Reisebericht Tallinn (Reval),
  die Hauptstadt von Estland - eine hübsche
  Puppenstube!?

Ein Reisebericht aus Tallinn mit 71 Bildern




Tallinn - Blick auf die Altstadt

Blick von der Oberstadt von Tallinn über die Unterstadt mit der Stadtmauer. Tallinn wird Europäische Kulturhauptstadt 2011.

Tja, was ist mir denn da nur passiert? Da laufe ich - zum ersten Mal in meinem Leben immerhin - durch die Hauptstadt von Estland, durch Tallinn (bis 1918 als "Reval" bekannt), und habe das Gefühl, fast alles hier schon einmal gesehen zu haben! Vielleicht habe ich ja doch in den vergangenen Jahren einfach zu viele Städte erkundet? Irgendwie kam mir Tallinn vor, wie eine Mischung aus Vilnius (Litauen), Lübeck (Deutschland), Szczecin (Polen) und einer kräftigen Prise von Sibiu (Rumänien). Wie seltsam!

Tragflächenboot Helsinki - Tallinn

Mit 70 Stundenkilometern über die Ostsee: wenn der Katamaran "Merilin" ausserhalb der Finnischen Gewässer (ganz hinten im Bild noch zu ahnen) richtig beschleunigt, dann rüttelt der Fahrtwind an einem und das Wasser sprüht in einer gewaltigen Fontäne hinter dem Schiff.

 

 

 

Eigentlich nämlich ist Tallinn eine wunderbare, hübsche Stadt! Direkt an der Ostsee gelegen, mit etwas mehr als 400.000 Einwohnern (darunter immerhin 37 Prozent ethnische Russen) noch einigermaßen überschaubar. Wir, d.h. meine aus vier Personen bestehende "Jungen-Reisegruppe", kamen in die Stadt auf dem Wasserweg: Per Flug nach Helsinki gelangt ging es dann von dort mit einen Katamaran über die Ostsee, mit bis zu 70 Stundenkilometern in gut eineinhalb Stunden, rüber nach Tallinn. Eine schöne und gar nicht mal so teure Art, nach Tallinn zu gelangen!

Die Stadt selber empfängt einen dann mit einem etwas alten, etwas heruntergekommenen Hafenbereich, in dem noch einiges an die Zeit erinnert, als das Land Estland noch zur Sowjetunion gehörte.

Ein guter Moment für einen kurzen geschichtlichen Ausflug: Der Ursprung der Stadt Tallinn wurde im 11. Jahrhundert als "Reval" durch den Bau einer Burg auf dem heutigen Domberg errichtet. In den folgenden Jahrhunderten Wurde Tallinn immer wieder wechselnd von Dänen, Deutschen, Schweden und Russen beherrscht. Eine selbständige Republik Estland gab es nur für kurze Zeit, nämlich von 1918 bis 1940, eingeleitet durch den Estnischen Freiheitskrieg. Im Juni 1940 wurde Estland von der Sowjetunion annektiert, die durch eine Terrorherrschaft für Angst und Schrecken sorgte. Dies änderte sich durch die deutsche Einnahme des Landes 1941 nicht. Im März gab es einen schweren sowjetischen Laufangriff, bei dem neben 600 Toten auch erhebliche Teile der Altstadt zerstört wurden. Ende 1944 wurde Tallinn dann wieder von der Sowjetunion annektiert. Am 20. August 1991 errang man, eineinhalb Jahre später als der baltische Bruderstaat Litauen sowie einen Tag vor Lettland, erst das zweite Mal seit bestehen Estlands die vollständige Unabhängigkeit von anderen Staaten Seit dem Jahr 2000 ist man dann Mitglied in der NATO geworden sowie der Staatengemeinschaft der EU beigetreten.

Jedenfalls sind es vom Hafen in Tallinn in die Altstadt nur ein paar hundert Meter Weg. Und diese - man hat sie offenbar als Aufenthaltsort für die zahlreichen Touristen vorgesehen - ist top-renoviert, wunderschön und wirklich sehenswert! Allerdings hat man in der Folge dieses Stadtviertel dann aber auch tatsächlich komplett den Touristen überlassen. Das normale Leben der Stadt, und das ist ja oft das interessanteste in anderen Ländern, findet man hier nicht!

 

 

 

Warum ich jedoch auch ein wenig gelangweilt durch Tallinn ging, kann ich mir selbst gar nicht recht erklären. Vielleicht habe ich aber einfach zu viele aufwändig renovierte hübsche Altstädte gesehen, um von dieser Altstadt hier auch so richtig hingerissen zu sein. Manchmal hatte ich fast Schwierigkeiten, mich nicht wie in Sibiu in Rumänien zu fühlen - wo ich gerade mal zwei Monate zuvor die Stadt erkundet hatte. Ebenso wie dort gliederte sich in Tallinn die Altstadt auch in Ober- und Unterstadt, es gibt jeweils einen mit Gastronomie umzingelten großen Marktplatz. Alles ist schön!

In Tallinn fast zu schön schon! Ein wenig hatte ich das Gefühl, in einer Puppenstube gelandet zu sein: Alles ist hübsch, aber eigentlich vor allem nur zum Anschauen. Und: alles ist voller Touristengruppen! Also: Nicht umsonst ist Tallinn zur Europäischen Kulturhauptstadt 2011 gekürt worden!

Das richtige Leben sieht wohl anders aus, und das gestaltet sich in Tallinn sehr schnell ziemlich grau und in Plattenbauten - man merkt dies ganz zügig, wenn man die touristischen Bereiche einmal verlässt. Dort ist man dann ruck-zuck in sozialistischer Baukultur gelandet. Und Farbe hat man auch noch längst nicht allen Gebäuden nach der Ablösung von der Sowjetunion spendiert. Einiges macht einen etwas trostlosen Eindruck.

Tallinn Kalamaja

Holzhäuser im Stadtteil Kalamaja.

 

 

 

Aber natürlich gibt es auch etliches sehr Interessantes zu entdecken, wenn man sich ein wenig auf die Suche begibt. Z.B. das Stadtviertel Kalamaja, das fast ausschließlich aus alten Holzhäusern besteht - und über ausgesprochen viel Flair verfügt! Es macht Spaß, dort ein wenig durch die Straßen zu laufen. Touristenströme findet man dort allerdings nicht, und eben auch keine touristische Infrastruktur: Keine Cafés, keine Restaurants, keine Shops. Aber dafür bekommt man einen interessanten und netten Einblick in das gewöhnlich Leben und Wohnen dort. In einer für unsere Augen doch ungewöhnlichen Umgebung: Die Holzhäuser haben ihren ganz eigenen Stil. Einige haben im Laufe der letzten zehn Jahre frische Farbe erhalten und zumeist neue Fenster, aber ansonsten hat es in dem Viertel dort vor 50 Jahren sicherlich nicht viel anders ausgesehen.

Interessant auch ein Besuch in dem größten Stadion des Landes, ein sehr geschichtsträchtiger Ort: Eine Bühne für bis zu 20.000 Personen (das konnten wir uns trotz der gewaltigen Ausmaße nur schwerlich vorstellen) und davor Platz für bis zu 200.000 Zuschauer (auch das schwierig vorstellbar) - gigantisch! Zu Zeiten der Ablösung von der Sowjetunion traf man sich hier regelmäßig und häufig zu großen Gesangsabenden, brachte traditionelle Gesänge zum Besten - eine besondere und subtile Art des Aufbegehrens gegen die Sowjetmacht. Heute finden in dem Stadion noch einmal jährlich über mehrere Tage große Sängerwettbewerbe und Liederfeste statt. Aber dann mit eher folkloristischem Hintergrund, weniger mit dem politischen Gedanken wie in den dramatischen Tagen der Wende in den Jahren 1990/91.

 

 

 

Dass dies ein bedeutender Ort ist, wurde unserer kleinen, vierköpfigen Reisegruppe schnell deutlich gemacht. Als wir zu viert auf einer Bank Schutz vor der sengenden Sonne suchten, tauchte neben uns plötzlich ein Trupp "sehr wichtiger Leute" auf (mit viel Blaulicht und Martinshorn hierher geleitet), begleitet von einem Rudel auffällig unauffälliger Bodyguards sowie einiger Politsei (ja, so heißt das in Estland!). Das riesige Areal war ansonsten komplett menschenleer, aber wir vier stämmigen Männer mit unseren verdächtig prallen Rucksäcken sorgten für erhebliche Unruhe und Achtsamkeit bei den Sicherheitskräften... Von uns traute sich niemand, auch nur zur Wasserflasche in unseren guten Deuter-Rucksack zu greifen. Wichtig erscheinende Menschen erhielten umfassende Erklärungen zu diesem wichtigen Ort - von anderen wichtigen Menschen. Nach gut zehn Minuten war der Spuk vorbei und die Meute mit Hochsicherheitsbegleitung verschwand so plötzlich, wie sie erschienen war, wieder.

Tags darauf las ich im Internet, dass der Staatspräsident von Malta zu einem wichtigen Besuch in Estland gewesen war und für einen Tag in Tallinn weilte und seine volle Unterstützung für die Einführung des Euro in Estland angekündigt hat. Auf dem Bild im web konnte ich ihn wiedererkennen als einer dieser "wichtigen Menschen" an unserer Seite... Solche Dinge passieren einem in Hauptstädten immer wieder gerne.

Tallinn Schloss Toompea

Der Sitz des Parlaments der Republik Estlands: Das Schloss Toompea in der Oberstadt.

 

 

 

Rätselhaft blieb es für uns, warum so viele Esten so schlechte Laune ausstrahlten und zuweilen desinteressiert-unfreundlich waren. Besonders im klassischen "Dienstleistungs-bereich" im Restaurant oder in Geschäften gab es immer wieder Begegnungen, die schon fast unangenehm waren - selbst in eher teuren Restaurants. Wahrscheinlich heben viele Menschen hier unter schwierigen wirtschaftlichen Bedingungen zu leiden und es geht ihnen nicht wirklich gut. Aber für einen normalen Touristen, der gerade mal drei Tage in dieser Stadt ist, ist dies nicht wirklich ersichtlich...

Wir vier hatten jedenfalls alle das Gefühl, mit dieser durchaus schönen Stadt Tallinn nach drei Tagen weitestgehend "durch" zu sein. Die weitaus meisten Sehenswürdigkeiten waren in der gar nicht mal so großen Stadt schnell erkundet - und da der Forschergeist bei uns nicht so richtig durchbrach, konnten wir uns nach der Zeit guten Gewissens per Katamaran wieder auf den Rückweg nach Helsinki machen...

 

 

Die Oberstadt von Tallinn

Tallinn Regierungssitz

Blick von der Unterstadt zur Oberstadt in Richtung Toompea - dem Regierungssitz Estlands.

Tallinn Oberstadt

Gasse in der Oberstadt.

Tallinn Lühike jalg

Auch eine schöne Straße auf dem Weg hinab von der Oberstadt in die Unterstadt: Die Lühike jalg.

 

Unterwegs in der Unterstadt von Tallinn

Tallinn Einkaufsstraße Viru

Blick die Einkaufsstraße Viru entlang - der schlanke Rathausturm fällt im Stadtbild immer wieder markant ins Auge.

Tallinn Straße Viru

Abendstimmung in der Straße Viru.

Tallinn, Straße Harju

Neu gestalteter Park an der Straße Harju.

Tallinn Stadtmauer

Gewaltig: Die Stadtmauer, die die gesamte Altstadt aus Ober- und Unterstadt umgibt. Sämtliche Verkaufsstände sind perfekt zugeschnitten auf den vermeintlichen Bedarf der Touristenmassen...

 

Jenseits der Stadtmauer: Die Neustadt

Tallinn Stadtmauer

Die Stadtmauer bei der Oberstadt

Tallinn -

Der "Pikk Hermann", der "Lange Hermann", ein Eckturm am Schloss auf dem Domberg von Tallinn. Der 46 Meter hohe Turm wurde bereits im 14. Jahrhundert erbaut.

Tallinn Freiheitsplatz

Im Sommer 2009 eher eine große Baustelle, aber üppig mit Nationalfahnen geschmückt: Der Freiheitsplatz (Vabaduse Väljak).

Tallinn Besucher am Freiheitsdenkmal

Auch und gerade bei jungen Leuten fand das neue Freiheitsdenkmal großes Interesse, es wurde lebhaft besucht.

Tallinn Blumenfestival 2009

Beim "Tallinner Blumenfestival 2009".

Tallinn Sowjetarchitektur

Etwas weiter außerhalb der Altstadt trifft man dann massiv aus Sowjetarchitektur. Grau, kahl, trist. Etwas Farbe und mehr Grün würde hier wohl kleine Wunder bewirken.

Tallinn Stadion "Lauluväljak"

Vom Meer aus sieht das Stadion "Lauluväljak", in dem alle fünf Jahre ein gigantisches Sängerfestival stattfindet, geradezu unscheinbar aus.

Tallinn Bühne Sängerfestplatz

... und schauen auf eine gewaltige Bühne für tausende von Sängern!

Tallinn Strandpromenade

Strandpromenade am Meer - viel Platz für Fußgänger, und auch für Radfahrer.

 

Die obligatorischen Blicke nach oben - ein paar Details an Gebäuden

Tallinn Straße Harju

Solch liebevoll gepflegten Häuser sieht man in Tallinn nicht nur in der Straße Harju.

Tallinn, Jugendstil

Na, das ist Jugendstil! Hier am Pikk.

 

Ein Blick in den Stadtteil Kalamaja.

Tallinn Holzhaussiedlung

"Holzhaussiedlung" bedeutet aber keinesfalls mittelalterlich - für Autos findet sich genügend Platz...

Tallinn, Holzhäuser in Pastellfarben

... oder auch Pastellfarben.

Tallinn Kalamaja

Überhaupt kein Thema ist in Kalamaja: Shoppen. Das Stadtviertel entwickelt sich zu einem Trendbezirk der Künstlerszene.

Tallinn, bunte Holzhäuser

Mut zur Farbe. Hübsch!

 

Tallinn: Was für ein interessanter Schilderwald...!

Tallinn Straße Soo

Soo - ein Straßenname im Stadtteil Kalamaja.

Tallinn, Schild Hotel Shnelli

Ob das Hotel Schnelli, äh pardon Hotel Shnelli, das hält, was es verspricht, weiß ich nicht!

Tallinn Straße Kotzebue

... in der Straße "Kotzebue". Oder möchten Sie in der Straße "Kotzebue" wohnen?

 

Ein paar Vermischte Eindrücke...

Fähre von Helsinki nach Tallinn

In der Fähre von Helsinki nach Tallinn: Helgoland-Bilder...

Tallinn Hauptbahnhof

Sehr klein und übersichtlich: Der Hauptbahnhof einer europäischen Hauptstadt... Nun, zugegeben: der Hauptstadt eines kleinen europäischen Staates.

Tallinn, Detail am der Dampflok

Detail am der Dampflok.

Tallinn, Denkmal

Sowjetische Spuren lassen sich noch viele finden: Denkmal in bester Arbeiter- und Bauernstaat-Manier.

Tallinn, Russen-Markt

In der Nähe vom Hauptbahnhof findet sich ein großes Marktgelände, wo vor allen Dingen Russen Waren feilboten: Ein "Russen-Markt".

Tallinn - Männiku

Nicht nur das Wetter (es zog eine furchterregende Gewitterfront auf - die Tallinn jedoch nie erreichte) war in Männiku anders, als in Tallinn...

 


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