EuroEyes-Cyclassics 2018:
  Pausen tun gut! Nach drei Jahren wieder bei
  den Cyclassics auf der 100 km-Runde

Ein Erlebnisbericht über das Jedermann-Radrennen in Hamburg im August 2018, mit 9 Bildern




Cyclassics 2018

Sonntag, 19. August 2018, das Jedermann-Radrennen EuroEyes Cyclassics. Nach meiner Zieleinfahrt kommen nur noch wenige Jedermänner ins Ziel gerollt. Aber es ist noch eine große Zuschauermenge da und feuert auch die letzten Fahrer an.

Nach drei Jahren wird es in diesem Jahr 2018 mal wieder Zeit, an dem Jedermann-Radrennen Cyclassics in Hamburg teilzunehmen! So jedenfalls lautet mein Beschluss im Januar des Jahres.

Einige Jahre lang ist es für mich immer einer der Höhepunkte des Jahres gewesen, an diesem Jedermann-Radrennen teilzunehmen. Also... nicht nur einer der radsportlichen Höhepunkte, sondern insgesamt im Laufe meines Jahre. Ein Radsport-Fest mitten in Hamburg - einer ansonsten nicht gerade fahrradfreundlichen Stadt.

Aber, tja - wie konnte es denn dann eigentlich zu dieser Pause kommen und dazu, dass ich im Jahr 2016 und 2017 gar nicht an den Cyclassics teilgenommen habe? Das frage ich mich selber in den Tagen vor den Cyclassics 2018, als bei mir die altbekannte Anspannung mal wieder etwas ansteigt:

 

Was war denn bloß mit den Cyclassics 2016 und 2017?

Nun - es gibt einige Gründe für meine Nicht-Teilnahme in den beiden Jahren. Der gewichtigste: Es war mir völlig klar, dass mein absoluter emotionaler Höhepunkt von den Cyclassics 2015 nicht zu übertreffen sein wird, wohl nie wieder. Damals nahm ich an den Cyclassics teil, fast auf den Tag genau ein Dreiviertel Jahr, nachdem ich eine Krebsdiagnose erhalten hatte. In den Wochen nach der Diagnose war gar nicht klar, ob ich zum Zeitpunkt der Cyclassics überhaupt noch leben würde - und dort mitzufahren, war ein berauschendes Gefühl, gesteigert durch grandiose Momente. Da waren die Cyclassics etwas ganz besonderes, mit hoher seelischer Bedeutung beladen. Und es kamen Momente, die mir sehr unter die Haut gingen und bei mir auch heute noch eine Gänsehaut erzeugen... Wer darüber mehr erfahren möchte, kann dies hier und meinetwegen auch hier nachlesen.

Es war mir klar: So eine hohe Emotionalität kommt nicht wieder! Und dann ist die Motivation geringer, die Cyclassics wieder anzugehen.

Etwas anderes, unfassbar Dämliches kam hinzu: Lange Zeit wurden die Cyclassics von einer kleinen Firma in Hamburg veranstaltet, die damit viel Erfahrung hatte - und auch das richtige "Feeling", die zahlende Kundschaft anzusprechen. Das allerdings änderte sich radikal, als die Hamburger Firma von einem "großen Fisch" übernommen wurde. Als die Cyclassics 2016 forsch angekündigt werden, klicke ich in dem Newsletter etwas unbedacht auf "interessiert mich" (oder so) - und werde mit einer sehr nervigen Email-Flut bestraft. Zweimal pro Tag kommt in der Folgezeit eine Mail in harschem Ton: "MELDE DICH JETZT AN!" oder "HEUTE NOCH ANMELDEN!". Puh! Einen Knopf zum Abbestellen dieses Unfugs gibt es nicht, doch als ich mir das per Mail dann verbitte, ist tatsächlich Ruhe. Nur die normalen Newsletter kommen noch. Es war wohl der nächste, in dem festgestellt wird, dass ich ja noch gar nicht zu den Cyclassics angemeldet sei. Und dümmlich-kindlich-nassforsch taucht die Frage auf: "BIST DU EIGENTLICH MANN - ODER MEMME?" Kann sein, dass ich eine Memme bin, aber ein Pubertist bin ich nicht mehr - aber vor allen Dingen bin ich zahlender Kunde. Also melde ich mich vom Newsletter ab! Verliere den Kontakt zu den Cyclassics, vergesse sie 2016 völlig.

2017 vergesse ich sie auch. Bis zum Tag des Rennens. Da radle ich gemütlich als Zuschauer an die Strecke und schaue mir eine Weile die Jedermänner und -frauen an. Und stelle fest: Es schmerzt mich, da nur zuzuschauen. Nächstes Jahr, da fährste wieder mit - sage ich mir. Es ist einfach zu blöd, diesen Hamburger Fahrrad-Festtag sausen zu lassen! Die Dämlichkeiten des Veranstalters ignorierst Du einfach, sage ich mir. Und soviel vorab: Das klappt prima.

 

Vorbereitung der Cyclassics 2018

Zusätzlich werde ich durch die Nachricht angespornt, dass es in diesem Jahr eine völlig neue Streckenführung für die 100 km-Strecke geben wird. Ich mag solche Veränderungen ja. Die alte Streckenführung, die von Hamburg aus nach Süden nach Niedersachsen in die Lüneburger Heide führte, fand nach vielen Jahren bei den Anwohnern kaum noch Akzeptanz. Erst recht, nachdem durch eine weitere Veranstaltung die gleiche Strecke genutzt wurde. Ich muss zugeben: Dafür habe ich durchaus Verständnis! Für die vielen lokalen Helfer (Feuerwehr, THW, Rotes Kreuz, Polizei) ist die Belastung durch diese Veranstaltungen nicht gerade gering - und das gesamte Renommee streicht Hamburg ein. Da kann man durchaus mal auf die Bremse treten. Finde ich okay.

Früh nach der Freischaltung der Anmeldung, melde ich mich dann tatsächlich an. Eine frühe Anmeldung spart ein paar Hände voll Euros. Ein anderer Gedanke bei der frühen Anmeldung: Dann bin ich sicherlich häufiger mal am Wochenende motiviert, mich auf mein Rennrad zu setzen und Kilometer zu machen. Zugegeben: Das klappt nur bedingt. Oder... eigentlich kaum einmal so richtig...

Auf jeden Fall gerate ich Anfang der Jahres zunächst einmal völlig aus dem Takt, was Fahrradfahren anbelangt. Nachdem ich vor zwei Jahren einfach großartige Erfahrungen mit dem Radfahren auf der Kanarischen Insel Lanzarote gemacht habe, dachte ich mir, in diesem Jahr eine Art kleines Trainingslager im Februar auf der Nachbarinsel Fuerteventura zu machen. Klappte nicht so: Das Wetter ließ eine Zeitlang kaum Fahrrad fahren zu, dann wurde ich etwas krank - ergo: Ich saß nur drei Tage auf dem gemieteten Mountainbike und nur eine Tour war richtig toll und hat Spaß gemacht.

Zurück nach Hause gekommen, empfängt mich der Winter mit Eis und Glätte - kein Fahrradfahr-Wetter für mich. Direkt anschließend werde ich über vier Wochen einen Infekt nicht los - und will alles, nur bitte keine verschleppte Erkältung. Schonzeit!

Anstatt relativ fit in das Frühjahr zu gehen, fange ich im April bei fast null an. Schnell wird es sommerliches Wetter, ideale Bedingungen für Fahrten auf dem Rennrad. Allein: Ich komme nicht so recht aus dem Quark, viel zu oft jedenfalls nicht. Lediglich vier, fünf mal gibt es längere Radtouren. Plus die täglichen 2 * 11 km Arbeitsweg.

Als weitere Ausrede für meine mangelnde Fitness kann ich noch anbringen, dass es in großen Teilen meines Sommerurlaubs ab Ende Juni mangels Straßen keine Möglichkeit zum Radfahren gab...

Vor meinem Sommerurlaub war dann sogar noch immer nicht klar, wie der Streckenverlauf für die Cyclassics 2018 sein wird. Durch die lokale Presse geistert die Information, dass es von Hamburg aus nach Osten gehen soll, in den Schleswig-holsteinischen Kreis Stormarn. Nur sei es so, dass keine Ortschaft das Spektakel vor der Haustür haben möchte. Alle würden sagen "Oh ja, Cyclassics - tolle Veranstaltung! Aber doch bitte nicht bei uns!" Lange Zeit ist es völlig rätselhaft, wo es langgehen wird.

 

 

 

Als ich dann Mitte Juli aus meinem Sommerurlaub zurück komme, gibt es die Strecke dann. Endlich! Ja, es geht in Hamburgs Osten, in den Landkreise Stormarn und ein wenig nach Herzogtum Lauenburg in Schleswig-Holstein. Die Stimmung entlang der Strecke scheint schlecht zu sein - ja, sogar eher desolat. Der Bürgermeister eines Ortes lässt in der Presse verlauten, dass die Cyclassics das Allerletzte sei, was er mit seinem (eigenen?) Dorf unterstützen würde. Ein anderer Bürgermeister schimpft, dass seine Einwohner in "Sippenhaft" genommen würden, die Menschen ihr Grundstück nicht verlassen dürften und jegliches Gemeinleben zum Erliegen käme. Die eine oder andere positive Stimme ist auch mal zu vernehmen, z.B. aus Großhansdorf, aber doch habe ich den Eindruck, das die Streckenführen mitten durch das allgemeine deutsche Jammertal hindurch führt. Wie da wohl die Stimmung am Renntag sein wird? Ob man uns mit faulen Eier und Tomaten beschmeißen wird? Oder werden die Straßen mit Reißnägeln und so mit Massenstürzen gepflastert?

 

Eine Proberunde auf der neuen Strecke

Wie dem auch sei - es ist Zeit, die Strecke kennen zu lernen! Also: Eine Proberunde ist jetzt nach meinem Urlaub fällig...

21. Juli 2018. Auch heute sprudele ich nicht gerade über vor Radel-Lust... Aber, nun gut, es gibt keine Terminkollisionen, eigentlich ja eine gute Gelegenheit! Um 15:40 Uhr (!) geht es endlich los, allerdings mit dem Trekkingrad. Bei Kennlern-Runden nutze ich auf Überland-Strecken gerne begleitende Radwege. Die sind üblicherweise in so schlechter Qualität, dass sie für Rennräder nicht nutzbar sind. Immerhin hat der Veranstalter eine gpx-Datei bereitgestellt. Ein wenig mühsam hangele ich mich durch den Samstags-Verkehr der Großstadt, von der Außenalster geht es entlang von großen Straßen nach Nordosten: Barmbek-Süd, Barmbek-Nord, Steilshoop, Farmsen, Berne - alles Gegenden der Stadt, in denen ich sehr selten unterwegs bin. Mit teilweise desolaten Radwegen. Schneller als vermutet bin ich in Ahrensburg und direkt anschließend in Großhansdorf. Dort registriere ich immerhin direkt neben der Strecke eine U-Bahn-Station, die mich zur Not nach Hamburg zurückbringen kann... Kurz hinter Hoisdorf, nach knapp 40 km, ist die erste größere Pause fällig. Irgendwie bin ich gar nicht gut drauf. Leichte, kurze Anstiege bei Grönwohld und vor Linau erscheinen mir wie alpine Herausforderungen. Gerade mal 50 km sind auf der Uhr und ich bin ziemlich am Ende. Mein einsamer Kampf hier in der Gegend, in der es keine öffentlichen Verkehrsmittel gibt: Ich muss also weiter radeln. Zu meiner Verblüffung geht es immer weiter nach Osten - wird es nicht langsam Zeit, wieder in Richtung Hamburg zu fahren? Die Landschaft ist großartig, aber ich hangele mich weiter mühsam durch: Koberg, Köthel, Mühlenrade - zehn Minuten Pause! Jede Bank am Wegesrand will ich jetzt nutzen: Nichts geht mehr. Bald tauche ich ein in den Sachsenwald. Sieben Kilometer durch den hügeligen Wald - was für eine Qual! Entsetzlich! Aber ich weiß: Kurz hinter dem Sachsenwald komme ich nach Aumühle - und dort gibt es eine S-Bahn, die mich bis einen Kilometer an meine Wohnung heran bringen kann. Gott sei Dank! Völlig verschwitzt und abgekämpft komme ich nach insgesamt 80 km Fahrt dort an - es dämmert auch schon langsam. Der Schreck folgt auf dem Fuße: Es steht zwar eine S-Bahn in der Station, diese fährt ab nur bis zur nächsten Station Bergedorf. Danach ist die Strecke dann stillgelegt, wegen Baumaßnahmen. Wie so oft während der Schulferien. Was nun? Was soll ich in Bergedorf? Das würde mir gar nicht helfen. Wohl oder übel muss ich weiter. Nach ein paar Kilometern auf der Cyclassics-Strecke eine Überraschung: Mein GPS-Gerät beharrt darauf, dass ich die Straße verlassen muss, um einen etwa zweieinhalb Meter breiten Wirtschaftsweg zu fahren, und das auch noch leicht bergauf. Hier sollen tatsächlich 10.000 Jedermänner unfallfrei durch? Aber zweifelsfrei ist das richtig hier - mama mia, das kann ja lustig werden! Ich jedenfalls brauche einstweilen mal wieder eine Pause, sitze direkt danach auf einer Bank zehn Minuten lang rum, trinke, soviel ich kann, höre hier irgendwo im nirgendwo von irgendwoher dröhnende Musik schallen und starre erschreckt vor mich hin. Dass ich soo unfit bin, dass ich mich nur von Pause zu Pause hangele, das hatte ich nicht gedacht. Was tun? Ein paar Kilometer sind es bis Glinde - und dort steht eine Entscheidung an: Weiter auf der Strecke - oder abbiegen zur nächsten U-Bahn-Station in ca. 10-15 km Entfernung? Letzteres mache ich dann. Habe ein paar Probleme mit der Orientierung, kenne mich dort nicht aus und habe auch keine Karte mitgenommen. Als ich bei der U-Bahn-Station ankomme, bin ich nach insgesamt 97 km dermaßen erschöpft, es ist mir richtig schwummrig, dass ich erstmal zwei Bahnen der im 10-min-Takt verkehrenden Züge fahren lasse, um mich ein klein wenig zu erholen und um mich dann auf den Beinen halten zu können. Sonst würde ich in der U-Bahn womöglich noch vor Entkräftung umkippen oder müsste mich vor Erschöpfung übergeben, sagt mir mein sicheres Gefühl. Als ich daheim ankomme, ist es schon tiefe Nacht - und ich habe die Erkenntnis gewonnen, dass ich heute deutlich über meiner Grenze gegangen bin, obwohl ich weit davon entfernt bin, die ganze Cyclassics-Runde in entsprechender Geschwindigkeit zu fahren. Vorsicht ist da geboten für den Tag des Rennens. Keine Überforderung, bitte! Schließlich bin ich keine 20 mehr.

Mühsam pegele ich mich in den folgenden Wochen auf die Erkenntnis ein, dass es in diesem Jahr wohl nicht für eine komplette Runde reichen wird. Sei vernünftig, sage ich mir immer wieder. Wenn nichts mehr geht, dann setzt Du Dich halt mal wieder auf eine Bank, wartest auf den Besenwagen und fährst mit dem Bus zurück. Im Laufe der Wochen verinnerliche ich dieses Gefühl und finde das ganz okay. Ganz auf die Cyclassics zu verzichten, weil ich nicht fit genug bin, ist keine Option! Dafür mag ich diese Veranstaltung doch zu sehr. Die eine oder andere Runde drehe ich noch in den folgenden vier Wochen - komme aber über 69 km Wegstrecke nicht hinaus. Die mittlere Distanz der Cyclassics sind in diesem Jahr jedoch fast 109 km...

Und dann stehen die Cyclassics unmittelbar bevor. Meine Strategie ist völlig klar: Ich gehe es ruhig an, wie immer. Bei meiner letzten Teilnahme bin ich ja ganz bewusst ganz hinten am Ende des Feldes gestartet. Mein Versuch, als allerletzter des Feldes zu starten, klappte nicht so ganz - aber mir gefiel es, das Rennen und das gesamte Teilnehmerfeld vor mir zu haben und komplett selbst bestimmen zu können, wie ich fahre, ob allein, in einer Gruppe oder hinter einem Pulk. Für mich die perfekte Renntaktik, die sich bewährt hat - und genau das will ich in diesem Jahr wiederholen.

Am Donnerstag, den 16.8.2018, mache ich extra früh Feierabend, um zeitig bei der Ausgabe der Startnummern für die Cyclassics zu sein und nicht in langen Warteschlangen zu stehen. Auch diese Taktik klappt perfekt: Nach zwei Minuten habe ich Startnummer und Starterbeutel (wie ich später lese, kommt es an den Folgetagen dort zu einem "Chaos" mit enormen Warteschlangen). Bei meiner Anmeldung für die Cyclassics habe darauf verwiesen, dass meine erwartete Durchschnittsgeschwindigkeit 26 km/h ist - das absolute Minimum über die 100 km Strecke (die dann ja durch die komplizierte Planung auf 109 km angewachsen ist). Verblüfft stelle ich nun fest, dass man mich in den Starterblock "I" eingeteilt hat. Warum nur? Der hinterste Starterblock ist "N" - und da will ich hin, und dort dann auch ganz nach hinten.

Am Samstag, den 18.8.2018, steigt mein "Rennfieber" langsam aber sicher an. Schon in der Woche zuvor habe ich ich dieses angenehme Gefühl, dass sich meine Gedanken mehr und mehr auf dieses Ereignis fixieren. Und dieses Gefühl mag ich sehr, es ist zwar eine Mischung aus Vorfreude, Verunsicherung, Konzentration und Ungewissheit - aber es nimmt mich ein. Nun, am Tag vorher, geht es gedanklich nur noch um die Cyclassics. Viel trinken heute, die richtige Nahrung und eine Pastaparty, noch ein paar Energieriegel für die Fahrt selber und den Drink für hinterher kaufen, das Fahrrad vorbereiten und noch einmal checken, das richtige Trikot raussuchen und präparieren. Heraussuchen, was man mitnimmt und alles bereitlegen. Alles läuft, wie am Schnürchen. Trotz drei Jahren Pause mit Jedermannrennen.

 

Die Cyclassics 2018 über 100 km - mein persönliches Rennen

Und dann ist der Tag des Rennens auch schon ruck-zuck da, Sonntag, der 19.08.2018

Der Ablauf des 19. August 2018, dem Renntag, wie üblich im Einzelnen aufgeschrieben:

Nachdem der Wecker mich für einen Sonntag doch etwas zu früh aus meinen Träumen geholt hat, spule ich mein übliches Programm vor solchen Rennen ab. Das Frühstück fällt vergleichweise üppig aus: Eine Banane, drei Scheiben Vollkornbrot und ein Liter Wasser. Ich brauche heute Energie und Flüssigkeit! Meine heimliche Hoffnung: Vielleicht war ich vor vier Wochen ja nur darum so jämmerlich drauf, weil ich nicht genug Energie und Flüssigkeit geladen hatte und eigentlich völlig unvorbereitet losgefahren bin? Jedenfalls habe ich zwei mit salzigem Leitungswasser gefüllte Literflaschen am Fahrrad dabei und drei Energieriegel in der Trikottasche. Es sind am Morgen 16 Grad Temperatur, grauer Himmel, allerdings soll es keinen Regen geben, und es weht ein mäßiger Wind aus Südwesten.

7:45 Uhr: Es geht rauf auf mein schönes, zuverlässiges Rennrad. Die Startaufstellung für "meinen vorgesehenen" Starterblock I beginnt in 15 Minuten, der Start dort ist in einer Stunde. Aber ich will ja nach hinten in "N" starten. Dort erfolgt der Start um 9:20 Uhr. Meistens klappen die Startzeiten bei den Cyclassics recht präzise. Irgendetwas fühlt sich heute Morgen allerdings echt komisch an - ich komme aber nicht so richtig dahinter, was es ist... Gemütlich rolle ich die noch morgendlich verschlafene Nebenstrasse entlang, die ich jeden Morgen auf dem Weg zur Arbeit in dichtem, stressigem Kuddelmuddel erlebe. Und plötzlich, nach knapp einem Kilometer, durchfährt es mich: Ich habe keine Handschuhe an! Das geht ja gar nicht! Immer, selbst auf dem Weg zur Arbeit, trage ich Fahrrad-Handschuhe. Nur heute, heute vergesse ich sie! Das war es also, was sich irgendwie komisch anfühlte. Es ist ja auch kein Drama, ich kann schnell noch zurückfahren - aber bin doch über meine Schluderigkeit irritiert. Die Handschuhe sind schnell gegriffen - sie passen wie angegossen und seit meinem allerersten Jedermann-Rennen, dem Velothon in Berlin 2010, verwende ich diese Handschuhe nur für Rennen - auch eine Form von Aberglaube.

8:10 Uhr: Ich bin im Startbereich an der Alster angekommen. Es ist hier noch relativ leer. Ein wenig fahre ich noch hin und her, den leeren Startbereich der schon längst gestarteten 55 km-Fahrer entlang. In beeindruckender Geschwindigkeit werden die vielen Absperrgitter hier abgeräumt. Noch, während ich durch die Gegend rolle, sieht es hier fast so aus, als sei gar nichts gewesen.

Cyclassics 2018, 100 km Startblock N

Anstatt in meinen Startblock "I" zu gehen, entscheide ich mich für den allerletzten Startblock "N" - der noch fast leer ist, als ich mich dorthin geselle.

 

 

 

8:30 Uhr: So recht weiß ich nicht, was ich hier sonst noch machen kann - also stelle ich mich in den Startblock N. Er ist nach hinten noch viele hundert Meter lang seitlich abgesperrt, es ist noch nicht erkennbar, wo er endet. Ca. 20 Leute bevölkern ihn derzeit. Ich stelle mich irgendwo nach ca. 15 m an die Seite, wo ich mein Rad schön an die Absperrung lehnen kann. Ein wenig Langeweile kommt auf. Allerdings nicht lange. Direkt vor mir stellt sich ein Fahrer ebenso an die Absperrung, mit einem etwas historischen Rennrad - und auch er ist wohl ein paar Jahre älter, als ich. Ruckzuck sind wir im Gespräch - und er beeindruckt mich! Von seinem Körperumfang her sieht er eigentlich nicht gerade sonderlich sportlich aus - aber er kommt eigentlich vom Triathlon. Vorher auch etliche Marathons. Für die Cyclassics hat er sich kurzentschlossen nachgemeldet, als das Wetter als einigermaßen stabil angekündigt wird. Er ist gut drauf und verbreitet richtig gute Laune. Wir plaudern angeregt. Zum Beispiel über das Wahrmachen von Träumen. Er hat dies vor einigen Jahren gemacht, als er genau an seinem 50. Geburtstag den New York-Marathon gelaufen ist. Wow, denke ich - was für eine große Nummer! Wie toll ist das denn? Eine Weile sinnieren wir darüber, wie schön es doch ist, sein Sport-Hobby mit Reisen zu verbinden. Selbst, wenn es dabei, wie bei mir ein paar Jahre lang, nur nach Berlin, Frankfurt oder Köln geht...

Da mischt sich die zauberhaft hübsche junge Frau in das Gespräch ein, die sich direkt hinter uns an das Absperrgitter gestellt hat und die... zugegeben... mir schon länger ins Auge stach. Auf English spricht sie mich an: Ob denn die Strecke gebirgig sei? Ihr osteuropäisch klingender Akzent fällt mir sofort auf. Nein, sage ich - also wirklich! Nix gebirgiges hier! Die Strecke ist total flach. Okay, es gibt zwei Berge, mit Steigungen von 40 m Höhe bis auf knapp 80 m Höhe, erläutere ich noch (verschweige aber schamvoll, dass ich mich bei meiner Proberunde an diesen "Bergen" so verausgaben musste, dass ich fast, ahem, pardon: kotzen musste). Allgemeines Lachen. Es stellt sich raus, dass die junge Dame aus Moskau kommt - und extra für die Cyclassics nach Hamburg gekommen ist! Schon wieder: Wow! Soviel zum Thema Reisen und Hobby-Sport miteinander zu verbinden... Auch hier bin ich wieder beeindruckt! Extra für die Cyclassics aus Moskau anreisen, gar nicht mal mit besonderen touristischen Absichten - was für ein enormer Aufwand (und was für ein Glück für mich, so etwas fast direkt vor der Haustür zu haben)! Bewundernswert, das muss echte Liebe zum Sport sein! Sie kommt auch eigentlich vom Triathlon und will das Radfahren trainieren und auch mal richtiges Gruppenfahren kennenlernen (was beim Triathlon ja verboten ist). Ihr Mann hat bei den 160 km gemeldet und würde weiter vorne im Starterfeld stehen. Ah yes, your husband, lächle ich - ja, die 160 km sind eine wesentlich härtere Nummer, merke ich an, auch, wenn man dort mittlerweile die vorausgesetzte Mindestgeschwindigkeit auf nur 29 km/h herabgesetzt hat. Sorgen macht sie sich, was wohl ist, wenn sie nicht mehr kann oder einen Defekt hat. Alles kein Problem, erläutere ich: Es fahren Busse und Lieferwagen hinter dem Feld, die Fahrrad und Personen einsammeln, die hinter dem Feld landen. Sie ist beruhigt - da kann ich mich ja verabschieden von den beiden. Denn es ist mir mittlerweile viel zu voll geworden um uns herum: Der Startblock wird voller und voller. Und inzwischen gibt es eine Abgrenzung nach hinten. Da will ich hin! Ganz nach hinten.

Dort lerne ich Manfred kennen. Er spricht mich auf das Trikot des Münterland Giro 2012 an, das ich trage (mit der sinnigen Aufschrift "Wind? Schult den Charakter!"). Münster - da sei er ja auch meistens dabei! Bei den Cyclassics jetzt das 17.mal. Dreimal will er noch! 77 Jahre sei er alt. Es ist kein Schmeicheln, als ich ihm sage, dass man ihm dies nicht im Geringsten ansieht. Ein wunderbares Gespräch entspinnt sich, über das Leben als solches, über Probleme, die das Leben so macht, ob man dann besser in Wehklagen verfällt und sich doch besser auf das Fahrrad setzt. Manfred fährt jedes Jahr zwischen 12.000 und 15.000 km auf dem Rad, und wenn es eben 20 km zum Einkauf ist, ist das doch kein Problem, oder? Auch Manfred beeindruckt mich, sehr! Kurzerhand erkläre ich ihn zu meinem Vorbild für die nächsten 20 Jahre. Was die Cyclassics angeht, ticken wir ganz ähnlich: Wir möchten möglichst ungestört eine zügige, flotte Runde drehen, uns aus jeglichem Kuddelmuddel mit "Rennfahrern" heraushalten und ganz hinten starten. Ach ja, es sind ja Cyclassics! Fast hätte ich es über die netten Gespräche vergessen!

Aber: Diese Begegnungen schildere ich so ausführlich, um zu zeigen: Cyclassics ist, wenn man denn will, nicht "nur" Radrennen! Man kann Gleichgesinnte treffen, Menschen die auf verschiedenste Arten und Weisen beeindruckend sind. Schon allein das ist toll!

Cyclassics 2018, Trenga-Rennrad

Mein zuverlässiges Rennrad wartet nach drei Jahren mal wieder auf einen Einsatz. Ich aber auch...

 

 

 

9:25 Uhr, Hamburg-St. Georg - An der Alster, -1200 m: Mein Startblock kommt in Bewegung, mit wenigen Minuten Verspätung - nicht erwähnenswert. Ich bin so vertieft gewesen in das Gespräch mit Manfred, dass ich gerade gar nicht richtig beieinander bin. Vor drei Jahren war ich ja auch ganz hinten gestartet - da gab es ja geradezu absurde Szenen dadurch, dass sich das hinterste Feld in knapper Fußgängergeschwindigkeit in Bewegung setzte, fast gab es Stehversuche, das große Feld war binnen Minuten hunderte Meter entfernt und wir eierten ganz gemächlich hinterher. Das ist heute anders. Während ich noch damit beschäftigt bin, mein "normales" Tacho zu nullen, mein GPS-Gerät wieder einzuschalten, meinen Helm zurecht zu rücken, meine Brille aufzusetzen und meinen rechten Schuh einzuklinken - fahren die anderen einfach los, und das recht zügig. Als ich mit allem fertig bin, hinke ich schon 20-30 m hinter. Alles ja kein Problem, wir sind ja rund einen Kilometer von dem offiziellen Startbogen entfernt, aber ich bin richtig verdattert, dass es diesmal so zügig vonstatten geht. Vor lauter Krimskrams komme ich gar nicht dazu, noch irgendwelche Startfotos zu machen. Überhaupt merke ich, dass meine Lust, heute Fotos zu machen, gering ist und mich eher stört...

9:27 Uhr, Hamburg-Hohenfelde - Schwanenwik, Start, 0 m: Immer noch mit meinem Technik-Krams beschäftigt, geht es durch den Startbogen. Zuschauer klatschen. Und grinsen über den Dödel, der da wild herumfummelnd allein hinterher fährt. Immerhin: mein GPS-Gerät hat seine Satelliten rechtzeitig geortet, ich starte es kurz hinter dem Startbogen. Nachdem ich mein "normales", altes Tacho in die Fassung gesetzt habe. Ein Blick nach hinten zeigt: Ja, dieses Mal bin ich wirklich der letzte Starter! Der aller-allerletzte, der von ca. 15.000-16.000 Fahrern auf die Reise geht (damals hatte sich noch jemand ganz nach hinten gedrängt...).

9:30 Uhr, Hamburg-Barmbek-Süd - Hamburger Straße, km 1,5: Ein erheblicher Unterschied zu vor drei Jahren: Es geht recht flott auf die Reise. Und im Unterschied zu damals sind überhaupt keine Trödler da, kein einziger. Ich habe Anschluss an eine etwa 15 Fahrer starke Gruppe, die mit etwa 33 km/h unterwegs sind. Das ist jetzt nicht gerade die Wahnsinnsgeschwindigkeit - aber doch zügiger, als die etwa 30 km/h, die ich mir vorher vorgenommen habe, um meine Kräfte zu schonen. Allerdings ist mir klar: Wenn ich jetzt diese 30 km/h fahren würde, dann würde ich schon jetzt zurückfallen und ganz alleine fahren müssen. Keine schöne Alternative. Also bleibe ich "dran", fahre mit dem Trupp mit, mal gucken, wie das so läuft.

9:36 Uhr, Hamburg-Barmbek-Nord - Alte Wöhr, 4,5 km: Manfred mit seinen 77 Jahren - direkt vor mir fährt er ganz sauber, ganz gerade, wie auf Gleisen. Ein routinierter, sicherer Rennradfahrer. Auch die meisten anderen aus der Gruppe scheinen mir sichere und umsichtige Fahrer zu sein. Wahrscheinlich haben sich alle ganz bewusst dafür entschieden, hinten zu fahren, um jegliches Durcheinander mit Ehrgeizlingen aus dem Weg zu gehen. Ganz vorne acht Fahrer im gleichen Trikot einer Firma, die scheinen super aufeinander eingespielt zu sein. Richtungswechsel werden gründlich und rechtzeitig angezeigt - alles scheint mir prima zu sein. Also sollte ich einfach mit diesen Leuten mitfahren. Hier und da tauchen die ersten klatschenden Zuschauer auf - ohne sie wäre es bei den Cyclassics ja oft ziemlich langweilig. Auch für die Einheimischen ist die neue Streckenführung ja ungewohnt. Und noch etwas fällt mir auf: Noch nicht einen einzigen Fahrer haben wir überholt! Ich fahre immer noch ganz hinten von dem gesamten Feld, etwa fünfzig bis hundert Meter hinter uns brumselt ein Polizeimotorrad, das das Ende des Feldes anzeigt.

 

 

 

9:41 Uhr, Hamburg-Steilshoop - Steilshooper Allee, 6,9 km: Die ersten zwei Überholungen hat unsere Gruppe inzwischen bewältigt - und ich bin richtig beeindruckt, wie sauber diese von der Gruppe angezeigt und durchgeführt wurden. Es war also eine wirklich gute Entscheidung, hier mit der Gruppe mit einer Reisegeschwindigkeit von 30-33 km/h mitzufahren. Das geht nach ein paar Kilometern "Einrollen" völlig mühelos. Aber ich bin auch immer noch durchaus verblüfft, wie sehr sich dieses Rennen von dem vor drei Jahren unterscheidet. Damals hatte ich ohne Gruppe ja schon nach etwa einem Kilometer sechs, sieben, acht andere versprengte Einzelfahrer überholt. Aber, auf der anderen Seite: Ich habe jetzt genau das, was ich will - keinerlei Unruhe im Fahrerfeld um mich herum, kann einfach zügig fahren, zusammen mit ein paar anderen Gleichgesinnten. Ab und schließe ich auf zu Manfred und wechsele ein paar Worte mit ihm.

9:47 Uhr, Hamburg-Farmsen - Am Luisenhof, 10,2 km: Ruhig und gesittet geht es weiter, ein winziger Anstieg in Farmsen lässt doch tatsächlich die Geschwindigkeit absacken. Auch kein Problem, dann kann man den am Straßenrand frühstückenden Zuschauern ja mal eine Kusshand zuwerfen. Ich habe meinen Spaß - und einstweilen läuft alles, alles rund: Ich fühle mich eins mit den Fahrrad.

10:00 Uhr, Hamburg-Berne - Meiendorfer Straße, 16,7 km: Da ist er! Schon seit einigen Kilometern spüre ich ihn - nach drei Jahren endlich mal wieder! Da ist er, dieser ungeheure Sog, den die ungestörte Fahrt auf dem schönen, glatten Auto-Asphalt mit sich bringt - alle Ampeln ignorierend. Der Sog, den alle Fahrer in einem solchen Rennen und auch meine körpereigenen Drogen entwickeln. Dieses Gefühl des Sogs ist etwas völlig anderes, als beim Radfahren für sich allein oder auf einer Radtour mit ein paar Leuten. Ich kenne nichts Vergleichbares! Es ist berauschend! Vielleicht ist es beim Laufen oder ähnlichen Veranstaltungen vergleichbar - ich weiß es nicht. Es ist wie eine Droge - und ich habe das Gefühl, ich bin voll davon. Bin aber auch alt und erfahren genug, um zu wissen, dass es besser ist, dem nicht so richtig nachzugeben (auch, wenn die verblüffend vielen Zuschauer hier am Hamburger Stadtrand dazu animieren) - dann fährt man sich zu schnell kaputt und alles tut nach 40/50 Kilometern weh. Also: Ganz stoisch mit 31-33 km/h weiter. Läuft doch prima!

10:10 Uhr, Ahrensburg - Hamburger Straße, 22,3 km: Die ersten "Gefahrenstellen", also Kreisverkehre, scharfe Kurven oder Kombinationen aus Abbiegungen hat meine Gruppe hinter sich gebracht - ohne jegliche Probleme. Fast habe ich das Gefühl: Ein wenig übervorsichtig. Aber, halt: Das gibt es gar nicht! Alle müssen mit für sich selbst optimaler Umsicht und Vorsicht durch solche Hindernisse durch und es ist einfach gut, wenn sich die Fahrer sicher verhalten. Gut so - meine Gruppe funktioniert so gut, dass ich mich damit weiterhin wohl fühle. Auf meinem Rad fühle ich mich auch immer noch wohl. Gerade sind wir nach Schleswig-Holstein gekommen und fahren durch die 32.000 Einwohner-Stadt Ahrensburg. Dort hat es vor den Cyclassics viel Kritik an der Veranstaltung gegeben, die Feuerwehr sah sich außerstande, die Sicherheit in der Stadt zu gewährleisten, wenn es Streckensperrungen geben sollte. Also wird Ahrensburg jetzt eigentlich nur am Rande gestreift. Nun kommen wir hier ein Stückchen durch - und ich staune über die vielen, vielen Zuschauer am Straßenrand und über deren Begeisterung und Anfeuerung auch für uns ganz hinten fahrenden. Auch, wenn wir inzwischen vielleicht zwei Dutzend andere Fahrer hinter uns gelassen haben. Auch die scharfen Kurven in Ahrensburg, die nötig sind, um uns nicht ins Stadtzentrum kommen zu lassen (die große Sehenswürdigkeit, das Schloss, sehen wir nicht), sind kein Problem für unsere umsichtige Gruppe.

10:23 Uhr, Großhansdorf - Eilbergweg, 29,2 km: Die Begeisterung der Zuschauer setzt sich direkt hinter Ahrensburg auch in Großhansdorf fort. Eine Besonderheit: Dort hatte sich der Bürgermeister im Vorfeld eher beglückt gezeigt. Die Cyclassics sei das größte Ereignis, das es je in Großhansdorf gegeben habe! Aha - so geht's also auch... Es geht im Ort ein wenig links und rechts - da schaffe ich es oft nicht, zu gucken, ob es meinen sportaffinen, in Großhansdorf wohnenden und jetzt im Ruhestand befindlichen Ex-Kollegen an die Strecke getrieben hat. Komisch: Fast 30 km sind rum und noch immer fühle ich mich nicht sonderlich angestrengt. Selbst mein Pulsschlag geht kaum einmal über 130 Schläge pro Minute hinaus.

Cyclassics 2018, Verpflegungspunkt

Der Verpflegungsstopp am Hamfelder Hof ist gut besucht. Kein Wunder bei der Freundlichkeit und dem Apfelkuchen!

 

 

 

10:37 Uhr, Lütjensee - Trittauer Straße, 37,0 km: Hoisdorf haben wir längst hinter uns gelassen. War es wirklich so, dass ich auf meiner Proberunde dort ganz dringend eine Pause brauchte (und machte)? Was für ein Unterschied zu der heutigen Fahrt! Nach wie vor läuft alles einfach rund. Meine Begeisterung steigt jedoch beständig weiter. Hauptgrund dafür: Die tolle Stimmung an der Strecke. Meine Skepsis, ob die Leute hier im Kreis Stormarn dieses Spektakel überhaupt annehmen, löst sich auf und weicht vorbehaltloser Begeisterung. Es gefällt mir großartig, hier durch die Dörfer zu fahren. Offenbar gefällt es vielen Leuten doch nicht so richtig, schmollend auf dem Sofa zu sitzen und sich in "Sippenhaft" zu fühlen. Unsere Fahrt geht an unzählbaren Familienfrühstücken, Nachbarschaftsfesten und Dorffeiern entlang, gern auch mal richtig professionell mit einem Getränkestand. Wo immer es geht, zeige ich den Zuschauern meine Freude darüber - und bin da nicht der einzige. Hatte da wirklich irgendjemand beklagt, dass die Dorfgemeinschaft durch eine solche Veranstalt höchst gefährdet sei? Was ich hier sehe und erlebe, ist das genaue Gegenteil - man trifft sich allerorten und hat gemeinsam seinen Spaß. Das ist doch großartig! Sehr schade jedoch: Irgendwie ist uns irgendwo Manfred abhanden gekommen - vielleicht konnte er diese konstanten 32-33 km nicht mehr mitgehen. Ich habe das gar nicht gemerkt, dass er abreißen ließ. Bei einigen Überholmanövern auf den letzten Kilometern, manchmal von kleinen Grüppchen, ging es etwas durcheinander mit den dann überholten Fahrern und man musste aufpassen, um nicht abreißen zu lassen.

10:46 Uhr, ein Stück hinter Grönwohld, 42,2 km: Grönwohld war ein Dorf mit einer besonders schlechten "offiziellen" Stimmung - vor den Cyclassics. Aber auch hier gibt es keine faulen Eier oder Reißzwecken auf der Straße, sondern das Dorf feiert sich selbst und uns. Die "inoffizielle" Stimmung ist fantastisch. Aber dann, ein Stückchen weiter, passiert etwas, was ich bei einem solchen Jedermannrennen noch nie erlebt habe: Ein Auto kommt uns entgegen! Okay, immer mal wieder fahren Rettungswagen durch das Feld der Fahrer - kennt man. Und auch Motorradfahrer von Polizei und Rotem Kreuz haben das Fahrerfeld kontinuierlich genau im Blick, wuseln vor und auch mal zurück - glücklicherweise! Aber ein Privat-PKW, der uns einfach so auf der Straße entgegen kommt? Nicht besonders vorsichtig, nicht besonders langsam auf der rechten Seite fahrend, sondern flott nahe dem Mittelstreifen. So etwas kann "aus Versehen" eigentlich gar nicht passieren während eines solchen Ereignisses, das ist nahezu unmöglich. Ob es sich um einen dringenden Notfall handelt? Dann mache ich als Autofahrer Licht an, fahre rechts und hupe zur Vorwarnung... Wer sich jedoch so, wie dieser verhält, dadurch die Gefährdung etliche Radfahrer in Kauf nimmt, bewegt sich wohl am Rande einer Straftat. Höchstwahrscheinlich handelt es sich also um eine Art "privater Protestaktion" unter dem Motto "MEINE Straße gehört MIR, IMMER!" - anders ist das Verhalten nicht interpretierbar. Aber wieder kann ich die Gruppe, in der ich fahre, nur loben: Es gab sofort laute Warnrufe, Handzeichen, völlig angemessene Hektik - und letztlich gab's keine Probleme. Aber allen fuhr der Schreck gewaltig in die Knochen und bei etlichen setzte ein länger anhaltendes Kopfschütteln ein.

10:57 Uhr, Linau - Wentorfer Straße, 48,1 km: Linau, ein doppelter Höhepunkt auf der Strecke. Ja, wo ist denn nur dieser entsetzliche, 77 m hohe Berg vor und in Linau geblieben? Völlig erschöpft hatte ich mich vor vier Wochen hier hinauf gerobbt. Jetzt merke ich fast nichts von dem längeren, sehr seichten Anstieg. Aber Linau ist in der Zeit vor den Cyclassics auch der Gipfel der Ablehnung gewesen. Und es wird kurz vor den Cyclassics extra noch ein 4,5 km langer Umweg in die Strecke eingebaut (war bei meiner Proberunde noch nicht dabei), wohl, damit das 600 m lange Dorfzentrum unbehelligt bleibt und der Bürgermeister "so etwas" keinesfalls unterstützen muss. Aber auch hier gibt es keine Prügel, keine Blockade und keine vergammelten Tomaten für Radfahrer. Die Einheimischen sammeln sich, klatschen freundlich, rasseln mit ihren Rasseln, als wir das Dorf dann doch kurz streifen.

11:11 Uhr, Köthel - An de Kirch, 56,4 km: Es geht durch die geteilte Ortschaft Köthel. Geteilter Ort? Ja - ein Teil von Köthel liegt in Kreis Stormarn, ein Teil im Kreis Herzogtum Lauenburg. Immerhin beides in Schleswig-Holstein... Aber für einen Cyclassics-Fahrer ist das ja nun mal völlig egal! Nicht so egal ist, dass sich in und um Köthel die Fahrtrichtung deutlich ändert. Bisher war der südwestliche Wind noch unser Freund - jetzt geht es wieder in Richtung Hamburg und der nicht sehr starke, aber doch spürbare Wind kommt schräg von vorn. Es wird anstrengender, mühsamer. Für alle. Mein Puls steigt umgehend.

 

 

 

11:16 Uhr, Mühlenrade - Hamfelder Hof, 58,5 km: Pause! Der offizielle Verpflegungsstopp - an einem wohlbekannten Ort: Der ökologischen Meierei der Bauerngemeinschaft Hamfelder Hof. Nebenbei kleiner Sponsor von Hobbyrennradlern, die ihrerseits dann in total auffälligen weiß-schwarz kuhgefleckten Trikots unterwegs sind. Vor dem Rennen dachte ich: Wäre doch prima, wenn ich es bis dahin schaffe! Nun bin ich fast ein wenig unwillig, eine Pause zu machen - weil es doch einfach gut läuft. Doch als ich sehe, dass die meisten meiner Gruppe (nicht alle) hier für eine Pause abbiegen, entscheide ich mich auch noch dazu. Acht Minuten verweile ich bei dem typischen Radler-Menü: Iso-Getränk (also so eine Art Zuckerwasser), reines Leitungswasser, Bananenstücke, Orangenscheiben, Energieriegelstücke und... Kuchen! Die allgemeine Stimmung hier ist locker-entspannt, lustig geht's zu. Ich höre den Ruf "Boah - ist der Apfelkuchen lecker!" Denke: Da muss ich hin! Als ich mir ein Stück verlockenden Apfelkuchen schnappe, meint jemand neben mir - also, seine Zeit sei ihm jetzt ja völlig egal, aber seine sieben Stücke Apfelkuchen, die könne ihm keiner mehr nehmen und die seien ja viel toller, als jede Cyclassics-Zeit sein kann. Allgemeines Gelächter, gerade auch bei den freundlichen Helfern vom Hamfelder Hof :-))) Vielleicht sollte ich zur Ehrenrettung anmerken, dass die Apfelkuchen in Viertel geschnitten sind? Gesättigt und auch erleichtert schlendere ich wieder in Richtung meines Fahrrades - als ich sehe, dass die meisten von "meiner" Gruppe sich gerade wieder "vom Hof" (im wahrsten Sinne des Wortes...) machen, beeile ich mich, dass ich hinterher komme. Insgesamt hat mich diese Pause geschlagene neun Minuten gekostet. Aber es tut auch mal gut, sich mal auf die Füße zu stellen und den Rücken gerade zu machen. Aber von Stund an zeigen mein GPS-Gerät (es misst die Zeit auch während des Stillstands) und mein altes Tacho (es misst nur die Zeit während der Fahrt) zwei unterschiedliche Geschwindigkeiten an - ziemlich genau zwei km/h Durchschnittsgeschwindigkeit hat mich die Pause gekostet. Sie liegt jetzt nur knapp über 30 km/h. Aber das ist doch egal: Der Apfelkuchen war wirklich lecker!

11:37 Uhr, Kuddewörde - Möllner Straße, 65,7 km: Apropos Rücken! Was ist nur los? Warum habe ich keine Rückenschmerzen? Eigentlich kenne ich von solchen Rennen, dass so etwa nach 50/60 km mein Rücken ziept, der Nacken und die Schulter etwas schmerzen, der Po sich, ja, "gnupperig" anfühlt, die Hände müde werden und einschlafen. Davon merke ich heute nichts, überhaupt nichts, bisher jedenfalls - und immerhin sind fast zwei Drittel der Strecke schon vorbei. Wie ungewöhnlich! Womöglich liegt das daran, dass ich es heute viel lockerer angegangen bin, als früher? Früher habe ich dann doch etwas kräftiger in die Pedale gedrückt und bin weniger im Windschatten gesurft. Bei den Windverhältnissen heute werde ich jetzt aber doch mehr von meiner Energie benötigen. Aber eigentlich bin ich etwas irritiert, wie gut es mir körperlich geht - wo ich doch so schlecht trainiert bin. Aber es ist alles gut. Und immerhin habe ich es nach dem Verpflegungsstopp mit etwas Mühe geschafft, die Reste von meiner Gruppe wieder zu erreichen. Auch andere, bisher unbekannte Gesichter sind da inzwischen mit dabei. An die großartige Stimmung in den Ortschaften, auch hier im Herzogtum Lauenburg, habe ich mich inzwischen schon fast gewöhnt. Auch eben in Hamfelde und jetzt in Kuddewörde gibt es wieder kleine Feste zu den Cyclassics. Kusshand, Kusshand! Einfach wunderbar, was für eine Stimmung da rüberkommt. Von wegen Jammertal!

11:49 Uhr, mitten im Sachsenwald - Sachsenwaldstraße, 72,1 km: Nach dem Verpflegungsstopp merke ich wirklich viel neue Energie! Und ich merke, dass einige etwas anfangen, zu schwächeln. Drum fahre ich mal nach vorne in der Gruppe, wo die meiste Zeit Fahrer von der Firma mit den einheitlichen Trikots unterwegs sind. Waldstrecken finde ich ja immer ziemlich langweilig - also unterhält man sich am besten etwas. Über das Fahrradfahren als solches, über unsere gleichen Rennräder der gleichen Hamburger Firma, und überhaupt dies und das rede ich mit einem dort wohl gerade zufällig vorne fahrenden dieser acht Firmen-Freunde. Ich lobe ausgiebig deren großartige Fahrdisziplin, ja, Fahrkultur! Er erklärt es ganz simpel: Sie wollen halt alle gemeinsam fahren, und dabei alles dafür tun, gemeinsam sicher ins Ziel kommen. Wir plaudern angeregt, merken kaum, dass wir trotz des leichten direkten Gegenwinds in dieser Windschneise im Wald immer schneller werden. Nach einigen Kilometern dreht er sich abrupt um und stellt fest, dass wir seine Freunde um einiges abgehängt haben. Also lässt er sich prompt zurückfallen zu ihnen - während ich weiter Windschatten spendiere. Aber irgendwie hänge ich sie dann doch ab - und sehe sie an dem Tag nicht wieder. Schade - sie hätten alle mein großes Lob verdient gehabt.

11:57 Uhr, Aumühle - Schönningstedter Straße, 76,5 km: Es geht vorbei an der S-Bahn-Station Aumühle - wo ich mir bei meiner Proberunde so sehr wünschte, in die S-Bahn einsteigen zu können. Inzwischen fährt die Bahn wieder bis Hamburg, und für genau den Fall habe ich heute Geld für eine Fahrkarte in meine Trikottasche gesteckt. Nun, die Fahrt durch den etwas hügeligen Sachsenwald war gerade wirklich etwas mühsam - und in der Tat spüre ich meine Beine inzwischen durchaus. Alles andere wäre ja auch ein Wunder... Aber: Von dieser enormen Erschöpfung von damals bin ich doch meilenweit weit entfernt. Mittlerweile ist mir völlig klar, dass ich doch ins Ziel will, und das nicht mit Hilfe einer S-Bahn. Es sind zwar immer noch gut 30 km bis dahin. Aber ich merke, dass es mir doch deutlich besser geht, als vielen der Fahrer um mich herum. Davon gibt es mittlerweile viele. Auch nach dem Verlust meiner Gruppe bin ich recht häufig am überholen.

12:02 Uhr, kurz vor Schönningstedt - Sachsenwaldstraße, 79,4 km: Ich kann es kaum glauben - es geht kurz vor Schönningstedt tatsächlich auf diesen 2-3 m breiten Wirtschaftsweg! Irgendwie hielt ich es bei meiner Probetour ja doch für einen Fehler in der gpx-Datei - zumal eine Strecke durch Schönningstedt nur ein winziger Extra-Bogen gewesen wäre. Die 800 m lange Fahrt mit 16 Höhenmetern dort hinauf ist bei dem doch ziemlich ausgedünnten Feld um herum kein Problem - aber ich mag mir gerade nicht vorstellen, wie das vorhin bei den Super-ehrgeizigen Rennfahrern wohl so los war! Bestimmt eine gefährliche Angelegenheit. Was für ein Engpass!

12:12 Uhr, Reinbek - Oher Weg, 83,7 km: Und schon wieder kann etwas kaum glauben, aber hier, in dieser Wohnsiedlung in Reinbek übertreffen sich die Zuschauer selber! Mit soviel Zuspruch hätte ich in dieser etwas bieder wirkenden Einzelhaussiedlung nie gerechnet. So ist das eben mit meinen Vorurteilen - und wenn sie sich als falsch herausstellen. Ich bin begeistert und erfreut. Mittlerweile ist es durchaus so, dass ich einen deutlichen Substanzverlust merke, die Energie des (ja: leckeren...) Apfelkuchens scheint schon verbraucht - und schon allein deswegen für die viele wohlwollende Anfeuerung dankbar bin. Sie motiviert wirklich und hilft, weiter zu fahren. Trotz meiner immer mehr einsetzenden Erschöpfung zeige ich den Zuschauern immer noch meine Freude an der Anfeuerung - dafür reicht die Energie noch locker, ich fahre noch lange nicht wie durch einen Tunnel.

12:22 Uhr, Glinder Horst - Hamburger Straße, 88,9 km: Mittlerweile rutscht alle zwei Kilometer mein Blick auf das Tacho. Wohl mit der heimlichen Hoffnung, dass dort plötzlich mal wieder zehn oder zumindest fünf Kilometer mehr angezeigt werden. Zu Anfang habe ich etwa alle zehn Kilometer mal geguckt, wieviel ich schon gefahren bin. Gerade passieren wir, mitten im Wald, das Ortsschild "Freie und Hansestadt Hamburg". Ich kann gerade nicht anders und rufe laut aus "HAMBURG!". Einige um mich herum eifern mir nach. Mittlerweile schaffe ich es nur noch mit Mühe, eine Geschwindigkeit von 30 km/h zu fahren, trotzdem überhole ich fast nur. Zwei andere Fahrer in der Nähe fahren noch ein ähnliches Tempo - und ohne uns abzusprechen oder irgendwie auch bewusst anzustreben, macht mal der eine, mal der andere Windschatten für den anderen.

12:28 Uhr, Hamburg-Lohbrügge - Reinbeker Redder, 91,8 km: Den Reinbeker Redder entlang geht es durch den Hamburger Stadtteil Lohbrügge. Ich staune über den zwar etwas verstreuten Zuschauerzuspruch auch hier, aber immerhin! Denn eigentlich halte ich Hamburg ja eher für total übersättigt, was Großveranstaltungen anbelangt. Die Anfeuerung tut gut! Mittlerweile spüre ich auch meine Hände - aber wenn ich sie einen Moment ausschüttele, geht es wieder gut. Eigentlich gar kein Problem. Sehr überraschend. Auch Rücken, Hintern und Nacken fühlen sich zwar etwas erschöpft an - schmerzen aber nicht und quälen mich nicht. Vielleicht bin ich ja doch etwas fitter, als vermutet? Jedenfalls bin ich schon jetzt ernsthaft irritiert, dass es mir vergleichsweise gut geht. Lediglich die Beine werden langsam müde, die Körner sind wohl verbraucht, der "Sog" lässt nach - aber das ist doch wohl völlig normal. Und ein wenig "sich-quälen" macht das Ganze ja auch zu einer Herausforderung.

12:33 Uhr, Hamburg-Mümmelmannsberg - Havighorster Redder, 94,5 km: Mümmelmannsberg, eine Plattenbausiedlung, die lange Zeit als sozialer Brennpunkt in Hamburg bekannt und gefürchtet war, empfängt uns hinteren Cyclassics-Fahrer total desinteressiert. In Erinnerung geblieben sind mir drei südländische Herren, etwa in meinem Alter, die ihren Spaß dabei haben, uns mühsam daher fahrenden Radler beharrlich zu beklatschen. Und mein Lächeln und Kopfnicken sehen sie auch. Das Stück vor Mümmelmannsberg auf der halbseitig gesperrten, vierspurigen und auch jetzt von Autos stark befahrenen Bundesstraße B5 ist auch nicht das, was man so richtig toll findet. Mittlerweile rutscht mein Blick wohl jeden Kilometer auf das Tacho: Noch 14 km. Inzwischen ist mir klar: Ich will es nicht nur schaffen, ich werd's auch ins Ziel schaffen.

12:45 Uhr, Hamburg-Hamm - Rauhes Haus, Hammer Landstraßen, 100,6 km: Diese letzten paar Kilometer sind eine reine Frage des Willens. Anfeuerung täte dabei jetzt gut, aber man ist in Billstedt, Horn und jetzt hier in Hamm als Cyclassics-Fahrer weitgehend sich selber überlassen. Mit den anderen beiden Fahrern pendele ich seit einer halben Stunde nach wie vor umeinander herum, mal schwächelt der eine etwas mehr, mal der andere - und wird dann von den anderen mitgezogen. Es ist schon lustig, was ohne jede ausdrückliche Übereinkunft so gehen kann. Aber jetzt weiter, immer weiter. 30 km/h wird immer schwieriger - aber eigentlich ist das jetzt auch egal.

12:50 Uhr, Hamburg-Borgfelde - Berliner Tor, 103,7 km: Fast ist es lächerlich, aber diese kleine Auffahrt von 10 Höhenmetern auf die Brücke über die Bürgerweide und die Bahngleise lässt mich fast einbrechen. Trotzdem überhole ich noch. Aber: Langsam kommt das Ziel in Sichtweite! Nur: Der direkte Weg führt nicht dorthin, es gibt noch einen schönen Bogen von ein paar Kilometer. Aber selbst, wenn ich jetzt zu Fuß gehen und schieben würde - der Besenwagen würde mich nicht mehr einsammeln. Der ist viel zu weit hinter mir entfernt.

12:54 Uhr, Hamburg-Mitte - Glockengießerwall, 105,6 km: Da ist sie, die allererste Situation, die gefährlich ist (sieht man mal von dieser möglichen Gefahr durch den Autofahrer ab): Ein offenbar notorischer Linksfahrer - ich habe ihn schon länger im Blick - in der Kurve vom Glockengießerwall in den Baumwall bringt mich arg in Bedrängnis, weil von rechts auch Leute drängen. Fast muss ich in den Stand abbremsen, um keine wirklich gefährliche Situation oder gar Kollision zu erzeugen. Der Herr ist einige Jahre älter, als ich - und ich habe mich ja schon mal in dem Bericht der Cyclassics 2011 über diese "grauen Wölfe" echauffiert, die meinen, sich verhalten zu können, wie sie wollen... Nun, alles geht gut - und ich sehe zu, dass ich zügig an dem Herrn vorbei komme und ihn hinter mir lasse.

12:59 Uhr, Hamburg-Mitte - Kaiser-Wilhelm-Straße, 107,7 km: Es kann ein kritischer Punkt sein - ist es heute aber nicht: Die Felderzusammenführung mit den Fahrern der 160 km Strecke. Da hatte ich bei meiner ersten Fahrt über 100 km einen ziemlichen Schreck bekommen, als da rechts von mir eine große, schnelle Fahrergruppe auftauchte. Andererseits kenne ich auch genau das Gefühl, wie es ist, wenn man die 160er-Runde fährt, engagiert und stolz zum Ziel kommt - und so kurz vorm Ziel von ein paar trödeligen 100 km-Fahrern ausgebremst wird. Heute ist diese Felderzusammenführung hier gar kein Problem. Ich schaue mich ausführlich um - ein einziger Fahrer kommt angefahren, ziemlich schnell. Ich lasse ihn passieren, schwenke dann rechts auf die Fahrbahn - alles heute kein Problem. Der Bogen für den letzten Kilometer sehe ich vor mir. Ach, bin ich gerade wieder gut drauf! Und ich freue mich auf den Genuss der jetzt kommt.

13:01 Uhr, Hamburg-Mitte - Mönckebergstraße, 108,9 km: Oh Mensch, ist das nach drei Jahren Pause mal wieder grandios! Die Stimmung, die Anfeuerung trägt einen gerade wieder ins Ziel. Was für eine Energie! Ich nutze sie, um ein paar vor mir recht komisch in Schlangenlinien fahrende noch schnell zu überholen. Und noch zwei... Schnell wie nie sause ich die Zielgerade entlang, finde erst 150 m vor dem Ziel die Lücke und die Gelegenheit, gemütlich ausrollen zu lassen - so, wie ich es am liebsten mag.

13:01:46,3 Uhr, Zieldurchfahrt, 109,2 km: Die offizielle Zeit meiner Zieldurchfahrt. Alles ist plötzlich gut! Nach meiner eigenen, GPS-gesteuerten Messung bin ich gerade mal 300 Meter mehr gefahren, als die offizielle Distanzmessung angibt - da habe ich ja vielleicht ein paar Kurven eine Idee weiter genommen. Im ersten Moment der Zielankunft bin ich vor allem erleichtert. Und froh, dass alles viel besser geklappt hat, als ich mir vorstellen konnte.

13:02 Uhr, Hamburg-Mitte - Mönckebergstraße, Ziel +200 m: Aus Erfahrung weiß ich, dass jetzt einer der gefährlichsten Abschnitte der Cyclassics kommt. So auch heute: Es ist wieder ein grauer Wolf, der meint, er müsse in der doch recht schmalen "Auslaufzone" direkt in der Kurve anhalten und erstmal telefonieren. Ich erfasse die idiotische Situation rechtzeitig - es gibt keine Gefahr, für mich. Auch andere Fahrer schlängeln sich an dem Idioten vorbei, es sind ja alle nicht mehr so schnell. Trotzdem freue ich mich, dass der graue Wolf von einer Ordnerin wie ein Pennäler energisch zurechtgewiesen wird, er solle das Handy sofort einstecken und weiterfahren (kurz zur Erklärung: Wenn durch solche Typen, die Teile von der Straße absperren, ein Rückstau auf der Straße entsteht, wird das ganz schnell brandgefährlich für die weiter hinten noch richtig schnell ins Ziel fahrenden Fahrer).

13:03 Uhr, Hamburg-Mitte - Altstädter Straße, Ziel +500 m: Es gibt eine kleine Änderung, die mir durchaus sympathisch ist. Früher stand man Schlange, um seinen Leih-Transponder abzugeben - und konnte sich dann eine plastikverpackte Medaille vom Haufen nehmen. Heute nun ist man mit einem Wegwerf-Transponder versehen, man gibt also nichts mehr ab. Aber ich bekomme zum ersten Mal überhaupt nach einem Radrennen eine Medaille direkt um den Hals gehängt - von einer freundlichen jungen Dame, die noch ein fröhliches "Glückwunsch" mit auf den Weg gibt. Na, das hat doch Stil! Und freut mich einen Moment.

13:05 Uhr, Hamburg-Mitte - Burchardplatz, Ziel +600m: Die Freude ist aber schnell wieder flöten, als ich auf den Burchardplatz komme. Dort ist in diesem Jahr die Zielversorgung für alle drei Strecken gemeinsam. Schon früher, als es hier nur die Zielversorgung für die 100 km-Fahrer gab, war es viel zu eng und zu voll. Jetzt... quillt der Platz geradezu über von Menschen mit Fahrrädern. Da habe ich nun gar keinen Bock drauf! Zwar will ich mir das kostenlose isotonische Freigetränk holen - aber mich hier jetzt mit meinem Fahrrad durchzuwühlen, darauf verzichte ich einstweilen. Der angekündigte Kuchen ist sicherlich eh schon vergriffen, keine Ahnung. Da verlasse ich diesen Ort des Schreckens schnell wieder - für mich das einzige krasse Manko der Veranstalter. Ansonsten habe ich die Organisation der Cyclassics 2018 als fast perfekt wahrgenommen. Da gehe ich doch lieber nochmal zur Zielgeraden und schaue ein wenig, wer da noch so eintrudelt...

13:26 Uhr, Hamburg-Mitte - Mönckebergstraße, 100 m vor dem Ziel: Schon eine ganze Weile stehe ich Zielbereich und betrachte die eintreffenden Fahrer, schlürfe dabei nebenbei noch genüsslich den Rest meines lauwarmen, salzigen Wassers. Und staune darüber, dass es mir insgesamt recht gut geht und ich doch verblüffend wenig abgekämpft bin. Die eintreffenden Fahrer der 100 km-Strecke werden nach und nach weniger, die Fahrer der in der Tat magischen 160 km-Strecke werden noch eine Weile lang mehr (man kann die gefahrene Strecke anhand unterschiedlicher Einfärbungen der Startnummern erkennen). Ganz lustig ist der Gedanke, dass ich sämtliche Fahrer der 100 km Strecke, die ich hier sehe, im Laufe der Fahrt überholt habe - schließlich bin ich ja als allerletzter auf die Strecke gegangen... An einige kann ich mich noch erinnern, aus den unterschiedlichsten Gründen. Gerade jetzt, um 13:26 Uhr kommt doch tatsächlich Manfred vorbei - ich sehe ihn gerade noch im letzten Moment, aber mein Ruf geht im allgemeinen Getöse unter. Aber ich freue mich sehr, ihn hier heil ankommen zu sehen! Ein Teufelskerl - mit 77 Jahren zieht er eine Strecke von fast 110 km in nicht mal vier Stunden durch, auf dem Rennrad in perfekter, eleganter Haltung. Respekt, Respekt, Respekt!

Die sich noch hinter uns auf der Strecke befindlichen Profis sind namhafte Rennfahrer, sie bringen fantastische Leistungen, ohne Zweifel. Für mich und viele andere jedoch machen solche Leute wie Manfred den eigentlichen Mythos und die "Faszination Cyclassics" aus. Wenn er in drei Jahren, im Alter von 80 (!), tatsächlich zum 20.mal die Runde mitfährt, dann hätte der Veranstalter Grund genug, ihn auf einer Sänfte über die Ziellinie zu tragen. Aber wahrscheinlich entspricht so etwas leider nicht den aktuellen Wirtschaftlichkeitsvorgaben...

Cyclassics 2018, Rathaus Hamburg

Das Zentrum von Hamburg ist an diesem Sonntag voll Radrennen-Atmosphäre.

 

 

 

Ein wenig schaue ich mir noch die eintreffenden Radler an, dann starte ich noch einmal einen Versuch, auf dem Burchardplatz, mein isotonisches Sponsoren-Getränk zu erhalten. Das klappt jetzt ohne viel Stress, die Menschenmenge auf dem Platz ist weniger geworden. Der Kuchen ist alle, natürlich. Immerhin gibt's noch eine ganze Banane und süßes Iso-Getränk - das ich nicht mag. Radfahrer-Nahrung, eben. Bekannte Gesichter finde ich nicht mehr - dann kann ich ja jetzt nach Hause fahren.

Die Heimfahrt ist eigentlich immer ein Genuss, zumal inzwischen die Sonne die grauen Wolken verdrängt hat: Sechs Kilometer Weg, einen ganz kleinen Gang einlegen und ohne Kraft locker und schnell tretend, aber ganz langsam fahrend nach Hause rollen - sehr entspannend. Viele Straßen im Innenstadtbereich sind dann noch gesperrt oder teilgesperrt (die Profis sind ja noch einen Weile unterwegs), Hamburg ruht bei den Cyclassics immer sehr in sich. Es ist ruhig und die Luft ist sauber wie selten.

 

Cyclassics 2018 - (M)ein Fazit:

Aber schon bei dieser Fahrt nach Hause bin ich am Rätselraten: Was war denn das jetzt? Mit so wenig Training, wie nie zuvor, habe ich eine 100 km-Strecke so locker gefahren, wie noch nie. War mein ganzer Tainingsaufwand in den früheren Jahren etwa völlig sinnlos gewesen? Kommt mir ja fast so vor, aber: Ach Quatsch, Training ist immer gut für Körper und Geist.

Immerhin bin ich selten so langsam gewesen, wie heute: Mein Tacho sagt, ich bin 3 Stunden, 26 Minuten und 43 Sekunden unterwegs gewesen mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 32,2 km/h, bei einer Spitzengeschwindigkeit von 53,3 km/h (wo auch immer). Bei diesen Daten ist meine Verpflegungspause nicht mit eingerechnet.

Die Daten der offiziellen Zeitmessung sind darum deutlich anders, da wird die Pause natürlich mit eingerechnet: Für die 108,9 km betrug meine offizielle Fahrzeit 3 Stunden 33 Minuten und 56 Sekunden (ganz ehrlich: 23 Sekunden hätte ich noch locker irgendwo rausholen können!). Die Durchschnittsgeschwindigkeit offiziell 30,54 km/h. Platz 5494 von insgesamt 6485 im Ziel gewerteten, Frauen wie Männern (irgendwann wurde wohl ein Schnitt gemacht und keine Wertung der später noch ins Ziel trudelnden mehr gemacht). Betrachtet man nur die 5823 ins Ziel gekommenen Männer, dann habe ich da den Platz 5046 belegt. In meiner Altersklasse liege ich auf Platz 1679 von 1822 gewerteten Männern. Aber was sagen diese Zahlen schon?

Als ich dann Zuhause sitze, mich mit Magnesium und üppig mit meiner üblichen Kohlenhydrat-Protein-Mischung versorgt habe (sprich: eineinhalb Liter Kakao), schaue ich mir gemütlich im TV an, wie sich die Profis über die Hamburger Straßen quälen. Meine Güte, haben die das eilig! Nein: Die können es einfach - so richtig! Wow!

Meine eigenen Drogen sind noch in meiner Blutbahn unterwegs, der Rausch hält noch an. Und produziert, allem abgekämpft-sein zum Trotz, eine Mischung aus Glück, Stolz, Zufriedenheit - ein wirklich schönes Gefühl! Und die Lust auf mehr kommt in mir hoch...

Eine gute Idee ist es auch, den Tag nach dem Rennen frei zu nehmen - das habe ich früher auch schon so gehandhabt. Ein wenig nachklingen lassen will ich so noch den vorangegangenen, schönen Tag. Und eigentlich habe ich nach der Belastung den Wunsch, so richtig auszuschlafen. Aber das klappt nicht, wie früher allerdings auch nie. Im Blut sind immer noch Reste meiner Drogen unterwegs, ich spüre das deutlich so bis gegen Mittag. Und die Bilder im Kopf sind groß und stark. Morgens um fünf liege ich knallwach im Bett. Lasse mir trotzdem viel Zeit, sitze irgendwann mit zwei Zeitungen bei einer Tasse Milchkaffee und einem Brötchen gemütlich beim Bäcker und studiere die meist nette Berichterstattung über die Cyclassics.

Später nehme ich mir noch eine Menge Zeit, im Internet zu stöbern. Fotos durchzuschauen, Online-Zeitungsartikel zu lesen, Foren und Blogs zu studieren. Und was ich dort sehe und lese, verblüfft mich. Fast ist es eine totale Stimmungsumkehr: Einerseits hat man die Begeisterung an der Strecke in Stormarn und Herzogtum Lauenburg gut erfasst - es gibt sogar Stimmen, die schon fordern, die Cyclassics im nächsten Jahr wieder dort haben zu wollen und die Ortsfeste weiter auszubauen. Selbst einer der widerstehenden Bürgermeister, der zuvor angedroht hatte, im Wiederholungsfall zu juristischen Mitteln greifen zu wollen, nimmt davon Abstand und hat erkannt, dass es den Menschen gut gefiel.

Auf der anderen Seite lese ich viel harsche Kritik von Teilnehmern. Die Strecke sei eine Katastrophe! Viel zu gefährlich, es hätte massenhaft Stürze gegeben. Bitte nie wieder dort fahren, lautet der Tenor.

Ich bin verblüfft und irritiert, schon wieder. Ja - dieser schmale Wirtschaftweg war schon komisch! Ja, einige Kreisverkehre musste man konzentriert und umsichtig angehen (dann waren die aber auch kein Problem, selbst mit meinem mäßigen Rennrad-Können). Ja, auch ich habe bemerkt, dass so einige der (bezahlten) Streckenposten (meist im Schüleralter) keine rechte Lust auf ihren Job hatten und lieber auf ihr Handy starrten oder es sich am Straßenrand bequem machten, als sich vor die Verkehrsinsel zu stellen und das Warnfähnchen zu wedeln. Letzteres habe ich vereinzelt auch als Manko wahrgenommen, manchmal war mir nicht wirklich klar, was da auf mich zukommt. Aber dann bin ich eben besonders wach und vorsichtig. Wahrscheinlich haben die jungen Leute überhaupt kein noch so geringes Gespür dafür, wie wichtig solche Warnhinweise für in Gruppen flott dahinrasenden Rennradler sind. Und viele Fahrer sind ja wesentlich schneller und in dichteren Gruppen unterwegs, als ich.

Aber - da wiederhole ich mich gerne: Man sollte sich bei den Cyclassics schon mal überlegen, was man da macht. Natürlich: Wenn man gar keine Ambitionen hat, dann fährt man bei so einem Jedermannrennen gar nicht mit. Die Cyclassics sind nun mal keine Spazierfahrt. Mindestens ein wenig sportliche Ambitionen haben alle Teilnehmenden. Man sollte sich aber schon im klaren darüber sein, wie groß und wichtig der eigene Ehrgeiz ist. Und wenn man sich dann in eine Gruppe mit anderen Hobbyfahrern begibt, dann merkt man dort sehr schnell, eigentlich in jeder Kurve, ob die Ambition der Mitfahrer größer ist, als deren fahrerisches Können. Wenn genau das der Fall ist, dann wird's natürlich schnell sehr gefährlich. Und es liegt an einem selber, diese Situation mit ihrer Gefährlichkeit und dem Kampf um Hunderstelsekunden anzunehmen (ohne dann zu lamentieren) - oder aber die Fahr-Situation zu ändern und sich eine andere, sichere, aber vielleicht etwas langsamere Gruppe zu suchen.

Die Schuld für Gefährlichkeit der Strecke in die Schuhe zu schieben, ist billig. Ich selber habe die Strecke als unproblematisch wahrgenommen. Wäre ich halsbrecherisch gefahren, wäre es mir vielleicht anders ergangen. Aber Schuld ist nie die Strecke! Jeder kann so fahren, dass er weitestgehend sicher durchkommt - es liegt vor allem an einem selber.

Und erst mit einer sicheren Fahrt werden die Cyclassics zu dem, was sie eigentlich sein sollen: Einem echter Fahrrad-Genuss!

Auch in diesem Jahr bin ich auch wieder sehr dankbar! Neben dem Veranstalter, den vielen, vielen Helfern an der Strecke entlang (bis auf wenige Ausnahmen war fast alles perfekt), den ungeheuer vielen Zuschauern an der Strecke und meinen tollen Mitfahrern. Danke!

 

 

 

 

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Dirk Matzen

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