, Berlin!)

Eine flotte Fahrweise erlauben die etwas hoppeligen Verhältnisse hier irgendwie auch nicht, ich schleiche ein wenig vor mich hin - immerhin jedoch müsste ich eine sicheren Abstand vor dem Besenwagen haben. Aber ich finde das hier eine doofes Stück und will endlich raus aus dem Wald und wieder auf echte Straßen!

Irgendwann wird abgebogen, aber der folgende Weg geht auch noch durch den Wald, ein Stück zumindest. Nach einiger Zeit wieder eine scharfe Kurve, in der Onkel-Tom-Straße geht es langsam wieder ins Stadtgebiet. Wie eine Erlösung erscheint mir das, und auch mein Schockzustand hat langsam nachgelassen. Für eine besondere Freude sorgt hier ein Junge, der die Radfahrer auf seine eigene Weise anfeuert: Es sitzt am Straßenrand an einem Schlagzeug an einem Dauer-Schlagzeug-Solo und gibt da einen guten Takt vor. Toll! Alle Fahrer winken ihm zu. Endlich mal ein Zuschauer! Und der Junge freut sich bestimmt, sein Schlagzeug mal so richtig ungebremst verwenden zu dürfen, an diesem Sonntagmorgen.

Es geht in Richtung Steglitz, und so langsam kommt bei mir wieder Lust auf etwas mehr Schwung auf. Meine Fahrradcomputer zeigt eine Durchschnittsgeschwindigkeit von 28,X km/h an, immer wieder geht mein Blick auf den Transponder, der immer noch an meinem Lenker baumelt und jederzeit verloren gehen kann (warum ich gar nicht auf die Idee komme, ihn abzunehmen und in meine Trikottasche zu stecken, kann ich später gar nicht mehr nachvollziehen). Irgendwo hier muss mal die Verpflegungsstation kommen.

Es geht auf die Königin-Luise-Straße - und prompt wird die Verpflegungsstation angekündigt. Nach insgesamt eineinviertel Stunden Fahrt freue ich mich auf die kurze Pause, biege rechts ab auf die Tankstelle, die als Verpflegungsstation hergerichtet ist. Während viele meiner Mitradler hier nach einer Möglichkeit suchen, ihr Fahrrad gut abzustellen, klappe ich einfach den Ständer an meinem Trekkingbike runter, ätsch. Es gibt Bananen, Orangen und Powerriegel, die den Fahrern von freundlichen Damen gleich mit vollen Händen angeboten werden. Eine halbe Banane und einen Powerriegel gönne ich mir. Meinen Wasservorrat brauche ich nicht aufzufüllen - in Kreuzberg wird ja noch eine frische Flasche am Straßenrand für mich bereitgehalten. Und für mich ist es gar keine Frage mehr, dass ich locker dahin kommen werde.

Und: Es gibt hier an der Verpflegungsstation auch eine kleine Servicestation! Gott sei Dank! Der Techniker schaut etwas verzweifelt auf den herumbaumelnden Transponder und fummelt ein wenig ratlos herum. Auf meinen Vorschlag hin findet er aber in seinem Werkzeugkoffer ein paar Kabelbinder - und siehe dar: Er bekommt das Teil einigermaßen sicher befestigt! Vielen Dank! Wie schön! Eine Sorge weniger! Noch schnell einen weiteren von diesen Super-Powerriegeln einstecken für später, die erscheinen mir prima zu sein. Noch ein Becher Wasser. Und dann noch eine weitere gute Entscheidung: dieses blöde GPS-Teil wird abgenommen - und in die Tasche auf dem Rücken gesteckt - basta! Auch, wenn der Empfang dort bei weitem schlechter ist. Macht nix - endlich bin ich beide Sorgen los! Endlich kann ich frei fahren!

Alles zusammen dauerte exakt sechseinhalb Minuten - irgendwie ja ein herber Zeitverlust, aber das macht nichts. Ich fühle mich erfrischt - und von meinen Sorgen erleichtert. "Gut gemacht! Jetzt kannst Du ganz befreit von Deinen Sorgen und mit frischen Kräften weiterfahren. Aber vorsichtig!" jubelt Engelchen. Ich staune darüber, wie wenige Radler das Angebot mit der Verpflegungsstation wahrnehmen und vorbei fahren. Zurück geht's auf die Strecke, mit sehr vorsichtigem Einfädeln.

Mein Fahrrad fährt sich plötzlich wieder wie von alleine - nur jetzt plötzlich mit einer höheren Geschwindigkeit. Ja, so wie das jetzt läuft bringt mir das Rennen wieder richtig Spaß, die schrecklichen Bilder sind einstweilen in den Hintergrund geschoben. Und ich brauche nicht mehr auf irgendwelche Teile am Lenker zu achten.

Teufelchen flüstert mir mal wieder zu: "Schneller! Schneller! Du kannst es doch!" Ja, und ich merke auch eine ungeheure Lust an dem schnellen Fahren. Die Straßen sind sehr breit, komplett frei von Autos, das Radfahrerfeld hat sich sehr in die Länge gezogen - ich habe recht viel Platz um mich. Mit anderen Worten: Ich genieße die Fahrt in vollen Zügen. Fantastisch, dieses Velothon!

Die Anzeige meiner Durchschnittsgeschwindigkeit steigt ganz langsam, aber kontinuierlich an. Die anderen Fahrer um mich herum fahren eigentlich alle umsichtig und vernünftig. Großartig! Und: Nein, der Besenwagen ist einfach kein Thema mehr. Heute jedenfalls nicht!

Vergessene, fast unbekannte, völlig archaische Gefühle tauchen total unvermutet bei mir auf: Ich spüre meine enorme Kraft, mit der ich hier vorankomme! Großartig, was für eine ungeahnte Energie doch in mir steckt! Weit von jeder Erschöpfung entfernt rase ich hier mit meiner eigenen Kraft über den Asphalt wie nie zuvor in meinem Leben - und finde das einfach nur fantastisch!

"Prima!" flüstert Teufelchen in mir. "Bloß vorsichtig!" schreit mein Engelchen entsetzt.

Der angekündigte Höhepunkt, die Fahrt über die Startbahn des Flughafens Tempelhof, ist viel plötzlicher und schneller erreicht, als vermutet. Hier beginnt das für mich vertraute Terrain, hier und auf den nächsten Kilometern kenne ich mich bestens aus in Berlin - auch ein gutes Gefühl. Über kleine, enge Wege und Kurven geht es auf den Flughafen. Das ist aber kein besonders gefährliches Problem, denn das Feld um mich herum ist einfach schon sehr weit auseinander gezogen.

Man schlängelt sich ein wenig durch zur Startbahn - und sieht das Fahrerfeld wie eine kilometerlange Schlange über den ganzen Flughafen sich winden. Was für ein faszinierender Anblick! Wahrscheinlich empfinden das auch die fünf bis sechs Zuschauer auf diesem Riesengelände so. Ein neben mir fahrender Radler ruft mir zu: "Ist das nicht toll?" - ich bestätige das gerne und vorbehaltlos. Breit grinsend.

Auf dem etwas ruppigen Asphalt der Startbahn selber fühle ich mich aber gar nicht so richtig wohl: Plötzlich merke ich, dass es hier einen durchaus spürbaren Wind schräg von vorne gibt! Den hatte ich auf der ganzen bisherigen Fahrt noch gar nicht wahrgenommen! Eben drum gestaltet sich die Fahrt hier ein wenig mühsam. Plötzlich ächze ich vor Mühe. Fies, dieser Gegenwind!

Auf einem kleinen, sehr schmalen Weg geht's dann auf den Columbiadamm. Ja - hier kenne ich mich aus! Jetzt kann ich ja mal richtig Gas geben. So richtig!

Hinzu kommt: Jetzt sind es nur noch ein paar Kilometer bis zu dem vereinbarten Treffpunkt mit meiner Liebsten. Wie toll! Aber auch dazu mache ich mir ein paar Sorgen, denn: Ich bin insgesamt deutlich schneller, als ich mir hätte träumen lassen! Bei unseren optimistischsten Annahmen waren wir von einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 25 km/h bis zu dem Treffpunkt ausgegangen - nun zeigt mein Tacho über 29 km/h. Ich werde einfach deutlich früher dort sein als kalkuliert, so, dass ich fürchten muss, dass sie noch gar nicht an der Straße steht. Aber mein Entschluss steht: Warten werde ich dort nicht auf meine Liebste!

Flott geht's den Columbiadamm entlang, breit grinsend freue ich mich schon auf die etwas abschüssige Hermannstraße - die mich sicher schnell meiner Liebsten entgegen bringen wird! Tatsächlich: Mit gut 40 Sachen geht's dem Hermannplatz entgegen.

Dieser wird im späteren Verlauf des Rennens bei den 120 km-Fahrern Schauplatz eines furchtbaren Unfalls: Ein Radfahrer stürzt bei der Einfahrt in den Kottbusser Damm - und reißt hierbei eine Streckenposten mit um, der im Sturz mit dem Kopf auf die Bordsteinkante aufschlägt. Welch ein Unglück! Wie zu hören und zu lesen war, befindet dieser sich nach einem längeren Aufenthalt auf der Intensivstation auf dem Wege der Besserung. Auch ich wünsche weiterhin Gute Besserung! Radrennen sind also nicht nur für die Fahrer, sondern unter Umständen auch für die Zuschauer in Kurven durchaus gefährlich!

Aber diese dramatischen Vorgänge sind noch nicht zu ahnen, als ich hier entlang komme. Tatsächlich gibt es hier ein paar Zuschauer - mir ist der Polizist in Erinnerung, ein Bär von einem Mann, der an der Einfahrt zum Hermannplatz steht und uns Fahrer des hinteren Viertels des Fahrerfeldes beharrlich beklatscht. Ein schönes Gefühl! Danke!

Immer noch lächelnd geht es in rasender Fahrt den Kottbusser Damm entlang, sozusagen die "Zielgerade" zu meiner Liebsten. Ich kann's kaum erwarten.

Hier, in der sehr türkisch anmutenden Straße (die könnte so auch locker in Ankara sein - was gar nicht irgendwie böse gemeint ist, liebe ich die türkische Hauptstadt doch sehr!) sind immerhin mal jede Menge Leute auf den Beinen! Allerdings sind dies keine Zuschauer, keiner der Passanten kümmert sich um uns Sportler: Man geht seinen Sonntags-Kiosk-Einkäufen nach und zeigt sich eher genervt, dass man eher noch schlechter als sonst über die Straße zum nächsten Bäcker oder Restaurant kommt.

 

 

 

Die sehr scharfe Kurve in die Skalitzer Straße wird genommen, und tatsächlich: Mein Herzilein ist schon da! Sie hat noch überhaupt nicht mit mir gerechnet, erschreckt sich, als ich plötzlich auf sie zu rolle. Mein Tacho zeigt einen Durchschnitt von 30,04 km/h. Küsse und Wasser werden gewechselt, wie ein Wasserfall plaudere ich meine Eindrücke heraus - noch einmal genau dreieinhalb Minuten Pause mache ich. Und lasse meiner inzwischen wieder geweckten Begeisterung freien Lauf.

Meine Schilderungen wirken offenbar ansteckend, sie freut sich, wir verabreden uns schnell noch fürs Ziel. Mit einem fröhlichen "Ich muss denn mal weiter!" schwinge ich mich wieder auf mein Rad - und bin schon wieder weg.

Auf genau diesen Moment aber hatte das Teufelchen in mir offenbar nur gewartet. "Verdammt noch mal! Jetzt ist das Rennen bald schon vorbei! Nun gib aber mal richtig Gas! Fahre, Du alter Sack! Schnell! FAHRE! JETZT! SCHNELL! Wehe, wenn Dich noch jemand überholt heute!" schreit mein Teufelchen. Überraschend meldet sich auch mein Focus-Fahrrad zu Wort: "Trete mich! In die Pedale! TRETE! MICH! JETZT!". Engelchen seufzt nur leise - es wurde gerade überstimmt...

Plötzlich und völlig unvermutet packt mich also ein wilder Ehrgeiz! Dass ich ins Ziel komme, steht für mich schon lange fest. Nun aber will ich, begeistert von meiner eigenen Leistungsfähigkeit, mehr! Bis ins Ziel sind es ja nur noch schlappe 15 Kilometer und ich fühle mich immer noch geradezu frisch, aber recht gut aufgewärmt und locker. Es soll mich nun wirklich keiner mehr überholen! Schließlich sind die richtig Schnellen sind ja eh alle schon weg und im Ziel.

Dieses Vorhaben klappt auch zunächst prima! Flott geht es die mir gut bekannte Skalitzer Straße entlang, den Gefahrenpunkt vor der wunderschönen Oberbaumbrücke nehme ich kaum wahr. Auf der Oberbaumbrücke erfreut eine Samba-Band die Radler - fast alle Radfahrer winken froh. Solche Randerscheinungen sind toll! Allzu viel Reizpunkte gibt es von außen ja nicht bei diesem Rennen.

Nach der Oberbaumbrücke geht's an der East Side Gallery entlang in Richtung Ostbahnhof. Die Straße ist so dermaßen breit und das Fahrerfeld so dermaßen in die Länge gestreckt, dass ich tatsächlich die eine oder andere Sekunde Zeit finde, um die frisch renovierten Bilder auf dem Mauerrest wahrzunehmen. Und, Tatsache: Niemand kann mich noch überholen!

Vor mir kommt ein Grüppchen von etwa zehn Radlern in meine Reichweite - und ich hänge mich einen Moment hinten an die Gruppe ran. Schnell jedoch fühle ich mich irgendwie etwas abgebremst in meinem Elan und beschließe, die Gruppe auch zu überholen. Das jedoch bringt mir eine neue Erfahrung, die ich hier im Rennen hin und wieder schon mal leicht wahrgenommen habe, jetzt aber massiv: Der Windschatten. Bzw. die Folge von fehlendem Windschatten. Es gibt ihn also tatsächlich, den Windschatten, von dem ich früher zuweilen im Fernsehen gehört habe! Als ich nämlich hinter der Gruppe herausschere um sie zu überholen, da schlägt mir plötzlich ein unerwartet kräftiges Lüftchen entgegen, wie eine starke, dauerhafte Böe direkt von vorn - so, dass ich zunächst tatsächlich ein paar Meter zurück falle und viel mehr Energie aufbringen muss als vermutet, um diese Gruppe hinter mir zu lassen. Das also war Windschatten, denke ich.

Ich überhole fleißig immer wieder mal einzelne Rennfahrer auf dem folgenden Zick-Zack-Kurs, der mich in meinem Geschwindigkeitsrausch immer wieder zum bremsen zwingt. Vorbei am Alexanderplatz geht es, als besondere Gefahrenpunkte tauchen hier und in der Folge immer wieder Straßenbahnschienen auf. Aber es passiert nichts um mich herum.

Getrieben von meinem inneren Teufel fahre ich jetzt, fast schon fanatisch, eine Weile an meiner Leistungsgrenze - und recht bald lässt mein Körper mich auch die doch ungewohnte Belastung spüren: Eine spürbare Müdigkeit zieht in meine Beine, endlich. Unerschöpflich sind meine Energiereserven also doch nicht - so, wie es sich vor einer Viertelstunde noch angefühlt hat. Mein Beschluss, an der Grenze meiner Kraft zu fahren, zeigt also recht schnell Folgen. Fühlt sich aber befriedigend an.

Ob ich wohl mit einem richtigen Rennrad deutlich schneller wäre? Vielleicht! Aber was würde das schon ändern? Fast die ganze Zeit fahre ich hier jetzt allein, ohne jeglichen Windschatten, mit einer Geschwindigkeit von oft gut 35 km/h. Immer wieder staune ich selber über mich.

Irgendwo in der Torstraße passiert es dann aber doch: Plötzlich und unvermutet rauscht ein Fahrer ziemlich rasant und wie frisch gestartet an mir vorbei. Ja, wo kommt der denn her, so schnell? Der hätte mich doch schon längst überholen können, na, womöglich hat der ja eine Panne gehabt und holt nun auf...? Ich versuche sofort, mich an ihn zu hängen - merke aber schnell, dass ich das nicht mehr schaffe. Seine gut 40 km/h schaffe ich einfach nicht mehr. Ein Rennrad müsste man haben!

Ein anderer Fahrer etwa zehn Meter vor mir, hängt sich aber doch an ihn - und beide zusammen setzen sich dann langsam, aber sicher, von mir ab... Mist! Nicht geschafft, dass mich keiner mehr überholt! "Aber macht doch nichts!" haucht Engelchen schüchtern. "Doch!" ruft Teufelchen: "Verdammt! Ran da, verdammte Hacke!" Ich lasse die beiden fahren, falle wohl einen bis zwei Meter Meter pro hundert Meter hinter sie zurück...

Immer wieder scharfe Kurven und Straßenbahnschienen in diesem Bereich. Das ist gefährlich und man muss aufpassen. Aber mit meinen deutlich breiteren Reifen bin ich da sicherer unterwegs, als die Rennräder mit ihren extra-schmalen Rädern.

Eine kleine Steigung in Richtung Bundespresseamt lässt viele vor mir wieder deutlich langsamer werden - mich diesmal auch. Das Ziel ist jetzt nicht mehr weit - die Siegessäule, an der es auf die Zielgerade geht, kommt schon in Sicht. Vorbei geht's am Hauptbahnhof und am Bundeskanzleramt, etwas später auch am Sitz des Bundespräsidenten.

Aber, ja, sag mal, kommen wir denn nie zur Siegessäule? Das flotte Fahren bringt mir zwar immer noch Spaß, aber irgendwie dachte ich, der Weg zum Ziel sei kürzer. Plötzlich jedoch steht die "Goldelse", also die Siegessäule, dann doch direkt vor mir.

Velothon, nach dem Ziel am Brandenburger Tor

Am Reichstag, schon nach der Zieldurchfahrt des Velothons - für die man auf der Straße des 17. Juni direkt auf das Brandenburger Tor (hinten zu sehen) zufährt. Gemütliches Ausrollen, um den Transponder abzugeben und die Medaille zu erhalten.

 

 

 

Jetzt geht's nur noch links ab in die Straße des 17. Juni - der Zielgeraden. Toll - ich habe es tatsächlich geschafft! Außer dem einen Radfahrer hat mich auf den letzten 15 Kilometern tatsächlich niemand mehr überholt! "Na, geht doch!" triumphiert das Teufelchen in mir. "Was Du für Energie hast!"

Jetzt könnte ich das Fahrrad sogar bequem ins Ziel schieben. Aber das ist ja kein Thema!

Aber dann... Ach, wie peinlich! Und wie dämlich! Nun leiste ich mir noch mal einen sehr jämmerlichen Nachweis meiner völligen Unerfahrenheit: Den großen Bogen da vorne halte ich tatsächlich für das Ziel - und nehme noch einmal richtig Schwung auf, rausche mit verblüffender Geschwindigkeit dem Bogen entgegen. Und durch ihn hindurch. Meine Körperspannung lässt komplett nach - und es dauert einen Moment, bis ich Dussel kapiere, dass das hier erst die "Flamme Rouge" war, die Anzeige des letzten Kilometers. Und keinesfalls das Ziel, wie ich gedacht hatte! Wie ein Vollidiot fühle ich mich.

Also noch einmal aufraffen für den wirklich letzten Kilometer.

Wie oft habe ich im Internet gelesen, was für ein fantastisches Gefühl es sei, in einem Rennen in das Ziel zu fahren. "Gänsehautmomente" seien das. Ja, solch einen Gänsehautmoment hatte ich mir auch gewünscht. Nun fahre ich hier plötzlich mit eher müder Geschwindigkeit auf der ganz linken Seite, muss sehr aufpassen, dass die Fahrerin links vor mir nicht noch weiter in meinen Weg fährt, und denke bei mir "Du Depp sprintest wie bescheuert den letzten Kilometer an - und danach kannst Du nicht mehr!"

Eher nebenbei nehme ich wahr, dass etwa hundert Meter vor der Zieldurchfahrt tatsächlich Zuschauer an der Strecke stehen, die richtig anfeuern. Und auch etwa noch fünfzig Meter danach. Das ist schön! Aber ich habe mir durch meine Schusseligkeit die Zieldurchfahrt irgendwie selber versaut... Kein Hauch von Gänsehaut! Eher irritiertes Kopfschütteln über mich selber.

Aber immerhin bin ich im Ziel, tatsächlich! Ich hab's geschafft - aller Bedenken vor dem Rennen zum Trotz!

Mein Fahrradcomputer zeigt mir eine Durchschnittsgeschwindigkeit über die gesamte Strecke von 30,77 km/h - da bin ich aber mehr als zufrieden mit mir! Deutlich schneller, als ich es mir jemals hätte vorstellen können! Froh lasse ich ausrollen - bloß kein abruptes Bremsen hier, ein letztes Mal noch konzentrieren! Alles geht gut, trotz der allgemeinen Entspannung um mich herum.

Vor dem Reichstag wartet schon wieder meine Liebste auf mich - sie hat es gerade so vor mir geschafft, auf direktem Weg in den Zielbereich zu kommen. Wir begrüßen uns kurz und freudig, dann reihe ich mich in die lange Schlange der angekommenen Radfahrer ein, um den Transponder, der nach der Bastelmaßnahme des Technikers sicher befestigt war, abzugeben.

Man rollt so langsam aus... Irgendwann kommt das Feld dann ins Stocken und man steigt dann vom Rad. Gleich zwei Radler vor mir versuchen, das Ausrollen irgendwie bis zum letzten auszukosten, kommen dadurch beim Absteigen von ihren Rennmaschinen ins Straucheln und schlagen beide parallel, der eine links vor mir, der andere rechts vor mir, auf die Straße auf. Das mit den Klickpedalen scheint ja gar nicht so einfach zu sein, denke ich mir. Es passiert ihnen weiter nichts, aber eher kopfschüttelnd irritiert nehme ich wahr, dass ich also die Hälfte der Stürze bei diesem Rennen beim Absteigen im Zielraum erlebe. Sachen gibt's!

Es hat die ganze Zeit keinen Regen gegeben - und kurz bevor ich ins Ziel komme ist sogar die Sonne herausgekom-men und scheint prall und wohlwollend auf uns Radler herab. Zufrieden und auch schon etwas stolz wusele ich mich durch das große Gewühl. Bei einer der "mobilen Transponder-rückgaben", einer jungen Frau mit einer Art Bauchladen, gebe ich meinen mühsam und glücklich geretteten Transponder ab, bekomme eine Quittung in die Hand gedrückt. Und eine Medaille. Diese wird mir leider nicht feierlich um den Hals gehängt, wie ich mir irgendwie vorgestellt hatte, sondern ganz unspektakulär in Plastikfolie verpackt in die Hand gedrückt.

So bleibt es ein paar Minuten später meiner Liebsten vorbehalten, mir die Medaille direkt vor dem Deutschen Reichstag umzuhängen - das hat ja auch was und ist so ja auch viel schöner! Ein wenig sitzen wir dort noch herum und betrachten die in Ziel kommenden Rennfahrer. Allzu viele sind es aber nicht mehr.

Gar nicht allzu lange danach kündigt sich Regen an - Zeit also, sich von der faszinierenden Rennatmosphäre zu verabschieden und das Weite zu suchen.

Die Fahrer über 120 km erwischt es dann voll - wahre Wolkenbrüche ergießen sich über sie. Wäre dies mir passiert, hätte dies meine Begeisterung für dieses Rennen aber wohl nur ein klein wenig reduziert. Insgesamt aber nehme ich dieses Rennen mit großer Begeisterung wahr - ein tolles, faszinierendes Erlebnis! Die schrecklichen Bilder von dem Sturz direkt neben mir kleben mir zwar weiterhin im Kopf, aber dies tut dem Grundgefühl keinen Abbruch: Eine großartige Veranstaltung mit für diese Größenverhältnisse perfekter Organisation! Dem Veranstalter kann man nur gratulieren zu dieser Leistung, die den hohen Preis sicherlich rechtfertigt.

Ja, ja, liebe Leserinnen und Leser, wahrscheinlich sitzen Sie jetzt vor dem Bildschirm und grinsen, vielleicht etwas verächtlich: "Da hat der alte Sack seine Midlife-Crisis, muss sich noch mal etwas beweisen - und prahlt dann hier jetzt noch damit rum! Ist doch typisch für ältere Herren, die schon längst auf dem absteigenden Ast sind!"

Tja, und wissen Sie was: Die meisten dieser älteren Herren haben auch kein Problem damit, zuzugeben dass alles dies ganz genau so ist! Das stimmt so - bis auf "das mit dem Prahlen", natürlich. Tatsächlich musste ich mir wohl noch mal beweisen, dass ich etwas außergewöhnliches zu leisten imstande bin. Es hatte angefangen, mir Sorgen zu machen, dass ich am liebsten nur noch faul herumsaß und immer müder wurde. Selbst meine ehemals muskulösen Fußballer-Beine fingen an, schlaff und fett an mir herumzuwabbeln.

Immerhin das ist nun vorbei. Ich habe mir selbst gezeigt: Du hast noch was drauf, Alter. Da ist doch noch was! Plötzlich stehe ich nicht mehr neidisch und auch bewundernd am Straßenrand, wenn andere sich zu sportlichen Leistungen aufraffen und sich quälen. Plötzlich bin ich dabei.

Sie haben mich aber durchschaut und Sie haben Recht: Ich alter Sack wollte mir noch etwas beweisen. Und: Ich habe es mir bewiesen! Was dieses "sich-tatsächlich-etwas-beweisen" jedoch für ein Gefühl macht, das weiß letztlich nur derjenige, der es selbst mal ausprobiert hat...

Die offizielle Zeitnahme zeigt mir später im Internet eine kleine Enttäuschung an. Nachdem mein Fahrrad-Computer eine Durchschnittsgeschwindigkeit von 30,77 km/h anzeigte, spuckte die offizielle Zeitnahme eine Fahrzeit von 2 Stunden, 14:36 Minuten für die 64,7 km aus - was einem Geschwindigkeitsdurchschnitt von 28,66 km/h entspricht. Zunächst bin ich etwas verblüfft über den massiven Unterschied zu meiner eigenen Messung, aber kann mir das leicht erklären: Insgesamt zehn Minuten Pause habe ich eingelegt an der Verpflegungsstation sowie in Kreuzberg. Das reicht aus, um im Schnitt so viel langsamer zu erscheinen. Insgesamt bedeutet das den 3094. Platz auf der Distanz, von 3654 männlichen Fahrern, die ins Ziel gekommen sind. Aber das spielt für mich keine Rolle.

Fast unnötig zu schreiben: Das große Gemecker in den Internetforen lässt mich eher ratlos und kopfschüttelnd zurück... Viele schreiben dort, dass die Cyclassics in Hamburg um Klassen besser seien, als das Velothon in Berlin. Mir scheint dies kaum vorstellbar, absurd. Die typische Hamburger Arroganz wahrscheinlich - aber ich werde es ausprobieren! Am 15. August fällt der Startschuss für meine 55 km-Runde durch das westliche Hamburg. Der nächste große Selbst-Beweis, das nächste große Erlebnis steht bevor. Meine Lust darauf ist kurz nach diesem Velothon nahezu unbändig, ich kann's kaum erwarten...

Trotzdem noch ein paar Worte zu der Gefährlichkeit eines solchen Rennens. Wie die ausführliche Schilderung des Sturzes neben mir im Grunewald zeigt, ist ein solches Rennen ein durchaus gefährliches Unternehmen! Dabei ist es genau, wie im richten Leben: Wenn ich etwas mache, was ich nicht wirklich beherrsche, dann muss ich damit rechnen, dass es schief gehen kann.

Übersetzt auf das Velothon heißt das: Wenn ich mich als blutiger Amateur so verhalte wie ein Radprofi, dann muss das früher oder später schief gehen und zu Stürzen führen. Wenn ich des Windschatten wegen mit hoher Geschwindigkeit in einer großen Gruppe fünf Zentimeter hinter (und also auch genauso vor) einem Mitradler - pardon: Konkurrenten! - fahre und zehn Zentimeter Abstand zu den Nebenmännern an der Seite halte, dann haben Radprofis dieses Verhalten seit der Kindheit so gelernt, die vergleichsweise ungeübten Jedermänner jedoch berühren sich dann zwangsläufig irgendwann heftig - und stürzen schlimm, klar! Und letztlich sind alle Jedermänner lizenzfrei und somit ungeübt. Mehr oder weniger.

Wenn diese dann noch hinterher in Internetforen darüber klagt, dass diese Rennen gefährlich sind, dann ist das natürlich sonderbar. Mir erscheint es so, dass die Ehrgeizlinge, die so laut über die Gefährlichkeit der anderen Fahrer lamentieren, die eigentliche Gefahr bei einem solchen Rennen sind. Ich bin jedenfalls froh, mit diesen Typen nur wenige Berührungspunkte gehabt zu haben.

Spaß haben kann man an einem solchen Rennen auch ohne so extrem viel Adrenalin. So habe ich zumeist auf einen ausreichenden "Sicherheitsabstand" vor und neben mir geachtet - und damit auch auf Windschatten verzichtet. Vielleicht wäre ich mit mehr Windschatten ja 100, 300 oder 500 Plätze weiter vorne gelandet, aber das ist doch eigentlich egal. In dem hinteren Viertel, in dem ich da herumfuhr, wurde allgemein extrem umsichtig, achtsam und freundlich gefahren. Da kann ich meine Mitradler nur loben! Und würde mir nur wünschen, dass es beim morgendlichen und abendlichen Berufsverkehr, durch den ich mich mit dem Rad quäle, nur andeutungsweise so aufmerksam und ungefährlich zugeht, wie beim Velothon im hinteren im Feld - trotz beachtlichem Tempos.

Letztlich ist es eine eigene Entscheidung: Sieht man das Velothon als den "ultimativen Kick" an, will die nur irgendwie höchstmögliche Geschwindigkeit erreichen, ohne Rücksicht auf Verluste, dann muss man natürlich in diesen engen, gefährlichen Gruppen im Windschatten fahren - und muss in Kauf nehmen, in höherer Sturzgefahr zu sein. Ist man da jedoch ein wenig gelassener und ruhiger, dann kann man aus dem Rennen ein schönes und trotzdem noch ungewohnt flottes Erlebnis machen. Mit deutlich weniger Gefahr für einen selber - und für die anderen Mitradler. Man hat in einem verblüffend großem Maße selbst die Wahl, wie groß die Gefahr, in die man sich begibt.

Es bleibt insgesamt bei der Erkenntnis, dass ich übrigens auch ohne größere Anstrengung durch die Runde gekommen wäre. Der Besenwagen blieb in respektabler Entfernung - ich hätte mich auch zum Ende des Rennens gar nicht so auspowern müssen. Mein Gefühl sagt mir: Eigentlich kann jeder, der Radfahrer ist und es wirklich will, diese Runde drehen. Man muss wirklich kein Rennfahrer sein hierfür - nur ein wenig sportlich, ein ganz klein wenig. Wenn Sie diesen elendig langen Artikel bis hierhin durchgelesen haben, dann kann dies doch eigentlich nur bedeuten, dass Sie sowohl ein enormes Durchhaltevermögen als auch wahres Interesse am Velothon haben - und noch nicht soo viel Erfahrung mit Jedermannrennen (sonst hätten Sie bis hierhin gar nicht gelesen, da es sie gelangweilt hätte). Da kann ich Ihnen nur zurufen: Nur Mut! Machen Sie mit! Lassen Sie die Verrückten vorne wegfahren und genießen Sie eine flotte, schöne und ungestörte Runde durch Berlin!

 

Noch ein Hinweis: Welch eine Ironie! Da hatte ich doch meinen GPS-Logger extra an meinem Lenker befestigt, um einen möglichst ungestörten Empfang zu haben und mir durch das da auftretende, wilde Herumgeschlacker am Lenker besonderen Stress aufgehalst... Und gerade durch dieses wilde Ruckeln war der Empfang der Satelliten jedoch ganz besonders schlecht, der GPS-Log wurde erst besser, als ich das Teil in meine Trikot-Tasche gesteckt hatte. Hinzu kommt: In der Nähe von größeren Gebäuden und unter Brücken treten immer wieder kleine Störungen beim Satelliten-Empfang auf, was zu Abweichungen in der Strecken-Darstellung führt. Ich bin also nicht durch oder über Häuser gefahren, wie man beim genauen Betrachten des Logs meinen könnte... Durch einen Klick auf diesen Link kann man sich den Track des Velotons z.B. in Google-Earth anzeigen lassen. Wen es interessiert, der kann die Runde auch in der (zoombaren) Karte unten betrachten.

Allerdings: Mit dem Velothon 2010 war tatsächlich noch nicht Schluss, ich hatte "Blut geleckt" und habe Spaß an solchen Jedermann-Rennen gefunden. Quasi als Fortsetzungs-Geschichte können Sie hier einen Bericht über die Vattenfall-Cyclassics in Hamburg lesen. Allerdings die Cyclassics im Jahr darauf, also in 2011, lesen - mit einer Zusammenfassung, was sich in der Zwischenzeit so tat...

 

 

 

 

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Dirk Matzen

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