Straßenmusikfest Leipzig vom
  10. Juni 1989

Zeitnahes Gedächtnisprotokoll eines Teilnehmers an diesem Fest. Das wörtlich hier wiedergegebene Protokoll wurde unmittelbar nach dem Ereignis im Juni 1989 erstellt.
   Mit insgesamt 7 Bildern





Leipzig Strassenmusikfest 1989

Abfotografiert: Das Foto auf der Stele über "Orte der friedlichen Revolution" zum Straßenfest in Leipzig am 10.6.1989 auf dem Thomaskirchhof.

 

Gedächtnisprotokoll Straßenmusikfestival für die Freiheit der Kunst, Leipzig Juni 1989

Es trifft mich fast wie ein Schlag, als ich bei meinem Aufenthalt in Leipzig um Juli 2014 vor einer Informationstafel auf dem Thomaskirchhof/der Thomaswiese stehe. Vorgestellt wird dort, im Rahmen einer Reihe von Informationstafeln über "Orte der friedlichen Revolution" in Leipzig, das Straßenmusikfest vom 10. Juni 1989 vorgestellt wird.

Nun, daran war ich selber nicht beteiligt - aber Freunde von mir aus Quedlinburg, denen ich mich damals sehr verbunden fühlte, waren dabei (ein paar knappe Rahmen-Infos hierzu stehen in meinem Reisebericht Leipzig).

Deren Schilderungen über das damals vorgefallene hatte ich bei mir eigentlich fast schon vergessen geglaubt - allerdings schlagartig wieder in meinem Gedächtnis, als ich das oben als Titelbild gezeigte Bild auf dem Thomaskirchhof sehe. Das erste Mal überhaupt, dass ich von dem Ereignis 25 Jahre zuvor ein Foto sehe. Und die Erinnerungen an die Schilderungen meiner Freunde sind plötzlich so intensiv da, als sei es gerade erst ein paar Monate her.

Nicht nur persönliche Schilderungen nahm ich bei einem Besuch bei meinen Freunden ein paar Wochen später mit - auch insgesamt 15 Seiten mit schriftlich verfassten Gedächtnisprotokollen verschiedener an dem Geschehen des Straßenmusikfestes beteiligter Personen. Angefertigt wurden diese Gedächtnisprotokolle direkt in den Tagen danach, sie sind also sehr authentisch.

Eines dieser Gedächtnisprotokolle gebe ich hier wörtlich wieder, ein kleines persönliches und grandioses Zeitdokument. Es zeigt, letztendlich, wie in totalitären Staaten mit zumeist jungen, unbeschwerten und kritischen Menschen umgegangen wird: Hart, rücksichtslos, sinnlos, zuweilen brutal, hilflos, absurd, nicht nachvollziehbar. Und doch: Der störrische Geist der Oppositionellen damals ist gut erkennbar. Und vieles von dem Handeln der DDR-Staatsorgane wirkt heute unfreiwillig komisch.

Zwei Anmerkungen möchte ich zur Einordnung des Ganzen noch machen:

Mit fremden Federn möchte ich mich keinesfalls schmücken: Der Text entstammt dem ersten Gedächtnisprotokoll aus dem "Sonderheft aus der Haltestelle", der Infobroschüre des Ev. Jugendzentrums der Aegidii-Kirche in Quedlinburg. Das Sonderheft wurde damals unter der Kennung "E7ZQ 130689/E24/HC7" registriert (sofern ich die Nummer noch richtig entziffern konnte, was bei dem verblassten Druck etwas fraglich ist), wurde also drei Tage nach dem Straßenmusikfestival gedruckt. Die Vervielfältigung geschah damals auf einfachste Art und Weise per Schreibmaschine getippter Matrize.

Die Namen der beteiligten wurden damals in dem Heft alle vollständig mit Vor- und Nachnamen veröffentlicht, was ich schon damals bemerkenswert und extrem mutig fand, fast schon verwegen in Angesicht der Stasi-Aktivitäten. Aber sie zeugt von enormer Zivil-Courage! Hier an dieser Stelle verwende ich für die Namen Abkürzungen. An wenigen Stellen habe ich offenkundige Rechtschreibfehler korrigiert. Zusätzlich habe ich an einigen Stellen damals gängige Abkürzungen erklärt.

Gibt es wirklich Menschen, die die Verhältnisse von damals zurückhaben wollen?

 

"Sonderheft aus der Haltestelle" vom 13. Juni 1989, Gedächtnisprotokoll zum Straßenfest Leipzig Juni 1989, einer verbotenen Veranstaltung:

 

"Das Wochenende 10./11.06.89 in Leipzig - ein riesen Erfolg für alle Beteiligten! Ein friedliches, ausgelassenes, fröhliches Straßenfest, daß Musikanten, Spielleute und die Leipziger Bevölkerung zusammengeführt hat.

Gedächtnisprotokoll von Ha.

* gegen 8,30 Uhr ist ein Teil von uns Quedlinburgern in Leipzig angekommen; gegen 10 Uhr trafen wir uns dann alle an der Thomaskirche

* nachdem wir durch die Parkanlagen spaziert waren und die ersten Musikgruppen aufspielten, entschlossen wir uns gegen 10,30 Uhr unsere Stücke zu spielen;
gegen 11,30 Uhr spielten wir dann noch einmal

* inzwischen war ein buntes Liederfest im Gange mit vielen Gruppen verschiedener musikalischer Gattungen; in der Bevölkerung fand dies großen Anklang

* zwischen 12,30 Uhr und 13 Uhr entschlossen wir uns, erst einmal eine Pause zu machen, um irgendwo etwas zu essen und zu trinken;
wir trennten uns und gingen in kleineren Gruppen unserer Wege

* gegen 14 Uhr wollten wir uns wieder auf dem Platz treffen (vor dem Messehaus bzw. Kaffee "Kiev")

* als ich mit H., A., S. und M. auf den Platz aus Richtung Petersstraße kamen, sahen wir wie K. und Si. auf einen Mannschaftswagen der VP (Anm.: der Deutschen Volkspolizei) verfrachtet wurden

* ich bin mit H. und den anderen in Richtung LKW gegangen, um zu erkunden, was denn hier los sei. Plötzlich stand ein Volkspolizist (im folgenden VoPo genannt) vor mir und forderte mich auf, mitzukommen

* ich sagte: "nein"

* im gleichen Augenblick entriß mir H. meinen Beutel und wollte mit ihm wegrennen; der VoPo, der mich aufgefordert hatte mitzukommen, packte nun H., dieser ließ sich fallen; nun wurde H. von dem bekannten VoPo und einem zweiten VoPo zum Wagen getragen, dabei wurde ihm brutal an seinen Haaren gezogen

* ich ging inzwischen ein paar Meter zurück zu den anderen Quedlinburgern und gab ihnen den zweiten Beutel, in dem die ganzen Spieltexte waren und sagte ihnen, sie sollten lieber abhauen und die Texte verschwinden lassen

* dann ging ich wieder in Richtung VP-LKW, weil mittlerweile auch noch A. auf dem Wagen war

* der VoPo, der mich schon einmal zum Mitkommen aufgefordert hatte, stand plötzlich mit wutverzerrtem Gesicht wieder vor mir und brüllte mich an, ich solle mitkommen;

* ich sagte: "nein" und fragte, "Warum ich und meine Freunde denn überhaupt mitkommen sollen?"

* ich bekomm einen Fußtritt in die Wade, wurde an den Armen gepackt und zum LKW gezerrt

* dabei sah ich noch, daß auf dem Marktplatz eine große Menschenmenge tanzte und sang

* auf dem Wagen sitzend hörte ich noch wie eine Lautsprecheransage dazu aufforderte, eine Versammlung aufzulösen;

* wir 5 Quedlinburger wurden dann in das VPKA-Dimitroffstraße (Anm.: VPKA = Volkspolizei-Kreisamt) gefahren; dort wurden uns, nachdem wir wieder wissen wollten, warum diese Zuführung überhaupt stattfindet, die Ausweise abgefordert

* nach einer kurzen Diskussion, die durch H. geführt wurde, und dem Hinweis eines VoPo's, daß wir wegen Klärung eines Sachverhaltes zugeführt seien, händigten wir unsere Ausweise aus;

Leipzig, Informations

So sieht die Thomaswiese heute aus - bei meinem Besuch 2014. Mit über 35 Grad waren die vielen Schattenplätze sehr beliebt.

* nun wurden wir aufgeführt und landeten ein paar Treppen aufwärts in einem schulungsähnlichen Raum, in dem ca. 25-30 Leute saßen, die ein unbeschreibliches Hallo veranstalteten. Alle waren in einer spitzen Stimmung. Zwei Mecklenburger spielten auf Plattdeutsch Kasperletheater, es wurde gesungen, geklatscht und Spaßigkeiten geteilt; das ganze lustige Treiben wurde von zwei Verkehrspolizisten bewacht;

* nach ca. 15 min kamen zwei Herren in Zivil in den Raum, betrachteten uns 5 Quedlinburger, dann wurde von einem der beiden mit dem Finger auf H., S. und mich gezeigt

* nach weiteren ca. 15 min kam einer der beiden mit einem Stapel Listen wieder herein und fragte uns drei nach unseren Namen

* nach ca. weiteren 15 min. wurde ich aufgefordert mit all meinen Klamotten mitzukommen - von den anderen im Raum wurde ich herzlich verabschiedet

* ich wurde nun eine Treppe nach oben geführt; der Beamte stieß eine Tür auf und fand das Zimmer leer vor - ich konnte mir das Lachen kaum verkneifen

* es ging die Treppe wieder nach unten, der Beamte stieß wieder eine Tür auf - Erleichterung - zum Glück - hier saß ein Vernehmer des Ministeriums für Staatssicherheit (so stellte er sich mir vor)

* in einer Ecke standen zwei Stühle; auf den Holzstuhl sollte ich meine Tasche stellen, auf den gepolsterten Stuhl setzte ich mich

* der Herr "Vernehmer" saß am anderen Ende des Zimmers an einem Schreibtisch, in der Mitte des Raumes stand ein weiterer Schreibtisch;

* der Herr "Vernehmer" begann irgendetwas zu erzählen; ich ließ ihn erst einmal reden

* nach einer Weile sagte ich ihm, daß ich ihn leider nicht akustisch verstehen kann - er müsse lauter und deutlicher mit mir reden

* erschrocken stand er auf und setzte sich an den Schreibtisch in der Mitte des Raumes und griente mich an; dann begann er von - "Straßenmusikfestival", "Musikgruppen", einer "Theatergruppe", "ungenehmigter Veranstaltung" zu plaudern;

* auf einmal wollte er wissen, was ich denn hier in Leipzig wolle

* ich sagte ihm, ob er denn nicht wisse, daß heute Pressefest sei?

* er sagte: Ja und erklärte mir, daß ebenfalls die AGRA (Anmerkung: Die AGRA war die Landwirtschaftsausstellung der DDR) eröffnet würde

* nach diesem Wortwechsel war eine lange Pause

* dann eine neue Frage: Wußten Sie, daß ein Straßenmusikfestival in Leipzig stattfinden sollte?

* ich sagte ihm, daß ich das nicht wußte - es ging dann eine Weile um Wissen oder Nichtwissen

* dann sagte er mir, ich hätte mich an einer verbotenen Veranstaltung beteiligt;

* ich sagte ihm, daß ich davon nichts wisse

* er sagte zu mir: Ihre rote Hose hat sie verraten, sie haben mit H. und S. ein Stück mit Stacheldraht gespielt;

* ich sagte ihm: ach darum gehts. Als wir die fantastische Stimmung auf dem Platz erlebten, entschlossen wir uns, auch etwas mit beizutragen.
Ich erzählte ihm dann in einem längeren Exkurs, wie wichtig es sei, der Phantasie junger Leute, freien Raum zu lassen. Ich erzählte ihm von Freiheit und Umgestaltung. Es sei doch ein gutes Zeichen und für die Gesellschaft von großer Bedeutung , wenn junge Leute so spontan so ein fröhliches Fest feiern können. Außerdem sei ja die Bevölkerung begeistert gewesen.

* er sagte mir, ich hätte ja in vielen Fragen recht, aber es sei nun mal eine verbotene Veranstaltung gewesen und ich hätte mich mit daran beteiligt.

* es ging dann im Folgenden um den Stacheldraht, den ich übrigens die ganze Zeit in einer Tasche bei mir hatte, um den Aufbau des Stückes, um Namen von Mitspielern.

* ich sagte ihm, nachdem ich ihm noch erzählte, wir hätten den Stacheldraht in einem Leipziger Abrißhaus gefunden, daß ich zu diesen Fragen nichts mehr sagen würde.

* Viel wichtiger sei für mich, daß ich den brutalen Polizeieinsatz gegen uns nicht verstehe und mir das auch nicht gefallen lassen werde

* auf weitere Fragen zuckte ich nur noch mit den Achseln

* daraufhin ließ er die Fragerei, überlegte sehr lange, nahm dann meine Personalien auf

* bei meiner jetzigen Tätigkeit als Jugendwart stutzte er, griente mich an und fragte mich, was ich denn da so zu tun hätte;

* ich sagte ihm, daß das ja nicht zur Sache gehört

* daraufhin ging es dann um "Einmischung durch gewisse uneinsichtige Kreise in der Kirche in staatliche Angelegenheiten";

* ich sagte ihm, daß auch ich mir es nicht verbieten lasse, politisch aktiv zu sein; zum einen bin ich Bürger dieses Landes, der mitarbeiten, mitplanen und mitregieren soll und zum anderen weiß ich mich durch Jesus Christus unterstützt bei der Befreiung von Ungerechtigkeit und Willkür

* ich wurde ca. 3 1/2 Stunden in zwei Vernehmungen verhört (nach 2 h eine halbstündige Pause)

* es ging letztendlich nur um die Teilnahme an einer nichtgenehmigten Veranstaltung

* am Ende las ich das zweiseitige Protokoll, ließ vieles streichen (es standen Dinge im Protokoll, die nicht einmal erörtert wurden)

* unterschrieben habe ich nicht

* ich muß noch sagen, daß im Raum ein altes Radio stand

* nach den Vernehmungen wurde ich nach draußen geschickt und kurze Zeit später zum Mitkommen aufgefordert

* auf der Treppe traf ich einige Leute wieder, die ich schon kannte, es bildete sich eine kleine Gruppe von ca. 6 Leuten, die von VoPo's bewacht, durch nicht endenwollende Gänge geführt wurde

* zwischendurch im Flur sah ich S. und H. kurz
mit H. wechselte ich ein paar unbedeutende Worte, aber sofort ward ich aufgefordert mitzukommen

* irgendwo im Gang mußten wir dann plötzlich warten;
einer spielte auf seiner Mandoline einen Countrysong, wurde aber nach ein paar Takten aufgefordert dies sein zu lassen;
er spielte aber unter unserem Beifall das Stück bis zum Ende

* wir waren alles Leute, die sich bis jetzt nicht kannten und es war eine herzliche, solidarische Stimmung untereinander

* nach einer Zeit des Wartens dort im Gang, wurden wir einzeln eine Treppe hoch geführt und in einen Raum zum fotografieren geschickt

* leider hab ich da zu spät reagiert und mich nicht geweigert, Fotos von mir machen zu lassen
Bei den beiden letzten, von drei Fotos, ist es mir endlich aufgegangen und ich hab wenigstens noch zwei dumme Fratzen gezogen

* der Fotograf sagte mir lächelnd, auch durch sein ein Foto könne man mich identifizieren

* danach wurde ich wieder in einen Raum geführt, wo wieder alle Leute versammelt waren; jeder wurde mit großem Hallo empfangen

* hier informierten wir uns erst einmal, wie es den anderen so gegangen war; es gab Infos, was sich im Einzelnen überhaupt alles abgespielt hatte. Wir wußten, daß sich draußen auch die Bevölkerung solidarisierte und daß es immer noch Gruppen gab, die in der Innenstadt musizierten - wir alle waren glücklich, daß alles so fröhlich und gut weiterlief

* hier kam es dann auch zu Kontakten zwischen uns und normalen Wehrpflichtigen, die auf uns aufpassen mußten

* sie erzählten, daß es sie ankotze, wie sie auf uns aufpassen müßten, daß sie schon drei Tage keine hatten und, daß sie am anderen Tage im Kreis Oschatz Bereitschaft hätten (da sollte ja der Anti-Atom-Kraft-Tag stattfinden)

* nach ca. 2 Stunden wurden dann immer 10 - 15 Leute aufgefordert mitzukommen, dabei herrschte ein totales Chaos; es stimmten nie die Anzahl von Ausweisen und Leuten überein

* es war herrlich mit anzusehen, wie unfähig diese Institution sein kann

Leipzig, Infotafel Montagsdemonstration 2.10.1989

Das Foto der Stele am Tröndlingring zeigt eine Szene auf dem Ring der Montagsdemonstration am 2.10.1989. Rund 20.000 Menschen nehmen an diesem Tag bereits an der Demonstration teil.

* ein Teil der Leute fand sich dann in einem anderen Unterrichtsraum wieder, ich war zu diesem Zeitpunkt, nachdem wir Quedlinburger uns alle wieder gesehen hatten, nun mit A. und H. zusammen

* in diesem Raum nun, wurde wieder musiziert, ein Mädchen bemalte eine Wandtafel; ein VoPo belastete das Mädchen; nach einer halben Stunde wurde auch den Musikern das musizieren verboten (es war Barockmusik für Gitarre und Flöte)

* irgendwann kamen wir dann in den ersten Raum unserer Zuführung; dort blieben wir dann auch bis zu unserer Entlassung - in der Nacht wurde A. von uns getrennt; da hieß es dann schon, daß die Mädchen eventuell raus kommen würden

* ansonsten war die Nacht belastend, weil man nicht schlafen konnte, grelles Licht, schlechtes Essen (kalte Bockwurst mit Brötchen, das vier mal in 22 Stunden) und das Liegen auf der blanken Erde ließ keinen Schlaf aufkommen

* Staatssicherheitsbeamte, die durch Art und Weise ihres Auftretens die Primitivität ihrer menschlichen Werte nicht verschweigen konnten, bewachten uns

* gegen 10 Uhr wurden H. und ich aufgefordert mitzukommen

* auf dem Flur wurden uns unsere Ausweise ausgehändigt, dann ging es in einen kleinen Büroraum

* als erster sollte ich mich auf einen Stuhl setzen, ein grünes Blatt Papier durchlesen und es unterschreiben

* ich las, daß ich mich nie wieder an nichtgenehmigten Veranstaltungen beteiligen werde und, daß ich keine Forderungen an die VP erhebe; der Passus, daß ein Ordnungsstrafverfahren gegen mich eingeleitet sei, war gestrichen

* ich weigerte mich, dies zu unterschreiben

* H. weigerte sich ebenfalls

* man sagte uns, daß wir dann da bleiben müßten

* wir antworteten - o Kay, dann gehen wir eben wieder zu den anderen

* wir wurden nach draußen geschickt

* nach ein paar Minuten wurde erst ich hereingerufen

* wieder sollte ich diesen Zettel unterschreiben, wieder weigerte ich mich

* mir wurde gesagt, daß man dann einen Zusatz machen müsse, daß ich mich weigere dies zu unterschreiben

* ich zuckte mit den Achseln

* dann wurde ich wieder rausgeschickt

* mit H. wurde das gleiche Spiel gespielt

* beide hatten wir nicht unterschrieben

* nun wurden wir beide auf den Hof geführt, dort stand ein brauner Barkas der VP, in den wir einsteigen sollten

* ich sagte ihnen, daß wir da nicht einsteigen; wir möchten erst einmal wissen warum wir einsteigen sollen und wohin es gehen soll

* daraufhin wurde uns gesagt, daß diese Genossen (es standen 3 VoPo's rum) extra aus Quedlinburg gekommen seien, um uns ins dortige VPKA zu bringen;

* ich sagte ihm, daß wir nicht einsteigen werden, weil wir selbst entscheiden werden, wann und wie wir nach Quedlinburg fahren und, daß wir erst das Haus verlassen, wenn wir wissen, daß alle Quedlinburger frei sind

* daraufhin wurde uns gesagt, wenn wir nicht gehen, müßten sie Gewalt anwenden

* ich sagte ihm, also wenn wir hier die Sache nicht mehr unter uns regeln können, muß es zwischen Staat und Kirche geregelt werden; ich verlangte, daß ich meine Dienststelle sprechen kann

* daraufhin wurde in barschen Ton gesagt, daß dies jetzt nicht geht; wir sollten wieder zurück ins Haus gehen

* dort wurden wir auf einem Gang von zwei VoPo's bewacht

* nach ca. 10 min. kam ein VoPo höheren Dienstgrades mit zwei Muskelmännern auf den Flur und fragte uns, ob wir uns entschieden hätten - entweder wir würden freiwillig in den Barkas steigen oder sie würden Gewalt anwenden

* ich fragte ihn, was das denn hieße, ob wir dann ins Gesicht geschlagen würden

* daraufhin sind die Muskelmänner auf H. zugegangen, er setzte sich auf den Boden; sie nahmen ihn an Händen und Beinen und zerrten ihn hinaus

* mir wurde von dem höheren Dienstgrad ins Gesicht geschrien, daß ich mich wie ein Mensch benehmen solle

* ich sagte ihm, daß er es sein müsse, der sich über sein Menschsein Gedanken machen solle und, daß er sich einmal die Menschenrechtskonvention durchlesen solle

* er brüllte mich an, daß ich kein Recht hätte über Menschenrechte zu reden

* ich brüllte zurück und sagte ihm, daß diese gewaltsame Behandlung Konsequenzen für ihn haben wird und daß er mir seinen Namen sagen soll

* er schrie, das mache ich nicht, ich laß hier nicht mit mir spielen, ich nicht, Sie spielen mit mir

* ich entgegnete ihm wieder ruhiger werdend, wer spielt denn hier mit wem?

* jetzt standen wieder die beiden Muskelmänner vor mir und fragten, ob ich es mir überlegt hätte

* ich sagte, daß ich nicht einsteigen würde und setzte mich auf den Fußboden

* daraufhin wurde ich an Armen und Beinen gepackt;
Arme und Beine wurden verdreht, um Schmerzen zu erzeugen.
So wurde ich zum Barkas getragen, in den ich dann geschupst wurde

* H. und K., der inzwischen auch im Barkas war, konnten mich gleich packen, so daß eine Verletzung durch sie verhindert wurde

* nun ging die Fahrt ab, nach Quedlinburg; der Hinweis, daß mein Auto hier in Leipzig sei und ich es mitnehmen will, indem ich vor dem Barkas fahre, wurde mit keiner Mine beantwortet

* gegen 12,45 waren wir in Quedlinburg und konnten sofort nach Hause gehen

* gegen 14,30 Uhr setzten wir uns in Richtung Leipzig wieder in Bewegung und waren gegen 16,30 Uhr wieder in Leipzig

* dort gab es ein herzliches Wiedersehen mit allen dort verbliebenen Quedlinburgern, die auf uns gewartet hatten und auf die ich wahnsinnig stolz bin, weil sie in halber Besetzung am Abend auf dem Markt unsere Spielszenen noch einmal gespielt hatten."

Titelseite Gedächtnisprotokoll 1989

Und beispielsweise so sahen damals dann die per Schreibmaschinen-Matrize erstellten "Druckerzeugnisse" im Kirchenumfeld und der Opposition aus. Einzig auf diese Weise wurden damals in der DDR staatsunabhängige Informationen in der DDR-Welt in Umlauf gebracht: Die Titelseite vom "Sonderheft aus der Haltestelle" vom 13.6.1989 mit dem hier abgedruckten Gedächtnisprotokoll.

 

 

 

 

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Dirk Matzen

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