Reisebericht Ankara Nr. 3 -
  Besuch im Atatürk-Mausoleum (Anıtkabir)

Ein Erlebnis- / Reisebericht mit 21 Bildern




Ankara, Atatürk-Mausoleum

Schon auf dem Weg zum Atatürk-Mausoleum springt die markante, wuchtige Form immer wieder ins Auge.

 

Die Stimme überraschte mich. Sie klang völlig unerwartet von ganz nah an mein Ohr, war jung, männlich, ganz weich, ganz freundlich - und sagte nur "Hello!". Ich stand da und konzentrierte mich auf ein Foto des Stadtpanoramas, das ich gerade machen wollte - ließ mich in meiner Konzentration auch nicht weiter stören, drückte auf den Auslöser meiner Digitalkamera, betrachtete noch das gerade gemachte Bild auf dem kleinen Monitor. Und schaute erst dann nach links zu der Seite, von wo die Stimme kam.

Ein Soldat steht da. Ein junger Mann, wohl knapp 20 Jahre alt - er war es gewesen, der mir dieses schon fast frech-intime und doch auch schüchterne "Hello!" ins Ohr gehaucht hat. Er steht da und lächelt mich an, ganz unverkrampft freundlich - und doch merke ich sofort, dass er ein wenig befangen ist. Offenbar eine besondere Situation für ihn. Irgendwie auch für mich. Ob seiner Freundlichkeit fällt es mir jedoch leicht, auch freundlich zu sein.

Ich lächle auch, sage auch "Hello!" - wenn auch etwas weniger gehaucht.

Zwei weitere Soldaten, die sich fünf bis sechs Meter im Hintergrund halten, winken mir jetzt zu. Auch freundlich grinsend. Ich winke zurück.

 

Ein Trupp mit rund 100-150 Soldaten in Ausgehuniform mit den dicken, langenAnkara - Besichtigung des Atatürk-Mausoleums durch Soldaten Mänteln war mir schon zuvor aufgefallen. Als sie die gleiche Richtung wie ich eingeschlagen hatten, hatte ich mit Absicht einen großen Bogen um sie gemacht. Irgendwie hatte ich keine Lust auf einen, wenn auch offenkundig gutgelaunten, Trupp türkischer Soldaten. Etwas verblüfft stelle ich fest, dass diese drei sich weit von der ziemlich geschlossenen Gruppe entfernt haben, so dass sie jetzt vor mir stehen. Freundlich und etwas schüchtern. Was nun?

Er nimmt das Heft des Handelns in die Hand, fragt nett, aber in etwas brüchigem Englisch: "Where you from?" Ebenso freundlich antworte ich "Almanya. Hamburg." Seine Antwort ist ein freundliches Kopfnicken und ein "Ah!". Also frage ich ihn möglichst langsam zurück, wo er denn herkomme...?

Seine Antwort: "Ankara" - mit diesem weichen, langgezogenen "n", also eher "Annnkara". Jetzt sage ich "Ah!", drehe mich etwas zur Seite, weise mit dem Arm ausladend über das Panorama der Stadt und sage "Ankara - beautiful town". Und denke im gleichen Moment für mich: was für ein Quatsch - sonderlich schön ist Ankara ja nun wirklich nicht!

Ankara, Blick auf Teile der Stadt

Bei diesem Foto, es zeigt die typische enge und somit schattige Wohnbebauung von Ankara, von einem Soldaten angesprochen - in überaus freundlicher Absicht.

 

 

 

Er schaut mich nach wie vor neugierig, aber auch etwas unverwandt an. Ich kapiere: er versteht mich nicht! Also noch einmal, diesmal die einfache Variante. Armbewegung und das Wort "beautiful" - nein, er versteht nicht! Oha, denke ich, was nun? Während der junge Mann weiterhin neugierig und erwartungsfroh vor mir steht.

"Tourist?" ist die nächste Frage von ihm. Ich denke: wie jetzt, Tourist Anfang März im zuweilen klirrend kalten Ankara? und antworte "No, work" - er scheint zu verstehen. Glücklicherweise fragt er nicht, was ich arbeite, mit einer Erklärung meines Jobs hier in Ankara habe ich schon bei anderen Begegnungen Schiffbruch erlitten mit Leuten, die viel besser Englisch sprachen. Zuweilen sogar auf Deutsch. Aber andererseits kann ich ihn auch nicht fragen, was er denn macht - das ist ja offenkundig und wäre eher eine Blamage.

Aber er hat einen Einfall, sagt: "Atatürk - great soldier!" Ich nicke bedächtig und schwerwiegend und sage zwei eher wirre Sätze, die er sicherlich gar nicht verstehen konnte, da ich die Sätze selber eigentlich gar nicht verstand. Aber ich wollte doch etwas dazu sagen. Eigentlich bin ich aber verblüfft und verwirrt, dass er Kemal Atatürk als Soldaten ansieht, nicht als Politiker, Staatsmann bzw. Staatsgründer (also eben "Vater der Türken" - "Ata Türk"), sondern halt als Soldaten.

Immerhin stehen wir beide im Atatürk-Mausoleum in Ankara (in türkisch "Anıtkabir"), einem wuchtigen Gedenkplatz für den Staatsgründer der modernen Türkei. Es ist der 4. März 2006 - ein angenehm milder, sonniger Tag nach klirrendem Frost während der Tage zuvor. Die Berge um das auf 900 m Höhe über dem Meeresspiegel liegende Ankara herum sind natürlich noch komplett schneebedeckt.

Ankara, Atatürk-Mausoleum

Durchblick auf die Ansammlung an Hochhäusern in Ankara.

 

 

 

Unser stockendes Gespräch erstirbt. Was sagt man jemandem, dessen Sprache man nicht spricht und der die eigenen Sprachen nicht versteht? Er erfasst auch die schwierige Situation, stellt sich mit seinem Namen vor und hält mir die Hand hin. Ich sage meinen Namen und reiche ihm meine Hand - wie bei einem Ritual. Mit einer kleinen Verbeugung sagt er "Good bye", ich antworte mit "Good bye. Iyi Günler", er freut sich über den türkischen Sprachbrocken, wir geben uns noch einmal mit einer kleinen Verbeugung die Hand bevor er zu seinen Kumpels geht und mit ihnen davon trottet.

Erst einige Zeit später bedaure ich, dass ich nicht daran gedacht habe, die drei zu bitten, sie fotografieren zu dürfen. Schließlich posieren Türken ausgesprochen gerne vor Kameras und nirgendwo habe ich das bisher so häufig beobachtet, wie hier im Atatürk-Mausoleum! Im Sekundentakt stellen sich Personengruppen in Pose, bevorzugt auf der großen Treppe, die zu der großen Halle mit den vielen Säulen hinaufgeht, in der die sterblichen Überreste Atatürks verwahrt werden.

 

 

 

Eine Besichtigung des Atatürk-Mausoleums ist für einen Ankara-Besucher ein Muss! Geradezu körperlich kann man spüren, wie wichtig dieser Mann auch heute noch von den Türken genommen wird, welche Achtung und welchen Respekt man vor der Leistung von Atatürk hat. Das (zahlreiche) Aufsichts-personal schreitet voller Haltung, Stolz und Wichtigkeit über das Gelände. Viele Besucher in durchaus ähnlicher Haltung. Nach meinem ersten Besuch hier hatte ich voller Pathos das Gefühl: "hier schlägt das Herz der modernen Türkei". Nach einem zweiten Besuch dort fand ich dieses Gefühl dann doch ein wenig übertrieben, aber auch nicht völlig abwegig.

Die massive Architektur der Anlage spricht eigentlich schon für sich. Das ganze ist gelegen auf einem der vielen Hügel der Stadt, bei Nacht eindrucksvoll beleuchtet. Umgeben von einem großen Park - Mustafa Kemal Paşa Atatürk liebte das Grün.

Ein interessantes Zeremoniell ist der Wechsel der überall auf dem Gelände verteilten Wachsoldaten, auch durfte ich mal eine Kranzniederlegung einer Schulklasse miterleben. Alles dies signalisiert eines: Wichtigkeit!

Warum denn ist ein sehr ehrendes Gedenken an Atatürk den heutigen Türken noch so wichtig? Vielleicht sind ein paar knappe Anrisse über das vonnöten, was von Atatürk erreicht wurde.

Durch geschicktes militärisches Vorgehen und Taktieren verhinderte er nach dem ersten Weltkrieg die totale Zerschlagung des während des Krieges auf Seiten der Deutschen und Österreicher stehenden Osmanischen Reiches durch die alliierten Siegermächte sowie Griechenland und Armenien. Tatsächlich also: Atatürk war ein bedeutender Soldat.

Ankara, Wache im Atatürk-Mausoleum

Egal ob sengende Hitze oder klirrender Frost: die Wachen im Atatürk-Mausoleum stehen stramm. Sicher ist es eine hohe Auszeichnung, hier Wache stehen zu dürfen! Das Kampfmesser in der linke, das G3-Gewehr in der rechten Hand.

 

Ein Preis hierfür war die Entmachtung der osmanischen Sultane - Mustafa KemalAnkara - Wache Mausoleum Ankara - Wache direkt am MausoleumPaşa krempelte das Land nach seiner Macht-übernahme radikal um und schuf ab Mitte der 20er Jahre die Grundlage für die Entwicklung der heutigen modernen Türkei. Er verlegte die Hauptstadt aus dem machtvollen Istanbul in das bis dahin völlig unbedeutende aber zentral gelegene 20.000 Einwohner-Städtchen Ankara (achtzig Jahre später ca. 4-5 Millionen). Das Schulwesen wurde verstaatlicht, die zuvor rein religiösen Schulen abgeschafft. Der in Europa übliche gregorianische Kalender wurde eingeführt, ebenso metrische Maße und lateinische Schriftzeichen.

 

 

 

Auch bis dahin nicht übliche Familiennamen wurden eingeführt und konnten von den zukünftigen Trägern ausgewählt werden - er selber gönnte sich den nicht gerade bescheidenen Nachnamen "Atatürk": Vater der Türken. Per Gesetz musste er jedoch einen Teil seines Namens abgeben: osmanische Ehrentitel, wie in seinem Namen "Paşa", wurden verboten.

Probleme gab und gibt es bei der Emanzipation der Frau - aber die größten Probleme haben damit wohl eher im Ausland lebende Türken.

Viele radikale Reformen, alle "von oben" verordnet. Insgesamt ein totales Umkrempeln des ganzen Landes - sozial, politisch und kulturell. Binnen weniger Jahre. Natürlich gab und gibt es da auf einigen Seiten Probleme und womöglich auch Unwillen.

Ankara, Atatürk-Mausoleum

Fotografiert wird viel und gerne, besonders auf dem Atatürk-Mausoleum. Exotische, ausländische Touristen (wie der Autor) sind selten in Ankara - da macht man doch (rechts) schnell noch gleich ein Foto von denen.

 

 

 

Grund genug wahrscheinlich, in der ganzen Türkei an Atatürk wie eine ständige Mahnung zu erinnern, an sein Vorhaben, seine Ziele, seine Orientierung der Türkei am Westen. Damit er, sozusagen, nicht in Vergessenheit gerät. Eben darum findet man sein Abbild, sei es gedruckt, gemalt oder modelliert, nach wie vor in der ganzen Türkei. In jeder Amtsstube. In jedem Klassenzimmer. Vor jedem öffentlichen Gebäude. Auf jedem Geldschein und jeder Münze. An jedem 10. Oktober, wenn in seiner Todesminute jegliches öffentliche Leben in der Türkei für einige Minuten in Gedenken erstarrt.

 

 

 

Atatürk krempelte die Türkei um zu einer Zeit, als dies andere Staatsmänner in ihren Ländern auch machten. Z.B. Lenin, Stalin, Hitler, Mussolini, Franco - alles grauenhafte Tyrannen. Im Vergleich zu denen schneidet ein Atatürk doch recht gut in seiner Bilanz ab, denke ich! Und wohl Grund genug, ihm ein ehrendes Andenken zu halten. Nicht nur als Soldat, auch als Staatslenker, der es schaffte, den Staat Türkei auf den Globen der Welt erhalten zu lassen. Weit und breit kein Grund, über ihn Witze zu machen und zu spotten, wie ich es früher bei westlichen Strand-Touristen recht häufig erleben musste. Andererseits kann ich auch gut nachvollziehen, dass jüngere Türken dieser ständigen Heldenverehrung manchmal überdrüssig sind.

Und sollten Sie einmal nach Ankara kommen, dann nehmen Sie sich die Zeit, das Atatürk-Mausoleum zu besuchen. Atmen Sie ein wenig ein, von dem Stolz und der Erhabenheit der Türkei. Ob einem dieses Atatürk-Mausoleum nun gefällt, oder nicht: Unbeeindruckt lässt es einen sicherlich nicht, zumal es vergleichbares in Deutschland nicht gibt.

Anmerkung Oktober 2010: Einigee weitere Reisen nach Ankara gab es noch. Insgesamt 13mal bin ich nach Ankara gereist, immer für berufliche Einsätze im Rahmen von EU-Projekten, jeweils für eine Woche oder auch mal für 14 Tage. Dies schlägt sich natürlich auch in der Anzahl der Reiseberichte auf meiner Homepage nieder: Neben diesem Reisebericht finden sich noch drei weitere Reiseberichte über Ankara auf meinen Internet-Seiten und zudem eine umfassende Bilderserie mit 86 meiner Fotos im Großformat auf meiner externen Homepage. Bei weiterem Interesse empfehle ich Ihnen also die Lektüre der anderen Berichte mit weiteren Eindrücken von Reisen in die türkische Hauptstadt:

 

Einige gemischte Bilder vom Atatürk-Mausoleum (Anıtkabir) in der türkischen Hauptstadt Ankara

 

Ankara, Übersicht Atatürk-Mausoleum

Blick auf den Innenplatz des Mausoleums.

Auto von Kemal Atatürk

Atatürk war wohl ein großer Auto-Fan. Zwei seiner Wagen, eine Staatskarosse und ein Privatwagen, sind bestens erhalten zu besichtigen.

Büste von Atatürk in Bukarest

Büste von Mustafa Kemal an einem überraschenden Ort: vor dem Odeon Theater in Bukarest. Der Grund hierfür blieb mir jedoch verschlossen.

 

Hier kommen Sie direkt zu meiner externen Bilderserie mit 86 großformatigen, bunt gemischten Fotos aus Ankara (öffnet in einem neuen Fenster).

 

 

 

 

 

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Dirk Matzen

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