Reisebericht Shanghai
  Größer, gewaltiger, gigantischer: Shanghai!

Ein Reisebericht über eine Reise nach Shanghai (Schanghai) mit einem Ausflug in das Wasserdorf Zhujiajiao, im März 2012
   mit insgesamt 52 Bildern




Shanghai, Fernsehturm

Shanghai: Blick von der Aussichtsplattform des World Financial Center mitten in das Häusermeer des Stadtzentrums hinein - vorne die markanten Kugeln des Fernsehturms "Oriental Pearl Tower".

Es ist Samstagabend gegen zwanzig Uhr, ich schlendere durch die größte und berühmteste Einkaufsstraße von Shanghai, vielleicht von ganz China, durch die "Nanjing Lu". Ende März, um die Uhrzeit schon recht kühl - und es wird getanzt.

Nicht, dass sich, wie üblicherweise in Mitteleuropa, die Fußgängerzone um diese Zeit schon geleert hätte. Nein, hier sind noch hunderttausende Menschen unterwegs, gehen shoppen, was die Kreditkarten hergeben. Und mittendrin tanzen einige eben, zu dröhnender Musik aus Lautsprecherboxen. Fröhlich. An mehreren Stellen. Immer nur ein paar, zumeist Tänzerinnen, vielleicht jeweils bis zu einem Dutzend. Und alle, die mögen, tanzen mit. Einfach so. Und wer will, und das sind die Mehrzahl - guckt halt nur. So, wie ich.

Shanghai, Tanz in Fußgängerzone

Samstag-Abend in der Fußgängerzone "Nanjing Lu". Es wird fröhlich getanzt.

 

 

 

Einer von mehreren Orten in Shanghai, an denen mir die Lebensfreude der Einheimischen geradezu entgegen-sprudelt.

Gute Laune ist offenbar ein fester Bestandteil dieser Stadt im Aufbruch. Die mit ihren rund 23 Millionen Einwohnern nicht einmal die größte Stadt Chinas ist.

Selbst, wenn ich nicht weiß, wie es in Shanghai (in Deutschland oft noch Schanghai geschrieben, aber ich halte mich in diesem Text einfach an die international übliche Schreibweise) vor meinetwegen 20 Jahren ausgesehen hat - ich spüre auch als Fremder die Aufbruchstimmung in der Stadt. Man kann sie förmlich mit Händen greifen. Es ist unverkennbar, dass die nach wie vor alleinregierende Kommunistische Partei Chinas (KPCh) eine gewaltige kapitalistische Revolution in Angriff genommen hat. Zumindest kann man leicht den Eindruck mitnehmen, dass die Lieblingsbeschäftigung des modernen, jungen bis mittelalten Kommunisten das hemmungslose Shoppen ist.

 

Shanghai - ein Meer von Hochhäusern

Aber Shanghai hat wahrlich mehr zu bieten, als unbegreiflich große Einkaufsmeilen - viel mehr! So zum Beispiel die zum Zeitpunkt meiner Reise höchste öffentlich zugängliche Aussichtsplattform der Welt, sogar noch höher, als die des rekord-süchtigen Dubai. Während in Dubai der Burj Khalifa mit 828 m das mit Abstand höchste Gebäude der Erde ist und dort auf 452 m eine Aussichtsplattform bietet (s. hier meinen Reisebericht Dubai - neues Fenster öffnet), hat Shanghai auf dem 492 m hohen Shanghai World Financial Center auf der Halbinsel Pudong mit der 474 m hohen Aussichtsplattform zur Zeit meines Besuches die Nase vorn, was den höchsten öffentlich begehbaren Raum der Welt anbelangt. Die höchste Aussichtsplattform der Erde! Ein Superlativ - das ist was für mich!

Shanghai, Aussichtsplattform

Ich gebe zu: Es war für mich ein höchst sonderbares Gefühl, mich in der Aussichtsplattform des Shanghaier World Financial Center in 474 m Höhe auf die Glasplatten  über dem freien Boden zu stellen - und dann auch noch runter zu gucken.

 

 

 

Und die Aussicht von dem Financial Tower ist - man kann es nicht anders erwarten - atemberaubend! Ein unvergleich-liches, gigantisches Häusermeer liegt einem zu Füßen (die übrigens, so man denn mag, in 474 m Höhe auf durchsichtigen Glasbausteinen über dem freien Boden stehen. Ich muss mich zugegebenermaßen eine Sekunde sammeln, bis ich diesen Schritt wage).

Fassungslos schaue ich hinab unter anderem auf insgesamt rund 4.500(!) Hochhäuser in Shanghai (wobei man hier Häuser mit mindestens 20 Stockwerken als Hochhaus definiert). Und jetzt zählen Sie doch mal nach, wie viele Häuser mit mehr als 20 Stockwerken es in Ihrer Stadt so gibt. Für meine Heimatstadt Hamburg würden dafür wohl die die Finger weniger Hände genügen. Der Stolz vieler Hamburger, der Hamburger Fernsehturm, würde in Shanghai wohl im Schatten irgendeines x-beliebigen Wohnhauses verschwinden. Gewaltiger kann New York auch nicht sein, ist ein Gedanke, der mir spontan kommt, als ich an die dicke Glasscheibe gelehnt dort oben auf dem Financial Tower in Shanghai (wegen seiner Bauform von den Einheimischen "Flaschenöffner" genannt) stehe und den Blick schweifen lasse. Allerdings war ich noch nie in New York und kann diesen Gedanken nicht belegen.

 

 

 

In direkter Nachbarschaft zu dem Turm steht der "Jin Mao Tower", der mit 420 m bis 2008 das höchste Gebäude von Shanghai war - und auch eine Aussichts-plattform bietet. Er gilt mit seinen angedeuteten chinesischen Pagoden noch immer als eines der schönsten Hochhäuser der Welt. Wohl zu Recht, denke ich mir, als ich jetzt aus nächster Nähe auf ihn herab schaue. Allzu lange wird der Financial Tower seine Vormachtstellung als höchstes Gebäude Shanghais und Chinas nicht halten können. In unmittelbarer Nachbarschaft wird bereits an einem Gebäude mit 632 Metern gebaut, dem Shanghai Tower. Im März 2012 ist man dort zwar "erst" bei geschätzten 150-180 Metern Höhe angekommen - aber es geht schnell voran (Anmerkung 2014: Im August 2013 erreichte der Bau mit 632 m seine Endhöhe und ist damit das zweithöchste Gebäude der Welt. Es soll 2015 eröffnet werden).

Shanghai, Skyline

Blick von der Uferpromenade "Bund" über den Fluss "Huangpu" auf die Skyline von Shanghai auf der Halbinsel Pudong. Kaum zu glauben, dass dort vor 20 Jahren noch Reisbauern lebten und es Wacholderhaine gab.

 

 

 

Mit dem gesamten Stadtteil Shanghai-Pudong ging es irrwitzig schnell voran, als dort diese Skyline errichtet wurde. Und immer noch wird weitergebaut. Anfang der 90er Jahre waren auf dem sumpfigen Gelände noch Reisbauern in bescheidenen Hütten angesiedelt, und es gab Wacholderhaine für die Zucht von Seidenraupen. Nun steht dort nach 20 Jahren Entwicklung und Bauwut eine der berühmtesten Ansammlungen von Hochhäusern der Welt und es leben über zwei Millionen Menschen dort. Auf sumpfigen Grund.

"Unfassbar!", "Unglaublich!", "Unbegreiflich!" sind in der Tat immer wieder Ausrufe, die ich in Shanghai bei Fahrten durch die Stadt von Mitgliedern meiner Reisegruppe höre. Es herrscht zuweilen nahezu Fassungslosigkeit in Anbetracht der unüberschaubar vielen gigantischen Bauwerke in dieser Stadt. Man schaut auf ein Ausmaß an Gigantismus - daheim völlig unbekannt.

Ja, in der Tat, ich bin in einer Reisegruppe unterwegs - eigentlich ganz untypisch für mich. Zuvor gab es schon einige Tage in Beijing (also in "Peking") mit dieser Gruppe. Es erwies sich insgesamt als eine ausgesprochen gute Entscheidung, mit einer Reisegruppe nach China zu reisen!

 

 

 

Die gigantischen Neubaubereiche sind aber auch ein Zeichen dafür, dass man in China offenbar nicht viel Aufhebens und Federlesen macht, wenn es darum geht, die Städte zu entwickeln, zu modernisieren, immer weiter zu bauen, Dinge voranzutreiben. Offenkundig geht man nach der Devise vor "wo gehobelt wird, da fallen Späne." Es wird gegen eher kümmerliche Entschädigungen enteignet (gerade für solche Informationen ist es sehr schön, einen einheimischen Reiseleiter als Ansprechpartner zu haben - ansonsten bleiben einem viele Informationen vorenthalten). Dann kommen die Wanderarbeiter in den Containerdörfern und bauen, bauen, bauen. Eigentlich kann man in China ja gar nicht aufhören zu bauen, sonst hätte man ein Riesenproblem mit den -zig Millionen arbeitslosen Wanderarbeitern.

 

Hamburg und Shanghai seit 1986 per Städtepartnerschaft verbunden

Als in Hamburg lebender betrachte ich solch ungehemmtes Bauen mit zwiespältigen Gefühlen. Man verweist in Shanghai darauf, dass für solche Großprojekte Umweltverträglichkeitsprüfungen durchgeführt werden. Wie diese wohl aussehen? Mit Bürgerbeteiligung womöglich? Ich weiß es nicht.

Wurde in meiner heimischen Nachbarschaft vor kurzem nach jahrelangen Diskussionen der Abriss von ein paar unvorstellbar hässlichen und zum Teil völlig runtergekommenen Nachkriegs-Baracken zugunsten eines vierstöckigen Wohn-/Büro-Neubaus mit einer aufwändigen Volksabstimmung verhindert, weil noch knapp ein Dutzend Bäume hätte gefällt werden müssen - so hätte man in Shanghai allein während der Diskussionszeit ohne Zweifel ein Stadtviertel für hunderttausende Leute hinbekommen. Oder: Wie lange diskutiert und plant man in Hamburg schon den Bau einer "Hafenquerspange", ein Stückchen Autobahn als Verbindung von zwei bestehenden Autobahnen. 30 Jahre? 40 Jahre? Und nichts ist geschehen in all der Zeit - außer, dass Ingenieursbüros immer wieder Einnahmen aus Staatsgeldern für Gutachten verbuchen können.

Was für ein Gegensatz zu Shanghai! Und, mit ein wenig nach-denken: Gut finde ich beides nicht! Die jämmerliche Verzagt- und Verbohrtheit bei Planern und Bevölkerung in meinem Heimatland schaudert mich - aber auch der robusten, rücksichtslosen Bauwahn in Shanghai erschüttert mich.

Sie finden diesen Vergleich etwas weit hergeholt? Schließlich sei Shanghai eine Weltmetropole und mehr als zehnmal so groß, wie Hamburg. Nun, es ist keinesfalls weit hergeholt: Immerhin sind diese beiden Städte Shangjai und Hamburg seit 1986 mit einer Städtepartnerschaft eng verbunden!

Shanghai, Leitstreifen auf Fussweg

Und, was soll das bitteschöne sein? Selbstbildnis im Schatten? Ach, das war nicht meine Absicht. Die Leitstreifen auf dem Fußweg sind es, die mich interessierten! Diese findet man, sowohl in Beijing, als auch in Shanghai fast überall. Die moderne Stadt Shanghai ist an vielen Stellen eindrucksvoll auf Sehbehinderte eingestellt und liegt diesbezüglich weit vor der Partnerstadt und meinem Zuhause Hamburg.

 

 

 

Da muss es schon mal erlaubt sein, Vergleiche zu ziehen! Als ich in den insgesamt vier Tagen meines Aufenthalts so durch die Straßen von Shanghai ziehe (und z.B. darüber staune, dass jeder Fußweg mit Leitstreifen für Blinde versehen ist), mich mit der top-modernen und schicken Metro durch die Stadt bewege - da kommen mir schon auch Gedanken, dass in vielerlei Hinsicht eigentlich Hamburg Entwicklungshilfe von Shanghai beziehen könnte. Ja, diese eigentlich dringend beziehen müsste! Oder doch zumindest mal bei einigen Entwicklungen ein wenig genauer hinschauen könnte.

Immerhin fällt mir in Shanghai auf, dass die meisten, wirklich die weitaus meisten Passanten mit fröhlichen Gesichtern daherkommen - Freude, Aufgeschlossenheit, Zufriedenheit und eine gewisse Leichtigkeit ausstrahlen. Der riesigen Mittelschicht der Stadt geht es sichtbar gut! Ist nicht Hamburg gerade vor Kurzem als die Stadt mit den glücklichsten Einwohnern Deutschlands ermittelt worden? Also, wenn ich die griesgrämigen Gesichter dort in einen Vergleich zu den fröhlichen Chinesen in Shanghai setze, denn liegen ganz offenkundig Welten zwischen den Befindlichkeiten der Bewohner. Was macht da wohl den Unterschied aus? Nur die Mentalität? Oder vielleicht sind ja die Einwohner von Shanghai eigentlich froh darüber, sich nicht politisch für jeden Hausbauplan, jeden Radweg, jeden Nachtflug und die ständigen Schulform-Änderungen intensiv beschäftigen zu müssen?

 

Shanghai in der Metro - und in Wohnbezirken der Altstadt

Obwohl: Trotz aller freundlicher Ausstrahlung sind die Shanghaier (vielleicht sogar die Chinesen insgesamt?) eben auch ruppige Zeitgenossen. Dies merkt man sicherlich im Geschäftsleben. Aber zum Beispiel auch, wenn man den Mut hat, mit der Metro unterwegs zu sein. Die Metro in Shanghai ist für sich genommen schon ein Erlebnis: Die insgesamt recht neue Bahn mit ihren 12 Linien (sie wurde im Wesentlichen in den vergangenen zehn Jahren erbaut, wobei man es schaffte ein Netz mit 538 km zu errichten) strotzt vor Großzügigkeit. Die Stationen riesig und blitzeblank sauber, die Züge geräumig, modern, leise. Orientierung ist auch für einen Europäer völlig unkompliziert, weil alles in Englisch beschriftet ist. Alles funktioniert präzise und gut! Und eine Tageskarte für die 23-Millionen-Stadt kostet dabei in dieser eher teuren Stadt sogar weniger, als eine einzige Fahrt von Eimsbüttel nach Altona innerhalb Hamburgs. Genau so geht moderner Personennahverkehr!

 

 

 

Aber man kann dort, in der Shanghaier Metro, auch etwas anderes über die Einheimischen lernen: Dort wird richtig rabiat geschoben und gedrängelt, selbst am Sonntag. Wenn die Bahn in eine Station einfährt und sich die Türen öffnen, dann drängen sofort die neu einsteigenden Fahrgäste in die Bahn - sollte man aussteigen wollen, so muss man beizeiten dagegen schieben, drücken und Lücken nutzen. Man ist in Shanghai insgesamt freundlich - aber in Sachen Höflichkeit und Distanz hat man wohl schlicht ein völlig anderes Verständnis, als der Mitteleuropäer.

Aber man fährt ja auch in andere, ferne Länder, um Anderes und Fremdes kennen zu lernen. Wahrlich viel Neues und Ungewohntes kann man in Shanghai auch in den Altstadt-Wohnvierteln kennenlernen. Diese gibt es nach wie vor, manchmal steht man ganz überraschend in einer Nebenstraße in einer Reihe alter, zweigeschossiger Häuser aus der Kolonialzeit, um die herum es ein völlig unüberschaubares, wuseliges Leben gibt. Wo man schlagartig das Gefühl hat, in eine völlig fremde Welt einzutauchen. Wo man als Tourist, als "Langnase", auffällt und von den vielen Einheimischen neugierig beäugt wird. Frei nach dem Motto "guck mal - ein Tourist! HIER!!". Wo Kinder einem verschüchtert zuwinken. Hier ist man in der Metropole dann ganz plötzlich fremd und exotisch - und man kann ebenso viel Fremdes sehen.

Shanghai, Wohngebiete Altstadt

Wenn man in den Wohngebieten der Altstadt unterwegs ist, kann man in der Tat viel Altes und Ursprüngliches entdecken. Kaum zu glauben, dass man solche Viertel noch sehr zahlreich in direkter Nachbarschaft zu den glänzenden Hochhäuser findet.

 

 

 

Kaum zu glauben, dass dies die gleiche Stadt, ja, der überhaupt gleiche Planet ist, durch den ich ein paar Minuten zuvor noch durch super-moderne Straßen mit neuen Stahl- und Glas-Bauten gelaufen bin und architektonische Sensationen bewundert habe. In den Hochhaus-Bereichen wirkt Shanghai wie eine echte Weltstadt. Vielleicht wie DIE Weltstadt überhaupt! Es schlägt ein schneller Puls der Stadt, die Leute verhalten sich weltgewandt, souverän. Man spricht etwas Englisch, ein paar Brocken zumindest. Und in den Altstadtbereichen dann plötzlich scheint man mitten in einem kleinstädtisch anmutenden Umfeld gelandet zu sein - im Zentrum einer 23-Millionen-Metropole. Verrückte Gegensätze!

Mir macht es in Shanghai, wie auch schon in den fünf Tagen Beijing zuvor, ungeheuer viel Spaß, mich in den Altstadtbereichen ziellos herumzutreiben, gerne auch stundenlang. Die zweigeschossigen Gebäude dieser Viertel stammen zumeist aus der französischen bzw. englischen Konzessionszeit, sind teilweise liebevoll erhalten bzw. restauriert. Hier tobt das Leben - ein ganz, ganz anderes Leben, als meines daheim. Und ich kann mich hieran einfach nicht satt sehen. Anders, als an den vielen gewaltigen Hochhäusern, von denen ich irgendwann genug habe. Und die an sich ja auch keine Lebendigkeit ausstrahlen.

Das schöne hieran: Shanghai erscheint mir dabei eine sichere Stadt zu sein. Es soll zwar durchaus einige Leute geben, die "den sechsten Finger haben", wie es laut dem Reiseführer in der Landessprache heißt (bei uns die "Langfinger"), aber ich habe nie irgendwo auch nur eine Sekunde das Gefühl gehabt, nicht sicher zu sein. Es haben mich viele neugierige Blicke getroffen, aber nie habe ich einen schrägen, abschätzenden, bedrohlichen Blick wahrgenommen. Man muss in Shanghai keine Angst haben - auf seine Sachen aufzupassen ist aber sicherlich genauso angeraten, wie überall in den großen Städten der Welt. Das geht mir selbst dann so, wenn ich nachts im Dunkeln allein durch diese alten Siedlungen streife: Es sind immer Massen von Menschen unterwegs. Oder die Leute sitzen vor ihren Häusern, um das Essen zuzubereiten - oder auch zu sich zu nehmen. Es gibt soviel häusliches Leben direkt auf den anliegenden Straßen, dass ich zuweilen das Gefühl habe, direkt durch einen Teil des Wohnbereichs zu gehen. Aber nie habe ich dabei das Gefühl, nicht willkommen zu sein. Das ist großartig! Ich habe in diesen engen Wohnstraßen lediglich vermieden, zu fotografieren - manchmal waren mir die Situationen schlicht zu persönlich. Fast schon intim.

Welch schönes Erlebnis, für solche Momente in völlig fremde Lebensweisen hineinschauen zu dürfen - ohne jeden Argwohn wahrzunehmen!

 

Shanghai - Stadt der Moderne und Stadt der Lichter

Shanghai, Hochstraßen

Bei dem wilden Gewirr aus Hochstraßen in Shanghai fährt man nicht selten auf der Höhe des 8. bis 10. Stockwerks der anliegenden Häuser.

 

 

 

Wenn man von Beijing nach Shanghai kommt (man kann die gut 1300 Kilometer zum Beispiel sehr bequem mit dem Schnellzug in gut viereinhalb Stunden zurück legen), dann merkt man sofort nach der Ankunft: Shanghai ist anders als Beijing. Völlig anders! Es ist enger, verwinkelter, reicher, ärmer, hektischer, lauter, schriller, bunter, schmutziger, kühner, moderner - insgesamt lebendiger. Während man in Beijing durch fast unendlich breite Straßen kreuzt, fährt man in Shanghai immer wieder über ein Gewirr an Hochstraßen in verschiedenen Höhen. Wobei man schon mal den Leuten in den zehnten Etagen der Häuser in die Fenster schauen kann. In Shanghai wird nirgendwo gekleckert - es wird nur noch geklotzt! Im richtig großem Stil! Und ich finde das interessant!

Shanghai, Autoverkehr abends

Blick auf die Skyline in Pudong und die leuchtenden Spiegelungen im Fluss "Huangpu".

 

 

 

Am Eindrucksvollsten kann man dieses "architek-tonische Geklotze" anschauen, wenn man sich am Fluss Huangpu auf die Uferpromenade und Touristenmeile "Bund" begibt und über den Fluss zum Stadtteil Pudong hinüberschaut auf die gigantische Skyline. Dieser Blick ist ebenso weltberühmt wie in der Tat beeindruckend und einmalig. Ohne Ausnahme jeder Shanghai-Tourist wird mal dort sein, um sich diesen Blick zu gönnen.

 

 

 

Aber auch der umgekehrte Blick ist fantastisch - auch, wenn man den Tipp nicht im Reiseführer findet. Auf der Flusspromenade in Pudong, im Bereich des charakteristi-schen Fernsehturms "Oriental Pearl Tower", hat man einen schönen Blick zum "Bund" hinüber - wo die eindrucksvollsten Gebäude aus der britischen Kolonialzeit zu sehen sind. Ein glücklicher Umstand wollte, dass ich um kurz nach Sonnenuntergang auf diese Promenade kam. Der Blick auf das Abendrot hinter dem (Hoch-)Häusermeer der Stadt ist schlicht phantastisch. Und hinzu kommt: Ich war verblüfft darüber, wie ruhig und friedlich es an diesem Ort war. Eine Oase der Ruhe - direkt im Touristenzentrum. Oder lag das nur daran, dass es an diesem Abend im März nach Sonnenuntergang sehr schnell wirklich empfindlich kalt wurde?

Shanghai, Leuchtreklame

Schon allein die grandiose Leuchtreklame macht einen Abendspaziergang in der "Nanjing Lu" zu einem Erlebnis.

 

 

 

Auch ein Rundgang durch Shanghai bei Nacht ist ein unbedingtes Muss! Denn: Es ward dort Licht! Kaum eines der repräsentativen Hochhäuser hat es ausgelassen, im Dunkeln für eine effektvolle Beleuchtung zu sorgen. Das sorgt immer wieder für spektakuläre Blicke, z.B. auch wieder vom "Bund" aus, aber auch z.B. um den gewaltigen, zentralen "Platz des Volkes" herum oder in der Einkaufsmeile "Nanjing Lu". Letztere erstrahlt in einem Maße vor Leuchtreklamen, wie ich selber noch nicht gesehen habe. Kaum zu begreifen, irgendwo zwischen absurd und grandios!

Shanghai, Hochstraßen blau beleuchtet

Offenbar nur am Wochenende werden die Hochstraßen im Zentrum von Shanghai nachts mit eine blauen Farbe beleuchtet. Die gesamte Szenerie wirkt dann sehr futuristisch - und passt so perfekt in diese hypermoderne Stadt.

 

 

 

Etwas unbegreiflich auch das zumindest an bestimmten Tagen von unten in grellem blau beleuchtete Gewirr an Hochstraßen. Als sei man direkt in einem Science Fiction-Film gelandet. Diesen Eindruck macht aber eigentlich das gesamte moderne Shanghai.

Man muss sich schon für Städtereisen begeistern können, aber dann gibt es in Shanghai viel Umwerfendes zu sehen. Pardon - ich muss umformulieren: Es gibt vieles zu sehen, was ich umwerfend finde, es muss ja nicht jedem so gehen. Aber nicht nur ich allein, auch innerhalb meiner Reisegruppe waren, wie schon erwähnt, "unfassbar" und "unglaublich" häufig zu hörende Aussagen. Der Wahrheitsgehalt dieser Ausrufe ist hoch, finde ich: "unfassbar" ist ist für Europäer vieles in Shanghai. Und Shanghai ist von der Intensität der Stadt her wie eine "Städtereise extrem". Und die von uns besichtigten historischen Kostbarkeiten, wie der Jade-Buddha-Tempel oder der Yu-Yuan-Garten gehören für mich da eher in den erweiterten Kreis der Sehenswürdigkeiten.

Für mich überwiegt in Shanghai also vor allem der Eindruck durch die modernen Bauten. Es gibt wohl nicht allzu viele Plätze auf der Welt, wo man derart ausführlich betrachten kann, wie es heutzutage ausschaut, wenn viel Geld in den Staatskassen ist und zudem die Macht da ist, eigene Vorstellungen ohne viel Rücksicht umzusetzen. Das muss einem keinesfalls gefallen - aber interessant ist es allemal, einfach mal einige Blicke in eine Stadt mit super-neuer Infrastruktur zu werfen. Wie schon erwähnt: In "alten Europa" findet man so etwas eher nicht.

 

Ein Ausflug in das "Wasserdorf" Zhujiajiao

Zu dem Programm des Reiseveranstalters gehörte dann auch noch ein Ausflug in das gut 40 km westlich vom Zentrum Shanghais gelegene "Wasser-Dorf" Zhujiajiao. Alle Reiseteilnehmer dachten, sie kämen aus der "Monsterstadt" Shanghai in eine Oase der Ruhe - und waren dann zunächst entsetzt, dass man sich dort voll und ganz auf den Tourismus eingestellt hat. Diese werden dann mit viel Rummel und zahlreichen Verkaufsangeboten zunächst geradezu überhäuft und bedrängt - nervig! Aber wenn man sich aus dem engsten Getümmel ein wenig entfernt, dann ist dieser Ort tatsächlich sehr schön, idyllisch und interessant! Auch wenn es gar kein Dorf in unserem Sinne ist, sondern das "Wasserdorf" ist lediglich der alte Kern einer lebendigen Kleinstadt. Es bieten sich trotzdem schöne neue Eindrücke - total anders, als Shanghai eben.

Gondoliere in Wasserdorf

Bei dem Bild kann man ahnen, warum Zhujiajiao zuweilen das "Venedig Shanghais" genannt wird. Es gibt sehr schöne Kanäle - aber auch die Gondeln mit ihren Gondolieren sehen etwas anders aus.

 

 

 

Aber der Ausflug nach Zhujiajiao ist dann eben auch nicht mehr, als ein kurzer Sprung in eine wieder mal ganz andere chinesische Welt. Kaum könnte der Kontrast zu der "Zukunftsvision Shanghai" größer sein. Aber wo sonst kann man schon mal gefüllte Lotusblüten-wurzeln oder 24 Stunden gegarte, chinesische Schweinshaxe zum Mittag essen?

 

Die Abreise, ganz im Shanghai-Stil: Per Transrapid zum Flughafen

 

 

 

Die Abreise von Shanghai kann man dann auch dazu nutzen, etwas besonderes und derzeit einmaliges auf der ganzen Welt zu erleben: Die Transrapid-Magnet-schwebebahn. Diese einzige kommerzielle Hoch-geschwindig-keits-Magnetbahn der Welt verbindet in Shanghai einen etwas außerhalb der Innenstadt liegenden Bahnhof in Pudong mit dem Flughafen. Auf der Abreise kommen wir in den Genuss, diese Bahn zu nutzen. Dies verschafft uns zum Abschied dann noch einmal ein weiteres Gefühl von Science-Fiction - es hat etwas unwirkliches, mit 431 km/h knapp über dem Erdboden dahin zu rasen und die 30 km Weg zum Flughafen in gut sieben Minuten zurück zu legen. Dies allerdings nicht gerade besonders komfortabel, ziemlich ruckelig und schüttelig rast das Teil dahin - und das soll "schweben" sein?? Die Sitze sehen abgenutzt und verschmutzt aus, als ob sie schon seit Jahrzehnten in Verwendung sind - aber egal. Es ist trotzdem ein außergewöhnliches Erlebnis zum Abschied, wie man es auf der Erde zur Zeit nur in Shanghai haben kann. Und der ungeheure Knall, als uns die im gleichen Tempo rasende, entgegenkommende Bahn begegnete, die trotz ihrer rund 200 Metern Länge im Bruchteil einer Sekunde an uns vorbeidonnerte, war eindrucksvoll.

Man kann aber auch lesen (im Zug selber sollte man es besser nicht versuchen - wegen des enormen Geschüttels), dass sich die Hochgeschwindigkeits-Magnetschwebebahn keiner Beliebtheit erfreut und wirtschaftlich total floppt. Meine Prognose: Sie wird recht bald stillgelegt und eingemottet, und dann ist diese gesamte Technik vom Tisch.

 

Gedanken über Shanghai nach der Reise

Als ich nach China fuhr, vermutete ich, dass ich mich an vielen Orten auf Verhältnisse, ärmlich und zuweilen sehr heruntergekommen, ähnlich wie in Mumbai einrichten müsse (siehe meinen Reisebericht Mumbai - neues Fenster). Haben wir nicht das Bild, dass in China der größte Teil der Bevölkerung verarmt sind? Dann vor Ort ertappe ich mich dann dabei, dass ich in Gedanken viel mehr Vergleiche zu dem irrwitzigen Reichtum in Dubai (siehe meinen Reisebericht Dubai - neues Fenster) ziehe. Einen protzigen Reichtum wie dort findet man in Shanghai zwar nicht so oft - aber man ist auf dem Weg.

Insgesamt habe ich den Besuch in Shanghai so empfunden, als hätte ich einen Blick in die Zukunft städtischen Lebens getan. So vollgepackt und verdichtet, aber an vielen Stellen auch super-modern stellte ich mir bisher Städte in 50 oder 100 Jahren vor - und sehe in Shanghai vieles von diesen Vorstellungen nun vor mir. In einer Stadt, in einem Land, das wir gerne immer noch als "Entwicklungsland" ansehen. Wenn man wissen möchte, wie sich die Großstädte der Zukunft in Megastädte entwickeln werden, dann ist Shanghai eine gute Adresse, um dies etwas zu erschnuppern. Nur die Autos muss man sich für diese Zukunftsvision noch wegdenken, aber denen räumt Shanghai eh nicht soviel Raum ein, wie Beijing oder viele europäische Städte. Einige Eigenheiten, wie der Blick vom "Bund" hinüber zur spektakulärsten Skyline Shanghais, werden darüber hinaus sicher spezifisch für Shanghai bleiben.

Am Rande sei erwähnt, dass ich meine Reisezeit Ende März als fast optimal fand, was das Wetter anbelangt. In Shanghai herrscht subtropisches Klima, Frost im Winter ist unbekannt, im Sommer ist es schwül-heiß - aber zu meiner Reisezeit Ende März herrschten tagsüber rund 20 Grad Temperatur, abends war es zwar empfindlich kühl, aber insgesamt war es wunderbar zum reisen. Sehr schön auch: Alles war auch schon grün.

Meine Aufenthaltsdauer von rund vier Tagen in Shanghai war mir jedenfalls viel, viel zu kurz! Eigentlich war meine Neugierde bei der Abreise noch lange nicht gestillt - ich hätte kein Problem, zwei Wochen in dieser Stadt zu bleiben und sie zu erkunden, versuchen, sie zu begreifen. Eigentlich würde ich am liebsten mal ein Jahr in Shanghai verbringen. Ohne Zweifel ist diese Stadt für die Einwohner total anstrengend - aber doch: Shanghai ist für mich ein Musterbeispiel einer Stadt, auf die ich immer neugieriger wurde, je mehr ich von ihr sehe. Unterm Strich hat mich kaum eine Städtereise so fasziniert, wie der Aufenthalt in Shanghai. Kein Wunder: Als Liebhaber von Superlativen ist Shanghai der perfekte Ort! Aber in Shanghai macht es besonders die Mischung, mit den Altstadtbereichen oft direkt neben modernen Hochhaus-Ansammlungen.

Shanghai: lebendig, vielfältig, leicht, wuchtig, unüberschaubar - eine Stadt zwischen Genie und Wahnsinn, eine Stadt der Superlative! Ich werde noch einmal zurückkehren müssen in diese riesige Stadt mit ihren fröhlichen und aufgeweckten Menschen! Aber: In der Fußgängerzone mittanzen werde ich trotzdem nicht!

 

Zu einer Bilderserie mit 100 großformatigen Fotos der Reise nach Shanghai geht es hier auf meiner externen Seite.

 

Vor meinem Aufenthalt in Shanghai gab es schon einen Aufenthalt in der Hauptstadt von China, Beijing (Peking). Eine in vielerlei Hinsicht völlig andere Stadt als Shanghai. Meinen Reisebericht Beijing (Peking) finden Sie hier.

 

 

Shanghai - Einige kunterbunt gemischte Bilder aus der
23 Millionen Einwohner-Stadt

 

Shanghai, Kommunismus-Ausstellung

In der obersten Etage des Stadtentwicklungsmuseums von Shanghai befand bei meinem Aufenthalt eine Sonderausstellung, die mich als Westeuropäer sehr merkwürdig berührte: Die Ausstellung "Precious Memories" ("Kostbare Erinnerungen"). Es werden in teilweise recht martialischen Darstellungen die 90-jährige Geschichte der Kommunistischen Partei Chinas gezeigt.

Shanghai, Imbiss Altstadt

Dichtes Gedränge an einem Imbissstand in der Shanghaier Altstadt. Es ist nicht leicht , herauszufinden, was es denn im Angebot gibt.

Shanghai, Durchgang Yu-Yuan-Garten

Unterwegs im Yu-Yuan-Garten in Shanghai: Ein schön gestaltetes Durchgangstor.

Shanghai, Altstadt-Dächer Fernsehturm

Historische und neue Türme von Shanghai.

Shanghai, Altstadt-Laden

Ein Nacht-Markt in einem Altstadtviertel von Shanghai. Ob es wohl diese Viertel noch lange so geben wird? An ihren Rändern "drücken" schon diverse Hochhäuser.

Shanghai Pudung, Finanzviertel

Abendliche Stimmung im Finanzviertel im Stadtviertel Pudong.

Shanghai Pudong

Shanghai-Pudong: ein supermodernes Stadtviertel, auf Sumpfgebiet errichtet.

Mond über Shanghai

Selbst die Mondsichel sieht anders aus in Shanghai.

Shanghai Volkswagen, Werbung

Auffällig häufig in Shanghai vertreten: Shanghai Volkswagen. Nicht nur mit (auch für westliche Augen lesbare) Werbung...

Shanghai, VW Santana Vista

... sondern auch mit Automodellen. So, wie hier mit dem nur noch in Brasilien und in China gebauten VW Santana Vista.

Shanghai, Station Magnetschwebebahn

Die Heimreise von Shanghai startet mit einer Fahrt mit der Transrapid-Magnetschwebebahn Maglev zum Internationalen Flughafen. Hier die Station in Pudong - mit Sicherungssystemen wie auf dem Flughafen.

Shanghai Flughafen

Der internationale Flughafen Shanghai-Pudong: Unendliche Weiten! Auf kilometerlangen Wanderungen beim Warten auf den Flug gerate ich in Bereiche, die wohl noch nie ein Mensch zuvor gesehen hat...

Was mich hier jedoch am allermeisten beeindruckte: Eine Flasche mit einem halben Liter Trinkwasser bekommt man im Abflugbereich für umgerechnet 20 Cent. Shanghai ist keine billige Stadt und der Flughafen kein billiger Flughafen - aber so etwas ist dann einfach menschlich und hat wenig von dem modernen Raubrittertum auf den heimischen Flughäfen gemein.

 

 

 

Ein paar Fotos aus dem Wasserdorf Zhujiajia

 

Wasserdorf Zhujiajia, Steinbrücken

Eine der historischen Steinbrücken von Zhujiajiao von einer Gondel aus betrachtet.

Wasserdorf Zhujiajia, Nebenstraßen

In den Nebenstraßen der Altstadt von Zhujiajiao, die nicht direkt an Kanälen liegen, ist es kein wenig touristisch und man hat sofort das Gefühl, mitten in der Provinz gelandet zu sein.

Wasserdorf Zhujiajia, chinesisches Essen

Und so sieht dann ein Mittagessen auf einer Gruppenreise in China aus: Rund acht Personen sitzen um einen Tisch und bedienen sich bei den verschiedenen in der Mitte des Tisches auf der Drehscheibe aufgestellten Speisen. Hier in Zhujiajiao gibt es einige Spezialitäten wie die 24 Stunden gegarte Schweinshaxe (sehr fettig!), mit Reis gefüllte Lotuswurzeln (ganz rechts, in Scheiben geschnitten - auch sehr fettig!) oder ein mir unbekannt gebliebenes, sehr frisches und schmackhaftes Gemüse (im Bild das gurkenähnliche, grüne Gemüse in der Mitte des Bildes).

 

 

 

 

 

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Dirk Matzen

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