15 Wochen in Ankara - ein Fazit

Ein umfassender Reisebericht mit einem Fazit aus 12 Reisen in die türkische Hauptstadt
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Ankara, Blick über die Stadt

Ankara -
Blick über die Stadt in Richtung auf "mein" Viertel. Markante Bauten von links nach rechts: Sheraton-Hotel, Moschee in Kocatepe, Atakule.

 

Kann man als Auswärtiger eine Stadt wie Ankara lieben? -
    Ja, man kann! Man sollte sogar!

Das Ganze traf mich zunächst völlig unvorbereitet, doch ehe ich mich dann recht versah steckte ich tiefer in dem EU-Twinning-Projekt "Air Quality" (eine kurze Erläuterung, was das denn ist, findet sich hier in meinem älteren Artikel), als ich vermutet und geplant hatte. Und ehe ich mich recht versah gab es für mich gleich zwölf Reisen nach Ankara mit Aufenthalten über insgesamt 15 Wochen. Aber auch die umfangreichsten EU-Projekte gehen einmal zu Ende, dieses Projekt dauerte nach einer Verlängerung 2 1/4 Jahre - die viel zu schnell vorbei waren.

Wer 15 Wochen in einer Stadt verbringt, lernt einiges kennen. Man bekommt ein vertrautes Gefühl, lernt Dinge zu schätzen, mag einiges nicht - Grund genug, mit ein paar Wochen Abstand zum letzten Aufenthalt ein kleines Fazit zu ziehen und vielleicht auch einige Vergleiche mit Gewohntem zu ziehen. Das ganze versuche ich keineswegs in irgendeiner Weise "objektiv" zu beschreiben, sondern allein aus meiner persönlichen Sicht der Dinge - so subjektiv wie irgend möglich.

"Gewürzt" wird dieser Text gewissermaßen mit einem Schwung Fotos, teilweise bunt gemischten Impressionen, die ich zu verschiedensten Zeitpunkten während meiner Reisen in Ankara machte.

Blick über den Stadtteil Kavaklıdere in Ankara

Blick über "meinen" Stadtteil Kavaklıdere in Ankara.

 

 

 

Rückblickend waren es großartige Aufenthalte in der Stadt mit wohl zwischen vier bis fünf Millionen Einwohnern. Lediglich der letzte Besuch der Stadt war, aus verschiedensten Gründen, mit etlichen Pannen und Ärgerlichkeiten geradezu missraten, woran die Stadt Ankara selber jedoch kein Schuld trug, eher waren einige äußere Umstände unglücklich. Dies ersparte mir jedoch immerhin einen wehmütigen und sentimentalen Abschied von Ankara - so, wie ich mich zuvor schon ein wenig darauf eingestellt hatte.

Aber das war nur eine Momentaufnahme. Insgesamt waren es schöne Aufenthalte in der türkischen Hauptstadt in Zentralanatolien. Die positiven Eindrücke überwiegen - bei weitem. Das ist im Übrigen nicht nur mein eigener Eindruck, er wurde im allgemeinen von den Kollegen geteilt, mit denen ich zeitgleich Einsätze in dem Projekt hatte. Vom ersten bis zum letzten Aufenthalt war es immer wieder allgemeines abendliches Gesprächsthema, wie wunderbar angenehm diese riesige Stadt doch ist, wie wohl man sich fühlt. Und auch nach Monaten schwang in diesen Gesprächen immer wieder ein gewisses Staunen mit: es bestätigte sich immer wieder, dass Ankara anders ist, als all diese sonderbaren Vorurteile und Klischees, die einem daheim über die Türkei und die Türken immer wieder nahegelegt werden - vor allem in den Medien.

Zunächst aber: Ankara ist zuallererst eine moderne Stadt! Es lässt sich dort gut und angenehm leben! Und vielen Einheimischen geht es auch sichtbar gut - oder sie haben zumindest ein völlig ausreichendes Auskommen. Die Autos auf den Straßen sind modern auf normalem westeuropäischen Standard - wenn man viele Lkw und Taxis mal ausspart. Es gibt eine unvorstellbare Zahl an Restaurants, Cafés und Kneipen aller möglichen Standards und Kategorien, in einigen Stadtbereichen findet man eine ähnliche hohe Kneipen- und Cafédichte, wie sie auch Berlin-Kreuzberg oder Hamburg-St. Pauli bieten können. Viele Kleinigkeiten in Ankara sind top-modern. Die Kleidung vor allem der jüngeren Leute ist schick und modern, die Marken oft die gleichen, wie in mitteleuropäischen Metropolen. Was solche Dinge anbelangt gibt es keinen großen Kulturschock in Ankara für Mitteleuropäer.

Alle im Projekt eingesetzten Mitarbeiter waren sich jedoch mit mir einig: besonders "schön", also hübsch anzuschauen, ist Ankara nun wirklich nicht! Kaum gibt es Orte, wo man das Gefühl hat, es sei besonders schön, es geht einem das Herz auf. Einiges Sehenswertes gibt es zwar in dieser Stadt, aber fast nie ergreifend schön. Das Atatürk-Mausoleum (s. hier in meinem älteren Reisebericht) ist sehenswert und beeindruckend, aber nicht wirklich "schön". Die Große Moschee (in Kocatepe) ist gewaltig und beeindruckend - aber auch nicht herausragend schön (trotzdem sollte man nicht versäumen, diese ausführlich zu besichtigen - was völlig entspannt und ohne Probleme möglich ist). Die Burg, der älteste Teil Ankaras: auch beeindruckend, zudem ausgestattet mit einem grandiosen Blick über weite Teile der Stadt. Das Burgviertel selber, also sozusagen die "Altstadt" der insgesamt jungen Stadt Ankara (1920 gab es gerade mal ca. 30.000 Einwohner), ist jedoch teilweise ungepflegt, fast schon ärmlich und zuweilen erbarmungswürdig - beherbergt aber auch das ausgesprochen interessante Museum der anatolischen Kulturen (oft auch schlicht Hethiter-Museum genannt). Eine Sehenswürdigkeit, ohne Zweifel, ist der Atakule - der Aussichtsturm. Schön auf einem der vielen Hügel der Stadt gelegen, gleich neben dem botanischen Garten, bietet er einen grandiosen Blick über die Stadt. Ein preiswertes "Muss" für jeden Ankara-Reisenden (auf einen Besuch des sich drehenden Turmrestaurants kann man jedoch getrost verzichten - jedenfalls des Essens wegen: Das ist anderswo besser). Einige der Parks fand ich schön und sehr entspannend. Aber trotzdem: Für seine Schönheit wird Ankara wohl nicht mehr berühmt werden.

Ankara, Wahrzeichen der Stadt

Symbol der Stadt Ankara aus der Hethiterzeit am Beginn des Atatürk Boulevards in der Innenstadt.

Ankara, Burgviertel Ulus

Im traditionell geprägten Ulus in der Nähe des Burgviertels von Ankara.

Ankara, Geçekondu im Burgviertel

In der Nähe des Burgviertels von Ankara - Solche Siedlungen werden in der Türkei "Geçekondu" genannt: Einfache Häuser, "über Nacht gebaut" und dürfen den Menschen nach islamischem Recht nicht weggenommen werden. In den Randgebieten Ankaras werden solche Siedlungen quadratkilometerweise abgerissen und durch moderne Wohnblocks ersetzt - den vorherigen Bewohnern der Geçekondus wird eine Wohnung in den Häusern frei überlassen (siehe Text weiter unten).

Blick über Ankara am Nationalfeiertag

Blick aus dem Projekt-Büro über Ankara. Der Streifen am Himmel stammt von der türkischen Kunstflugstaffel, die am Nationalfeiertag ausgesprochen waghalsige Manöver direkt über der Innenstadt vollführten.

 

 

 

Mehr ist es dann nämlich auch schon kaum noch, was man unbedingt gesehen haben muss in Ankara. Nein, klassische Sehens-würdigkeiten sind es nun wirklich nicht, die die Millionenstadt Ankara ausmachen! Und doch ist diese Stadt, für mich ohne jeden Zweifel, immer einen Besuch wert. Dies wurde ohne Wenn und Aber bestätigt, als ich in Ankara einmal Besuch aus der Heimat empfangen konnte: Ja, Ankara ist wirklich toll!

Aber: Warum nur?

Nun, ich denke, es sind die Dinge, die ein wenig über das Vordergründige hinaus gehen, die bei mir dazu geführt haben, diese Stadt zu lieben. Ich habe dort immer eine "Wohlfühlatmosphäre" empfunden, wie ich sie mir in meiner Umgebung wünsche. Oder sagen wir es mal so: als zugezogener Kleinstadtmensch aus dem schleswig-holsteinischen Flachland habe ich in meinem Wohnort Hamburg oder auch in Berlin immer gedacht, es ist ganz natürlich, müsse quasi so sein, dass Menschen in Millionenstädten achtlos werden, rücksichtslos und ruppig miteinander umgehen, die Ellenbogen gegeneinander verwenden. In Ankara lernte ich: dies war ein Irrtum! Es liegt nicht nur an der Größe einer Stadt, wie die Menschen sind. In Ankara sind die Menschen nicht so ruppig und achtlos, fast nie jedenfalls.

Das war einer der Hauptpunkte, was mir so gut gefiel in Ankara: eine freundliche, neugierige, wohlwollende und meist achtsame Gelassenheit begegnet einem. Die zuweilen einnehmende Freundlichkeit der Menschen ist es, die diese Stadt so schön und attraktiv macht! Man geht im öffentlichen Leben rücksichtsvoll miteinander um. Kaum ein Spur von der hektischen, kühlen Distanz, die ich in Hamburg nur allzu oft um mich habe.

Häufig dachte ich darüber nach, ob diese Freundlichkeit wohl vor allem professionell ist, in Restaurants oder Geschäften, schließlich bin ich als mittelblonder Mensch in der Türkei weithin als Ausländer zu erkennen, als Exot. Aber sogar dem Exoten wird, wenn er mit offenen Augen durch die Stadt geht, schnell klar, dass auch die Türken untereinander sehr respektvoll miteinander verkehren - wenn es nicht gerade mit dem Auto auf der Straße ist. Offenkundig jedoch gibt es noch gewisse Höflichkeitsfloskeln und Rituale, die Respekt ausdrücken. Und, ja -mir hat das gefallen!

Ein Kollege aus Berlin, mit dem ich nach getaner Arbeit in einem westlich-urgemütlichen Café-Restaurant (der Name, ganz unbescheiden: "Café des Cafés", in der Tunalı Hilmi Caddesi) den Feierabend verbrachte, brachte es für mich auf den treffenden Nenner: Er merkte an, zunächst ein wenig nach Worten ringend, er habe den Eindruck, die Leute hier seien hier "schlicht so ungeheuer kultiviert". Bingo! Genau das ist es! Man geht in Sprache und Gesten achtvoll miteinander um, man kleidet sich so gepflegt, wie möglich (die Möglichkeiten unterscheiden sich in verschiedenen Gesellschaftsebenen, natürlich) und verhält sich weitgehend freundlich gelassen. So etwas ist sehr einnehmend. Als Mitteleuropäer kann man da in der Türkei einiges lernen.

Ankara - Mitte der Stadt in Kizilay

Die Mitte Ankaras in Kızılay.

 

 

 

Überhaupt die Kleidung... Sie unterscheidet sich innerhalb Ankaras von der sehr westlich orientierten Innenstadt über das Burgviertel bis zu den Randbezirken doch erheblich. "Westlich" bedeutet für die Kleidung bei Männern werktäglich oftmals Anzug mit Schlips und Kragen, in der Freizeit oft Jeans und meist Hemd, ganz unspektakulär also. Angenehm fiel mir irgendwann nach einigen Besuchen der Stadt auf, dass es nur wenige Leute gibt, vor allem junge Leute, die sich über ihre Kleidung irgendwie ausdrücken müssen. Sich durch schrille Accessoires dem Blick aufdrängen, um nicht in der großen Masse Mensch unterzugehen. So etwas begegnet mir daheim auf Schritt und Tritt. Hat in Ankara niemand solche aufdringlichen Dinge, die ja eher Hilfeschreien nahekommen, nötig? Offenbar legt man weniger Wert darauf, seiner Individualität hier und jetzt Ausdruck verleihen zu müssen und sich damit anderen optisch aufzudrängen. Vieles ist schlicht normal - dies sorgt durchaus dafür, dass man nicht einer Reizüberflutung unterliegt.

"Westliche Kleidung" - für Frauen bedeutet dies neben durchaus körperbetonter Kleidung meist: kein Kopftuch! Frauen mit Kopftuch sieht man in den großen Innenstadtbereichen nur selten, andererseits gibt es aber auch Stadtviertel, in denen wie nach einer scharfen, unsichtbaren Grenze plötzlich die Mehrheit der Frauen Kopftuch trägt. Und wenn man junge Frauen mit Kopftüchern sieht, dann verhalten sie sich genau wie alle anderen: quirlig, lebendig - es macht im Verhalten schlicht keinen Unterschied.

Legt man unsere westlichen Maßstäbe zugrunde, dann passte da so manches nicht ins Klischee. Bedeutet ein Kopftuch nach unserer Interpretation nicht automatisch, dass die Frau unterdrückt wird? Anzeichen hierfür konnte ich in Ankara nicht finden. Vor allem die wenigen jungen Frauen mit Kopftuch erscheinen mir in Ankara genauso offen, weltgewandt und selbstbewusst wie Frauen ohne Kopftuch. Es wird so unverkrampft geplaudert, gealbert und gelacht, dass mein aus Deutschland mitgebrachtes Bild von der erbarmungslos unterdrückten türkischen Frau ins Wanken kam. Für Ankara passt das so einfach nicht!

Eher verwirrend war dabei für mich dann noch, dass diese Frauen, auch diejenigen, denen ich im Rahmen des Projektes auf der Arbeit begegnete, eher ein großes Selbstbewusstsein ausstrahlten. Dabei aber auch immer ausgesprochen feminin auf mich wirkten - einfach weiblich waren und nicht "die besseren Männer". Verblüffend viele starke Frauen! Die mich mit dieser Mischung durchaus beeindruckten, wie es nicht viele Frauen in Deutschland können. Dies ist doch verblüffend und unerwartet - und nicht in die Vorurteile passend.

Mein Reiseführer für die Türkei hatte mir für den Alltag allerlei Tipps mitgegeben - einer davon war: Schauen Sie als Mann türkischen Frauen NIEMALS in die Augen! Sie wird nicht nur nicht zurückschauen, sondern vielleicht sogar große Probleme dadurch bekommen, von einem Mann überhaupt angeschaut worden zu sein. Nun, ich möchte es mal indirekt beschreiben: schon nach wenigen Tagen machte ich es mir zur Gewohnheit, nach Feierabend und noch vor meinem Gang in das angenehm gelegene und ordentlich ausgestattete Hotel noch "eine Runde" durch die von mir geliebte, gehobene Einkaufs- und Bummelstraße gleich um die Ecke zu machen, die Tunalı Hilmi Caddesi. Irgendwann, es war vielleicht bei meinem dritten oder vierten Aufenthalt in Ankara, fiel mir auf: Ich werde angeschaut, neugierig betrachtet. Von Männern - ebenso wie von Frauen. Blickkontakt: gar kein Problem, nur Wenige weichen aus. Noch nie und nirgends in meinem Leben war es so einfach, Blickkontakt mit anderen Menschen zu bekommen - und eben auch mit Frauen. Einmal am Abend die paar hundert Meter durch die Tunalı Hilmi hin und zurück laufen, und ich hatte mit mehr Frauen einen kurzen, meist neugierigen und immer freundlichen Augenkontakt als in heimatlichen Hamburg in einem halben Jahr in der Oster- oder Mönckebergstraße. Und diese Augenkontakte (und sich in das Gesicht oder in die Augen zu schauen ist ja durchaus schon eine nicht unkomplizierte Form von Kommunikation!) waren in Ankara dann sogar auch noch offen und freundlich und nicht so taxierend wie in Deutschland. Dies hat mich sehr verblüfft! Und es ist sicherlich ein krasser Gegensatz zu all den Vorurteilen, die man aus Deutschland in die Türkei mitnimmt! Wie kommt das nur, was ist da los?

Ankara, Tunalı Hilmi Caddesi

Die Tunalı Hilmi Caddesi, eine beliebte, bessere Einkaufs- und Flaniermeile in Ankara, gespickt mit vielen Geschäften und zahlreichen Lokalen.

Ankara, Kuguglu-Park

Der Kuğulu-Park ("Schwanen-Park") am Ende der Tunalı Hilmi Caddesi lädt ein zum Verweilen - was zahlreiche Einheimische auch gerne tun. Keine Frage: die Bewohner Ankaras lieben ihre Parks! Für mich kam es hier zu etlichen netten Begegnungen.

 

 

 

Nun, eine fundamentale Feststellung hierbei ist sicherlich: Ankara ist eben nicht "die Türkei", sondern die moderne Hauptstadt. Wie schon beschrieben: Westlich orientiert, in mancherlei Hinsicht ebenso modern wie deutsche Städte. Man übt sich in den zentralen Stadtteilen in einem weltgewandtem Lebensstil. Dies schlägt sich ganz offensichtlich auch im Leben der Frauen nieder. Sie bewegen sich ungezwungen, frei und selbstbewusst. Offenbar scheint es auch in der Türkei so zu sein, dass städtisches Leben fast automatisch zu gelockerten Sitten und Bräuchen führt.

Das passte anfänglich jedenfalls nicht in mein Bild der Türkei. Dieses Bild war geprägt wohl eher von dem einfachen, fast ärmlichen anatolischen Bauern - nur zu leicht glauben wir, dass solche Lebensverhältnisse die Regel des Lebens in der Türkei sind. Alle sind verblüfft, wenn sie erfahren, dass in der Türkei rund 75 Prozent der Einwohner in und um Städte wohnen. Die Türkei ist somit in ähnlichem Weise "verstädtert" wie Deutschland! Allein in den größten Städten Istanbul und Ankara wohnen mit zusammen rund 25 Millionen Bewohnern fast ein Drittel der türkischen Bevölkerung!

Das Verhalten der Frauen in Ankara birgt also manche Überraschung - und auch die Männer sind für Überraschungen gut. Wie viele Männer sich mit ihrem Nachwuchs am Wochenende auf Spielplätzen sehen lassen und sich selbstverständlich und liebevoll um ihre Kinder kümmern, verblüffte mich ebenso. Dies ist wohl auch ein dezenter Hinweis auf sich langsam auflösende Rollenverteilungen in der Hauptstadt. Aber so etwas sieht man natürlich erst, wenn man mal die Ruhe und die Möglichkeit hat, sich einfach mal eine Stunde an einen ganz gewöhnlichen Spielplatz zu setzen. Zugegeben: Nicht gerade das übliche Touristenprogramm!

Ankara, Fußgängerzone in Kizilay

Die Fußgängerzone in Kızılay im Winter...

 

 

 

Aber doch: Manches passt dann trotzdem doch mal in das Klischee. Die wunderbare Sitte des Tee-Trinkens, zum Beispiel. Jederzeit und eigentlich überall kann man für ein paar Cent (bzw. Kuruş) Tee bekommen. Selbstverständlich sitzen dann in der kleinen, überdachten Einkaufspassage ein paar Rentner herum, mit dem Tee in der Hand und plaudern angeregt. Kommt dann ein Westeuropäer vorbei, dann unterbricht man das Gespräch sofort, um den Westler mit großem Hallo und überaus freundlich zu begrüßen und mit ein paar deutschen Brocken anzusprechen. Antwortet dieser dann mit ein hilflosen türkischen Brocken, dann sind drei türkische Herzen im Sturm erobert. Nette und charmante Szenen wie diese bleiben mir in Erinnerung. Und immer muss ich dabei auch denken: Man stelle sich das mal umgekehrt vor! Es kauern in Berlin in einer Einkaufspassage drei deutsche Rentner mit einer Tasse Kaffe auf Verkaufsgegenständen eines Geschäftes, unterhalten sich angeregt - es kommt ein fremder, türkischer Mittvierziger vorbei und wird mit großer Begeisterung, türkischen Sprachbrocken und ausgesprochener Höflichkeit begrüßt. Können Sie sich dies vorstellen? Mir fehlt für eine solche Szene in Deutschland jegliche Vorstellungskraft!

Völlig in jegliches Klischee der Türkei passte oft genug auch das Bild, das ältere Ehepaare in Ankara abgeben. Der Mann "kümmert" sich in der Öffentlichkeit. Um alles. Bemüht sich, regelt Dinge, öffnet Türen, trägt Koffer und Taschen, macht alles, "umsorgt" seine Frau. Die öffentliche Umgebung außerhalb der eigenen vier Wände ist das Revier des Mannes (unsichtbar für mich: in der eigenen Wohnung hat er nichts zu melden, aus den Revier der Frau hat er sich herauszuhalten...). Keine Spur von Emanzipation bei solchen älteren Paaren, auch in der Großstadt nicht. Aber: dieses betonte, ritterliche sich-bemühen des Mannes um seine Frau war immer mit sehr viel Haltung und Achtung verbunden. Manchmal fand ich dieses Verhalten, diese Bemühungen geradezu rührend - auch, wenn es altmodisch ist, "Alte Schule" geradezu. Neugierig habe ich dies gar nicht so selten beobachtet, aber eigentlich nur bei älteren Leuten. Die Jugend verhält sich anders, lockerer, westlicher.

Ein weiteres schräges Vorurteil, das ich aus Deutschland mitbrachte, war mein Bild der türkischen Jugend. Oftmals nehme ich vor allem die türkisch-stämmigen Jungs in Deutschland als laut und lärmig, rotzig aggressiv und arrogant wahr. Insgesamt total unnahbar.

In Ankara sind türkische Jugendliche völlig anders! Laut wird es auch schon mal, aber nie lärmend. Verblüffend oft geht man in Grüppchen - auch gemischten Grüppchen, natürlich - angeregt plaudernd und eher fröhlich spazieren, flanieren, shoppen, bummeln, in den Park oder was auch immer. Statt der oft bedrohlichen Ausstrahlung der Almancı-Jugendlichen (Almancı ist ein etwas geringschätziger türkischer Begriff für mittlerweile etwas entfremdete Deutsch-Türken: "Deutschländer") gab man ein aufgeräumtes und harmonisches Bild ab. Ich musste mir eingestehen: das ebenso forsche wie dämliche Machogehabe, das in Berlin-Kreuzberg oder Hamburg-Wilhelmsburg oder sonstwo alltäglich abläuft hat mit Türken, zumindest in Ankara, nichts zu tun! Gar nichts! Die Jungs, die hierzulande oft so auffallen, sind nicht wirklich Türken. Das sind verwirrte und anscheinend zwischen zwei Kulturen entwurzelte Jungs, die sich nicht anders zu helfen wissen, als durch hilfloses und dämliches Getue Stärke vorzutäuschen. Nicht umsonst gibt es in Internet-Diskussionsforen zuweilen die Unterscheidung zwischen D-Türken und T-Türken.

Aber überhaupt: diese Gute Laune der Menschen in Ankara! Keine Spur von dem Schwermut in Deutschland. Die vielen verbiesterten, fast schon hoffnungslosen Gesichter im reichen Deutschland erschienen mir mit der Zeit immer absurder. Einmal machte ich ein ganz kleines, fast absurdes Experiment - zur Nachahmung empfohlen: Ich schlenderte, es war ein Samstag und ich hatte vor meinem Heimflug noch ein paar Stündchen Zeit, durch die Fußgängerzone in Kızılay mitten im Zentrum Ankaras. Zumindest tagsüber ist dies eine ganz gewöhnliche Fußgängerzone, kein Bazar oder Flohmarkt. Irgendwann fiel mir das angeregte und fröhliche Geplauder in diesem Gewusel um mich herum. Schneller Entschluss: Ein paar Schritte abseits gehen und einfach mal hören, dachte ich mir, die Augen schließen und nur hören. Vielleicht 30 Sekunden stand ich dann so da, allein im Zentrum der anatolischen Millionenstadt mit geschlossenen Augen und horchte fasziniert auf das soo fröhliche Gemurmel und Gelache um mich herum. Wie kann nur in einer Fußgängerzone in der Innenstadt so viel Fröhlichkeit ausgestrahlt werden? Ich saugte diese Geräusche förmlich in mich auf, sie berührten mich komischerweise tief und bescherten mir auf sonderbare Weise einen unvergesslichen Moment. Machen Sie mal das selbe in der Hamburger Mönckebergstraße oder wo auch immer - man "hört" das hektische Streben geradezu und muss fürchten, angerempelt zu werden, denn natürlich steht man im Wege.

Diese winzig kleine Begebenheit drückt viel darüber aus, warum ich mich in Ankara so ungemein wohl fühlte und was viel von meiner Liebe zu dieser Stadt ausmacht. Aber nun bin ich auch klug genug, um zu wissen, dass die Türken keineswegs alles immer "happy happy People" und "Gutmenschen" sind. In offizieller, staatstragender Funktion (das Flughafenpersonal oder auch Polizisten sind da ein Musterbeispiel!) kann ohne Probleme auch eine professionelle Kühle und Distanz gezeigt werden.

Aber es soll auch nicht der Eindruck erweckt werden, es sei immer alles nur toll in Ankara. Es herrscht nur allzu oft ein ziemliches Durcheinander, ungewohnt für Mitteleuropäer, geradezu ein Chaos. Es brauchte einige Aufenthalte in Ankara, bis ich und auch meine deutschen Kollegen des Projektes uns darauf eingestellt hatten und nicht mehr nur vom "Chaos", sondern eher vom "liebenswerten Chaos" redeten. Natürlich gibt es unter den deutschen Kollegen aber immer auch ein paar wenige Leute, die auch nach vielen Aufenthalten nicht einen Hauch von Respekt für die wunderbare türkische Mentalität entwickelt hatten und sich beständig bis zum Schluss über irgendwelche Kleinigkeiten wie große Gastanks in Kofferräumen der (umweltfreundlichen!) Taxis, komplizierte Entscheidungsfindungen oder holprige Gehwege lustig machten. Eigentlich jedoch entgeht einem bei solchen "Herabschauen" auf andere doch zu viel.

Der Straßenverkehr ist dafür ja nur ein Beispiel für das "liebenswerte Chaos", das ich in einem anderen Artikel ja schon beschrieben hatte (s. in meinem ersten Bericht aus Ankara hier). Nach einigen Wochen in Ankara hatte ich mich jedenfalls auch daran gewöhnt, es schreckte mich kaum noch und ich konnte durchaus völlig entspannt in einem Taxi sitzen, ohne unbedingt jeden Moment einen Aufprall zu erwarten - durch was oder auf was auch immer. Auch als Fußgänger bewegte ich mich nach wenigen Wochen recht souverän und problemlos durch den tobenden Autoverkehr. Denn: der Autoverkehr in Ankara ist zwar nicht so geordnet, wie man es aus Deutschland kennt - aber dafür sind die Autofahrer weitaus aufmerksamer und viel weniger aggressiv, als wir es in Großstädten so kennen. Man gibt auch dort durchaus Acht aufeinander und ist jederzeit bereit, auf unvorsehbare Situationen einzugehen!

Ankara, Handel im Stadtteil Ulus

Ankara: Sehr lebhafter Handel und Wandel im traditionell geprägten Stadtteil Ulus - immer ein faszinierendes Treiben.

Ankara, Juweliersstraße in Ulus

In der Juweliersstraße in Ulus überwiegen weibliche Besucher, in der Parallelstraße mit Elektrogeräten die männlichen.

Ankara Burgviertel

Beim Burgviertel, dem historischen Kern Ankaras.

 

 

 

Viel von der zuvor beschriebenen Freundlichkeit, z.B. in Restaurants, ist selbstredend auch absolut professionell. Hin und wieder fiel mir in Restaurants auf, dass vor allem ausländische Gäste besonders zuvorkommend behandelt werden, aufmerksamer als Einheimische. Vielleicht auch gerade wegen der betonten Freundlichkeit habe ich einige Restaurants in Ankara geliebt, ein absolutes Highlight war immer ein Besuch im ca. 100 Meter vom Hotel gelegenen Hacı Arif Bey (Güniz Sokak Nr. 48, Kavaklıdere), ein stadtbekanntes, großes und traditionelles Restaurant, mit beeindruckenden Mengen an Kellnern der verschiedensten Kategorien, einer üppig ausgestatteten, abgesonderten Kinder-Spielecke, großen Aquarien - und ungemein leckerem einheimischen Essen, wie ich finde. "Traditionelles" Restaurant bedeutet vor allen Dingen: zum Ramadan wird Essen erst nach Sonnenuntergang serviert. Und - es gibt keinen Alkohol in solchen Restaurants. Möchte man ein Bier oder einen Wein zum Essen, so ist man dort an der falschen Adresse! Braucht man dies nicht unbedingt, so sollte man bei einem Ankara-Besuch ein Essen in diesem Restaurant durchaus einplanen. Natürlich ist das Restaurant kein "Touristen-Schuppen" und wird zum weitaus größten Teil von Einheimischen besucht (auch wenn die Speisekarte immerhin englische Übersetzungen hat, was in Ankara selten genug ist, und Fotos zu den Essen vorweist). Schließlich gibt es in Ankara kaum Touristen und nur um die Burg herum sind einige touristische Einrichtungen zu finden.

Es werden sehr viele Gäste sehr professionell durch dieses Restaurant geschleust. Wobei: "durchgeschleust" ist durchaus nicht eine allzu despektierliche Bezeichnung. Es war oft zu beobachten, dass Essen-Gehen bei den Türken nicht so ausgiebig "zelebriert" wird, wie oftmals in Deutschland. Man geht ins Restaurant, bestellt zumeist sehr üppige Mengen an Essen, isst dieses zumeist gar nicht ganz auf, trinkt dabei einen Ayran oder Cola/Fanta aus der Dose (dafür braucht man schließlich keine Zapfanlage hygienisch sauber zu halten), nimmt vielleicht noch einen Tee hinterher (der bei Restaurant wie dem Hacı Arif Bey natürlich ebenso zum Service gehört, wie Mineralwasser und Obst), bezahlt dann und geht - das alles natürlich ohne Hektik und in Gemütsruhe. Kaum jedoch sitzt man nach einem Essen noch stundenlang herum um sich zu unterhalten und Getränke zu sich zu nehmen. Bleibt man nach dem Essen noch längere Zeit sitzen (wie daheim ja durchaus üblich), so werden Kellner eher unsicher und servieren in schön regelmäßigen Abständen verschiedene Tees. Auf Kosten des Hauses, versteht sich. Auch schon während des Essens ist man oft extrem aufmerksam: sollte einmal bei einem Gast ein leerer oder auch nur beinahe leerer Teller auftauchen, so entfernt man diesen unverzüglich. Dies ist zwar aufmerksam, aber auch gewöhnungsbedürftig für unsereiner! Haben Sie Ihr Essen noch nicht beendet, so achten Sie darauf, den Teller nicht allzu sehr geleert zu haben, sonst wird dieser allzu leicht ein Opfer der großen Aufmerksamkeit! Oder geben Sie klare und eindeutige Zeichen, den Teller noch behalten zu wollen!

(Anmerkung Oktober 2010: Eine kleine Episode zu genau diesem Restaurant ist für mich noch erwähnenswert. Es gab in der Zeit von 2004 bis 2006 im Restaurant Hacı Arif Bey genau einen Kellner, der deutsch sprechen konnte, und das recht gut. Vielleicht bei jedem zweiten oder dritten Besuch dort hatte er "Schicht", arbeitete dort und kümmerte sich dann offenbar besonders gerne um uns deutsche Projekt-Gastarbeiter, vielleicht bei insgesamt fünf oder sechs Besuchen in dem Restaurant. Vier Jahre nach dem Ende des Projektes weilte ich im Rahmen eines neuen Projektes noch einmal eine Woche in Ankara. Natürlich gehörte dann auch ein Besuch im Hacı Arif Bey dazu. Kurz nach Betreten des Restaurants erblickte mich eben jener Kellner, stürmte auf mich zu und begrüßte mich herzlich wie einen alten Freund. Vier Jahre nach meinem letzten Besuch in diesem Restaurant! Ich war ebenso verblüfft wie gerührt, dass er mich überhaupt wieder erkannte - bei hunderten Restaurantgästen am Tag... Allein mit professioneller Freundlichkeit ist das nicht zu erklären. Toll!)

 

Ankara, Nazar boncugu, das "blaue Auge" der Türkei

... ebenso, wie Nazar Boncuğu, das "Blaue Auge" der Türkei. Ein schöner Glückbringer, den man überall sieht und der einen vor "dem bösen Blick" schützt. Hier an einem Taxi bei ca. 80 Stundenkilometern.

 

 

 

Dass Ankara nicht so touristisch ist hat aber einen anderen enormen Vorteil: weil man nicht sehr auf Touristen eingestellt wird kommt es nicht vor, dass man (wie nur allzu oft z.B. in Istanbul oder an der türkischen Riviera) geneppt, über den Tisch gezogen oder sonstwie betrogen wird. Es geht eigentlich immer reell zu. Bei vielleicht 100 Taxifahrten hatte ich nicht einen einzigen Fall, wo der Taxifahrer aus irgendeinem Grund einen höheren Preis will oder "haben muss", als auf dem Taxameter angezeigt wird (was ich z.B. in Bukarest derart oft und unverschämt erlebt habe, dass ich dort mittlerweile sämtliche Taxifahrten bei diesen Straßenräubern absolut verweigere). Auch in Geschäften oder Restaurants ging es immer korrekt und redlich zu - nie hatte das Gefühl, irgendwie betrogen worden zu sein. Auch das macht vieles von der angenehmen Atmosphäre in Ankara aus. Ein einziger Fall ist mir von einem Projekt-Kollegen erzählt worden. Nach einer Taxifahrt verlangte der Fahrer einen unverschämt hohen Preis, ungefähr das vier- bis fünffache von dem, was angebracht war. Wahrscheinlich hatte mein Kollege bei der Abfahrt nicht darauf geachtet, dass das Taxameter zurückgestellt worden war - dies soll ein hin und wieder versuchter Trick sein, sich einen Nebenverdienst zu beschaffen. So stand er vor einer überzogenen Forderung, blieb dann am Ziel jedoch ganz gemütlich im Taxi sitzen, mit der Aussage, wenn er schon einen solchen Preis zahlen solle, dann könne er jetzt ja noch die eine oder andere Stunde in dem Taxi verweilen. Man einigte sich schnell, halbwegs vernünftig.

Nie hatte ich, auch in abgelegenen Gebieten, ein Unsicherheitsgefühl in Ankara - es ist eine sichere Stadt. Sicherlich muss man die normale Umsicht walten lassen, besonders wohl in Menschenansammlungen oder öffentlichen Verkehrsmitteln. Insgesamt fühlte ich mich allerdings fast sicherer, als daheim in Hamburg - wo vielerorts eine aggressivere Stimmung herrscht. Es ist in Ankara ein entspanntes Leben möglich. Dies bestätigen alle.

Und noch etwas anderes fiel mir in diesem Zusammenhang als sehr angenehm auf, eigentlich völlig unerwartet: das ist Deutschland weit verbreitete und oft als "schick" und "lustig" angesehene Streben nach Rausch aller Art habe ich in Ankara nie wahrgenommen! Natürlich gibt es jede Menge Kneipen, in denen auch Bier und andere Alkoholika (selten der eher teure Wein, aber oft der beliebte Rakı) ausgeschenkt werden. Aber doch: niemals habe ich jemand völlig betrunken oder sonst wie "zugedröhnt" gesehen. Irgendwann fiel mir dies schlicht auf, und ich musste mir selber eingestehen, dass ich dies angenehm fand. Offenbar wird mein Bedarf an wankenden und wirr redenden oder gar lallenden in meiner Heimat ausreichend gedeckt. Während es in Hamburg nahezu unmöglich ist, sich abends durch die Stadt zu bewegen, ohne besoffenen Menschen zu begegnen, so passiert dies in Ankara nicht. Wie angenehm! Die Menschen haben eigentlich eine angenehme Klarheit, es ist offenbar einfach nicht "en Vogue", "von Sinnen" zu sein. Zumindest nicht im öffentlichen Raum. Was sich in Ankara hinter den heimischen Wänden vor sich geht, kann ich nicht sagen.

Zudem hat glücklicherweise die sich in Deutschland ausbreitende, marktschreierische "Event-Kultur" noch nicht Einzug gehalten. Auch, wenn ich es nie vermutet hätte und im meinem normalen Leben hin und wieder  gerne mal in schräge und schrille Dinge eintauche: Diese "Normalität des Lebens" in Ankara, so möchte ich es einmal nennen, hat mir großartig gefallen! Vielleicht bin ich doch kleinbürgerlicher und spießiger, als ich mir jemals eingestanden habe...? Eine verblüffende Selbsterkenntnis in der Fremde.

Nicht ganz in meine kleinbürgerlichen Gedanken passte dann aber wieder, dass ich etliche Dinge schön fand, die es in meinem normalen Leben einfach nicht gibt. Wie gerne bin ich zu der nahe vom Hotel gelegenen großen Moschee im Stadtteil Kocatepe geschlendert, habe mir das Treiben dort angeschaut und fand immer eine angenehme innere Ruhe, eine kleine Insel der Einkehr mitten in dieser tosenden Stadt. Warum aber nun gerade die Moschee? Ich bin doch gar kein religiöser Mensch! Gerne habe ich dort auf den Ruf des Muezzins gewartet - den ich dann immer beeindruckt zugehört hatte: "Allahu akbar..." ("Gott ist groß..."). Ein schönes Erlebnis war es für mich immer auch, wenn man nicht direkt an einer Moschee ist, sondern die Rufe von verschiedenen Moscheen gleichzeitig hören kann, die dann manchmal wie "über der Stadt zu schweben" schein, wie es eine Kollegin mal formulierte. Beeindruckend! Und wundervoll - wenn seine Scheuklappen der Gewohnheit mal etwas beiseite legt!

Ankara, Innenansicht der Moschee in Kocatepe

Innenansicht der Moschee in Kocatepe.

Ankara, Abendstimmung vor der grossen Moschee

Abendstimmung auf dem Vorplatz der großen Moschee. Auf dem Bild kaum zu erkennen: die Hügel im Hintergrund gehören natürlich auch noch komplett zur Innenstadt.

 

 

 

Natürlich hat Ankara auch Schattenseiten, die es in meinem Hamburg so nicht oder zumindest abgemildert gibt. Allein dieser Lärm in der Stadt! Der Lärm durch den Straßenverkehr mit vielen uralten LKW und entsetzlich alten Bussen ist oft: grauenhaft! Anstrengend! Selbst kleine Nebenstraßen bieten zuweilen ein Getöse wie daheim nur fette Hauptverkehrsstraßen! Außer in Parks kann man dem gar nicht richtig ausweichen - sich allerdings auch durchaus ein wenig daran gewöhnen. Dies wurde mir erst bewusst, als ich einmal für ein paar Tage Besuch aus dem Heimat empfing und mir klar wurde, was für große Unterschiede in der Wahrnehmung und der Gewöhnung da schon bestanden.

Furchtbar fand ich auch bis zum Ende die Architektur, die in Ankara in großen Bereichen Verwendung findet. Frei nach dem Motto "quadratisch, praktisch, gut" werden in atemberaubender Geschwindigkeit Beton-Wohnblocks, ja ganze Beton-Stadtviertel aus dem Boden gestampft. Es mag ja noch sinnvoll sein, dass die Bauten aus Beton errichtet werden. (Stichwort: Erdbebensicherheit - auch, wenn Ankara nicht gerade in einem besonders gefährdetem Gebiet gelegen ist). Aber die ausgesprochen lieblose Gestaltung vieler Bauten muss nun wirklich nicht sein! Offenbar denkt man diesbezüglich jedoch sein einiger Zeit um, die neuen Wohnbauten, die in der Zeit meines Aufenthaltes entstanden, werden oft schon so gestaltet, dass die durchaus angenehm anzuschauen sind: immer in freundlichen Pastellfarben, manchmal auch mit schönen, aufwändigen Mosaikverzierungen. Das ist dann immerhin erträglich.

Es gibt aber auch jede Menge neuer, protziger Hochhäuser aus Beton, Glas und Stahl - die Stadt präsentiert sich als gewaltiges Areal zum recht freien Austoben für Architekten. Ob diese repräsentativen Großbauten (ich selber arbeitete in der zweiten Hälfte des Projektes in einem neuen Hochhaus im 21. Stock im Stadtteil Söğütösü - mit einem fantastischen Blick über fast die gesamte Innenstadt) immer schön sind und tatsächlich in die Umgebung passen, darüber ließe sich trefflich streiten. Immer aber sind sie, nun ja, kreativ. Längst nicht immer sind sie jedoch - benutzt. Es gibt so einige große, repräsentative Bauten, die als gewaltige Investitionsruinen ungenutzt herumstehen. Ein schon fast bizarres Beispiel hierfür findet sich am zentralsten Punkt Ankaras, dem Kızılay-Platz. Ein protziger Bau stand schon bei meinem ersten Aufenthalt direkt an dieser Kreuzung eingezäunt und ungenutzt - und zweieinviertel Jahre später, bei meinem letzten Aufenthalt in Ankara, stand alles unverändert und weiterhin ungenutzt so herum... Desolat!   (Anmerkung Oktober 2010: Noch immer hat sich an dem Zustand nichts verändert)

Ankara, Türkisches Ministerium für Umwelt und Forsten

Eingangsbereich zum neuen Gebäude des Türkischen Ministeriums für Umwelt und Forsten (T.C. Çevre ve Orman Bakanlığı) - meinem Arbeitsplatz in Ankara im Stadtteil Söğütösü.

Ankara, Smog über der Innenstadt von Ankara

... und im Dezember bei dem in dieser Jahreszeit häufigem Smog: der Himmel ist blau und klar, die Stadt jedoch versinkt in einer bräunlichen Brühe. Der Blick des Fotos geht nur einen Hauch weiter nach links als auf dem Bild darüber. Trotz klarem Wetters sind die Berge nicht mal mehr zu ahnen. Es gibt also Gründe genug für das Projekt "Air Quality" in der Türkei!

Die "wilde" und zuweilen offenkundig unkoordinierte Bautätigkeit zeigt auch in der Umgebung Ankaras zuweilen merkwürdige Züge. So finden sich überall um Ankara herum ganz unvermutet auf freien Flächen, auf Hügeln und sonstigen Gelegenheiten große, ca. zehn- bis zwölfgeschossige Wohnblocks, oft eng beieinander stehend - und doch manchmal geradezu verloren "in der Gegend herum". Offenbar auch ohne jegliche Infrastruktur in weiterer Entfernung: ob es wohl einen Wasseranschluss und Strom gibt? Einkaufsmöglichkeiten und Moscheen sind jedenfalls weit, weit weg. Die Landschaft macht hierdurch zuweilen einen sehr zersiedelten Eindruck. Auch nicht schön!

Ankara, Wohnblocks auf Feldern

In der Umgebung von Ankara entstehen teilweise große Wohnblocks völlig abgelegen mitten auf Feldern.

 

 

 

Aber jede Stadt hat bekanntlich so ihre guten und ihre schlechten Seiten. Für mich überwogen in Ankara eindeutig die guten. Die Stadt ist zwar nicht wirklich "schön" und wer - so, wie ich eigentlich auch - die Nähe des Wassers liebt wird hier schlecht bedient. Und doch hat die Stadt Ankara wunderbare "Wohlfühlelemente", die vor allem mit ihren Einwohnern zu tun haben. Grund genug, diese Stadt zu lieben, ob nun im Winter bei klirrender Kälte oder im Sommer bei sengender Hitze.

Apropos Wetter: es barg manche Überraschung! Mal konnte man Anfang Dezember in leichter Kleidung bis in die Nacht draußen sitzen (was die Einheimischen allerdings aber auch sehr ungewöhnlich fanden!), mal versank die Stadt binnen einer guten Stunde ca. 20 cm tief in Schnee (was auf dem oft hügeligen Gebiet der Stadt ein unvorstellbares Verkehrschaos nach sich zog). Die südliche Lage verhindert nicht, dass die Winter doch eher klirrend kalt sind (morgens ist die Temperatur dann schon mal deutlich unter -10 Grad C), schließlich hat man kontinentales Klima und die Stadt liegt im anatolischen Hochland auf ca. 800-900 m Höhe. Andererseits sind im Sommer 30 Grad völlig normal und dann ist nichts so beliebt wie Schatten. Bei meinen Aufenthalten habe ich Temperaturen bis zu 39 Grad erlebt, die ich als Norddeutscher bei genügend Flüssigkeitszufuhr viel besser aushalten konnte, als ich vermutet hätte: es ist keine tropische Hitze, die Luftfeuchtigkeit ist gering. Die trockene Hitze belastet weniger als schwüle Wärme. Unangenehm sind zuweilen die Nächte im späten Sommer, wenn sich die Stadt in langen, heißen Monaten richtig aufgeheizt hat: es geht dann auch nachts eigentlich nie unter 25 Grad und Schlaf ist dann nicht leicht zu finden.

Ankara, Liebespaar im Atatürk-Mausoleum

Eines meiner Lieblings-Fotos aus Ankara, weil es so viele Facetten und Vielfältigkeit dort zusammenfasst: die sehr ungezwungene Jugend, das Zusammengehörigkeitsgefühl in Gruppen (beim so beliebten Posieren fürs Foto hinten), die fast übertriebene Wuchtigkeit des Mausoleums mit den stramm stehenden Soldaten unter den goldenen Lettern bekunden den ausgeprägten türkischen Nationalstolz, die gerade noch zu sehende Ruhestätte Atatürks zeigt das Traditionsbewusstsein.

 

 

 

Als ich 20 Jahre zuvor zweimal für mehrere Wochen hinter "dem eisernen Vorhang" in Osteuropa verbrachte gewann ich die Erkenntnis, dass die Menschen dort liebenswert sind und dieses ganze politische Brimborium zwischen Ost und West wenig daran ändert, dass dies auch alles ganz normale Menschen sind, die alle nur ein kleines Stück vom Glück erhaschen wollen. Zwölf Reisen nach Ankara mit Aufenthalten über insgesamt 15 Wochen sichern mir in den vorangegangenen zwei Jahren eine ganz ähnliche Erkenntnis: es ist doch völlig egal, welchen Religionen Menschen zugewandt sind, sie wollen alle weitgehend das Gleiche - ein möglichst unbelastetes, freudvolles Leben. Wo ist da ein Grund für religiöse Auseinandersetzungen? Warum werden Christen in der Türkei oft furchtbar benachteiligt, warum Moslems in Europa allzu oft so schlecht behandelt? Dies ist mir nach dieser Zeit unklarer denn je. Meine Achtung und mein Respekt vor "den Türken" ist in dieser Zeit gewaltig gestiegen - wobei auch ich, wie schon erwähnt, mittlerweile einen deutlichen Unterschied mache zwischen türkischen Türken und Deutsch-Türken.

Und dann stand am 8.Dezember der Abschied von dieser Stadt an. Wie wird das wohl so sein: Der Abschied von einer liebgewonnenen Stadt - dachte ich mir zuvor. Manchmal mit etwas Wehmut. Nun ja, der Abschied von einigen Personen in Ankara ging mir ans Herz, von einigen versäumte ich durch Unachtsamkeiten einen ordentlichen Abschied, was mir etwas unangenehm war. Insgesamt aber blieb der Abschied von dieser Stadt recht nüchtern, an einem Freitagmorgen gegen fünf Uhr verschwand ich "bei Nacht und Nebel" aus Ankara, vom neuen, prachtvollen Flughafenterminal ausgehend, das mittlerweile das alte, provinzielle Terminal ersetzt hatte. Ausgerechnet in der letzten Woche gab es so viele Pannen und Probleme, dass ich eher froh war, nach Hause zu können. Die letzte Woche: die einzige Woche in Ankara, die missraten war - sehr schade! Leider drehte der Pilot der Lufthansa-Maschine auch nicht mehr die mir eigentlich zustehende Ehrenrunde über der Stadt. Die hätte mir sicherlich doch noch einen Glanz in den Augen beschert. Nein, er suchte seinen direkten Weg über das anatolische Hochland gen Schwarzem Meer.

Der letzte Aufenthalt war missraten, einige Aufenthalte zuvor waren extrem anstrengend und geradezu kraftraubend, der Abschied wenig melancholisch - und doch: mit ein paar Wochen Abstand, beim nach-denken, fängt diese freundliche, angenehme, höfliche und tolerante Stadt mit seinen Menschen an, mir zu fehlen. Wie gerne würde ich die sieben bis acht Stunden Anreise aus Hamburg wieder einmal auf mich nehmen, nur um "meine Runde" durch die Tunalı Hilmi Caddesi zu drehen und mal wieder im Hacı Arif Bey ein opulentes Mahl zu mir zu nehmen...

 

Anmerkung Oktober 2010: Eine weitere Reise nach Ankara gab es noch, im Oktober 2010. Also bin ich insgesamt 13mal nach Ankara gereist, immer für berufliche Einsätze im Rahmen von EU-Projekten, jeweils für eine Woche oder auch mal für 14 Tage. Dies schlägt sich natürlich auch in der Anzahl der Reiseberichte auf meiner Homepage nieder: Neben diesem Reisebericht, der ein zusammenfassendes Fazit aus den ersten zwölf Reise nach Ankara beschreibt, finden sich noch drei weitere Reiseberichte über Ankara auf meinen Internet-Seiten und zudem eine umfassende Bilderserie mit 86 meiner Fotos im Großformat auf meiner externen Homepage. Bei weiterem Interesse empfehle ich Ihnen also die Lektüre der anderen Berichte mit weiteren Eindrücken von Reisen in die türkische Hauptstadt:

 

Ankara - noch einige bunt gemischte Bilder aus der türkischen Hauptstadt

 

Abgerissene Geçekondus am Rande von Ankara

Abgerissene Geçekondus am Rande von Ankara - nur die Moscheen bleiben zumeist erhalten...

Ankara, neue Wohngebiete am Stadtrand

Und so, oder ähnlich, sieht das dann aus, wenn neu errichtete Wohngebiete am Stadtrand Ankaras entstehen: durchaus ansprechend gestaltete Häuser in freundlichen Farben, aber sehr eng zusammen gebaut - was für kühlenden Schatten sorgt.

Deutsche Botschaft in Ankara, Fest zur Eröffnung der Fußball-WM

Zur Eröffnung der Fußball Weltmeisterschaft 2006 in Deutschland gab es, wie es sich gehört, im riesigen Garten der Deutschen Botschaft in Ankara ein großes Fest...

Efes Pilsner oder Tuborg

Efes Pilsener und Tuborg in friedlicher Koexistenz...

Ankara, Wassermelonen auf einem Markt

Der Markt in Sıhhiye in der Innenstadt. Kollegen sagten mir, dass Türken ohne Wassermelonen gar nicht leben könnten - das erklärt einiges!

Ankara, Busbahnhof ASTI

Der Busbahnhof "AŞTI" in Ankara ist gewaltig und kann locker mit jedem Bahnhof in Deutschland mithalten. Von Zügen hält man in der Türkei nicht sonderlich viel - man reist lieber in komfortablen Bussen.

Ankara, Fontänen in der Innenstadt

Ein schöner Brunnen in der Innenstadt im Stadtteil Sıhhiye.

 

Hier kommen Sie direkt zu meiner externen Bilderserie mit 86 großformatigen, bunt gemischten Fotos aus Ankara (öffnet in einem neuen Fenster).

 

 

 


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Dirk Matzen

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