Reisebericht Rotterdam -
  Rotterdam: Genauso, wie erwartet -
  ganz anders, als gedacht

Reisebericht über eine Reise nach Rotterdam in den Niederlanden im September 2018
   mit insgesamt 65 Bildern




Rotterdam, Nachts am Wilhelmina-Pier

Stadt der Zukunft?
Blick zum nächtlich beleuchteten Wilhelmina-Pier in Rotterdam.

 

 

Es ist wieder Zeit für einen Bildungsurlaub!

Und, überhaupt: Warum eigentlich kenne ich so wenig von den Niederlanden?

So jedenfalls ist ein Gedanke, nachdem ich im vorangegangenen Jahr mal kurz entschlossen ein paar Tage in Groningen verbracht habe - und mich prompt in die Stadt verliebe (s. hier meinen Reisebericht Groningen). Habe ich ein paar Jahre zuvor nicht nicht auch Zwolle so zauberhaft gefunden (s. mein Tourenbericht zu Zwolle hier), zum Ende einer Radtour auf der Vechtetal-Route ein paar Jahre zuvor?

Also lautet mein Beschluss, dass ich noch was lernen muss - bzw. mehr von den Niederlanden kennenlernen will. Zudem wird es mal wieder Zeit, die Möglichkeit eines Bildungsurlaubs zu nutzen. Eigentlich hat man als Arbeitnehmer in den meisten Bundesländern Deutschlands jährlich das Anrecht auf eine solche Woche der Bildung abseits des üblichen Arbeitslebens. Zuweilen muss man sich aber auch andere Gegebenheiten auf dem Job anpassen - drum gab's 2017 bei mir keinen Bildungsurlaub, nachdem ich 2016 eine Woche in Wrocław (Breslau - hier geht es zu meinem Reisebericht über Wrocław/Breslau) verbracht habe und dies als sehr lohnend empfunden habe.

Da liegt zusammengefasst von beiden Gedanken die Idee nahe: Bildungsurlaub in den Niederlanden - das wäre doch mal was! Gibt es das?

 

Rotterdam - Stadt der Zukunft!
  Oder: Gedanken vor dem Bildungsurlaub

Ja - das gibt es! Bei einem großen Anbieter von solchen Bildungsreisen finde ich neben einem Kurs in Amsterdam auch ein Seminar "Rotterdam - Stadt der Zukunft?". Hm - Rotterdam... Ist das eine interessante Stadt? Was weiß ich denn über Rotterdam?

Als in Hamburg lebender denke ich da natürlich sofort an den Hafen. Es wird in Hamburgs Medien und Politik immer wieder darüber gesprochen, dass der Hamburger und der Rotterdamer Hafen in direkter, harter Konkurrenz um den größten und damit wohl auch wichtigsten Hafen in Europa stehen. Überhaupt, ein Hafen bringt es oft mit sich: Viele und große Industriebetriebe erwarte ich in Rotterdam, und dementsprechend schlechte, dreckige Luft.

Natürlich weiß ich: Rotterdam ist sicherlich keine "typisch gemütliche, niederländische" Stadt wie Groningen oder Zwolle, die ich bei den kurzen Besuchen ja beide wunderbar fand. Über die super-moderne Architektur in Rotterdam habe sogar ich als Architektur-Muffel schon einiges gesehen und gelesen. Und Rem Koolhaas als Rotterdamer Spitzenarchitekt ist mir auch ein Begriff.

Zur Allgemeinbildung gehört sicherlich, dass deutsche Bomben die gesamte Stadt Rotterdam im Zweiten Weltkrieg nahezu dem Erdboden gleich machten. Rotterdam gilt heute als vielfältige "multi-kulti"-Stadt. Der Fußballverein Feyernoord Rotterdam ist eine europäische Größe.

Aber sonst...? Fehlanzeige! Mehr weiß ich in der Tat gar nicht über Rotterdam.

Eigentlich ja ein ziemlich schwaches Bild - für eine so bedeutsame Stadt in einem Nachbarland ist da ja nicht sonderlich viel bei mir angekommen. Grund genug, das Seminar in Rotterdam zu buchen. Wenn man das rechtzeitig im Jahr macht, bekommt man auch einen Platz. Stattfinden tut das Ganze dann im September. Anreise per Bahn, das ist günstig und simpel. Und: Wie schon bei dem Bildungsurlaub damals in Wrocław verbinde ich auch das Bildungsseminar in Rotterdam noch mit einer Woche Urlaub - um noch etwas im Land zu reisen und noch mehr kennen zu lernen, dann auf eigene Faust. Mein Programm über die zwei Wochen: Eine Woche Bildungsurlaub in Rotterdam, dann noch jeweils ein paar Tage in Den Haag/Scheveningen, Utrecht und Leeuwarden. Im September 2018 geht es los.

 

Rotterdam - erste Eindrücke!
  Oder: "Schön ist die Liebe im Hafen"...

Die Anreise gestaltet sich dann nicht so einfach und umkompliziert, wie geplant. Ein wenig Kuddelmuddel bei den Bahnanreise, Streckenstilllegung und ungeplante Umsteigeaktionen in den Niederlanden, dadurch ein fast platzender Mini-Zug ab Hengelo, dann muss ich noch einen ungeplanten Schlenker nach Zwolle machen (wo ich feststelle, dass man den Bahnhof in den letzten paar Jahren total und modern umgebaut hat) - aber, egal. Ich komme zwar später, aber doch zuverlässig und sicher in Rotterdam an, in der gewaltigen "Centraal Station". Habe erstmal Mühe, aus dem Bahnhof heraus zu kommen - und lerne dabei gleich eine kleine Lektion über Zugfahren in den Niederlanden: An allen größeren Bahnhöfen in der Niederlanden gibt es Durchgangssperren an den Ein- und Ausgängen. Dort muss man sowohl beim Rein- als auch beim Rausgehen sein Ticket einlesen lassen, elektronisch oder mit einem optischen Lesegerät. Das habe ich bereits vorher gelesen, es ist mir also bekannt. Aber natürlich tappe ich gleich in die Falle: Es gibt offenbar Probleme, mein deutsches Bundesbahn-Ticket am optischen Lesegerät einzulesen. Es funktioniert nicht. Ich probiere es hier und da mal, aber, hm... Soll ich nun samt Koffer über die etwa bauchhohe Absperrung rüberspringen?

Also lerne ich gleich eine zweite Lektion über die Niederlande: Man ist längst nicht so kleinlich mit Personal, wie daheim. Zwei junge Männer haben die Durchgangssperren lässig im Blick, also auch mich - und als ihnen ein Zeichen meiner Hilflosigkeit zuwinke, eilt prompt einer der beiden zügig herbei und hilft mir zwar auch etwas mühsam, aber umgehend und freundlich aus meiner Situation. Alles ist also gut. Nach wenigen hundert Metern bin ich zielstrebig an meinem Hotel - einen tollen, zentralen Standort hat sich der Seminar-Veranstalter dort ausgesucht. Und der Weg vom Bahnhof dorthin geht überhaupt nicht durch eine supermoderne Stadt, sondern durch einen eher traditionell niederländisch wirkenden Straßenzug.

Bis das Seminar an diesem Sonntag Abend startet, sind allerdings noch ein paar Stunden Zeit. Das Wetter ist wunderbar spätsommerlich - also raus. Erste Eindrücke sammeln. Ohne großen Plan gehe ich einfach die große Straße in Richtung Zentrum und Hafen entlang: Die "Coolsingel". Die Straße ist in weiten Teilen eine Großbaustelle, man schlängelt sich als Fußgänger so durch, Autos fahren auf großen Bereichen der Straße gar nicht. Später lese ich: Diese Hauptschlagader der Stadt wird gerade grundlegend umgestaltet, um den hier wohl massiven Autoverkehr einzuschränken und mehr Platz für Fußwege und Menschen zu machen. Aha! Den Autoverkehr einschränken... Na sowas!

Irgendwo neben einem Gebäude steht eine Band und macht Musik: Vier Herren, noch etwas älter als ich, stehen dort und musizieren flott, es klingt maritim. Nicht wenige Leute stehen davor und hören zu.

 

 

 

Ein Stück weiter, beim Maritiem Museum, gibt es auch Musik. Ich höre schon beim Herannahen vertraute Klänge: "Schön ist die Liebe im Hafen". Ein Shanty-Chor gibt sein Bestes - und das auch noch auf deutsch. Die Zuhörerschar ist hier ziemlich groß und offenbar begeistert. Als es auf deutsch weiter geht, wird von den Zuschauern die auch in den Niederlanden bekannte Melodie fleißig im Rhythmus mitgeklatscht: "An der Nordseeküste, am plattdeutschen Strand...". Schon wieder: Na sowas! Da fahre ich stundenlang, um mir dann in Rotterdam vom plattdeutschen Strand vorsingen zu lassen... Ich schaue genauer hin: Es singt der "Shanty-Chor Oberhausen". Ob diese Oberhausener Herren mir gebürtigem Dithmarscher nun wirklich etwas vom "plattdeutsche Strand" erzählen wollen? Aber, ach - das ist wirklich ein amüsanter Einstieg in Rotterdam!

Aber erst hier verstehe ich: Es ist heute und das gesamte Wochenende Hafenfest in Rotterdam! Das wusste ich noch gar nicht. Daheim in Hamburg ist das Hafenfest, also der jährliche Hafengeburtstag, ein gigantisches Mega-Event mit regelmäßig über einer Million Besuchern und damit verbunden unfassbarem Gedränge, mit viel Lärm von zahlreichen Bühnen, Fress- und Sauf-Buden, und in der Tat auch etwas Schiffs-Folklore, eher am Rande. Sämtliche mir bekannten Einheimischen machen einen Bogen darum.

Hier in Rotterdam ist das anders - zumindest jetzt, zum Ausklang des Festes an diesem Sonntag. Es sind bei dem wundervollen Wetter zwar viele Leute auf den Beinen, aber andere Bühnen, als diese beim Museum, sehe ich nicht. Auch keine Verkaufsbuden. Keiner schwankt lallend durch die Gegend. Schiffe stehen im Mittelpunkt. Das Hafenbecken hier mitten im Stadtzentrum sieht mir eher nach Museumshafen aus. So etwas, wie Hafenbetrieb, kann ich in diesen zentralen Hafenbecken hier im nicht erkennen. Aber es liegen viele schöne, alte Schiffe und Kräne hier, mit bunten Flaggen geschmückt. In der Abendsonne ein schönes Bild. Die vielen modernen Hochhäuser rund herum nehme ich einstweilen gar nicht richtig wahr.

Rotterdam, Hafenfest

Buntes Treiben während des jährlichen Hafenfests in einem historischen Hafenbecken im Zentrum von Rotterdam - vor imposanter Kulisse.

 

 

 

Das ändert sich ein wenig, als ich an die Nieuwe Maas komme (eigentlich ja ein Arm des Rheins in dessen Mündungsdelta). Dort sind Gebäude und die Erasmusbrug ("Erasmus-Brücke") so spektakulär, dass sie natürlich sofort die Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Aber doch sind es auch wieder Schiffe, die hier auffallen. Das Hafenfest geht zu Ende, beteiligte Schiffe fahren in einem Korso auf dem breiten Fluss im Kreis. Ein schönes Bild - vor gar nicht mal soo vielen Zuschauern.

 

 

 

Es ist zwar ein Zufall gewesen, dass ich bei dieser Reise direkt auf das Hafenfest stoße - aber auf jeden Fall ist dies wirklich ein ganz prima Einstieg in diese Stadt. Auf meinen ersten paar Kilometer Rundgang hat sich schnell das Gefühl eingeschlichen: Die Stadt Rotterdam ist durchaus genau so, wie ich es mir vorgestellt habe. Eine quirlige, flirrende Stadt. Ziemlich wenig "typisch niederländisch", vom Museumshafen mal abgesehen insgesamt eher super-modern - auch, wenn ich die vielen enormen Hochhäuser und Türme bisher eher am Rande wahrgenommen habe. Klar ist mir doch schnell geworden, dass es eine ähnlich moderne Stadt in Deutschland nicht wirklich gibt, nicht in Frankfurt und auch nicht anderswo. Da rückt das moderne Zentrum von Rotterdam für mich zunächst mal eher in die Nähe von Dubai oder Shanghai - wenn es natürlich auch lange nicht so riesig ist, wie diese Städte.

Ganz und gar nicht meiner Vorstellung entspricht bisher der Hafen, bzw. das, was ich von ihm bisher gesehen habe. Es gibt ja durchaus einen Stadthafen, nur: normalen Hafenbetrieb gibt es dort nicht. Ein großer, schöner Museumshafen, von riesigen Wohntürmen umgeben - durchaus nett und reizvoll. Auch, als ich an der Maas bzw. der Nieuwe Maas stehe, nehme ich von modernem Hafenbetrieb und Großindustrie nirgendwo etwas wahr. Stehe ich mitten im heimatlichen Hamburg, stehe ich direkt an der Hafen-Industrie (was ja auch durchaus seinen ganz eigenen Reiz hat) - stehe ich mitten in Rotterdam, dann finde ich keinen Hafenbetrieb. Aber - ist dies hier nicht der größte Hafen Europas? Das sieht ja auf den ersten Blick schon mal ganz anders aus, als erwartet!

Als am Abend meines Anreisetags der Beginn des Seminars ist, und man auch zu einem gemeinsamen Abendessen ausrückt, wird mir schnell klar, dass sich da ein interessantes Grüppchen mit rund 20 Personen zusammen gefunden hat. Gut so.

 

Rotterdam = Daten!
  Oder: Einige Infos über die Stadt

Fast 650.000 Einwohner leben heute in Rotterdam, damit ist Rotterdam nach Amsterdam die zweigrößte Stadt der Niederlande. Nur etwas mehr als die Hälfte der Bevölkerung hat keinen Migrationshintergrund (wobei ich später lerne, dass man in den Niederlanden dies anders und somit klarer zählt, als daheim. Hier unterscheidet man in autochtone und allochtone Bevölkerungsgruppen und man ist allochton, wenn man selbst oder zumindest ein Elternteil im Ausland geboren wurde - autochton ist man, wenn dies nicht der Fall ist bzw. ältere Generationen betrifft). Insgesamt leben Menschen aus gut 170 Nationen in Rotterdam - eine in der Tat vielfältige, bunte Voraussetzung für die Stadt. Ganz so, wie man es sich über Rotterdam so vorstellt.

Da passt es doch irgendwie, dass einen Teil der politischen Geschicke ein in Marokko geborener Moslem als Bürgermeister in der Hand hält, immerhin seit Januar 2009. Er ist damit der erste Bürgermeister einer europäischen Großstadt, der als Einwanderer in eine Stadt gekommen ist und die doppelte Staatsbürgerschaft besitzt. Wie zu hören und zu lesen ist, erfreut sich Ahmed Aboutaleb in Rotterdam größter Beliebtheit.

Natürlich ist Rotterdam ein wichtiges Bildungszentrum in den Niederlanden. Die Erasmus-Universität bildet gut 26.000 Studierende aus, die Hochschule 24.000, zusätzlich gibt es mehrere Fachhochschulen, eine Musik- und Kunstakademie. Rotterdam mit seiner Dynamik scheint attraktiv für junge Menschen zu sein: Es ist die einzige Stadt der gesamten Niederlande, dessen Durchschnittsalter in den letzten Jahrzehnten gefallen ist.

Im Zweiten Weltkrieg hatte Rotterdam in der Tat schwer zu leiden. Der deutsche Luftangriff vom 14. Mai 1940 sorgte für eine nahezu totale Zerstörung der Innenstadt - und ist auch heute noch stark im Bewusstsein der Bevölkerung verankert. Was ich zuvor nicht wusste: Im Oktober 1942 und März 1943 gab es Luftangriffe der Alliierten auf Rotterdam, die allerdings deutlich weniger verheerend waren. Ehe dann wieder die Deutschen im Jahr 1944 für erhebliche Zerstörungen der Hafenanlagen sorgten. Den Wiederaufbau der Stadt nutzte man in Rotterdam dazu, Innenstadt und Hafen gleich mit modernen Strukturen zu versehen - ein heutzutage nicht unerheblicher Standortvorteil von Rotterdam im wirtschaftlichen Wettbewerb.

Denn, in der Tat: Der Hafen ist der Motor, der Dreh- und Angelpunkt der Stadt Rotterdam.

 

Rotterdam = Hafen!
  Oder: Der Hafen der Superlative der westlichen Welt

Dann ist er nämlich da, der Rotterdamer Hafen, der "Port of Rotterdam" - und das mit Wucht! Gleich zwei komplette Tage der Seminarwoche sind dem Hafen gewidmet. Der zentralen Bedeutung für die Stadt, ja, für das ganze Land ist dies durchaus angemessen. Und man findet den Hafen dann doch leicht und schnell. Rotterdam liegt nicht direkt an der Küste (eine Gemeinsamkeit mit Hamburg), sondern an der Maas, ca. 45 km landeinwärts von der Nordsee entfernt.

Und auf dieser Strecke ist er dann, der Hafen: Vom Rande der Rotterdamer Innenstadt geht der Hafen die gesamte Strecke der rund 45 km entlang am südlichen Ufer der Maas bis in die Nordsee hinein. Etliche Kilometer breit sind die Hafeneinrichtungen auf dieser Strecke. Hier und da gibt es zusätzlich noch weitere, aktuell genutzte Hafenbecken. Insgesamt hat der Hafen damit eine gewaltige, ja, gigantische Größe. Und wurde doch schnell viel zu klein. Also hat man erweitert: In die Nordsee hat man eine riesige Landaufschüttung zur Hafenerweiterung getätigt: Die Maasvlakte. Erst Teil eins, dann braucht man noch mehr Hafenfläche und baut noch eine Erweiterung an - Teil zwei der Maasvlakte.

Rotterdam, Maasvlakte

Unendliche Weiten, Hafengebiet, so weit das Auge reicht: Die Maasvlakte ist ein riesiges Erweiterungsgebiet des Rotterdamer Hafens in der Nordsee.

 

 

 

Der Hafen von Rotterdam: Unendliche Weiten, wir dringen in Bereiche vor, die kaum ein Mensch zuvor je gesehen hat. Die gesamte Größe des Hafengeländes beträgt rund 12.600 ha - das ist etwa das 1,8fache der Fläche des Hamburger Hafens. 74,5 km Kailänge hat der Hafen zu bieten (Hamburg 43 km). In Rotterdam wurden 2017 insgesamt 467,4 Millionen Tonnen Güter umgeschlagen, in Hamburg 138,2 Millionen Tonnen. In Rotterdam hat man im Jahr 2017 insgesamt rund 8,2 Millionen einzelne Container umgeschlagen (das sind pro Tag immerhin 22.500 Container - und wer einmal nur einen einzigen Container ein- oder leergeräumt hat, kann sich die gesamte Materialmasse gar nicht mehr vorstellen), in Hamburg knapp 2,6 Millionen.

In der Öffentlichkeit in Hamburg wird beharrlich der Eindruck erweckt, Hamburg würde mit Rotterdam direkt um die Rolle des wichtigsten Hafens konkurrieren. Schon allein die paar Zahlen zeigen: Rotterdam hat Hamburg längst und recht deutlich abgehängt und spielt in einer ganz anderen Liga. Rotterdam ist mit großem Abstand der größte und umschlagsstärkste Hafen Europas. Hamburg ist da in Europa mittlerweile hinter Antwerpen und Novorossiysk auf Platz vier abgerutscht. In der Rangfolge der Erde liegt Rotterdam im Jahr 2017 auf Platz zehn - hinter acht ostasiatischen und einem australischen Hafen. Ganz Amerika hat keinen Hafen, der so groß und wichtig ist, wie Rotterdam. Afrika und der vordere Orient schon gar nicht.

Kurz: Hier im Hafen von Rotterdam bewegt man sich auf einem wirklich wichtigen und zentralen Terrain - und das nicht nur für Rotterdam und die Niederlande. In mancherlei Hinsicht schon die Schlagader Westeuropas: Das Liefergebiet des Hafens Rotterdam geht weit, weit über die Niederlande hinaus.

Und doch: Wenn man sich diesem "Ungetüm" nähert - fast wirkt der Hafen, wie ein insgesamt lebender Organismus - dann gibt es überraschende und auch nette Seiten. Fast einen ganzen Seminartag verbringt die Gruppe auf der künstlich aufgeschütteten Maasvlakte. Die Anreise gestaltet sich etwas mühsam: Eigentlich geht es mit der Metro flott nach Hoek van Holland, von dort dann mit der Fähre rüber zur Maasvlakte. Zur Zeit meines Aufenthalts allerdings ist die Metrostrecke wegen Baumassnahmen komplett stillgelegt, ein Bus des Schienenersatzverkehrs quält sich ziemlich mühsam bis nach Hoek van Holland. Dort stehen die Kursteilnehmer dann eine Weile auf dem Fähranleger im Regen. Aber dann lerne wieder eine kleine Lektion über die Niederlande und die Entspanntheit und Freundlichkeit der Niederländer.

Hafenfähren gibt es auch in meinem heimatlichen Hamburg - und es ist meist wirklich nett und interessant, mit diesen zu fahren. Das ist es hier im Rotterdamer Hafen auch, und doch ist es anders. In Hamburg hat sich längst die allgegenwärtige Effizienz durchgesetzt: Alles wird im Ein-Personen-Betrieb abgewickelt, auch im Hafen-Fährbetrieb - der eine Schiffsführer sorgt für die Fahrt, das An- und Ablegen, das Herablassen und Hinaufklappen der Gangway, den Ticketkauf müssen die Fahrgäste selbst vorher abgewickelt haben. Hier in Rotterdam allerdings hat man das Personal auf den Fähren (hier nennt man diese "Waterbus" - nicht zu verwechseln mit den noch schnelleren, aber teureren "Watertaxi") noch nicht wegrationalisiert: Neben dem Schiffsführer gibt es noch zwei gute Geister auf dem flotten Boot. Die sorgen fürs An- und Ablegen, helfen den Fahrgästen hier und da, wo es nötig ist, verkaufen Fahrscheine, schauen einfach nach dem Rechten auf dem Schiff. Und wenn dies abgewickelt ist, denn sorgen sie für gute Laune. Es wird geplaudert, gescherzt, gelacht - die beiden hier auf der Fähre sind einfach sensationell gut drauf (was ich auch bei späteren Fährfahrten mehrfach wieder erlebe - wenn auch nicht unbedingt ganz so extrovertiert, wie gerade hier auf dem Weg zur Maasvlakte).

Die deutsche Gruppe auf dem Weg zum Hafen- und Industriegebiet sorgt für Neugierde, es werden Deutschkenntnisse herausgekramt. Fröhlichkeit in öffentlichen Verkehrsmitteln - kenne ich das überhaupt? Hm, ja, vereinzelt in der Tat mal. Es gab da mal einen Busfahrer auf meiner Arbeitsstrecke, der es hin und wieder mal schaffte, ein Lächeln in das Gesicht der Fahrgäste zu zaubern. Auch die Busfahrer im Oberallgäu habe ich allgemein als überaus liebenswerte Leute abgespeichert. Aber ich muss in meiner jahrzehntelangen Erfahrung in öffentlichen Verkehrsmitteln schon ordentlich herumkramen, damit mir einzelne Szenen einfallen - wie sie mir hier in Rotterdam gleich mehrfach begegnen. Und genau solche Beobachtungen im Alltag halte ich für aussagekräftig.

 

 

 

Der Mann aus dem Zweierteam der Betreuung auf dem Waterbus sorgt dann beim Schiffsführer dafür, dass dieser trotz seines Linienverkehrs einen kleinen Schlenker fährt - man möchte den deutschen Reisenden einen Ort im Hafen zeigen, wo Seehunde sich sehr wohl fühlen und wo oft welche zu sehen seien. Und, in der Tat: Auf einer kleinen Sandbank direkt an der Maasvlakte, mitten im größten Hafen der westlichen Welt, fühlen sich derzeit rund 30 Seehunde offenbar sehr wohl und lassen sich durch nichts stören. Was für eine Überraschung! Alle staunen. Die Fähre wartet geduldig, bis auch der letzte, also ich, sein Foto gemacht hat - die kraftstrotzende Fähre holt den kleinen Zeitverlust dann flott wieder auf. Also, mal ehrlich: Wie nett ist denn solch eine Aktion?

Als dann eine Haltestelle später die Frau aus dem Zweier-Betreuerteam Schichtende hat und durch eine frische Kraft ersetzt wird, verabschiedet sie sich, wie eine alte Freundin. Lerne: So angenehm kann es sein, wenn nicht jegliches Personal eingespart wird und man nur noch mit Maschinen zu tun hat. Und: Auch das gehört zum Rotterdamer Hafen.

Rotterdam, Waterbus Hafenfähre

Da fährt sie dahin, die etwas futuristische Hafenfähre, die uns, mit viel Charme des Personals, auf die Maasvlakte im Rotterdamer Hafengebiet gebracht hat.

 

 

 

Als wir nach einer halben Stunde Fahrt den "Wasserbus" am "Yangtzekanaal" auf der Maasvlakte mit den besten gegenseitigen Wünschen verlassen, sind wir also schon um eine interessante Erfahrung reicher. Und es wird zum Abschied dem öffentlichen Verkehrsmittel hinterher gewunken.

Der Fußmarsch zum Hafen-Informationszentrum (ganz unbescheiden trägt es den Namen "Futureland") findet glücklicherweise nicht mehr im Regen statt. Und die wenigen Kilometer geben einen ersten Eindruck von der Dimension und den Ausmaßen dieser künstlichen Insel. Man sieht schon so einige gewaltige Kaianlagen mit Kränen und auch etliche Industrieanlage mit qualmenden oder eher dampfenden Schloten. Sich dann im "Futureland" umzuschauen, auch ausführlich, bringt Spaß - es beherbergt einige interessante Darstellungen, die einem das Leben im Hafen und die Entwicklung desselben näher bringt, gerne auch auf gelungene Weise multimedial.

Die Dimension des Rotterdamer Hafens versucht man auf der Internetseite von Futureland in charmanten Zungenschlag darzustellen: "Erlebe Gross, Grosser, Grosstes" heißt es auf der deutschen Seite. Man investiert in Rotterdam recht viel in die Werbung für und die Information über den "Port of Rotterdam" - auch hier ist man ganz unbescheiden.

Rotterdam, Maasvlakte Dünen

Ganz anders, als man so denkt: Auch ausgedehnte Dünen- und Strandlandschaften findet man auf der Hafenerweiterung Maasvlakte.

 

 

 

Als es dann von dem Infopool "Futureland" per Bus dann eine Stunde lang eine Rundtour ausschließlich auf der künstlich aufgeschütteten Insel für die Seminargruppe gibt (das allein zeigt ja, wie enorm die künstliche Anlage ist), zieht etwas Enttäuschung ein: Im Gegensatz zu den zuvor ausgesprochen hohem Niveau an Informationen durch den Seminarleiter, gibt es bei den Bustour nur eher dürftige und dünne Informationen auf Englisch über das, was hier zu sehen ist. Enttäuschend! Ist man des niederländischen mächtig, erfährt man etwas mehr, wie ich aus dem für mich nur selten verständlichen Redefluss der Tourenleiterin der Busfahrt entnehme. Aber immerhin: Man bekommt ein Gefühl dafür, was für riesige Ausmaße dieses Projekt Maasvlakte überhaupt hat. Immerhin können hier auch Schiffe anlegen, die den derzeit größten Tiefgang der Welt haben - nicht mehr viele Häfen können diesen Riesen noch einen Liegeplatz anbieten. Und: Noch gibt es einigen Platz für weitere Hafenanlagen und Industrie auf dieser künstlichen Insel Maasvlakte. Auch hat man verblüffend viel Raum für Natur gelassen - eigentlich laden hier weite Strecken zum Spaziergang ein. Wenn auch nicht gerade heute, bei den tief hängenden, düsteren Wolken. Was wird wohl passieren, wenn hier alles voll ist, die Flächen komplett an Hafenanlagen vergeben? Oder wenn der Meeresspiegel um einige Meter gestiegen ist? Gibt es dann weitere Landgewinnung und eine weitere Insel?

Ein ganz anderes Gesicht bekommt der Hafen bei der zweiten Annäherung im Rahmen des Seminars. Da nämlich geht es für die Gruppe mit Fahrrädern auf eine Fähre, und mit dieser an das zur Innenstadt am nächsten liegende Ende des noch aktiven Hafens am südlichen Ufer der Nieuwe Maas - ein Stückchen westlich außerhalb der Innenstadt. Man landet zunächst in einem Mischgebiet: Etwas Hafengewerbe, viel Hochschulbetrieb und gebietsweise Wohnen.

Auf letzterem beruht dann auch der Schwerpunkt der nachmittäglichen Radtour durch das östliche Hafengebiet. Einige kleine Gebiete haben sich gegen die Ausdehnung des Hafen gewehrt und bieten jetzt wie auf kleinen Inseln Wohngebiete inmitten des Hafens. Die Mittagspause verbringen wir im Stadtteil Heijplaat - das von der Größe und auch der Ruhe, die dort herrscht fast wie ein Dorf wirkt, in den 1910er Jahren als Gartenstadt geplant und entwickelt wurde. Wie ein gallisches Dorf hat man sich in Heijplaat allen Hafenplänen widersetzt. Heute leben 1.400 Menschen in Heijplaat in ruhiger Umgebung, mit einer einladenden Gastwirtschaft und, wie ich erst später im Internet sehe, mit einem großartigen Strand an der Nieuwe Maas - hier ist Rotterdam völlig anders, als man es sich vorstellen kann. Als wir am "Dorfrand" auf ein Gebiet stoßen, wo man ganz praktisch mit ökologischer Bauweise experimentiert, wird schnell wieder klar: Das ist ja doch kein Dorf hier! Und die Architekten und Stadtplaner der Gruppe werden neugierig.

Rotterdam, Stadtteil Heijplaat

Hochmoderne, ökologische Bau- und Wohnprojekte am Rande des Stadtteils Heijplaat.

 

 

 

Ansonsten streifen wir an einer nicht wirklich überschaubaren Menge an Hafenbecken entlang. Es fällt auf, dass selbst hier mitten im Hafengebiet niederländisch großzügige Radwege gebaut wurden: Fast so breit, wie die Autostraßen und immer baulich sauber abgetrennt von Autofahrbahn und Fußweg. Toll!

Wir radeln nach Charlois - ein Wohngebiet am Rande des Hafens. Früher gefürchteter, abgehängter sozialer Brennpunkt, heute ein vielfältiger und zu neuem Leben erweckter Stadtteil. Auch hier nehmen wir uns einige Zeit zur Erläuterung der Stadtentwicklung.

Katendrecht wiederum ist eine schon recht zentrumsnah liegende Halbinsel. Früher mal das Seefahrerviertel, ein verruchtes Rotlichtviertel mit wildem Nachtleben. Solche Viertel florieren bei der modernen Seefahrt schon längst nicht mehr, Katendrecht entglitt sich zu einem heruntergekommenen sozialen Brennpunkt. Dem begegnete man vor gut zehn Jahren von städtischer Seite mit einem umfassenden Maßnahmenkatalog: Unter anderem übertrug man teilweise leerstehende, heruntergekommene Wohnungen kostenfrei an junge Leute - mit der Maßgabe, diese grundlegend zu sanieren. Heute ist Katendrecht ein beliebtes, ruhiges, kinderfreundliches Wohnviertel. Von Wasser umgeben, was in den Niederlanden besonders beliebt ist. Und, als "kleines" Schmankerl, liegt das größte Passagierschiff, das jemals in den Niederlanden gebaut worden ist, heute in Katendrecht, als Museums- und Hotelschiff: Die SS Rotterdam (SS für "Steam Ship" - Dampfschiff). 1958 erbaut, war es als Dampfschiff allerdings schon bei Fertigstellung technisch veraltet. Nach umfassender und teurer Sanierung erfüllt es nun einen neuen, anderen und attraktiven Zweck.

Rotterdam, SS Rotterdam

Das Passagierschiff "SS Rotterdam", fest vertäut am Kai in Katendrecht, ist heute Museum und Hotel in einem.

 

 

 

Aber auch nach dieser fünfstündigen Radtour durch den Hafen ist allen Teilnehmenden völlig klar: Der Hafen von Rotterdam hat gigantische Ausmaße! Wir haben da im Seminar nur an den beiden Rändern im Osten und im Westen des Gebietes "gekratzt", die gesamten Ausmaße kann man auch nach solchen Aktionen nur knapp erahnen. Insgesamt zieht sich der "Port of Rotterdam" ja auf einer Länge von fast 45 Kilometer zur Nordsee hin (plus diverse, verstreut liegende, kleinere Hafenbereiche). Es ist völlig unmöglich, dies in zwei Tagen umfassend zu erschließen. Zusätzlich zu den Hafenbecken selber gibt es gewaltige Lagerkapazitäten (allein der Öl-Bedarf für ein Vierteljahr kann dort gelagert werden - und das für ganz Westeuropa!), fünf Raffinerien, ca. 50 große Chemiebetriebe.

Aber es gefällt mir gut, dass man im Hafen Rotterdam noch immer sehr ambitioniert ist, frei nach dem Motto: "Stillstand ist Rückschritt". Also strebt man mit Vehemenz an, bis 2030 der "umweltfreundlichste Hafen der Welt" zu sein. Das ist doch mal ein guter Wettbewerb mit den anderen Wettbewerbern! Und viele Jahre Zeit hat man bis 2030 ja nicht mehr - aber: Wer will das schon objektiv bemessen?. Auch an einer Energiewende arbeitet man massiv (also gar nicht eine soo deutsche Erfindung, eine Energiewende), strebt einen CO2-neutralen Hafen an. Ein klares Ziel - und man scheut sich nicht, dies öffentlich anzukündigen.

Nicht unerwähnt lassen möchte ich ein kleines, aber doch besonderes Highlight dieser Radtour: War die Gruppe heute auf der "Hinfahrt" mit der Fähre, dem "Waterbus", zum südlichen Ufer gefahren, so geht es zurück durch den Tunnel unter der Maas hindurch. Der Hamburger in mir fühlt sich da an den Alten Elbtunnel daheim erinnert, aber hier ist der Tunnel um einiges länger - und es gibt selbstredend eine eigene Tunnelröhre nur für Radfahrer!

 

Rotterdam = (Super)Moderne Architektur!
  Oder: "Spielplatz" für Architekten

Schon in der Vorstellungsrunde des Seminars (das in dieser Form im Übrigen erstmalig stattfindet) fällt mir auf, dass es gleich eine ganze Reihe an Stadtplanern und Architekten in den Kurs verschlagen hat. Das hat natürlich seine Gründe!

Nicht umsonst gilt Rotterdam als eine Stadt der schnellen, modernen Entwicklung. Die Stadt strebt geradezu beständig voran, man sieht und spürt das an vielen Ecken und Enden - auch, wenn man Rotterdam erst kennenlernt. An vielen Orten von Rotterdam stehen moderne und post-moderne Bauten. Viele davon als Hochhäuser - Türme, die beinahe unverschämt hoch in den Himmel ragen. Ein greifbarer Stadtwandel.

Rotterdam, Blick zum Wilhelmina-Pier

Der Blick vom Nordufer der Nieuwe Maas über die Erasmusbrücke zum Wilhelmina-Pier.

 

 

 

Musterbeispiele hierfür finden sich unter anderem in früheren Hafen-Vierteln, die mittlerweile in moderne Wohn- und Geschäftsviertel umgewandelt worden sind: "Kop van Zuid" mit dem "Wilhelmina-Pier" - beides gerne auch als das "Manhattan an der Maas" bezeichnet. Schon allein die drei von dem weltweit bekannten Rotterdamer Architekten Rem Koolhaas erbauten, 150 m hohen Türme, die schlicht "De Rotterdam" heißen, beeindrucken: Die "vertikale Stadt", 2013 fertig gestellt. Das Gebäude mit der insgesamt größten Grundfläche in den Niederlanden. Bauten von Rem Koolhaas bin ich schon früher begegnet, z.B. in Beijing (also Peking) mit dem spektakulären Milliarden-Dollar-Bau der CCTV Headquarters - oder dem, gemeinsam mit dem Fotografen Erwin Olaf gestalteten, in Groningen errichteten - jaa! - wohl schönsten Toilettenhäuschen der Welt!

Rotterdam, Kop van Zuid

Blick zum "Kop van Zuid" mit den ehemals für Forschung, heute als Veranstaltungsräume dienenden, schwimmenden Pavillons und einer Art "schwimmender Wald" drum herum.

 

 

 

Auch sonstige Gebäude drum herum ziehen meine Aufmerksamkeit auf sich: Das fast schon beängstigend schräg gebaute Telecom-Gebäude, ebenso auf dem Wilhelmina-Pier. Futuristisch wirken die auf dem Wasser gebauten, schwimmenden Pavillons - ehemals Forschungsprojekt, heute Veranstaltungsräume und nachts effektvoll beleuchtet. Auch versucht man sich im ehemaligen Hafenbecken mit einer Art "schwimmenden Wald". Ja, in der Tat: Vieles, was hier umgesetzt ist, habe ich noch nirgendwo anders gesehen, es wirkt auf mich futuristisch. Das sind die Bilder, die man von Rotterdam so kennt - hier ist Rotterdam genau das, was man erwartet. Und wenn man das Glück hat, so wie ich an zwei Abenden, sich bei schönem Abendlicht und effektvoller Kunstbeleuchtung in dieser Umgebung herumtreiben zu können, dann ist diese Umgebung atemberaubend! Phantastisch!

Das "Alte" jedoch ist nicht komplett verschwunden auf dem Wilhelmina-Pier. Ein Musterbeispiel dafür ist das Gebäude der "Holland Amerika Lijn" an der Spitze des Wilhelmina-Pier. Früher das Auswanderer-Zentrum für Fahrten nach Amerika - heute, glänzend saniert, das edle "Hotel New York".

Rotterdam, Hotel New York

Es muss schon eine Menge passieren, damit aus einem heruntergekommenen Verwaltungsgebäude der "Holland Amerika Lijn" für Auswanderer nach Amerika eines der schicksten Hotels der Stadt, dem "Hotel New York", wird. Und das an kaum zu übertreffender Lage. Die Entwicklung des Gebäudes zum Hotel wird übrigens vorzüglich und ausführlich im Rotterdamer Stadtmuseum dokumentiert (oder war dies womöglich gerade eine Sonderausstellung während meines Aufenthalts?).

 

 

 

Auch, wenn sie schon über 20 Jahre hier steht: Die 802 m lange "Erasmusbrug", eine große Schrägseilbrücke zwischen Wilhelmina-Pier und Stadtzentrum ist auch eindrucksvoll und passt zum futuristisch anmutenden Ensemble. Warum die Einheimischen sie "der Schwan" nennen, erklärt sich wie von selbst - ganz besonders, wenn man sich die Brücke bei nächtlicher Beleuchtung anschaut. Und, nur am Rande: Die Erasmusbrücke ist die allerletzte Brücke über den Rhein bzw. einen Nebenarm des Rheins (hier in Rotterdam ist dies ja die "Nieuwe Maas"), bevor der große mitteleuropäische Strom dann in die Nordsee fließt.

Aber auch im Stadtzentrum, rund um den heutigen Museumshafen um Leuvehaven, Bierhaven, Wijnhaven, Scheepmakershaven bekommt man, wenn man von den historischen Schiffen und Hafenanlagen mal absieht, ein ähnlich futuristisches Gefühl, wie am Wilhelmina-Pier. Auch hier baut man sehr modern und sehr in die Höhe. Schließlich lässt sich die Fläche am Wasser ja nicht vergrößern, da bleibt nur das Bauen in die Höhe, wenn eine Stadt sich vergrößern will. Hier in Rotterdam ist man recht ungehemmt dabei, dies umzusetzen. Und der Gegensatz zwischen dem alten Hafen und den modernen Gebäuden gefällt mir. Es wird bei den Fassaden auch eine Menge Abwechslung für das Auge geboten: Die Bauten sind nirgends langweilig gestaltet, finde ich jedenfalls.

Rotterdam, Museumshafen

Im Museumshafen von Rotterdam und drumherum trifft alt auf neu: Alte, historische Schiffe werden liebevoll gepflegt, während drum herum moderne Hochhäuser gen Himmel wachsen.

 

 

 

Auch außerhalb dieses neuen, modernen Zentrums am ehemaligen Hafen der Stadt findet man ohne viel Mühe jede Menge spektakuläre Bauten. Rund um den innerstädtischen Bahnhof Blaak gibt es gleich eine ganze Ansammlung an interessanter Architektur. Wegweisend sind dort die in der Mitte der 1980er Jahren errichteten Kubus-Häuser - auch im Jahr 2018 wirken diese noch wie ein zukunftsweisender Entwurf. Eigentlich stehen sie auf einer großen Fußgängerbrücke und jedes Haus - jeweils ein auf der Spitze stehender Würfel - steht auf einem einzelnen Sockel. Wie ein Baum, mit dem Wohnbereich in der "Krone". An die schiefen Wände gewöhnen sich die Bewohner der Häuser angeblich schnell - aber es wirkt schon von Außen höchst ungewöhnlich.

Rotterdam, Kubus-Häuser

Ein ungewöhnliches Wohnquartier: Die Kubus-Häuser im Zentrum von Rotterdam. Ob sich die Bewohner schnell an die schiefen Wände gewöhnen? Selbst die in der Mitte der 1980er Jahre gebauten Kubus-Häuser wirken auf mich auch heute noch extrem futuristisch - wie so vieles in der Stadt. Auch, wenn ich damit wohl nicht auf der Höhe der bin.

 

 

 

Gleich nebenan findet sich ein neuer Geniestreich der modernen Baukunst in Rotterdam: Die neue Markthalle, eröffnet im Jahr 2014. Von der Seite betrachtet sieht sie aus wie ein Halbkreis - oder nein, eher wie ein Hufeisen. In dem "Ring" um die Marktfläche sind rund 230 Wohnungen untergebracht, die Marktfläche selber bestückt mit 100 festen Marktständen. Der aus den umgebenden Wohnungen gebildete Bogen um diese Marktfläche herum wurde mit einem riesigen Wandbild versehen, wo auf 4.500 Aluminiumplatten das Kunstwerk "Horn des Überflusses" die Kunden zum Einkauf animieren soll. Allerdings: Mit Worten ist diese Konstruktion eigentlich gar nicht zu beschreiben, man sollte es sich anschauen. Die neue Rotterdamer Markthalle - mal wieder ein grandioses Bauwerk in Rotterdam.

Rotterdam, neue Markthalle Innenansicht

Innenansicht der neuen Markthalle von Rotterdam.

 

 

 

Die nebenan zur Markthalle liegende Zentrale Bibliothek geht da schon fast ein wenig unter. Wer jedoch einmal in Paris war, wird sofort den Gedanken haben, dass die Zentrale Bibliothek in Rotterdam ein kleiner Bruder des Centre Pompidou sein könnte - der Gestaltung mit der Verlegung von Gebäude-Versorgungs-Leitungen nach außen an die Fassade sei Dank. Auch die leicht futuristische Station Blaak selber ist einen Blick wert.

Den neuen Hauptbahnhof, die Centraal Station, habe ich ja schon bei meiner Ankunft kennen gelernt - ein wenig. Aber auch der ist ein genaueren Blick wert. Auch hier: Ein modernes und spektakuläres Bauwerk. Vorbei offenbar die Zeit, in der man einen weiten Bogen um Hauptbahnhöfe machen sollte - in Rotterdam geht man hin, um ihn aus der Nähe zu erkunden. Und am besten auch gleich die Umgebung, in Richtung Kruisplein und Westersingel. Auch hier werden Freunde moderner Architektur reichlich fündig. Hier bekommt man überall den Eindruck, in einer supermodernen Stadt zu sein. Auch hier ist Rotterdam an vielen Orten ganz genau so, wie man es sich so vorstellt.

Rotterdam, Centraal Station

Welch kühne Dachkonstruktion: Der südliche Ausgang der "Centraal Station", also des Hauptbahnhofs von Rotterdam.

 

 

 

Eine andere moderne Entwicklung der 1950er Jahre nimmt auch in Rotterdam ihren europäischen Anfang, mal wieder ein Superlativ: Die allererste Fußgänger-Einkaufsstraße in Europa, eine Shoppingmall, wird hier in Rotterdam errichtet - die Lijnbaan. Auch dort ist Rotterdam ganz vorne... gewesen. Die 1953 eröffnete Fußgängerzone hat heute einen etwas altbackenen Charme, kein Wunder. Genau hier ist eine Art Grenze zwischen jetzt und einst: Hier ist Rotterdam einmal supermodern gewesen - und heute schon fast historisch.

Rotterdam, Lijnbaan-Eingang

In den 1950er Jahren in Europa führend: Eine Shopping-Mall. Die "Lijnbaan" war die erste Einkaufszone ihrer Art in Europa - natürlich in Rotterdam.

 

Rotterdam = Historisches!
  Oder: Es gibt sehr gemütliche Winkel

Die Verlockung ist groß für mich, als Titelbild für diesen Reisebericht über Rotterdam ein Foto aus Delfshaven auszuwählen. Delfshaven, ein Stadtteil von Rotterdam. Und das Besondere: Delfshaven sieht auf der einen Seite genau so aus, wie man sich die Niederlande im Klischeebild so vorstellt. Auf der anderen Seite ist es fast schon genau das Gegenteil von dem, was man von Rotterdam als Bild so im Kopf hat. Es ist ein völlig anderes Viertel, als man sich die moderne Industrie- und Hafenstadt Rotterdam vorstellt.

Rotterdam, Delfshaven Windmühle

Eine markante Windmühle steht am Ende das alten Hafenbeckens in Delfshaven, das vor allem von Wohnbebauung gesäumt wird.

 

 

 

Ein eher kleiner historischer Hafen, mit traditionellen, "typisch nieder-ländischen" Gebäuden, eine Windmühle am Ende der kleinen Insel zwischen Voorhaven und Achterhaven. Das alles nicht als Touristen-attraktion, sondern als gemütliche Wohngegend. Ein Stück Niederlande, wie aus dem Bilderbuch - gar nicht soweit vom Zentrum in Rotterdam entfernt. Auch eine kleine Überraschung, da ist Rotterdam eben mal ganz anders, als man so denkt. Ein wunderschöner Flecken in der pulsierenden Stadt.

Seit 2014 beherbergt Rotterdam auch ein UNESCO-Weltkulturerbe: Die Van-Nelle-Fabrik. In dem zwischen 1923 und 1931 errichteten Firmensitz wurde Kaffee, Tee und Tabak verarbeitet. Das Fabrikgebäude gilt als Musterbeispiel der architektonischen Moderne: Eine Vorbildfunktion an filigraner, luftiger, lichtdurchfluteter Industrie-Architektur ist hier zu besichtigen. Auch, wenn dies nicht zum Programm des Seminars gehört: Gerade auch die Architekten aus der Seminargruppe sind ganz versessen darauf, diesen bedeutsamen Gebäudekomplex in Augenschein zu nehmen - auch, wenn das Gelände nicht gerade zentral gelegen ist. Mit dem Rad aber kein Problem: Das ehemalige Fabrikgelände ist eine bequeme Fahrradtour vom Stadtzentrum entfernt.

 

 

 

Wie schon erwähnt: Vor allen Dingen nach dem deutschen Luftangriff vom 14. Mai 1940 stand in der Innenstadt von Rotterdam kaum noch ein Stein auf dem anderen (wieder einmal gibt es Grund genug für mich, ein schlechtes Gefühl wegen meiner deutschen Herkunft zu haben) - eindrucksvolle Bilder hierzu kann man im Stadtmuseum betrachten. Auch in Wikipedia ist ein eindrucksvolles Bild zu sehen, wie es in der Innenstadt im Jahr 1941 nach den Aufräumarbeiten aussah: Ein einziges Gebäude steht noch, wie in einer Wüste: Die Sankt Laurentiuskirche. Die "Grote Kerk" wird sie gern genannt. Das einzige historische Gebäude der Innenstadt - schon allein deswegen einen Blick wert.

Rotterdam, Sankt Laurentiuskirche

Der Turm der Sankt Laurentiuskirche, die "Grote Kerk". Im Zentrum von Rotterdam nahezu das einzige Gebäude, das die deutsche Bombardierung 1940 überstanden hat. Und heute fast schon in Bedrängnis durch die modernen Bauten drum herum.

 

 

 

Direkt am alten Hafen ("Oude Haven") findet man noch ein weiteres eindrucksvolles Gebäude: Das Weiße Haus - "Het Witte Huis". 1898 im Stil der Art Nouveau fertig gestellt, war das Gebäude eine architektonische Sensation - schon damals preschte man in Rotterdam voran. Mit 45 Metern Höhe hatte man den ersten "Wolkenkratzer" ganz Europas errichtet, direkt am Hafenbecken. Das sehr schöne, historische Gebäude etwas am Rande des Zentrums überstand die Zerstörungen des Krieges glücklicherweise - und ist ohne Zweifel einen Blick wert. Auch, wenn das ehemals moderne Gebäude in der heutigen supermodernen Umgebung fast schon wie ein Fremdkörper wirkt. Ein schöner Fremdkörper, allerdings.

 

 

 

Gemütlich geht es dem Vernehmen nach meist auch in Grünanlagen zu - die ich in Rotterdam allerdings kaum erkunde. Lediglich in "den Park" - "Het Park" - werfe ich mal einen eher beiläufigen Blick. Dann treibe ich mich eher ein wenig im alten Schifffahrtsquartier ("Scheepvaartskwartier") am westlichen Rand der Innenstadt herum - auch eines der wenigen Überbleibsel nahe der Innenstadt aus der Vorkriegszeit.

Rotterdam, Veerhaven

Abends am kleinen, historischen Veerhaven im Rotterdamer Seefahrtsquartier ("Scheepvaartskwartier").

Kurz: Aller Moderne zum Trotz - Rotterdam hat sie durchaus behalten, die Stadtbereich und Quartiere, die einen historischen, einen niederländischen Charme versprühen. Wenn auch nicht gerade in üppiger Zahl und riesig groß.

 

Rotterdam = Kulturzentrum!
  Oder: Was ich alles versäumt habe...

Bei dem recht vollen Programm des Seminars bleibt kaum Zeit, sich ausgiebig mit dem Kulturangebot von Rotterdam zu beschäftigen - was durchaus schade ist. Denn die Stadt hat durchaus viel zu bieten.

Schon allein so etwas, wie die Ballung von fünf Museen in dem "Museumspark" ist in dieser Dichte sicherlich weltweit nur selten anzutreffen. Die "Kunsthal Rotterdam" (die Kunsthalle, ein Bau von Rem Koolhaas) und das Museum "Boijmans Van Beuningen" beschäftigen sich mit bildender Kunst, wie auch das Neue Institut ("Het Nieuwe Instituut"), ein spektakulärer, moderner Bau. Zum Museumspark gehört auch das Naturhistorische Museum. Die Architekten der Bildungsurlaubsgruppe freuen sich alle auf einen Besuch beim "Huis Sonneveld ", der Villa des früheren Direktors der Van-Nelle-Fabrik - heute ist dies Gebäude selbst ein Museum, wie auch angrenzende Villen in dem Gebiet des Museumsparks.

Rotterdam, Het Nieuwe Instituut, Depot Museum Boijmans

Links entsteht, natürlich auf dem Gelände des Museumsparks, ein futuristischer, runder Bau für das neue Depot des Museums "Boijmans Van Beuningen", 39,5 m hoch wird es werden und mit 304 m² Solarpaneelen versehen. Das kantige Gebäude dahinter ist "Het Nieuwe Instituut" (Das neue Institut), das sich als eine Art Kreativ-, Design- und Architekturzentrum versteht - und optisch einen interessanten Kontrapunkt zu dem runden Depot ist.

 

 

 

Ganz neu entsteht auf dem Gelände des Museumsparks ein wieder mal futuristisch anmutendes Gebäude: Das Depot des Boijmans van Beuningen-Museums. Zur Zeit meines Besuchs kann man nur ahnen, wie dieser Bau im fertigen Zustand aussehen wird - aber die kreisrund hochgezogenen Grundmauern zusammen mit den an der Abzäunung aufgehängten Bilder der Entwürfe lassen Spektakuläres erwarten. Wie könnte es auch anders sein. Wir sind ja in Rotterdam - neue Gebäude baut man ja mutig in die Moderne.

Alles dies betrachte ich nur von außen, aber auch das ist schon beeindruckend genug.

Auch an Bühnen hat Rotterdam einiges zu bieten. Das markante Gebäude des Neuen Luxor Theaters auf dem Wilhelmina-Pier beeindruckt von außen. Aber eigentlich habe ich in Dingen Kultur nur wenig eigene Erfahrungen sammeln können in Rotterdam - es bleibt für mich weitgehend ein weißer Fleck. Lediglich einige Kunst im öffentlichen Raum bleibt bei mir hängen.

Rotterdam, Statue Marathonbeeld

Eine markante Statue: Die 5,5 m hohe "Marathonbeeld" des Künstlers Henk Visch am nördlichen Ufer der Nieuwe Maas an einem spektakulären Standort. Auf Namensschildern im Sockel sind die Gewinner des Rotterdam-Marathons seit 2001 verewigt.

Rotterdam, It'n never too late to say sorry

Manchmal sind es ja die ganz einfachen Dinge, die wirkungsvoll sind. Etwas ratlos stehe ich vor dieser Vitrine an der Coolsingel - bis ich eine im Boden eingelassene Beschriftung finde. Michael Elmgreen aus Dänemark und Dragset aus Norwegen nennen ihr schlichtes, 2011 entstandenes Kunstwerk "It's Never Too Late to Say Sorry". Der unerwartete Satz in Verbindung mit dem Megaphon löst bei mir ein überraschendes und längere Zeit anhaltendes Kopfkino in Gang - wohl ein Merkmal für gelungene Kunst.

Andere Kursteilnehmer sind in dieser Richtung an den Abenden aktiver (während ich abends mit meiner Kamera losziehe) - letztlich kann ich dies nur empfehlen. Denn den Ruf als Kulturmetropole Rotterdam kommt sicher nicht von ungefähr, das Angebot ist riesig.

 

Rotterdam = Fahrradstadt!
  Oder: Mit dem "Oma-Fiets" durch Rotterdam

Zum Programm der Bildungsurlaubs gehört, wie schon erwähnt, unter anderem, dass sich die Gruppe drei Tage lang per Fahrrad durch die Stadt bewegt. Eine prima Idee! Die Infrastruktur von Rotterdam gibt dies auch locker her: Es gibt jede Menge Radwege, die meist breit und ausladend sind. So ist es auch für eine Gruppe von 20 Leuten kein Problem, sich radfahrend durch die Stadt zu bewegen, ohne den Anschluss aneinander zu verlieren und ohne die Umgebung sonderlich zu stören oder zu behindern.

Wie anscheinend ja jede niederländische Stadt, ist auch Rotterdam bestens auf Fahrradverkehr ausgelegt - was nun auf der anderen Seite auch wiederum nicht heißt, dass es nicht auch jede Menge Autoverkehr gäbe. Aber man räumt dem Radverkehr einfach viel Platz ein, sorgt meist für eine klare Trennung und Abstand zum Autoverkehr und zum Fußgängerverkehr. Mit einem von Anfang an sicheren Gefühl radle ich durch die Großstadt - auch das wiederum ein für mich eher seltenes Gefühl.

Schnell merkt man auch: Die "Radfahrer-Kultur" hier ist eine völlig andere, als daheim. Es geht unter Radlern viel, viel ruhiger und gelassener zu, als ich es aus dem heimatlichen Hamburg so kenne. Das mag an den guten Radwegen und den klaren und der übersichtlichen Umsetzungen der Verkehrsregelungen liegen. Aber vielleicht ist es ja auch eine Frage der Mentalität: Man fährt halt so lässig vor sich hin, dass man nicht ins Schwitzen kommt.

Die Gruppe wird am zweiten Tag des Seminars mit typischen "Hollandrädern" ausgestattet: Große, schwere, stabile Räder (in den Niederlanden "Fiets") mit Stahlrahmen - und ohne jeden Schnickschnack. Auf solche Zugaben wie Gangschaltung und zuweilen funktionierende Handbremsen verzichtet man dabei, meine Vorderbeleuchtung leuchtet beharrlich senkrecht auf den Boden unter dem Rad. Aber das Rad lässt sich ausgesprochen komfortabel fahren - für mich überraschend komfortabel. Der einzige Gang ist ausgewogen gewählt, man kann mit ihm gut anfahren und trotzdem mit ein wenig mehr Kraftaufwand auch mal an die 20 km/h erreichen. An die (immerhin gut funktionierende!) Rücktrittbremse habe ich mich schnell gewöhnt - auch, wenn ich diese seit Jahrzehnten nicht verwende. Die Niederländer nennen solche Räder gerne auch "Oma-Fiets", lese ich.

Rotterdam, Radweg auf der Erasmusbrücke

Auch bei den Planungen für den Bau der Erasmusbrug hat man großzügig an Radfahrer gedacht: Auf beiden Seiten der Brücke gibt es je einen Radstreifen, der breit genug ist, dass man auch diejenigen überholen kann, die Mühe haben, die Auffahrt auf die Brücke zu schaffen.

 

 

 

Und anders, als daheim, scheinen Fahrräder in den Niederlanden kein Lifestyle-Produkt zu sein: Wohl 95 bis 98 Prozent aller Räder hier sind solche Oma-Fietsen. Und das führt dazu, dass die Radfahrenden eine ziemlich homogene Masse sind. Man fährt irgendwo an einer Ampel gemächlich an und bewegt sich in gemächlicher Geschwindigkeit weiter sehr gleichförmig durch die Stadt. Und das funktioniert gut! Aggressionen beim Radverkehr nehme ich keine wahr - obwohl ich da mittlerweile sehr sensible Antennen entwickelt habe. Hin und wieder gibt es einzelne Radler, die etwas flotter fahren wollen oder müssen, aber für die gibt es denn auch genug Platz, dass sie überholen können. Also ist alles prima.

Prima auch, dass das Rad dann auch für abendliche Aktivitäten zur Verfügung steht. Nach Feierabend eine kleine Tour zum Weltkulturerbe Van Nelle-Fabrik - mit dem Fiets kein Problem (und bis nach Schiedam - s.u. - wäre es dann nur einen Hupfer weiter). Bei schönem Abendlicht noch mal schnell für ein paar Fotos über die Erasmusbrug zum Wilhelminapier? Mit meinem Oma-Fiets eine nette, stressfreie kleine Tour - und das sogar mitten durchs Stadtzentrum.

Rotterdam, Umleitung für Radweg

Daheim heißt es bei Baustellen seit dem letzten Jahrhundert auch heute immer noch: "Radfahrer absteigen!" In Rotterdam jedoch überlegt man sich rechtzeitig klare, sichere Lösungen für eine Umleitung in solchen Fällen.

 

 

 

Irgendwie ist es ja keine Überraschung, dass ich niemals jemanden mit einem Fahrradhelm durch Rotterdam radeln sehe, von den nicht sonderlich vielen Rennradfahrern mal abgesehen (die dann allerdings ohne Ausnahme alle mit Helm unterwegs sind). Während ich daheim ohne Helm ein extrem unsicheres Gefühl habe (und den Helm bei einem Unfall auch schon mal praktisch ausprobiert habe), vermisse ich ihn in Rotterdam nicht eine Sekunde. Allein beim Radfahren zeigt sich ein enormer Kulturunterschied. Und es beeindruckt mich, wie umsichtig und flexibel die Radler hier sind. Auf das eigene "Recht" beharren? Muss ja nicht unbedingt sein... Man ist es gewohnt, in dem "Radler-Gewusel" immer wieder auf neue Situationen zu reagieren. Und am besten fährt es sich hier eh, wenn man mit der Masse einfach so "mitschwimmt".

Ein kleines Wunder passiert dann aber auch noch, wenn auch nur für mich ganz allein: Plötzlich und völlig unerwartet wird hier in Rotterdam ein Radfahrer-Traum wahr. Nun ja, ein Radfahrer-Traum von mir, als sportlich leicht angehauchtem Radfahrer, zumindest. Denn, ganz plötzlich und unerwartet, während wir mit unserer Gruppe unterwegs auf dem Kop van Zuid sind, verwandelt sich das stählerne Oma-Fiets direkt unter mir in eine 6,8 kg schwere (erlaubtes Minimalgewicht bei Radrennen!), schnittige, topmoderne Carbon-Rennmaschine. Denn - fast trifft mich der Schlag und ich traue meinen Augen kaum: Die Strecke, auf der wir hier unterwegs sind, ist durch Symbole markiert, die mir wohlbekannt sind - das Logo der Tour de France ist auf dem Radweg zu sehen. Denn: Am 3. Juli 2010 war genau auf dieser Strecke in der Tat die Tour der France unterwegs, auf ihrem Prolog - und man hat den Weg entsprechend markiert. Des sportlichen Radfahrers Traum, einmal die Tour der France mitfahren, ein wenig zumindest - den mache ich völlig unerwartet hier gerade wahr. Naja, ein klein wenig. Wie leicht doch plötzlich das Rad unter mir ist, wie ungeheuer direkt die Kraftübertragung auf den Asphalt ist. Und wie schön, dass ich hier zur Spitzengruppe gehöre! Und wie wahnsinnig schade, dass dieser kleine Zauber ein paar hundert Meter später schon wieder vorbei ist...

Rotterdam, Tour de France-Strecke 2010

Und ganz plötzlich fahre ich auf dem Kop van Zuid mit meiner Top-Rennmaschine auf einer Tour de France-Strecke! Wie toll ist das denn?

So oder so: Für eine Handvoll Euro bekommt man mit einem Fiets die Möglichkeit, sich auf sehr angenehme Weise dieser Stadt zu nähern. Das hatte ich vorher von Rotterdam gar nicht unbedingt erwartet - doch heute denke ich, man sollte diese Gelegenheit nicht verstreichen lassen, wenn man in Rotterdam einige Zeit verbringt. Beeindruckt hat mich die sehr friedliche Koexistenz der verschiedenen Verkehrsteilnehmer jedenfalls allemal.

 

Ausflug nach Schiedam

Eigentlich ist es gar kein Ausflug, den ich nach Schiedam mache, sondern nur ein paar Stunden Zwischenstopp. Auf dem Rückweg von der Maasvlakte liegt Schiedam auf der Strecke - während der Zeit meines Aufenthalts mit dem Schienenersatzverkehr nach Hoek van Holland ist es der Umsteigepunkt von Bahn zu Bus, bzw. umgekehrt. Leichter kann es einem ja nicht gemacht werden, einen Ort ein wenig zu erkunden. Der Besuch in Schiedam gehört nicht zum "offiziellen Bildungsurlaubsprogramm", ist also mein Freizeitprogramm.

Zwar macht es den Eindruck, dass Schiedam ein Teil von Rotterdam ist - zumal Rotterdam sich inzwischen ja bis an die Nordsee erstreckt, selbst Hoek van Holland gehört zur Stadt Rotterdam und alles geht anscheinend nahtlos ineinander über. Aber: Schiedam hat sich, wie eine Insel im Rotterdamer Gemeindegebiet, den Status als eigenständige Stadt bewahrt. Den hat Schiedam bereits seit 1275. Schiedam ist damit als Stadt sogar 65 Jahre älter als Rotterdam. 78.000 Menschen leben heute in Schiedam, das an dem kleinen Flüsschen Schie liegt.

Dass dieser Status als eigenständige Stadt den Bewohnern wichtig ist, bekommt man umgehend vor Augen geführt: Im Stadtzentrum, entlang der Schie, trifft man alle paar Meter auf Fahnen mit der kurzen, prägnanten Beschriftung "S'DAM". Eine Weile bin ich irritiert über die vielen Werbefahnen, es braucht einen Moment, bis ich kapiere, dass dies keine Werbung für irgendein Geschäft ist, sondern Eigenwerbung der Stadt. Offenbar ist man stolz auf die Eigenständigkeit - und bringt dies deutlich zum Ausdruck. Letztlich zeigen diese ganzen Fahnen: "Aufgemerkt - hier ist eben nicht Rotterdam!" Und eigentlich kapiere ich auch erst dadurch so richtig, dass dies so ist.

Und - ist Schiedam einen Aufenthalt wert? Ich finde: Ja, durchaus! Einen Rundgang durch Schiedam wird man sicherlich nicht bereuen. Die kleine Stadt wirkt völlig anders, als Rotterdam.

Während meines Aufenthalts hier ist es ein grauer, trüber Nachmittag und Abend, als ich meine Runde drehe - eigentlich nicht sehr einladend. Und doch habe ich meine Freude daran. Zwar laufe ich völlig ohne jeden Plan in die Stadt hinein, aber mein Weg ergibt sich dann von ganz allein. Nach einigen Schritten sehe ich die erste, markante Windmühle in der Stadt, die Mühle "De Kameel". Eine auffällige, beeindruckend hohe Windmühle. Ich staune! Und lerne schnell: Es gibt in Schiedam eine ganze Anzahl an solchen gewaltigen Windmühlen. Und das mitten im Stadtgebiet. Einige sind historisch, z.T. wiedererrichtet (wie die erste Mühle auf meinem Weg, die "De Kameel": Sie wurde nach historischem Vorbild von 2010 bis 2011 wieder errichtet) - aber man hat in diesem Jahrtausend sogar eine ganz neue Mühle errichtet. In einer Mühle ist ein Restaurant untergebracht, in einer anderen ein Museum. Die hier stehenden Mühlen sind also gar nicht so "unnahbar".

Schiedam, Gracht

Blick von der Noordvestsingel über eine Gracht - mit der Windmühle "De Drie Koornbloemen" im Hintergrund.

 

 

 

Auch, wenn ich nun nicht unbedingt ein ausgesprochener Fan von Windmühlen bin: Mein Weg durch Schiedam ergibt sich hierdurch fast wie von selbst. Es ist leicht, die Mühlen zu finden: Man sieht die auffällig hohen Mühlen meist aus einiger Entfernung - und man kann sich auch darauf verlassen, an den Mühlen jeweils Hinweisschilder zu den nächstgelegenen Mühlen zu finden. So riesige Mühlen, wie hier, habe ich noch nie gesehen - beeindruckend. Ich gehe auf meinem Weg durch Schiedam schlicht von Mühle zu Mühle. Schlage so quasi einen Bogen um die Altstadt von Schiedam herum entlang der Schie.

Dass ich dabei auf dem Weg auch einem der von mir immer wieder beliebten Superlative begegne, lese ich ich erst nach meinem Besuch: Die "höchste Windmühle der Welt" steht in Schiedam - zumindest bei senkrechter Flügelstellung. Nun ja, etwas bemüht klingt das ja schon. Aber immerhin! Die Höhe der Mühlen hat natürlich eine eigene Logik: Wenn man mitten in ein Stadtgebiet Mühlen baut, dann müssen diese, um sinnvoll betrieben zu werden, ja über die Dächer der umliegenden Häuser hinausragen. Ganz lustig: Diese höchste Windmühle der Welt, errichtet 2005 und mit Namen "De Nolet", sehe ich bei meinem Rundgang nicht! Sie steht nicht an dem Ring um die Altstadt von Schiedam, sondern weiter südlich an einem Wasserlauf. Aber ich bin auch völlig zufrieden damit, auf meiner Runde in Schiedam die fünft-, sechst-, siebt-, acht-, zehnt- und elfthöchste Windmühle der Erde gesehen zu haben...

Auch die Altstadt von Schiedam ist hübsch und einen Blick wert - selbst bei dem trüben Licht, bei dem ich hier unterwegs bin. Der eigentlichen Berühmtheit von Schiedam, der Herstellung des Wacholderschnapses Genever, begegne ich nicht - wenn man mal von der Bronzestatue in der Altstadt absieht. Dies trifft allerdings noch weniger meine Interessen, als Windmühlen es könnten. Auch, wenn Genever sicherlich etwas typisch niederländisches ist und zur Kultur des Landes gehört.

Schiedam, Stadtzentrum

Die Fußgängerzone im Stadtzentrum von Schiedam zeigt sich abends um sechs Uhr verblüffend menschenleer.

 

 

 

Nachdem ich eine ganze Weile ratlos vor dem gewaltigen, ja, fast pompösen neuen Rathaus gestanden habe, läuft mir dann hier in Schiedam auch endlich mal ein großer Supermarkt von meinem Namensvetter über den Weg - Grund genug für einen kurzen Besuch bei "Dirk". Aber dann geht's auch schon wieder zum Bahnhof - und in ein paar Minuten aus der Altstadt von Schiedam zurück in das moderne Stadtzentrum von Rotterdam.

Schiedam, Supermarkt Dirk

Da statte ich doch lieber mal meinem Namensvetter mit den vielen Supermärkten in den Niederlanden einen Besuch ab: "Welkom bij Dirk"!

 

 

 

Schiedam - ganz bestimmt einen Ausflug mit ein paar Stunden Besuch wert! Eigentlich ist es schon erstaunlich, wie sehr sich Schiedam vom nahen Rotterdam unterscheidet, wie sehr es sich eine Eigenständigkeit bewahrt hat. Beeindrucken können mich hier in Schiedam vor allen Dingen die enormen Windmühlen.

Aber das ist dann noch nicht alles an Windmühlen, denn es gibt ja noch mehr:

 

Ausflug zu den Windmühlen in Kinderdijk - ein UNESCO-Welterbe

Wenn man allerdings Windmühlen an sich mag - dann ist ein Ausflug nach Kinderdijk natürlich ein absolutes Muss!

Auch dieser Ausflug gehört nicht ins offizielle Bildungsprogramm des Seminars, natürlich. Aber doch sollte man ihn nicht auslassen. Einen Hüpfer südöstlich von Rotterdam gibt es gleich eine ganze Ansammlung an 19 historischen Windmühlen. Ihrer alten Aufgabe der Entwässerung der Polderlandschaft gehen diese Mühlen heute zwar nicht mehr nach, trotzdem ist ein Ausflug zu den heute als Museum oder auch Wohnhaus genutzten Mühlen besonders: Die weltweit größte Ansammlung an historischen Windmühlen liegt einem hier quasi zu Füßen.

Dem Tipp meines Reisebüchleins folgend mit der Fähre, bzw. dem "Waterbus", ab dem Anleger an der Rotterdamer Erasmusbrücke zu fahren, ist eine ausgesprochen gute Idee! Die halbstündige Fähr-Fahrt nach Kinderdijk bietet vom Wasser der Nieuwe Maas aus noch einmal schöne neue Perspektiven beim Blick auf Teile der Stadt Rotterdam. Und, überhaupt: Der Hafen von Rotterdam hat ja sowieso schon viel zu bieten, aber ist dies da vorne wohl tatsächlich die Arche Noah, die dort ein Stückweit außerhalb des Hafens liegt? Ist es tatsächlich schon wieder soweit?

 

 

 

Nun, jedenfalls erreicht man mit dem Wasserbus höchst komfortabel und ansprechend die Windmühlen von Kinderdijk. Nach einem kurzen Spaziergang vom Anleger ist man mitten drin im Gebiet der Mühlen. Allein ist man hier jedoch nicht: Kinderdijk mit seinen 19 Windmühlen ist eine der absoluten Top-Touristen-Attraktionen der Niederlande - und das ohne Eintritt für das Gelände (für das Museum wäre natürlich Eintritt zu entrichten). Kein Wunder: Das ist hier eine Landschaft, wie aus dem niederländischen Bilderbuch - eine weite, platte Polderlandschaft mit viel Wasser und Grün. Und überall auf Sichtweite verteilt die Windmühlen, wie man sie sich ebenso aus dem niederländischen Bilderbuch so vorstellt. Die supermoderne Stadt Rotterdam erscheint hier nicht eine halbe Stunde Fährfahrt, sondern Lichtjahre entfernt.

Kinderdijk, Gesamtansicht

Ein ganzer Strom von Neugierigen ergießt sich zu den Windmühlen von Kinderdijk. Aber die Menschen verteilen sich schnell auf dem Gelände. Autos sind hier nicht unterwegs, aber für Radfahrer gibt es natürlich eine Extra-Strasse. Es ist sicherlich eine gute Idee, das gar nicht so riesige Gelände mit dem Rad zu erkunden.

 

 

 

Und, immerhin: Die 19 Windmühlen funktionieren noch! Sie könnten den Job, die Polder zu entwässern und also nicht untergehen zu lassen, umgehend wieder übernehmen. Dies ist zwar in aller Regel nicht notwendig, die Polder werden mittlerweile durch leistungsfähige Elektropumpen entwässert - aber nach dem Zweiten Weltkrieg waren die auch zu dem Zeitpunkt eigentlich schon stillgelegten und durch Dieselmotoren ersetzten Windmühlen dann doch wieder gefragt.

Kinderdijk, Windmühlen

Es ist in der Tat eine sehr wasserreiche Umgebung hier: Einige der Windmühlen am "Overwaard", von einer Brücke aus aufgenommen.

 

 

 

Insgesamt Grund genug, dass die Windmühlen von Kinderdijk von der UNESCO im Jahr 1997 als Weltkulturerbe anerkannt wurden. Wirklich eine echte Attraktion! Wer mit einem Fahrrad unterwegs ist, hat das Gebiet zügig erkundet. Auch zu Fuß hat man die meisten Sehenswürdigkeiten relativ flott gesehen und die Eindrücke dieser besonderen Landschaft gesammelt. Und nach bereits rund zwei Stunden muss ich zugeben, dass ich etwas "mühlenmüde" werde, oder, besser: "mühlensatt". Auf eine Besichtigung der Museumsmühlen verzichte ich - drum stehe ich nach genau zwei Stunden schon wieder am Fähranleger. Nicht, um schon wieder nach Rotterdam zurück zu fahren, sondern noch ein Stück weiter nach Süden. Es geht mit einer weiteren halben Stunde Fahrt in die Stadt Dordrecht.

Kinderdijk, UNESCO-Fahne

Stolz weht die Fahne der UNESCO am Eingang zu den Windmühlen von Kinderdijk.

 

Ausflug nach Dordrecht - früher mal eine der wichtigsten Städte Hollands

Nun ja, jedenfalls in früherer Zeit ist Dordrecht eine der bedeutendsten, wenn nicht gar die bedeutendste Stadt von Holland (Achtung: Holland ist nicht dasselbe, wie die Niederlande, sondern nur eine der niederländischen Provinzen) gewesen. Das Stadtrecht hat Dordrecht bereits seit 1220 - Rotterdam gab es da noch gar nicht, nicht mal als Siedlung. Bereits im 13. Jahrhundert ist Dordrecht ein wichtiges Handelszentrum. Im 16. Jahrhundert erklärt man in Dordrecht auf der "Dordrechter Ständeversammlung" die Unanhängigkeit von Spanien - was in der Tat jedoch noch einen 80jährigen Krieg erfordert, um dies wirklich zu erlangen.

Kurz: Dordrecht ist ein historisch bedeutender Ort für Holland - und auch für die Niederlande. Irgendwann jedoch scheint die Zeit in Dordrecht stehen geblieben zu sein. Ist jedenfalls ein Eindruck, den ich schnell gewinne, als ich mich in Dordrecht ein wenig herumtreibe. Allerdings bin ich hier auch völlig "auf blauen Dunst" hingefahren. Die Anfahrt mit dem Waterbus ist wirklich schön, man kriegt gleich die historische Schokoladenseite der Stadt vor Augen gehalten - und auch den gar nicht so kleinen Hafen der Stadt, heute auch ein Teil des "Port of Rotterdam".

 

 

 

Aber was nun tun an diesem späten Nachmittag in Dordrecht? Ein vor mir von der Fähre schlenderndes Pärchen ist etwas gedankenschneller, als ich, und entdeckt am Anleger eine Art Automaten - einen "einarmigen Banditen", nur ohne Münzeinwurf. Sie ziehen an dem großen Hebel, und - rumpeldipumpel - kommt ein großformatiger, vierseitiger Stadtplan mit einigen Touristenhinweisen aus einem Schlitz. Sie sind begeistert. Wow, denke ich, das ist ja geschickt! Ziehe auch an dem Hebel, es macht wieder rumpeldipumpel - nur plumpst nichts in den Ausgabeschlitz. Ich ziehe noch einmal am Hebel des Automaten, doch nichts tut sich. Eine Niete also für mich. Da haben die beiden vor mir doch tatsächlich den Jackpot gezogen und gesamten Automaten leer geräumt. Na sowas... Mein Weg durch Dordrecht bleibt also den gesamten Rest des Tages hindurch völlig planlos.

Allerdings keinesfalls sinnlos! Schnell stelle ich dabei fest: Dordrecht ist größer, als ich mir so ausgemalt habe. Ich habe eine nette Kleinstadt erwartet - lande aber in einer Mittelstadt mit aktuell 118.000 Einwohnern. Kommt man aus dem supermodernen Rotterdam mit der Fähre nach Dordrecht und blendet einige moderne Bauten am Fähranleger aus, dann kann man schnell das Gefühl bekommen, hier in Dordrecht tatsächlich einen Zeitsprung in die Vergangenheit zu machen.

Und biegt man richtig ab, dann landet man direkt an historischen Hafenbecken und Grachten, an der gotischen Grote Kerk ("Grosse Kirche"), in gemütlichen Einkaufsstraßen. Alles ist friedlich und ruhig hier. Und es bringt mir zunehmend Spaß, mich hier nur der Nase nach und anscheinend völlig ziellos durch das Stadtzentrum treiben zu lassen. Alles ist sehr schön und gepflegt. Überall Wasser, alles voller Boote und kleiner Schiffe. Wieder bin ich in einem Teil der Bilderbuch-Niederlande gelandet. Ich fühle mich spontan wohl in Dordrecht!

Dordrecht, Voorstraat

Wie ausgestorben: Abends um 18:30 Uhr sind in der Einkaufsstraße "Voorstraat" alle Läden geschlossen und kaum noch ein Mensch unterwegs.

 

 

 

Als ich mich dann schon einige Zeit durch Dordrecht laufe, fällt mir auf, dass ich immer einsamer hier werde. Abends um 18:30 Uhr bin ich selbst in der Einkaufsstraße "Voorstraat" völlig allein. Was ist los? Ist das nicht auch in Schiedam schon so gewesen, dass das Stadtzentrum zu dieser Zeit wie ausgestorben wirkt? Steht die Zeit in den Niederlanden am Abend komplett still? In der Tat fallen mir da Parallelen ein - aber keine wirklichen Erklärungen. Sitzen die gesamten Niederlande zu dieser Zeit brav daheim am Abendessentisch?

Den Eindruck bekomme ich jedenfalls, besonders, als ich an der Straße "Knolhaven" direkt auf einen solchen Abendessentisch stoße: Offensichtlich hat eine gesamte Nachbarschaft diese Tafel direkt auf die Straße verlegt. Etwa 20 Personen sitzen, essen und plaudern vergnügt an der gemütlichen Essenstafel auf dem holperigen Kopfsteinpflaster. Und das, obwohl es gar nicht so verlockend warm ist. Autos kommen zu dieser Zeit ja sowieso nicht vorbei - und wenn, dann findet man ja immer noch genügend Platz, dass der vorsichtig vorbei fahren kann. Diese fröhliche Runde an Leuten, die ich mir eine Weile auf einer Bank sitzend diskret anschaue (nebenbei immer wieder mal ein Foto von der Grote Kerk machend) und die auch Stunden später im Dunkeln noch hier sitzt, empfinde ich als ein Musterbeispiel für die entspannte niederländische Lebensart. Man lässt es sich halt gut gehen, stört andere dabei nicht und sich selber nicht sonderlich an irgendwelchen Regeln - denn im Falle eines Falles lässt sich ja doch alles irgendwie vor Ort regeln.

Dordrecht, Nieuwe Haven nachts

Blick entlang der Straße "Nieuwe Haven" am Abend.

Ansonsten sehe ich an dieser Stelle einfach mal davon ab, viele Eindrücke aus Dordrecht zu schildern, sondern lege einfach eine kleine, externe Bilderserie mit Eindrücken von dem Aufenthalt dort an - frei nach dem Motto: Ein Bild sagt mehr, als tausend Worte. Hier geht es zu der externen Bilderserie aus Dordrecht.

Die Rückfahrt von Dordrecht nach Rotterdam nehme ich dann abends gegen halb zehn Uhr in Angriff. Fähren verkehren zu dieser Zeit längst nicht mehr - also gestaltet sich die Rückfahrt etwas anders: Per Zug. Ein wenig Mühe habe ich, den im südlichen Stadtgebiet gelegenen Bahnhof zu finden und verstehe auch erst dadurch wirklich, dass Dordrecht doch um einiges größer ist, als ich dachte. Nach gerade mal 13 Minuten Zugfahrt habe ich den Zeitsprung zurück gemacht und bin wieder im modernen Rotterdam. Meine Zeit in Dordrecht ist mit dem späten Nachmittag und Abend doch sehr knapp bemessen - warum nicht einfach mal einen ganzen Tag in Dordrecht verbringen?

 

Rotterdam = Eine Stadt mit Wucht!
  Oder: Eine Woche reicht kaum...

Wie auch bei früheren Bildungsurlauben gilt auch für dieses Seminar in Rotterdam: Der Blickwinkel auf eine Stadt ist bei dieser Art des Reisens ein völlig anderer, als man Städte sonst als Tourist erlebt. Und das bildet einen in der Tat fort - "Bildungsurlaub" im Wortsinne eben. Welcher Tourist treibt sich schon zwei Tage lang in einer Stadt im Hafen- und Industriegebiet herum und lässt sich dort vieles fachmännisch erklären? Wer lässt sich schon städtische Wohnkonzepte, die Einrichtung von "Buurten" als eine Art Nachbarschaftsverwaltung als Untergliederung von "Wijken" (Stadtteilen) oder den Umgang mit allochthonen und autochtonen Menschen erklären? Die Themen klingen trocken? Die werden aber vor Ort plötzlich greifbar und damit sehr interessant!

Und wenn man so etwas macht, dann ist dies nicht nur sehr interessant, sondern dann ist eine Woche Zeit in der Tat auch ganz schön knapp in so einer lebendigen, quirligen, flirrenden jungen Stadt wie Rotterdam! Die vielfältige Stadt ist in jedem Fall einen ausgiebigen Aufenthalt wert. Und der Kurs war schlicht gut, die Gruppe nett - reisen vom allerbesten!

Ein Freund, aufgewachsen nahe der Grenze zu den Niederlanden und in den 1970er und 80er Jahren oft in den Niederlande unterwegs, sagt zu mir: "In Deutschland war damals immer alles Schwarz/weiß - aber wenn ich in die Niederlande kam, dann wurde die Welt bunt".

Ganz so schwarz/weiß ist es mittlerweile in Deutschland wohl nicht mehr, denke ich. Deutschland ist sicherlich, wenn auch oft unter enormen Mühen, farbiger geworden im Laufe der letzten Jahrzehnte. Was sich aber nicht verändert hat an der Aussage meines Freundes: In den Niederlanden ist es bunt!

In Rotterdam auch - und, um ehrlich zu sein: Es ist viel, viel bunter, als ich es zuvor vermutet habe. Auch, wenn Vieles genau so ist, wie zuvor erwartet...

Rotterdam, Nieuwe Maas abends

Leuchtendes Rotterdam!
Nichts, wie hin da...

 

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Dirk Matzen

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