Škoda Velodom / Rund um Köln 2012:
  Wasserschlacht zu Köln: Das Ziel ist das Ziel

Ein Erlebnisbericht zum Jedermann-Radrennen in Köln
  April 2012, mit 14 Bildern




Rund um Köln 2012, Bensberg

Nass und kalt war es für alle Teilnehmer des Jedermannrennens "Velodom - Rund um Köln" an diesem Ostermontag 2012. Hier im Ort Bensberg, kurz nach dem Anstieg zum Schloss Bensberg.

In diesem Frühjahr ist Tradition angesagt: Im Jahr 2012 findet bereits das 96. Rennen "Rund um Köln" statt! Wow - eines der traditionellsten Radrennen Deutschlands! Seit einigen Jahren (in diesem Jahr zum neunten Mal) auch als "Jedermannrennen", und dieses Jahr erstmalig auch mit mir als Jedermann. Am Ostermontag findet das Ganze traditionell statt, also am 9. April 2012. Ziemlich früh in der Rennrad-Saison!

Für mich selber bringt das Rennen eine gewaltige Neuerung: Erstmalig fahre ich auf meinem "zweirädrigen Weihnachtsgeld" mit: Es bereitete mir zwar einige Mühe, dies zu kaufen, schon allein aufgrund einiger lustloser, unaufmerksamer, doofer Fahrradhändler in Hamburg - aber irgendwie schaffte ich es denn doch, mein Weihnachtsgeld 2011 in ein Rennrad umzuwandeln. Ich hätte ja nicht gedacht, dass man als potentieller Kunde eines Rennrades so dermaßen unwillkommen ist in etlichen Hamburger Fahrradläden!

Rund um Köln 2012 wird, nach einigen Trainings-Touren in der Nähe von Hamburg, mein allererstes Rennen auf dem neuen Rad sein - das zwar eine vierstellige Summe gekostet hat, aber trotzdem natürlich noch ein simples Einsteigermodell ist.

Meine seit einiger Zeit ja auch sportlich radelnde Liebste hat schon allein aufgrund des frühen Zeitpunkts im Jahr, aber auch wegen der doch sehr hügeligen Strecke abgewunken und möchte ihr Engagement beim Rund um Köln 2012, das in diesem Jahr erstmalig als "Škoda Velodom Köln" bezeichnet wird, allein auf die Unterstützung von mir beschränken. Das ist toll und ich nehme das gerne an.

Aber, wie es so ist: Mein Trainingsprogramm im Frühjahr erreicht nicht annähernd den Umfang, den ich geplant hatte - etwa nur ein Drittel der Kilometer, die ich mir vorgenommen hatte, schaffe ich tatsächlich vor "Rund um Köln" zu trainieren. Das heißt zwar nicht gerade, dass ich untrainiert bin, aber vor den Bergen der Strecke "Rund um Köln" habe ich doch Schiss! Trainieren kann man so etwas in Hamburg nämlich eher nicht. "Rund um Köln" führt im Übrigen keinesfalls rund um Köln herum, sondern aus dem Zentrum am Rheinauhafen auf schnellstem Weg raus aus der Stadt und ab ins Bergische. Und dann irgendwann wieder zurück zum Rheinauhafen.

 

 

 

Ab Karfreitag dann steigen meine Liebste und ich bei Freunden im Westerwald ab. Als am Ostersamstag ein allgemeines Shopping-Programm der Damen ansteht, entschließe ich mich dazu, lieber noch eine Runde mit dem Rad zu drehen. Es ist zwar kühl, gerade mal fünf Grad, aber ich kann hier im Westerwald noch ein wenig Hügel-Fahren üben - und als ich nach knapp 30 Kilometern am entferntesten Punkt meiner grob ausgeguckten Runde bin, nämlich in Neustadt an der Wied, setzt Regen ein. Massiver Regen. Da helfen auch Regenklamotten nur bedingt was. Die Temperatur fällt in der Folge auf zwei Grad Celsius - wohlgemerkt: plus zwei Grad, immerhin! Und ich erfahre nicht zum ersten Mal: Wenn man auf dem Rad nicht nur durchnässt, sondern in der Folge auch noch richtig durchgefroren ist, dann kann man treten und sich anstrengen, wie man will: Man bleibt kalt am Körper! Aller Anstrengung zum Trotz friert man richtig.

Westerwald bei Burglahr

Trainingsrunde im Westerwald, hier zwischen Burglahr und Peterslahr. Noch hält der Himmel dicht und lockt mich so bei gerade mal vier Grad Celsius noch ein Stück weiter weg von meinem Startpunkt.

 

 

 

Nass bis auf die Haut und durchgefroren bis auf die Knochen beschließe ich nach den knapp 30 Kilometern Rückfahrt, in Zukunft nur noch Schönwetter-fahrer zu sein, und nie, nie wieder bei solchen hässlichen Bedingungen mein schönes Rennrad aus Hamburger Produktion zu fahren!

Der Ostersonntag verwöhnt uns dann in Köln mit wunderschönem Sonnenschein, zwar verpasst er uns auch frischen, kühlen Wind - aber alles ist prima, als wir meine Startunterlagen am Rheinauhafen abholen. So könnte es doch eigentlich bleiben, auch am Folgetag, beim Rennen. Die Wettervorhersage jedoch sagt was anderes.

Und dann ist es auch schon der Morgen des Ostermontags, der 9.4.2012, Köln, leichter Regen, sieben Grad Celsius in der Innenstadt. Es ist total grau, kühl und feucht in Köln, als ich mich aufmache zum Startbereich. Die Bedingungen - eigentlich zum Davonlaufen. Oder zumindest zum Nicht-Teilnehmen an einem Radrennen. Aber das geht bei meinem bzw. unserem kolossalen logistischen Aufwand mit der langen Anreise und den Besuchen hier wie dort natürlich überhaupt nicht!

Dem Himmel, mir selber und wohl auch dem Radfahrergott bin ich sooo dankbar, dass ich mich nur für kurze Strecke der Rennens, 69 Kilometer angemeldet habe, und nicht für die lange Runde über 126 km! Bei diesen Bedingungen und schon allein bei meinem Trainingsrückstand erscheinen mir sogar die hügeligen 69 km möglicherweise als zu viel.

 

 

 

Während ich schon eine halbe Stunde im Startblock stehe und warte, kommt endlich auch meine zeitgleich aufgebrochene Liebste dort an - die öffentlichen Verkehrsmittel funktionieren an diesem Ostermontag in Köln gar nicht und sie konnte mich jetzt nur noch auf den Weg schicken, weil ein freundlicher, besorgter Türke sie bei ihrem innerstädtischen Trampen mitgenommen habe... Sachen gibt's!

Aber auf diese Weise kann sie mir immerhin noch behilflich sein bei der besten Entscheidung von mir an diesem Tag: Nicht im Radtrikot zu fahren, sondern die Startnummer auf meiner Softshell-Jacke zu befestigen, die ich dann zum Rennen anbehalten werde.

Velodom Rund um Köln 2012, vor dem Start

Kurz vor dem Start zum Škoda Velodom - Rund um Köln 2012. (Foto: © sportograf.com)

 

 

 

Schon bald danach erfolgt der Start - ich gehe von ganz hinten aus dem letzten Startblock in das Rennen, vielleicht als zehntletzter überhaupt. Das hat zwei Aspekte: Es kann mich kaum noch jemand überholen - da ich ja schon ganz hinten bin. Zum anderen habe ich ab dem Start den Besenwagen hinter mir, der auf der Kurzstrecke in Köln alle Fahrer rigoros aus dem Rennen nimmt, wenn sie einen langsameren Schnitt als 25 km/h haben - aller Hügel und Berge sowie dem Wetter zum Trotz.

Meine Liebste begibt sich unmittelbar nach dem Start mit öffentlichen Verkehrsmitteln nach Bensberg. Dort befindet das bekannteste und spektakulärste Stück Stecke des Rennens "Rund um Köln": Nach einem längeren Anstieg in der Ortschaft kommt, sozusagen als Tüpfelchen auf dem i, das letzte Stück Anstieg als steiles, hoppeliges Kopfsteinpflaster direkt auf das Schloss Bensberg zu. Gefürchtet ist dieses Stück - ich bin gespannt darauf. Für einen Radsportler gibt es auf dieser Welt ja kaum etwas Schlimmeres, als sein Rad zu schieben. Daher die allgemeine und auch meine Furcht.

Nach dem Start des Rennens rauschen die paar Kilometer am Rhein entlang so dahin, es geht ein paar hundert Meter durch einen Tunnel. Dies soll aber bei anhaltendem Regen das einzige trockene Stückchen in dem Rennen bleiben. Über die Mülheimer Brücke geht es nach Köln-Mülheim - durch ein wenig Industrie und Gewerbe und einige Vororte. Und schnell ist man raus aus der Stadt. Es regnet, ein wenig. Kein besonderes Problem. In den Ortschaften, die man durchquert, stehen trotz des miesen Wetters immer mal wieder einige Leute und feuern auch uns letzte Fahrer des rund 1500 Personen großen Feldes an. Das ist nett und gibt bei diesen Bedingungen ein wenig Aufmunterung und Schwung.

Letzteren hat man nicht unbedingt automatisch - denn der Regen nimmt beständig zu und je weiter man aus Köln hinaus kommt, umso kühler wird es auch. Auf meinem Tacho habe ich jedenfalls deutlich häufiger die Temperaturanzeige im Blick, als meine Durchschnittsgeschwindigkeit. Der zeitweilige Blick nach hinten zeigt jedenfalls keinen Besenwagen in Sichtweite. Gut so!

5 Grad, Regen von vorne, Regen von oben, Regen von unten, Regen von hinten. Ja, tatsächlich: es gibt bei den Bedingungen auch Regen von unten und von hinten: Wenn man ein wenig in den Windschatten von anderen Mitstreitern fahren will, bekommt man das von den schutzblechlosen Rennrädern aufgeschleuderte, auf den Straßen stehende Dreckwasser direkt als Fontäne ins Gesicht. Wahrscheinlich ist es nicht empfehlenswert, größere Mengen von diesem Straßenwasser, das mir beständig das Gesicht herunter rinnt, zu schlucken, denke ich mir noch. Und auch von hinten prasselt pausenlos das vom eigenen Hinterrad aufgewirbelte Wasser auf Rücken und Hintern. Wenn man dies nicht selber kennt, kann man sich nicht wirklich vorstellen, wie unangenehm das ist... Zumal bei 5 Grad Celsius! Die übliche Schutzbrille ist bei diesen Verhältnissen auch eher fehl am Platze und wirklich mehr als Sichtbehinderung. Schnell verschwindet meine Brille in einer Trikottasche.

Gründe genug, zukünftig nur noch als Schönwetterfahrer unterwegs sein zu wollen! Ganz leise schleicht sich in meinen Hinterkopf die Frage nach dem Warum: "Warum machst Du das hier eigentlich?"

Aber - ich überlege gar nicht lange, sondern überhole lieber noch die kleine Dreiergruppe da vorne. Denn genau darum mache ich das hier nämlich. Eigentlich! Um ehrlich zu sein. Mit der Zeit werden die zwischen mir und dem Besenwagen fahrenden Mitfahrer zahlreicher.

Die komplett abgesperrte Strecke lässt sich im Übrigen gut fahren, der Straßenbelag ist fast überall in Ordnung bis richtig gut, die Strecke an allen wesentlichen Punkten mit Posten abgesichert - die hier stundenlang für eine lächerliche Entschädigung im Regen stehen... Diesen Leuten bin ich sehr dankbar, auch, wenn ich dies während des Rennens nicht ausdrücken kann.

Auch im Fahrerfeld geht es extrem vorsichtig und umsichtig zu - das habe ich in dieser Art noch nie erlebt. Von daher gibt es nichts an dem Rennen auszusetzen.

Nach und nach fahre ich ein wenig nach vorne, wechsle mit einem Mitfahrer, der längere Zeit etwa das gleiche Tempo fährt, ein paar Worte. Er schildert mir so ausführlich, wie nur irgendwie möglich einen furchtbaren Unfall, den er im vergangenen Jahr aus nächster Nähe miterleben musste. Das Rennrad eines Fahrers sei da, hier, genau an dieser Stelle, mindestens zehn Meter weit durch die Luft geflogen und mein Gesprächspartner selber konnte nur durch ein Manöver von allerhöchster Radrennfahrerkunst ausweichen.

Ach je, so genau will ich sowas eigentlich gar nicht hören! Viel wichtiger jedoch: Mein Rennrad fliegt nicht, aber es rollt zuverlässig und ich fühle mich gut und sicher auf ihm. Dass ich unendlich viel Zeit dadurch verschenke, eher nicht im Windschatten zu fahren, ist mir völlig Wurscht - ich bin ganz froh, wenn ich diesen schrecklichen, dreidimensionalen Regen um zumindest eine Dimension geringer machen kann. Immerhin bin ich noch nicht völlig durchnässt. Aber gespannt und auch besorgt wegen der Steigungen, die jetzt doch so langsam beginnen müssten!

Und in der Tat: allzu lange lassen diese nicht auf sich warten. Nach gut 25 km geht es von Höffe nach Scheuren konstant bergauf, nicht sehr steil, aber doch denke ich nach einiger Zeit an jeder Kurve, dass es doch mal genug ist mit den Steigungen. Aber nein, es zieht sich. Und je höher wir hier ins Bergische Land fahren, umso offener wird die bei Sonne sicherlich umwerfend schöne Gegend. Und damit wird es jetzt auch noch deutlich windiger.

Großartig, was man bei "Rund um Köln" erleben kann: 4 Grad Celsius, Regen von allen Seiten, Wind von vorn und konstante Steigungen. Die Frage nach dem "Warum" stellt sich jedoch nicht, denn ich überhole hier etliche andere Fahrer. Ich Flachländer, der von allen wohl auch noch einer der schwersten ist, fahre ausgerechnet hier an Dutzenden anderen vorbei! Nicht sooo schnell, aber einige andere sind so langsam, dass man fürchten muss, sie würden umkippen. Sie wären wahrscheinlich schneller, wenn sie schieben würden - aber das geht ja gegen jede Radrennfahrer-Ehre!

Irgendwann bei Bechen flacht die Strecke endlich ab - und ich bin ganz froh, diese erste Hürde zwar schwer schnaufend, aber doch ohne ernstliche Probleme genommen zu haben.

Velodom Rund um Köln 2012, Bergisch Gladbach Sander Straße

Die Steigung im Straßenzug Sander Straße am Ortsrand von Bergisch Gladbach fordert mich (links) nicht so sehr, wie erwartet. (Foto: © sportograf.com)

 

 

 

Relativ bald kommt allerdings schon die nächste Hürde: Am Ortsrand von Bergisch Gladbach geht es die Sander Straße hinauf. Schon vorher hatte ich im Internet über dieses gefürchtete, steile Stück gelesen. Trotz des Sauwetters mit mittlerweile prasselndem Regen stehen an dem markanten Punkt doch einige Leute, um uns anzufeuern. Ob die überhaupt ahnen, wie wichtig und wohltuend das gerade bei diesen schrecklichen Bedingungen für uns Hobby-Sportler ist? Ich beschließe, dieses in der Tat sehr steile Stück gar nicht so zögerlich und abwartend hinauf zu fahren, sondern es halt mit Energie anzugehen - zwar geht meine Geschwindigkeit auf bis zu acht km/h herunter, aber doch zügiger, als ich dachte, ist auch diese Klippe überwunden. Es läuft doch alles ganz gut, auch bei den Steigungen. Nicht gerade sensationell schnell - aber es läuft.

 

 

 

Der Regen prasselt, ich spüre die durchdringende Feuchtigkeit mittlerweile am ganzen Körper, trotz meiner Anstrengungen spüre ich die Kälte in den Körper einziehen. Irgendwie widersinnig. Anstatt, wie sonst üblich, mir meinen Geschwindigkeitsdurchschnitt auf dem Tacho anzeigen zu lassen, lasse ich mir die gesamte Zeit die Temperatur anzeigen. Es geht bis knapp unter vier Grad Celsius. Nicht schön, wenn man klitschenass ist!

Langsam komme ich nach Bensberg, laut Internet-Gemeinde dem schwierigen Höhepunkt der Strecke. Es geht schon eine ganze Weile im Ort deutlich bergan, als ich vor mir das Schloss Bensberg auftauchen sehe - das ich schon aus vielen Fotos im Internet kenne. Schwarz, nass, rutschig und hoppelig liegt jetzt das letzte Stückchen zum Schloss vor mir - die gefürchtete Kopfsteinpflasterstrecke. Das Kopfsteinpflaster selber ist zwar von viel schlechterer Qualität, viel hoppeliger und die Strecke selber deutlich schmaler, als ich es aus den Fotos im Internet geschlossen hatte. Aber auf der anderen Seite ist das Stück viel kürzer und weniger steil, als ich dachte. Also, gar keine Frage: da fahre ich jetzt langsam, aber konstant rauf - und gut ist.

Dachte ich. Es kam ein wenig anders.

Mit einem niedrigen Gang kurbele ich mit 10-12 km/h den Hügel auf der ganz rechten Streckenseite hinauf, als auf etwa der Hälfte der Kopfsteinpflaster-Steigung etwas völlig unvorhersehbares passiert: Zwei oder drei Meter vor mir springt die bisher zwar hektisch tretende, aber doch souverän hinauf fahrende Fahrerin plötzlich ohne Ankündigung und ohne jeden ersichtlichen Grund von ihrem Rad. Offenbar kann sie nicht mehr und muss schieben. Bei der total hektisch wirkenden Aktion stellt sie auf dem rutschigen Geläuf auch noch ihr Rad quer. Meine einzige Möglichkeit: Ich muss scharf bremsen und sofort stehen bleiben, um nicht in sie reinzurollen. Vor Schreck reiße ich meine beiden Füße aus den Klickpedalen. Und dann stehe ich da, mit beiden Füßen auf dem Boden, ganz auf der rechten Seite der steilen Strecke. Immerhin habe ich durch meine ebenfalls hektische Aktion nicht nur eine Kollision mit ihr vermieden, nein, auch hinter mir niemanden auch zu einer ähnlichen Aktion gezwungen. Bemerke ich, als ich mich umdrehe. Die Fahrerin vor mir dreht sich nicht um, sondern schiebt einfach unverdrossen los. Eine kleine Entschuldigung ist bei solchen doofen, im wahrsten Sinne "rück"sichtslosen Aktionen ja wohl doch angebracht, allem Adrenalin zum Trotz!

Irgendwie eine doofe Situation für mich! Das wollte ich so ja nun gar nicht - eigentlich wollte ich die Steigungen doch alle durchfahren! Aber wer schon einmal versucht hat, an einer elf-prozentigen Steigung mit Klickschuhen einzurasten und anzufahren, der weiß, dass dies eine in der Tat schwierige Übung ist. Direkt rechts neben mir, hinter der Bande, steht ein etwas älteres Ehepaar, Zuschauer. Die Dame erkundigt sich sehr freundlich, ob sie mir irgendwie helfen könne. Tja, das weiß ich nu doch auch nich, ich rede noch etwas wirr weiter, immer noch erschreckt davon, dass die Frau vor mir ja einfach so vom Rad gesprungen ist, verdammt! Ich sehe sie etwa schon zehn, fünfzehn Meter vor mir das Rad den kleinen Berg hochschieben.

 

 

 

Schieben, das will ich ja nun nicht. Beschließe, mich an dem glücklicherweise vorhandenen Begrenzungs-gitter an der Seite festzuhalten, mit beiden Füßen in die Pedalen einzuklicken und dann mit aller Kraft ein klein wenig Schwung aufzunehmen, um den Rest des Anstieges auch noch zu fahren. Gedacht getan - nur: mein Antritt ist viel zu kräftig! Auf dem rutschigen Geläuf dreht mein Hinterrad einfach nur durch - so, als wenn man in einem Auto auf Glatteis im ersten Gang Vollgas gibt. So rutschig ist es hier! Also muss ich ganz dosiert, sanft Schwung aufnehmen. Glauben Sie mir: Wirklich eine schwierige Übung! Aber im zweiten Anlauf gelingt sie mir. Mit lächerlichen 9-10 km/h arbeite ich mich den Rest des Anstieges hinauf. Der unvorhergesehene Stopp hat mir einen gehörigen Adrenalin-Schub verpasst, immer wieder trete ich auf dem rutschigen Kopfsteinpflaster zu kräftig und immer wieder dreht mein Hinterrad durch. Aber letztlich komme ich den Anstieg zum Bensberger Schloss doch hinauf und bin ihn, zwar mit einem kleinen Zwischenstopp, der gerade mal 15 Sekunden dauerte, doch komplett hinauf gefahren. Dass ich ob dieser erschwerten Bedingungen stolz darauf bin, dies geschafft zu haben, zeigen mir die Fotos des professionellen Fotografen, der dort oben versucht, alle Teilnehmer abzulichten. Ach ja: und immerhin überhole ich in dem Anstieg noch die schiebende Fahrerin, die mich zum Absteigen gezwungen hatte :-)

Rund um Köln 2012, nach Bensberger Schloss

Sie haben den Anstieg zum Schloss in Bensberg gerade geschafft. Lange, bevor ich an diese Stelle komme.

 

 

 

Bei einem solchen Adrenalinschub vergisst man mal für einige Zeit die grässlichen äußeren Bedingungen. Zumal zwei Kurven weiter meine Liebste auf mich wartet. Ich bin so auf das aktuelle Renngeschehen eingefangen und registriere sie aufgrund mangelnder Ortskenntnis erst so spät am Wegesrand, dass ich den von mir eigentlich vorgesehenen zwei-Minuten-Stopp gar nicht auf die Reihe kriege und nur gerade mal auf der jetzt leicht abschüssigen Strecke eine Rufen und Winken auf die Reihe bekomme. Wie schade! Wo sie sich doch solche Mühe gegeben hatte, um mit öffentlichen Verkehrsmitteln direkt an die Strecke in Bensberg zu fahren.

Der weitere Verlauf der Strecke ist bis Köln relativ unspektakulär. Bei Forsbach kommt noch mal eine kleine Steigung, aber dann immer wieder ein paar leicht abschüssige Strecken - nix schweres mehr. Etwa zehn Kilometer geht es durch etwas langweilige Waldgebiete. Nicht unbedingt meine liebsten Strecken.

 

 

 

Das Fahrerfeld hat sich mittlerweile sehr entzerrt und ist weit auseinander gezogen. Um den Besenwagen mache ich mir gar keine großen Gedanken mehr - auch, wenn ich weiß, dass ich recht langsam unterwegs bin, vielleicht mit 28 km/h (gefordert sind ja 25 km/h). Aber wie schon betont: Viel mehr als mein Schnitt interessiert mich die Temperaturanzeige, die auch jetzt einfach nicht über die fünf-Grad-Grenze hinaus will.

Irgendwo auf diesen Waldstück rauschen dann mal ganz unvermutet fünf oder sechs andere Fahrer flott an mir vorbei. Da ich mich noch gar nicht besonders verausgabt fühle, beschließe ich in einem Sekundenbruchteil, mit denen einfach mal mitzufahren. Zumindest dies mal zu versuchen. Die sind zügig unterwegs mit 35 bis 40 km/h, während ich vorher kaum mal schneller als 30 km/h war. Aber ich weiß ja, dass es bis zum Ziel nur noch rund 15 Kilometer sind. Da kann ich ja ruhig mal mit meinen Kräften prassen.

Unser kleiner Trupp überholt noch so einige andere Fahrer, hin und wieder hängen sich diese dann auch an uns heran - langsam wächst die Gruppe auf ca. 15-20 Fahrer. Das bringt mir enormen Spaß! Aber obwohl ich jetzt recht angestrengt fahre, friere ich weiterhin doch sehr. Es regnet auch weiterhin beständig kräftig und ich fahre jetzt ja bewusst im Windschatten und somit auch noch im prasselnden Regen von unten.

Rund um Köln 2012, Zieldurchfahrt

Die Zieldurchfahrt am Rheinauhafen in Köln. Ein gutes Gefühl - auch, weil man dem Regen-Dauerprasseln jetzt entgeht. Dachte ich. (Foto: © sportograf.com)

 

 

 

Es geht wieder nach Köln hinein, mit ein paar Kurven und engeren Stellen, unsere Gruppe zerfällt wieder in einige Kleingrüppchen. Das macht aber auch nichts, schließlich ist es bis zum Ziel nicht mehr weit, es geht auf einer engen Schleife auf die Severins-Brücke, danach ins Ziel. Die Zieldurchfahrt ist unspektakulär, kein Hauch von (emotionaler) Gänsehaut - wie ich es schon mal in Hamburg bei den Cyclassics erlebt habe.

Ich halte vor und nach dem Ziel Ausschau nach meiner Liebsten, kann sie aber nicht entdecken. Bin aber froh, diesen kalten, insgesamt sehr ruppigen Härtetest jetzt überstanden zu haben. Was für furchtbare äußere Bedingungen! Und das, wo ich doch gerade erst kürzlich beschlossen hatte, nur noch Schönwetterfahrer sein zu wollen. Jetzt kommt es mir vor, als sei die fiese Trainingstour im Westerwald zwei Tage zuvor eine perfekte Einstimmung auf das Rennen gewesen. Was für eine Ironie!

Aber der fieseste Teil des Rennens steht mir jetzt noch unvermutet bevor: Nach der Zieldurchfahrt gilt es ja, den Transponder der Zeitmessung abzugeben. Üblicherweise geschieht dies recht schnell nach dem Ziel. Köln hat sich hierfür aber etwas Besonderes ausgedacht - was sich als organisatorische Desaster erweist.

Man muss nach der Zieldurchfahrt das Rad rund achthundert Meter zu dem Deutschen Sport- und Olympiamuseum schieben (das Kopfsteinpflastergelände mit einigen kleinen Treppchen erfordert dies) - erst dort kann man den Transponder abgeben. Zunächst jedoch bekommt man an einem Stand ein schön kaltes Alsterwasser bzw. Radler einer Kölner Brauerei in die Hand gedrückt. Obwohl ich jetzt nach dem Absteigen vor Kälte schon am ganzen Körper zittere und normalerweise überhaupt keinen Alkohol trinke, kippe ich das Getränk recht gierig in mich hinein. Ärgere mich aber im gleichen Moment maßlos darüber, dass man hier im Ziel doch tatsächlich ein alkoholhaltiges Getränk bekommt. Die spinnen, die Kölner! Aber natürlich kann man von einer Brauerei als Veranstaltungssponsor nicht erwarten, dass er warmen Tee ausschenkt. Aber das hätte bei diesen Bedingungen ja vielleicht der Veranstalter machen können, ja, müssen.

Prompt drückt man mir auch eine Tüte mit Essen in die Hand. Das finde ich toll! Bei meinem letzten Rennen in Hamburg konnte ich mir nach dem Ziel mit viel Gedrängel und Gerangel und mit viel Glück eine Scheibe Orange und ein kleines Pappbecherchen Leitungswasser ergattern - da ist man hier schon deutlich großzügiger. Schade nur, dass die dünne Papiertüte mit dem Körnerbrötchen und dem Schoko-Croissant in meinen pitschnassen Handschuhen binnen Sekunden anfängt, sich aufzulösen. Da hilft nur eines: sofort aufessen!

Schade auch, dass meine Liebste mit den trockenen Klamotten noch nicht hier ist - ich war mit dem Rad auf dieser direkten Strecke von Bensberg bis hierher offenbar erheblich schneller, als sie mit den öffentlichen Verkehrsmitteln. So zittere ich weiter am ganzen Körper auf dem mir immer länger erscheinenden Weg zur Transponderabgabe im Museum. Eigentlich ja ein ganz hübscher Ort - aber letztlich stimmen die äußeren Bedingungen nicht.

Als ich dorthin komme, traue ich meinen Augen kaum: Durch eine kleine, normale Tür (ein zweiter Türflügel erweist sich als schwer verriegelt) müssen die Fahrer in das Innere des Gebäudes, um den Transponder abzugeben. Aber was bloß tun mit dem Rennrad, wenn man hier alleine ist? Einige beschließen, ihre wertvollen Maschinen mit ins Gebäude zu nehmen, andere legen oder stellen ihre Räder irgendwo vor dem Eingang ab, einfach so. Es hat ja niemand ein Fahrradschloss mit. Vor der Tür gibt es einen gewaltigen Rückstau, in beide Richtungen, rein wie raus. Meine Güte, ist das ein Mist hier! Mir ist kalt, ich bin pitschenass und will rein in das Gebäude, verdammt. Also lege ich kurzentschlossen mein wertvolles und noch sehr neues Stück einfach irgendwo hin, in dem Wissen, dass hier Dutzende, noch viel, viel wertvollere Räder herumstehen und -liegen, die für die potentiellen Diebe viel attraktiver wären.

Als ich nach einigem Schlangestehen endlich drinnen bin (immer hektisch mein Rad im Blick), entdecke ich im schummrigen Licht auf der linken Seite eine Tischreihe, irgendwo steht was von Transponderrückgabe. Keine Warteschlange, immerhin. Aber die ist ja auch draußen. Neidvoll gehen meine Blicke zu den Fahrern, die den drängeligen Vorraum des Museums als Umkleideraum nutzen und sich hier trocken anziehen. Es sind auch viele Rennräder in dem Chaos hier drinnen - und ich habe vollstes Verständnis dafür.

Einer jungen Frau lege ich meinen Transponder auf den Tisch - sie blafft mich sehr mürrisch an, ich könne den Transponder doch, verdammt nochmal, direkt in die vorgesehene Box werfen! Welche Box denn - ah, da einen Meter rechts von mir steht ein flatteriger Pappkarton, der schon fast voller durchnässter Transponder ist. Ich werfe das Ding gespielt achtlos dort hinein. Noch genervter weist die pampsige Frau darauf hin, dass sie meine Startnummer ja Helm ablesen könne. Das weiß ich zwar, verrate ihr dies aber besser nicht - sonst würde ihre miese Laune womöglich noch weiter eskalieren. Sie drücke mir eine Quittung in meinen klatschnassen Handschuh, den ich dummerweise immer noch anhabe. Kurz danach schon ist die Quittung, die ein Jahr aufzubewahren ist, zu einem verklebten Papierklumpen geworden.

Mein einziger Gedanke: raus hier, zurück zum Fahrrad - bevor da zwei Stück für mich liegen.

Also, wirklich, liebe Kölner, das, was Ihr da nach der Zieldurchfahrt abgezogen habt, das war unter aller Kanone! Stellt doch beim nächsten Mal hundert oder zweihundert Meter nach dem Ziel drei Tische an den Rand, für den Fall des Regens mit einen Pavillon darüber. Und da ist dann die Transponderrückgabe, und fertig. Pappkartons habt Ihr ja noch. Und wer da draußen dann rumsitzen muss, darf dann meinethalben auch wirklich mürrisch sein. Aber nach dem Ziel für die Teilnehmer noch einen gefühlt kilometerlangen Fußmarsch nötig zu machen, kommt bei triefend nassen, frierenden Radlern gar nicht gut an!

Eine Kölner Zeitung wusste am Tag darauf übrigens zu vermelden, dass zwei Jedermänner bei dieser Sportveranstaltung mit Unterkühlungen ins Krankenhaus eingeliefert werden mussten (!). Mit der Kälte war also an dem Tag nicht zu scherzen - umso unverständlicher, dass sich der Veranstalter kein bisschen darum gekümmert hat, den ins Ziel kommenden Fahrern irgendetwas Gutes zu tun. Wie ein billiges, warmes Getränk, zum Beispiel.

Die gleiche Zeitung vermeldete übrigens, dass der Bus, der den Besenwagen begleitet, bei dem Rennen der Profis (!) mehrfach dermaßen von aufgebenden Fahrern überfüllt war (!), dass man einige einfach an markanten Punkten absetzte (!) - wo sie dann, von wem auch immer abgeholt werden sollten... Mann-o-mann! Sooo überraschend war das Wetter nach der Vorhersage ja nun auch nicht!

Rund um Köln 2012, im Ziel

Nach dem Rennen, im Zielbereich: Puh, endlich trockene und warme Klamotten.

 

 

 

Irgendwann, eine gefühlte Ewigkeit später, war dann auch meine Liebste wieder im Zielbereich angekommen - die öffentlichen Verkehrsmittel waren wieder schwerfällig. In Ermangelung einer Umkleide-möglichkeit in der Nähe zog ich die ersehnten trockenen Klamotten sofort hier, mitten auf der Straße an. Die Blicke der Umstehenden waren verständnislos bei dem Anblick des fast nackten Mannes in der Kälte, der dann nicht einmal eine richtige Radrennfahrerfigur vorweisen konnte - für mich war die trockene Kleidung wie ein wundervolles Geschenk!

 

 

 

Es dauerte ein paar Stunden, bis ich mit den Ereignissen im Reinen war. Und gar ein leiser Hauch von Zufriedenheit kam durch, als ich im Internet meine vorläufig offiziellen Resultate sah: Mit der Fahrzeit von 2 Stunden 18 Minuten Platz 845 unter 1351 ins Ziel kommenden Männern (in meiner Altersklasse war das sogar ein Platz in der ersten Hälfte des Klassements), mein Schnitt für die offiziell 69,3 km lange Strecke war letztlich 30,0 km/h. Meine Spitzengeschwindigkeit von heute 52,2 km/h erreichte ich bei der Abfahrt in Bergisch Gladbach nach der Sander Straße. Das ist bei diesen Bedingungen und bei dieser für mich ungewohnten und durchaus anspruchsvollen Strecke akzeptabel!

Sehr schön fand ich, dass in dem gesamten Verlauf des Rennens keinen Sturz erleben musste, auch nicht die Folgen eines Sturzes, keine Ärzte, keinen Krankenwageneinsätze, nichts dergleichen. Das ist besonders wohltuend, wenn ich mal vergleiche mit meinem letzten Rennen zuvor, dem Münsterland Giro im vorangegangenen Herbst. Was ich dort erleben musste, kann man wohl nur als furchtbares Sturzfestival bezeichnen. Ironischerweise waren damals die äußeren Bedingungen herbstlich, aber nahezu perfekt.

Ob ich noch einmal in Köln starten würde? Nun, das weiß ich derzeit nicht. Letztlich hat mir das Rennen einige unvergessliche Eindrücke beschert und mir vor Augen geführt, dass ich mich durch einiges durchbeißen kann. Das ist soweit ja schon mal ganz in Ordnung - aber süchtig nach Schlechtwetter-Rennen werde ich ganz sicher nicht werden!

Die Organisation vor und während des Rennens war völlig in Ordnung. Der Rahmen stimmte, die Strecke hat ihren Reiz und bringt Spaß. Für das Sauwetter kann der Veranstalter nichts. Aber dass einem Teilnehmer mit dem Ende des Rennens der mit Abstand schlechteste Part der Veranstaltung bevorsteht, ist irgendetwas zwischen böse und blöde - und lässt mich ratlos kopfschüttelnd zurück. Man bekommt den Eindruck, dass der Veranstalter nicht willens oder fähig ist, sich flexibel auf widrige Verhältnisse einzustellen.

Kurz und knapp: Keine Ahnung, ob man mich in Köln noch einmal auf dem Rennrad sehen wird, zumal es nicht gerade vor der Haustür liegt und der organisatorische Aufwand mit der Anreise erheblich ist. Müsste ich mich jetzt anmelden - ich würde dies sicher nicht tun!

Erheblich wird auch der Aufwand für mein nächstes, folgendes Rennen sein. Nach "Rund um Köln" heißt es dann, Mitte Mai, "Rund um Buckow". Ein ganz kleines Hobbyrennen in der Märkischen Schweiz, östlich von Berlin. Mal sehen, was für Eindrücke dieser völlig andere Rahmen eines Jedermann-Radrennens dann bringen wird...

 

Zu einer Galerie mit beeindrucken Fotos des 96. Rund um Köln gelangen Sie hier in der Best Of-Galerie der offiziellen Pertner-Fotografen des Rennens sportograf.com.

 

Natürlich hatte ich auch bei diesem Rennen wieder meinen GPS-Empfänger bei mir. Das bedeutet, dass Sie sich hier die kml-Datei meines Rennens herunterladen können - und damit den exakten Weg direkt z.B. in Google Earth betrachten. Zu sehen ist die Runde auch unten in der (zoombaren) Karte. Bitte beachten Sie: In der Nähe von höheren Gebäuden  und in Waldgebieten treten immer wieder kleine Störungen beim Satelliten-Empfang auf, was zu Abweichungen in der Strecken-Darstellung führt. Ich bin also nicht durch oder über Häuser gefahren...

 

 

 

 

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Dirk Matzen

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