Vattenfall-Cyclassics 2012 über 155 km -
  Hitzeschlacht am Kösterberg

Ein Erlebnisbericht über die Teilnahme auf der 155 km-Strecke des
  Hamburger Jedermann-Radrennens - inzwischen eine Art
  Fahrrad-Fortsetzungsroman
August 2012, mit 13 Bildern




Cyclassics 2012, im Startblock H

Sonntag, 19. August 2012, 7:45 Uhr in der Hamburger Mönckebergstraße: Tausende Jedermann-Radrennfahrer warten, hier in Startblock H, in praller Sonne auf den Start der 17. Vattenfall Cyclassics.

Klar - auch im Jahr 2012 gab es für mich wieder eine Teilnahme an meinem "Heim-Jedermann-Radrennen", den Vattenfall Cyclassics in Hamburg. Und wieder genau ein Jahr vorher beginnt auch dieses Mal die Geschichte der Cyclassics für mich. Einen umfassenden Bericht der Cyclassics 2011 über 100 km, gibt es auch hier auf meinen Internetseiten (neues Fenster öffnet).

2011 ging mir bei der Fahrt in das Ziel der 100 km-Strecke durch den Kopf, ob ich mich im Jahr 2012 nicht mal an der ganz langen Cyclassics-Strecke über 155 km versuchen sollte - verwarf den Gedanken jedoch sofort wieder! Gerade eben hatte ich mich mit großer Mühe in das das Ziel der 100 km-Strecke gequält (wenn auch mit meinem Trekkingrad), und schon denke ich an eine noch viel größere Herausforderung??? Welch ein Unfug!

Denn: Die 155 km-Strecke ist nicht nur ein ganzes Stück länger, nein, was diese Strecke besonders anspruchsvoll macht, ist, dass der Veranstalter eine deutlich höhere Geschwindigkeit fordert. Wurde für die 100 km eine Durchschnittsgeschwindigkeit von 26 km/h gefordert, so liegt diese Erwartung bei der längeren Strecke sogar bei 31 km/h. Fünf km/h Durchschnittsgeschwindigkeit Unterschied ist ein verflucht großer Unterschied für Hobbyradler!

155 km in der Maximalzeit von 5 Stunden - das erschien mir im Jahr 2011 mit meinen Möglichkeiten einfach unvorstellbar! Noch ein Jahr weiter zuvor, also in 2010, hatte ich mich erstmalig überhaupt an den Cyclassics versucht, über 55 km. Zu dem Zeitpunkt erschien mir ein Rennen über 155 km geradezu verrückt, ja, absolut irrwitzig! Völlig ungläubig registrierte ich, dass es Jedermänner gibt, die eine solche Herausforderung bestehen und eine solche Strecke in deutlich unter fünf, ja sogar unter vier Stunden fahren! 155 km, in weniger als vier Stunden - auf dem Fahrrad!! Unglaublich!

 

 

 

Dann jedoch ergab sich bei mir im Dezember 2011: Der Kauf eines Rennrades! Fast plötzlich, unvermutet und für mich selbst überraschend entscheide ich mich im Dezember, mein (wer weiß: vielleicht letztmalig?) ausgezahltes "Weihnachts-geld" in ein Rennrad umzuwandeln. Eigentlich bin ich mit meinem sportlichen Trekkingrad ja sehr zufrieden, aber doch: Es soll jetzt ein Rennrad sein! Hauptmotivation hierfür: zusammen mit meiner Liebsten plane ich im Sommer 2012 eine Alpenüberquerung per Rennrad, wir haben im November sogar schon eine organisierte Tour gebucht. Und das will ich dann doch nicht mit meinem Trekkingrad mit Nabenschaltung angehen! Das spärliche Weihnachtsgeld im Öffentlichen Dienst reicht zwar bestenfalls für ein simples Einsteigermodell - aber das würde zu mir als Rennrad-Einsteiger ja auch passen. Nie im Leben hätte ich jedoch gedacht, dass ein solches Anliegen im Dezember so dermaßen absurd und abwegig ist! Ich klappere eine ganze Reihe von Hamburger Fahrradläden ab - mit ernüchternden Erfahrungen, aus den verschiedensten Gründen (bei einem Test in Berlin mache ich total andere Erfahrungen, dort ist man einfach nicht so hochnäsig und nimmt mein Interesse an einem Rennrad einfach mal ernst). In Hamburg ist man erst beim siebten oder achten (!) Händler-Besuch bereit, sich etwas Zeit zu nehmen und mich zu beraten. Ansonsten wurde mir eher vermittelt, ich würde die dezemberliche Ruhe der Verkäufer stören. Prompt verlasse ich dann den Laden in Harburg-Neuland mit einem soliden Einsteigerrennrad aus eigener Produktion. Stolz wie Oskar - aber auch unsicher, wie ich damit wohl auf Dauer überhaupt klar kommen werde. Im Hinterkopf durchaus den Gedanken, dass man, wenn man schon ein Rennrad hat, dann muss man ja auch auf die 155 km-Strecke der Cyclassics! Oder? Zumal die Alpenüberquerung ein paar Wochen zuvor ja ein gutes Training sein wird!

 

Vattenfall Cyclassics 155 km - Meine Vorbereitung und Einstimmung.

24. Januar 2012: Gleich am ersten Tag der Anmeldefrist melde ich mich für die Cyclassics an, wie ein Rennpferd ungeduldig mit den Hufen scharrend. Und, ja: Tatsächlich sollen es diesmal die 155 km sein. Erschien mir das mit dem auf dieser Strecke verlangten Tempo vor zwei Jahren noch irrwitzig und total unvorstellbar, vor einem Jahr noch völlig unvorstellbar - so denke ich jetzt, mitten im Winter, dass 155 km für mich ja doch machbar sind. Oder besser: Sein sollten! Sein müssen!! Dabei habe ich zu diesem Zeitpunkt, im tiefsten Winter, noch keine 200 km auf dem neuen Rennrad zurückgelegt. Na, wird schon noch.

Frühjahr 2012: Viele Trainingsfahrten fallen ins Wasser, aber ich gewöhne mich an und verliebe mich in das Rennrad. Einfach großartig. Manchmal zwicken einige Gelenke oder Knochen ein wenig, vor allem immer wieder mal der Rücken - aber es fühlt sich unter dem Strich klasse an, mit dem Rad die Umgebung zu erkunden. Auch ein paar Rennen stehen schon an: zu Ostern "Rund um Köln" (bzw. Velodom Köln - hier gibt es einen Bericht zu dem Rennen "Rund um Köln"), "Rund um Buckow" im östlichen Brandenburg (bzw. Radfest Buckow - hier ist der Bericht zu dem Hobby-Rennen "Rund um Buckow") und auch wieder das Berliner Skoda-Velothon (bereits zum dritten Mal). Jedes Rennen für sich ein besonderes Erlebnis. Besonders gut läuft es für mich beim Velothon in Berlin. Bei meiner dritten Teilnahme über die kurze Strecke (64 km) verbessere ich meine bisherige Bestzeit gleich um 21 Minuten und lande zu meiner eigenen Verblüffung im ersten Drittel des Gesamtergebnisses. Und das Ganze, ohne es auf besonders hohes Tempo angelegt zu haben oder auch nur von meiner eher vorsichtigen, defensiven Fahrweise abzuweichen. Na also - es geht doch!

18. Juli. - 21. Juli.: Da ich und meine Liebste total unerfahren sind, was Bergfahrten anbelangt, haben wir uns für eine Art "Light-Version" einer Alpen-über-querung entschieden - ich empfinde es rückblickend eher als Alpen-durch-querung von Garmisch zum Gardasee in vier Tagen. Trotzdem ist es eine phantastische, grandiose Tour mit toller Anleitung und netten Leuten in atemberaubender Landschaft - und ganz nebenbei sicher ein brillantes Training für die Cyclassics. Ein separater, ausführlicher Bericht über die Alpenüberquerung findet sich hier.

Mittwoch, 15. August 2012: Wieder einmal ungeduldig mit den Hufen scharrend hole ich bereits am ersten Tag auf dem Hamburger Gänsemarkt die Startunterlagen der Cyclassics ab. Man hat mich in den Startblock H gesteckt. Das hat zwei Facetten: Einerseits bin ich noch nie in einem großen Rennen so weit vorne gestartet (es geht, zusammen mit den Startern über 100 km, bis zu Startblock S). So weit vorne zu starten hat aber auch eine Facette, die ich grundsätzlich gar nicht mag, da es dann hinter mir noch etliche rücksichtslos fahrende Heißsporne geben wird. Andererseits bin ich im Startblock H schon in einem der hintersten Blocks, aus denen Fahrer überhaupt auf die 155 km-Strecke geschickt werden. Ich ahne also einen Kampf gegen den Besenwagen, der einen aus dem Rennen nimmt, wenn man spürbar hinter die vorgegebenen 31 km/h Durchschnittsgeschwindigkeit zurück fällt. Die Wetterprognose für das Wochenende verdichtet sich auf: heiß. Also: richtig HEISS!

Freitag, 17. August 2012: Unruhige Nächte liegen hinter mir - das bevorstehende Ereignis beschäftigt mich sehr, sogar im Traum. Mein Trainingszustand reicht, offen gestanden, vorne und hinten nicht, hat trotz der tollen Alpenüberquerung längst nicht zu der Fitness geführt, die ich im Januar von mir selbst einfach mal erwartet hatte. Meine Sicht der Dinge hat sich nicht zuletzt dadurch wieder verschoben: Vor zwei Jahren also erschienen mir die 155 km irrwitzig unvorstellbar, vor einem Jahr nur noch unvorstellbar, im Januar des Jahres dann plötzlich voller Optimismus vorstellbar - und jetzt, direkt davor, wieder nahezu irrwitzig. Allerdings: Während die Anteilnahme bei Freunden, Bekannten und Arbeitskollegen in den beiden letzten Jahren eher beiläufig war: "soso, Radrennen, jaja, Cyclassics, höhö, ist ja ganz toll, hehe", so sorgt diesmal allein die Zahl 155 km für allgemeines, oft entsetztes oder erschrecktes Erstarren. Oder auch belustigte Ungläubigkeit. Wie viele Tage ich denn für diese Strecke Zeit hätte? "Waas? Nur fünf Stunden??? O-Gott-o-Gott! Na, Du kannst ja ne Abkürzung fahren, höhöhö." In der Tat: andere könnte ich mit einer Abkürzung beschummeln - mich selber aber eben nicht. Und ich fahre mit anderen zusammen gegen mich selber. Von daher würde so etwas ganz und gar nicht funktionieren. Das kann ich meinen Kollegen allerdings nicht recht vermitteln. Aber doch: Die Anteilnahme meines Bekanntenkreises an dem Rennen nimmt nie gekannte Ausmaße an. Ein Kollege entschließt sich sogar noch, die 55 km mitzufahren. Alle sind auch etwas besorgt um mich - schließlich wird ja für das Wochenende die größte Hitzewelle des gesamten Jahres angekündigt. Bis deutlich über 30 Grad soll es am Renntag werden.

Samstag, 18. August 2012: Meine Liebste hat schon vor längerer Zeit beschlossen, selber nicht bei dem Rennen mitzufahren. Statt dessen richtet sie sich voll darauf ein, mich zu unterstützen. Das finde ich großartig, supertoll, und weiß das zu schätzen! Sie ersetzt dann auch den im letzten Jahr sehr zeitaufwändigen Verpflegungspunkt in Jesteburg. Den halben Samstag verbringen wir in S-Bahnen, um unsere Treffpunkte möglichst präzise zu planen: Neuwiedenthal (Ecke Cuxhavener Straße / Ehestorfer Heuweg), Harburg (Phönix-Center), Hauptbahnhof (damit wir uns verständigen können, ob ich tatsächlich auf die 155 km-Runde gehe und nicht nach 100 km abbreche und direkt ins Ziel fahre), Bahnhof Blankenese (um mir Cola und Snickers als Treibstoff für die letzten rund 15 km zu reichen) und dann - hoffentlich - am Rathaus, direkt vor dem Ziel. Die Planung ist perfekt. Ob meine Fahrt es auch wird?

 

Sonntag, 19. August 2012: Der Tag des Rennens, den 155 km Cyclassics.

05:30 Uhr (18,9°C): Der Wecker klingelt. Sofort bin ich hellwach. Ganz gegen meine sonstigen Gewohnheiten plappere ich sofort los, erzähle meiner Herzallerliebsten in einem für mich völlig ungewöhnlichen Wortschwall, dass ich gefühlt die ganze Nacht intensiv, nein, nein, nicht vom Radrennen, sondern von... Tangermünde geträumt habe. - Meine Liebste schaut mich völlig verschlafen und irritiert an: Ja, wieso denn Tangermünde? - Keine Ahnung, ich war noch nie da, kenne den Ort nicht, bis auf ein paar Fotos, die mir vor ein paar Jahren mal ein begeisterter Kollege gezeigt hatte. Hätte ich nicht zumindest von einem tollen Radrennen in Tangermünde träumen können??? Es gibt schon merkwürdige Dinge!

05:30 - 06:40 Uhr (18,8°C): Das übliche Programm vor einem solchen Radrennen wird abgespult: Duschen, gut Frühstücken, viel trinken (da es heute ja so irre heiß werden soll, kippe ich schon mal gut einen Liter Wasser plus Kaffee in mich hinein), die Kleidung muss sitzen, die beiden Wasserflaschen mit salzigem Leitungswasser gefüllt werden, Powerriegel in die Trikottaschen, ebenso die kleine Kamera, einen Geldschein (für das Taxi zum Abkürzen, höhöhö...), der GPS-Logger, das Handy. Und: Noch mal ein Blick auf die Technik meines Rades; Kette sitzt, Bremsen ziehen, alles ist fest - alles gut! Auf eine Regenjacke verzichte ich ebenso, wie auf Armlinge für die Fahrt zum Startbereich. Auch meine Liebste stattet sich üppig aus, schon allein vier Liter Wasser schleppt sie mit - davon allein ca. drei, damit ich meine Tanks bei den geplanten Stopps in Harburg und in Blankenese auffüllen kann.

Cyclassics 2012, Starterfeld 55 km

Der Startbereich des 55 km Rennens ist schon prall gefüllt, als wir gegen 7:10 Uhr dort entlang kommen. Immer wieder ein ungeheuer beeindruckendes Bild!

 

 

 

6:45 Uhr (19,1°C): Wir rollen gemütlich gen Startbereich, meine Liebste begleitet mich auf dem Rad. Spätestens auf der Grindelallee sind wir mitten drin im Tross der zahlreichen Starter, die alle in die Innenstadt wollen. Am Dammtor-Bahnhof werfen wir einen Blick auf die riesigen, schon gut gefüllten Starterblocks des 55 km-Feldes. Immer wieder ein super-beeindruckendes Bild!

 

 

 

7:20 Uhr - Alstertor (19,9°C): Sie steigt am Jungfernstieg in die S-Bahn, um noch vor den Führenden des Rennens an unserem ersten Treffpunkt in Neuwiedenthal zu sein. Gestoppt wird dort bei ihr von mir noch nicht, nur gerufen und gewunken. Ich begebe mich direkt zu meinem Startblock, ärgere mich dabei maßlos über einen Dödel, der es geschafft hat, Scherben quer über die Straße Alstertor zu verstreuen. Ich sehe diese Sauerei bei unserer Abschiedszeremonie viel zu spät und rolle mitten durch die Scherben hindurch - so ein Mist!

7:30 Uhr - Mönckebergstraße (20,1°C): Ich bin in meinem Startblock "H", wundere mich, dass kein Ordner auf meine Startnummer oder auf mein Rad geguckt hat. Keinerlei Kontrolle, nix. Dementsprechend sehe ich vereinzelt Leute aus allen möglichen Startblocks in "meinem" herumgeistern, bis zu Block "R" meinen Leute, sie seien in "H" irgendwie besser aufgehoben. Interessant auch die Vierergruppe, die auf ihren Startnummern den Starterblock überklebt haben und ein "H" darauf gekritzelt haben. Über so eine Mischung aus Dämlichkeit, Frechheit und Ignoranz bin ich immer wieder verblüfft. "Hauptsache ICH" ist hier das Motto!

7:35 Uhr - Mönckebergstraße (20,3°C): Penibel kontrolliere ich, ob meine Reifen am Alstertor irgendwelche Scherben "aufgesammelt" haben, finde aber nichts. Praktisch wäre gewesen, ich hätte zum genauen Hinschauen meine Lesebrille mitgenommen. Aber wer nimmt schon eine Lesebrille zum Radrennen mit? In der Folge laufe ich, wie Dutzende andere, noch kreuz und quer in der Umgebung herum, in der Hoffnung, ein DIXI-Klo zu finden. Weit und breit keines in Sicht. Ich entwickle ein gewisses Verständnis für Leute, die sich in irgendwelchen Gebäudeecken erleichtern. Da mir dies aber zuwider ist, frage ich in einem Café, aber dort brummelt man unfreundlich "kost' aber 50 Cent!". Als ich glaubhaft nachweisen kann, nur "großes" Taxigeld, aber kein Kleingeld dabei zu haben, lässt man mich mit großer Gnade, aber weiterhin brummelnd, doch gewähren. Viel Lust darauf, das Café dann später noch zu besuchen, macht das nicht.

Cyclassics 2012, warten auf den Start

Geduldiges Warten gehört vor dem Start der Cyclassics immer dazu.

 

 

 

7:50 Uhr - Mönckeberg-straße (20,8°C): Eigentlich sollte es um 7:45 Uhr los gehen - aber von einem Start ist weit und breit nichts zu ahnen. Sonderlich kommunikativ ist es in meinem Startblock auch nicht. Die meisten machen es, wie ich: Man steht etwas angespannt stumm herum und wartet, nullt das Tacho nochmal, überprüft noch mal dieses und jenes, jenes und dieses, und noch mal dieses und jenes, nullt das Tacho sicherheitshalber nochmal. Ganz dumm von mir: Ich habe mich bei der Startaufstellung direkt über einen Gully gestellt. Der stinkt gerade ganz erbärmlich und ist derzeit der Hauptgrund dafür, warum ich jetzt endlich, endlich los will, denn mittlerweile ist es zu voll hier, um noch den Standort zu wechseln. Schon verblüffend, was man bei der Startaufstellung doch alles falsch machen kann! Ein ganz anderer Fehler von mir beim Velothon in Berlin in diesem Jahr: Vor dem Start wurde ich von einem blutjungen Ordner, fast könnte er mein Enkel sein, mit der Androhung der Disqualifikation streng verwarnt, weil ich 20 Minuten vor dem Start mal für eine Weile meinen Helm abgenommen hatte. Hier in Hamburg haben momentan viele keinen Helm auf - aber es ist ja auch kein Ordner da. Und ein wenig "laissez faire" muss bei einem solchen Event auch möglich sein! Zumindest, solange nicht gefahren wird.

07:59 Uhr - Mönckebergstraße (21,2°C): Endlich geht es los: Das Feld setzt sich ganz langsam in Bewegung. Endlich lasse ich den erbärmlichen Gestank aus dem Gully hinter mir. Nachdem man in den Klosterwall abgebogen ist, fährt man recht bald auch schon durch den offiziellen Startbogen. Ein Stück vorher nulle ich noch mal mein Tacho.

Kilometer 2,3, 08:04 Uhr - Versmannstraße (21,4°C): Auf den ersten paar Kilometern geht es schon recht hektisch zu. Einige Heißsporne scheinen Angst zu haben, dass sie schon auf den ersten zwei Kilometern "entscheidende" Zeit verlieren könnten und überholen rasant. Ich halte mich da lieber noch zurück und lasse diese Bekloppten erstmal abhauen. Bisher bin ich bei meinen Rennteilnahmen immer eher von einem hinteren Block aus gestartet - dort geht es zwar nicht wesentlich langsamer, aber meist weitaus gesitteter und umsichtiger zu, als hier jetzt. Ich konzentriere mich also sehr auf meine nächste Umgebung.

Kilometer 3, 08:06 Uhr - Freihafenbrücke (21,6°C): Für einen kurzen Moment werde ich eingeholt - von meiner eigenen Jugend... An der Freihafenbrücke hat die Umweltschutzorganisation ROBIN WOOD ein großes Transparent befestigt und ein "Umsatteln" des Hauptsponsors der Cyclassics, dem Energiemulti Vattenfall, auf Ökostrom gefordert. Mir gefällt dies gut! Es ödet mich schon längst an, bei diesen Radrennen immer wieder massive Werbung für einen Atomenergie-Konzen wie Vattenfall (wie hier in Hamburg) oder andernorts auch für eine Auto-Firma wie Skoda (Berlin, Köln) zu fahren.

Kilometer 6, 08:11 Uhr - Veddeler Damm (21,9°C): Etwas verblüfft bemerke ich, dass der erste Schwung Starter aus dem nach mir gestarteten Block I an mir vorbeirauscht. Im vergangenen Jahr wurde ich erst nach ca. 13 Kilometern von den ersten des hinter mir gestarteten Blocks überholt - heute also schon nach ein paar Kilometern. Vor diesen Heißspornen muss man sich in Acht nehmen, zum Teil wird sehr knapp und rücksichtslos überholt. Da hilft nur: Platz machen, soviel, wie möglich. Ganz rechts auf die Straße und hoffen, dass diese Leute einfach nur an einem vorbei fahren, statt einen über den Haufen fahren. Als ganz furchtbar erwiesen sich später die Führenden des Block "J". Zufall oder nicht: Es war eine ausgesprochen große Führungsgruppe, die wie ein Panzer alles zu überrollen schien. Ich hatte wieder Glück und genug Umsicht, aber: Was, um alles in der Welt, wollen diese Typen in einem Jedermann-Radrennen? Eigentlich wäre Jedermann-Boxen für viele von denen doch ein viel passenderer Sport!

Kilometer 10,5, 08:19 Uhr - Köhlbrandbrücke (22,6°C): Nach der Fahrrad-Sternfahrt (hier gibt es ein paar Fotos der Hamburger Fahrrad-Sternfahrt 2012 - neues Fenster öffnet) fahre ich in diesem Jahr das zweite Mal über die Köhlbrandbrücke. Immer wieder großartig! Die Abfahrt gefällt mir allerdings nicht so gut, es ist doch recht eng zu um mich herum und einige fahren bei dem hohen Tempo von rund 60 km/h doch sehr unruhig hin und her auf der Strecke, immer auf der Suche nach einer kleinen Lücke oder einem Hauch Windschatten.

 

 

 

Kilometer 20, 08:33 Uhr - Ecke Cuxhavener Straße / Ehestorfer Heuweg (22,4°C): Das erste Treffen mit meiner Liebsten klappt großartig, wir sehen uns gegenseitig sehr frühzeitig, winken und jubeln uns zu. Einen Grund für einen Stopp gibt es für mich jetzt noch nicht - nach dem kurzen Stück bisher! Trotzdem: Das ist Motivation pur für mich!

 

Kilometer 23,5, 08:40 Uhr - Ehestorf (22,6°C): Die Fahrt in die Harburger Berge nach Ehestorf hinauf bereitet mir keine besonderen Probleme, meist bin ich mit mehr als 30 km/h unterwegs. Erst das letzte Stückchen der langgezogenen Steigung, das auch das steilste ist, lässt mich ins Schnaufen kommen und mit 17 km/h deutlich langsamer werden. Aber ich genieße die vielen anfeuernden Zuschauer hier. Im vergangenen Jahr, auf meiner 100 km Cyclassics-Runde, hatte ich vor dieser Steigung, die zwar nicht sehr steil, aber eben doch ungewohnt lang ist, enormen Respekt und machte mir Sorgen, sie nicht angemessen zu schaffen. Dieses Jahr bereitet mir dieser Hügel keine größeren Probleme. Da hat sich die Alpenüberquerung im Juli doch gelohnt.

Kilometer 30, 08:54 Uhr - kurz vor Langenrehm (23,2°C): Es läuft bei mir eigentlich alles ganz flott und insgesamt ist das Tempo doch schneller, als ich es im vergangenen Jahr wahrgenommen habe. Hier in Langenrehm erreicht man den höchsten Punkt der Strecke: 137 Meter über NN. Es bleibt zwar in der Folgezeit weiterhin etwas hügelig, aber tendenziell geht es nach unten. Mein Rücken zwickt etwas. Das kenne ich, und es beunruhigt mich nicht sonderlich. Wird schon wieder nachlassen! Ansonsten läuft das Rennen ohne sonderlich spektakuläre Ereignisse. Die Strecke kenne ich ja noch aus dem Vorjahr und immer wieder freue ich mich auf und über die Zuschauer in den einzelnen Ortschaften.

Kilometer 58, 09:40 Uhr - zwischen Dierkshausen und Asendorf (25,4°C): Irgendwie habe ich eine kleine Krise, aber die gehören ja wohl auch immer irgendwie dazu. Die Rückenschmerzen haben immer noch nicht nachgelassen, nun gesellt sich auch noch mein unwilliger Hintern dazu: Auch er fängt an zu schmerzen. Irgendwie fühle ich mich im Moment gerade nicht so richtig wohl, halte trotzdem eine Durchschnittsgeschwindigkeit von knapp 36 km/h. Hinzu kommt, dass gerade auf diesem Abschnitt der Asphalt einen ziemlich jämmerlichen Zustand hat und ich furchtbar durchgeschüttelt werde. Ich beruhige mich mit dem Gedanken, dass kleine Krisen im Verlauf eines solchen Rennens völlig normal sind - trotzdem ertappe ich mich bei dem Gedanken, bei dem allgemeinen Verpflegungspunkt in Jesteburg in jetzt noch vier Kilometern Entfernung einen kurzen Erholungsstopp zu machen. Mein Wasser wird schon bedenklich wenig. Aber andererseits wäre ein Stopp in Jesteburg Quatsch, denn gerade mal 18 Kilometer weiter, in Harburg, wartet meine Liebste mit meiner persönlichen Verpflegung auf mich.

Kilometer 63, 09:48 Uhr - Jesteburg (26,0°C): Der Verpflegungspunkt Jesteburg war im vergangenen Jahr vom Veranstalter unglücklich angelegt: zu klein, zu enge Einfahrt, gefährlich anzufahren direkt nach einer engen Kurve. Erst als ich durch Jesteburg durchfahre, bemerke ich, dass man den Verpflegungspunkt in diesem Jahr verlegt hat. Als ich, etwas schweren Herzens, vorbeifahre, sehe ich, dass man es dieses Jahr deutlich besser gelöst hat. Gut so. Nun heißt es für mich, erstmal die Zähne zusammen zu beißen, in 18 Kilometern kommt mein persönlicher Verpflegungspunkt. Erfreulich allerdings: Ich registriere, dass es im Fahrerfeld mittlerweile spürbar ruhiger und sortierter zugeht. Es kommen von hinten auch nicht mehr so große Trupps, die ein ambitioniertes "Rennen" gegen andere fahren. Es überwiegen mittlerweile um mich herum Leute, die sich eher wie Mitfahrer verhalten.

Kilometer 70, 10:00 Uhr - Lindhorst (25,9°C): Huch, was ist das? Zu meiner Verblüffung biegen wir hinter Helmstorf von der Jesteburger Straße ab und fahren eine andere Route, als ich es vom letzten Jahr und von meiner Vorbereitungsrunde her kenne. Macht ja nix, ist ein kleines zusätzliches Stück - irgendwie ja auch interessant. Das Ziehen im meinem Rücken lässt langsam nach - endlich! Mein Schnitt sackt aber auch langsam ab, liegt bei etwa 35,5 km/h. Ist doch in Ordnung und deutlich schneller, als die verlangten 31 km/h, da kann ich mir ja ruhig eine Pause in Harburg gönnen!

Cyclassics 2012, Wilstorfer Straße

Kilometer 81, Harburg, an der Wilstorfer Straße. Der THW sichert die Rennstrecke vor Autos aus der Moorstraße. Zuschauer gibt es im Zentrum von Harburg außer den Mitarbeitern des THW nur wenige.

 

 

 

Kilometer 77, 10:13 Uhr - Harburg, Winsener Straße (25,7°C): Ungeheuer, was für Menschen-mengen sich hier eingefunden haben, um uns Fahrer anzufeuern! Ahnen diese Leute hier überhaupt, wie toll, motivierend und aufmunternd diese Anfeuerung für uns Fahrer eigentlich ist? Vielen Dank dafür! Mittlerweile ist es, trotz des noch frühen Sonntags, auch schon richtig heiß - 26 Grad Außentemperatur im Schatten. Auch für die Zuschauer ist das hier sicherlich anstrengend - schließlich haben die Armen keinen Fahrtwind, denke ich mir immer wieder. Wann immer es die Fahrsituation erlaubt, lächle, winke, nicke ich zurück zu den Anfeuernden. Insgesamt ist das eine sehr nette, schöne Form von sehr spezieller Kommunikation.

Cyclassics 2012, Harbury City

... die in einer schier endlosen Schlange durch Harburg radeln. Rund 12.000 Jedermänner und -frauen passieren die City. Und später auch 150 Radrennprofis.

 

 

 

Kilometer 81, 10:18 Uhr - Harburg, neben dem Phönix-Center (26,2°C): Mein Ausrollen in die Moorstraße gestaltet sich nicht ganz einfach - die Straße ist von einem großen THW-Fahrzeug und Flatterband blockiert. Trotzdem gelingt mir ein gefahrloses Ausscheren und ich stehe schlagartig vor meiner Liebsten. Einige Anwesende des Cafés haben mich nach Plaudereien mit meinem Schatz quasi mit erwartet, der Wirt erzählt mir was von seinen Mountainbike-Erfahrungen - so recht zum Plaudern ist mir aber gerade nicht zumute. Da ich ja recht flott unterwegs bin, nehme ich mir insgesamt aber doch ein paar Minuten Zeit, um mich mit frischem Salz-Wasser, Bananen und Küssen versorgen zu lassen. Während ich hier stehe, sehe ich zum allerersten mal einen "Guide" des "Safer Cycling Teams", der radelt hier in einer Gruppe vorbei. Organisierte Fahrer, die im Feld mitfahren, um ein wenig nach dem Rechten zu schauen und notfalls etwas beruhigend einzugreifen - eine großartige Idee des Veranstalters, wie ich finde. Schade nur, dass ich davon bisher überhaupt nichts bemerkt habe. Vielleicht aber sind es insgesamt doch etwas wenige Safe Guides? Meine Liebste und ich jedenfalls verabreden uns noch zu einem kurzen Winken am Hauptbahnhof - dort kann sie dann sehen, ob ich tatsächlich die 155 km fahre. Es könnte ja auch sein, dass ich plötzlich so sehr schwächel, dass ich doch nach den 100 km ins Ziel abbiege. Es ist also extrem wichtig, dass meine Liebste mich am Hauptbahnhof sieht, damit sie weiß, wie es weiter geht. Ob sie noch zu dem nächsten privaten Verpflegungsstopp in Blankenese fahren muss oder einfach in die Mönckebergstraße zum Ziel geht.

Kilometer 86, 10:36 Uhr - Wilhelmsburg, Georg-Wilhelm-Straße (27,0°C): Die ersten zwei oder drei Kilometer nach meinem ausgiebigen Stopp fällt es mir schwer, wieder in Tritt zu kommen. Die Muskulatur ist schon etwas zu sehr verhärtet und die Banane liegt mir eine Weile schwer verdaulich im Magen. Aber dann, ganz plötzlich, geht es mir gut - so richtig, richtig gut! Alles läuft jetzt rund, ich bin schnell und fühle mich schlagartig auf dem Rad prächtig, wie den gesamten Morgen noch nicht. Keine Spur von Arsch- oder Rückenproblemen, keine Spur von Müdigkeit oder Erschöpfung, alles ist plötzlich super. Als ob ich mich die gut 80 km nur warmgefahren habe. Irgendwo hier wird mir völlig klar, dass ich nicht nach 100 km in Ziel abbiegen werde, sondern tatsächlich versuchen werde, die 155 km zu schaffen - auch, wenn es mit der Zeit immer heißer wird.

Kilometer 97, 10:56 Uhr - Versmannstraße (28,2°C): Insgeheim hatte ich gehofft, dem Feld der Profis nach deren Start zu begegnen, um mal einen kurzen Blick auf die Jungs werfen zu können. Die würden uns entgegen kommen und sich dann auf genau die gleiche Schleife begeben, die wir bis hierhin schon absolviert haben. Als ich an das Ende der Versmannstraße komme, sehe ich den großen, langen Tross an Polizei- und sonstigen Fahrzeugen, die diesem Feld noch vor deren offiziellem Start im Veddeler Damm vorausfährt. Leider jedoch bin ich eine oder zwei Minuten zu früh an diesem Punkt, denn bevor ich auch nur einen kleinen Blick auf die Profis werfen kann, geht es für unser Feld nach rechts ab auf die Shanghaiallee. Schade!

 

 

 

Kilometer 98, 10:58 Uhr - kurz vorm Hauptbahnhof (28,4°C): Hier ist die Feldertrennung für die 100 km- und die 155 km-Strecke. Klar ordne ich mich für die 155 km auf die rechte Fahrspur ein! Und schon auf der kleinen Auffahrt vom Deichtorplatz den Klosterwall hinauf sehe ich aus der Ferne meine Liebste, sehe dass sie noch etwas hektisch nach einem guten Standplatz Ausschau hält, offenbar ist sie gerade erst angekommen. Alles sieht hier jetzt während des Rennens etwas anders aus, als wir es gestern geplant hatten. Sofort reiße ich meinen Arm hoch, damit sie mich sieht - aber, nein, sie sieht mich nicht. Den ganzen kleinen Anstieg fahre ich mit hochgerissenem Arm winkend hoch - doch sie sieht mich in ihrer Hektik nicht! Verdammt! Ich fange an zu wedeln und zu winken. Nur noch 40... 30... 20 Meter - und sie bemerkt mich einfach nicht! Was tun? Sie muss doch sehen, dass ich hier weiterfahre! Es nützt nichts, rufen muss ich, da rechts über die fahrenden Autos auf der Abbiegerspur rüber. Da mir die kleine einarmige Auffahrt am Steintorwall ein wenig Atemnot beschert hat, entscheide ich mich, nur ihren kurzen, exotischen Kosenamen zu rufen - der hat nur zwei Silben, anstatt des dreisilbigen Vollnamens. Das spart Atem! Anstelle eines klaren Rufes kommt jedoch nur ein kümmerliches Krächzen aus meinem Mund. Das kommt eben davon, wenn man so oft durch den Mund atmet! Noch ein Versuch, schon etwas lauter - aber sie hört es nicht, kann es nicht hören. Und sie sieht mich in dem Durcheinander um sie herum immer noch nicht. Soll ich etwa kurz stoppen? Keine Ahnung, viele Fahrer sind jetzt ja plötzlich gar nicht mehr um mich herum. Schon bin ich drei Meter an ihr vorbei gefahren - ein letzter Ruf noch, mit sämtlicher verfügbarer Stimmkraft. Und tatsächlich: Sie hört mich - endlich! Springt wie mit einer Sprungfeder unter den Füßen hoch, ruft und jubelt mir zu. Alle um sie herum lachen schallend. Die wenigen um mich herum grinsen still schnaufend. Wie ich auch: Herrje, das war ja wieder eine Aktion! Immerhin weiß sie jetzt sicher, dass ich auf der 155 km Runde fahre und kann in Ruhe nach Blankenese fahren, um mich dort noch einmal zu unterstützen. Heldenhafter Einsatz! Und ich weiß auch, dass ich in Blankenese noch einmal unterstützt werde und den offiziellen Verpflegungspunkt in Wedel nicht brauche.

Kilometer 104, 11:07 Uhr - Eimsbüttel, Fruchtallee (28,8°C): Nach der Feldertrennung am Hauptbahnhof ist es plötzlich ein total anderes Rennen um mich herum. Es sind nur noch ganz wenige Fahrer unterwegs, woraus ich schließe, dass ich wohl sehr, sehr weit hinten in dem Feld der 155 km-Fahrer bin. Die vielen aufgeregten Fahrer, die eine tolle 100 km-Zeit fahren wollen, sind jetzt nach der Feldertrennung schlagartig einfach mal weg. Und diejenigen 155 km-Fahrer, die eine gute Zeit fahren wollen, sind wohl schon kurz vor dem Zielsprint. Wir hier haben währenddessen noch gut 50 km vor uns. Die wenigen Fahrer haben sich schnell zu einer Gruppe zusammengefunden. Es geht nett und umsichtig zu, plötzlich wird auch überall geplaudert. Insgesamt plaudere ich auf diesem letzten Drittel des Rennens viel mehr mit anderen Fahrern, als in sämtlichen bisherigen Rennen zusammen. Plötzlich ist es richtig nett! Kein Hauch von Hektik, auf eine völlig andere Art genieße ich das Rennen jetzt. Und schnell begreife ich auch: Alle hier um mich herum wollen, genau wie ich, nur eines: Ins Ziel kommen! Hier in Eimsbüttel interessiert sich weit und breit kein Mensch mehr für die paar versprengten Jedermänner, alles ist völlig leer und still um uns herum. Die Fruchtallee leergefegt, wie sonst niemals, nicht mal nachts zu exotischen Zeiten. Da vorne, an der Ecke Heussweg, könnte ich abbiegen und wäre nach ein paar hundert Metern zu Hause, schön gemütlich und bequem... Aber diesen Gedanken habe ich nur jetzt beim Schreiben - nicht während des Rennens. Insgesamt geht es mir aber trotz der zunehmenden Hitze gut und ich halte locker einen Schnitt von deutlich über 30 km/h. Trotzdem entschließe ich mich, den offiziellen Verpflegungsstopp in der Schnackenburgallee "mitzunehmen". Aber - ob der Besenwagen doch schon nahe an mir dran ist? Keine Ahnung.

Kilometer 106, 11:13 Uhr - Verpflegungsstopp in der Schnackenburgallee (29,2°C): Ich setze meinen Vorsatz um, hier einen Stopp zu machen, meine Flaschen noch einmal randvoll zu füllen - diesmal auch mit dem klebrig-süßen Iso-Getränk. Leider zerfällt dadurch unsere gute Gruppe mit ca. 15 Leuten etwa zur Hälfte in Weiterfahrer und in Stopper. Etwas Obst gönne ich mir (Orangenstücke - Bananen sind leider schon alle). Und ich trinke auch eine ganze Menge vor Ort. Als all das erledigt ist, steige ich wieder auf mein Rad und fahre einfach los - ohne auf weiteres zu achten. Doch, Moment, was ist das?? Vor mir sehe ich auf der gesamten Strecke keinen einzigen anderen Rennfahrer - nur zwei Polizisten, die zu Tode gelangweilt neben einer Querstraße ausharren. Im Schatten, natürlich. Während ich hier mutterseelenallein in der prallen, sengend heißen Sonne fahre. Als ich mich nach ein paar hundert Metern mal umdrehe, sehe ich auch hinter mir niemanden auf der Strecke. Ich bin völlig allein auf diesem Abschnitt der riesigen Rennstrecke! Diese Stille um mich herum, fast schon surreal. Aber ich muss mich jetzt tatsächlich mal auf die Pfeile der Wegmarkierung konzentrieren, damit ich auf der richtigen Strecke bleibe - denn Zuschauer, die man fragen könnte, gibt es hier in der Gewerbegegend natürlich auch keinen einzigen. Wie dumm, einfach so loszufahren und nicht zu warten, bis sich eine kleine Gruppe findet! Andererseits: Dies ist ja auch mal ein völlig neues und ganz, ganz spezielles, außergewöhnliches Cyclassics-Gefühl! Allein auf weiter Flur fahre ich hier die Vattenfall Cyclassics... Die ganze Straße, sonst immer voller Autos, gehört gerade mir, ganz allein! Und das mit einem etwas unangenehmen "Gluckerbauch", weil ich doch arg viel getrunken habe.

Kilometer 110, 11:23 Uhr - Lurup, Farnhorstweg (29,7°C): Nach einiger Zeit sehe ich ein paar hundert Meter hinter mir eine größere Gruppe an Fahrern - in gewisser Weise beruhigend. Die werden mich ja bald eingeholt haben und mich dann eben mitziehen. Andererseits fühle ich mich momentan absolut prächtig, bin wieder so ganz "eins" mit meinem Rad und habe große Freude am Fahren. Bald jedoch sehe ich auch vor mir andere Fahrer, gerade mal zwei, denen ich mich recht zügig nähere. Wenn ich bald zu denen aufschließe können wir ja schon mal etwas Windschatten-fahren.

Kilometer 112, 11:26 Uhr - Lurup (29,8°C): Allzu weit entfernt bin ich von den beiden nicht mehr, da sehe ich auf der Straße einen dieser Gutscheine liegen, von denen jeder Fahrer einen bekommen hat und für den man im Ziel ein alkoholfreies Weizenbier bekommt. Jemand hat ihn verloren. Die Verlockung ist groß, einfach anzuhalten, ein Stück zurück zu fahren und ihn einzusammeln. Anhalten wäre bei meiner extrem einsamen Fahrt gar kein Problem, aber irgendwie überlege ich doch viel zu lange - und dann 100 Meter zurück zu fahren wäre ja auch Quatsch.

Kilometer 113, 11:30 Uhr - Schenefeld (30,2°C): Die beiden Fahrer vor mir fahrenden habe ich erreicht, bin erstmal hinten heran gefahren, muss etwas verschnaufen. Anscheinend haben die beiden das gar nicht bemerkt. Die gesamte Zeit, die ich sie jetzt schon im Blick habe, haben sie die Führungsarbeit nicht gewechselt. Der vorne Fahrende tut mir ein wenig Leid, nach einiger Erholungszeit fahre ich neben ihn und schlage vor, dass ich jetzt mal etwas Windschatten gebe und wir uns ja etwas abwechseln können. Irritierte Blicke treffen mich. Doch nach einiger Zeit funktioniert ein Wechselspiel zu dritt prima. Nachdem wir einen anderen Fahrer einholen auch zu viert. An einer zentralen Hamburger Luftmessstation wird zu diesem Zeitpunkt die 30 Grad-Grenze überschritten.

Kilometer 120, 11:43 Uhr - Kurz vor dem Kreisel am Ortsrand von Pinneberg (30,6°C): Erst jetzt holt uns die ca. 20köpfige Gruppe ein, die ich vor vielen Kilometern hinter mir gesehen hatte. Ein paar Dänen machen beharrlich die Führungsarbeit. Wir reihen uns irgendwo mit in die Gruppe ein. Man fährt sehr ruhig und diszipliniert und ich habe das Gefühl, auch hier wollen alle nur eines: Ins Ziel kommen, wie auch immer. Ich fühle mich nach wie vor gut, der Hintern tut mir wieder ein wenig weh. Hin und wieder muss ich mich eben drum etwas aufrichten - aber alles nicht schlimm.

Kilometer 124, 11:50 Uhr - zwischen Appen und Holm (30,8°C): Verblüfft registriere ich, dass meine Arme klitschenass von Schweiß sind, wahrscheinlich auch mein Gesicht. Das kenne ich normalerweise gar nicht! Üblicherweise sorgt der Fahrtwind dafür, dass der Schweiß schneller verdunstet, als er entsteht. Erst recht bei Geschwindigkeiten von über 30 km/h - wie jetzt. Heute muss es wohl an der kolossalen Hitze liegen, das mehr Schweiß fließt, als verdunstet.

Kilometer 128, 11:57 Uhr - Holm (31,6°C): Junge, Junge, hier in Holm ist ja noch was los! Dutzende Kinder stehen am Straßenrand, rufen nach Trinkflaschen oder halten ihre Hand heraus, um abgeklatscht zu werden. Mit dem Wunsch nach Trinkflaschen werden sie bei der heutigen Hitze, es ist in Hamburg mittlerweile über 31 Grad, nicht allzu viel Erfolg haben. Aber sie werden fleißig abgeklatscht. Auch ich reihe mich in dieses Ritual mit ein. Ein etwas größeres Mädchen erwische ich dabei so kräftig und eher am Arm, als an der Hand, dass mir der Schreck in die Glieder fährt. Bestimmt hat ihr das weh getan. Soll ich anhalten und mich nach dem Wohlbefinden erkundigen? Nein, das geht in dieser Gruppe nun auch wieder nicht - und soo schlimm war es sicherlich auch nicht. Ansonsten scheint der Ort große Freude an diesem Spektakel zu haben, es haben sich wirklich viele Zuschauer gesammelt, zumeist im Schatten (wer will's ihnen verdenken?), um auch noch uns hintere Fahrer anzuschauen. Das ist doch großartig!

Kilometer 131, 12:03 Uhr - zwischen Holm und Wedel (32,0°C): Der Fahrer, den ich vorhin in Lurup in der Führungsarbeit abgelöst hatte, schließt zu mir auf. Fängt ein freundliches Gespräch an, er wolle sich für meine nette Aktion bedanken, die Führungsarbeit zu übernehmen, das hätte er ja nur selten erlebt. Das finde ich nun wiederum sehr nett von ihm, bin fast ein wenig gerührt. Kann ihm allerdings nur antworten, dass ich hier doch kein Rennen gegen irgendjemanden fahre, sondern dass wir hier doch alle aufeinander acht geben sollten und uns gemeinsam ins Ziel bringen sollten. Na, meint er, das sähe er ja auch ähnlich, habe aber den Eindruck, dass dies nur sehr wenigen auch so geht. Womit er insgesamt gesehen wohl auch Recht hat. Leider.

Kilometer 133, 12:07 Uhr - Wedel (32,1°C): Auch die Fahrt durch Wedel ist großartig, am Marktplatz vor dem Wedeler Roland haben viele Menschen in dieser Bullenhitze ausgehalten, um uns hinterste Fahrer zu sehen und anzufeuern. Wieder großartig! Vielleicht warten die ja auch schon auf die Profis, die gnadenlos hinterher uns herjagen? Nein, da ist doch noch einiges an Zeit dazwischen. Ich beschließe, ohne einen Stopp an der Verpflegungsstelle in Wedel weiter zu fahren - schließlich wartet meine Liebste ja am Bahnhof Blankenese auf mich für einen letzten Versorgungsstopp. Als ich später auf Fotos im Internet sehe, dass Helfer in Wedel die Radfahrer nach Wunsch von Kopf bis Fuß kühl abduschten (z.B. hier Bild 318-321), bedaure ich doch etwas, den Stopp nicht wahrgenommen zu haben... Ein anderer Nachteil des Verpflegungspunktes: unsere schön homogene Gruppe von 25-30 Leuten zerfällt auf etwa die Hälfte. Die andere Hälfte nutzt den Stopp.

Kilometer 137, 12:15 Uhr - Ortsausfahrt Wedel (32,0°C): Aber auch am Ortsausgang Wedel haben welche mitgedacht und sprühen am Straßenrand mit einem Gartenschlauch Wasser einfach in die Luft. Wer will, kann sich im Vorbeifahren eine kurze Erfrischung gönnen. Ich genieße das - und signalisiere das auch den Helfern. Denn längst ist mir klar, dass die Hitze ab jetzt mein Gegner Nummer eins ist. Auch, wenn ich gerne bei üppiger Wärme fahre: heute ist es zu viel für mich, es ist eine elendige Hitzeschlacht geworden!

Kilometer 139, 12:18 Uhr - Tinsdaler Kirchenweg (31,9°C): Seit einiger Zeit geht es schon ein klein wenig bergauf, mir geht's noch gut. Aber doch bin ich genervt: Ein vor mir fahrender Mountainbiker, wohl noch ein paar Jahre älter als ich, fährt die ganze Zeit, als würde die Straße ihm allein gehören, schlingert hin und her, achtet nicht im Geringsten auf seine Umgebung. Mich nerven solche Leute kolossal! Als ich nach einiger Zeit dann auch noch bemerke, dass er auf seinem Rad auch noch einen (verbotenen!) Zeitfahraufsatz hat, diesen auch immer wieder nutzt, und zudem einen (verbotenen!) Kopfhörer auf beiden Ohren hat, da will ich nur noch weg von diesem Arsch. Warum, um alles in der Welt, macht der eine solche Veranstaltung mit, wenn er sich nicht einmal die minimalsten Sicherheitsvorschriften zu Eigen macht? Solche Idioten, die sich ganz augenscheinlich einen Dreck um ihre Sicherheit und die ihrer Mitfahrer kümmern, will ich auf solchen Rennen einfach nicht sehen! Hau doch ab! Warum werden diese nicht vom Veranstalter vor dem Start schlicht rausgefischt und mit Startverbot versehen? Ach ja, stimmt, auch in meinem Startblock hat sich heute Morgen kein einziger Ordner um überhaupt irgendwas gekümmert.

Kilometer 140, 12:22 Uhr - Grotiusweg, bei der Anfahrt auf den Kösterberg (31,9°C): Der absolute Höhepunkt meines Rennens, der aller-aller-tollste Moment, ohne Zweifel: Beim Vorbeifahren höre ich, wie ein Mann seinem Nachbarn laut und fragend zuruft: "Sind das schon die Profis?? ... ... ... Oder etwa doch noch die Jedermänner?" Na, so schlecht sehen wir wohl gar nicht aus.

Kilometer 140,5, 12:23 Uhr - Kösterbergstraße, Anfahrt zum Kösterberg (31,9°C): Eine Familie reicht auf der rechten Straßenseite Plastikbecher mit Wasser. Tolle Aktion! Und doch: Ich habe hier am Kösterberg einen Tunnelblick entwickelt, mein einziger Gedanke, als ich mich langsam auf ihre Höhe schleppe, ist: Ich bin doch viel zu sehr außer Atem, um jetzt etwas trinken zu können! Auf die Idee, das Wasser anzunehmen und mir einfach auf den Kopf zu kippen, komme ich vor lauter Tunnelblick überhaupt nicht.

Kilometer 141, 12:24 Uhr - Kösterberg (32,0°C): Normalerweise fahre ich mit dem Rad halt so über den Kösterberg hinüber, wenn ich hier in der Gegend mal unterwegs bin. Heute, bei mittlerweile 32 Grad im Schatten und nach über 140 flotten Kilometern auf dem Rad bis hierhin, quäle ich mich mittlerweile unsäglich auf diese gut 80 m hohe "Teerblase" hinauf. Mit gerade mal 17 km/h und schwer atmend nehme ich dieses letzte Hindernis vor meiner privaten Versorgungsstation am Bahnhof Blankenese. Einige Zuschauer hier haben ausgehalten und muntern unsere inzwischen weit auseinander gerissene Gruppe auf. Bis auf einen Fahrer habe ich allerdings alle Verbliebenen meiner rund 15-20 Personen starken Gruppe verloren, nach hinten. Aber: was für eine Qual für mich heute, was für eine furchtbare Hitzeschlacht heute - hier am Kösterberg!! Aber nicht nur für mich ist es eine Qual am Kösterberg - wie dem Internet zu entnehmen ist, gab es dort wahre Dramen.

Cyclassics 2012, Blankenese

Kilometer 143, der Erik-Blumenfeld-Platz. Die 6.600 Fahrer über die 55 Kilometer-Strecke sind schon lange durch, auch schon fast alle der 2100 Fahrer der 155-km-Strecke. Meine Liebste muss an diesem Ort lange in höllischer Hitze warten, um mich für die letzten 15 km noch versorgen zu können.

 

 

 

Kilometer 143, 12:28 Uhr - Bahnhof Blankenese (32,0°C): Ja, wie vereinbart wartet meine Liebste hier auf mich. In der prallen Sonne steht sie da und schwenkt schon die Halbliterflasche Cola, die ich Ihr heute morgen für diesen Treffpunkt mitgegeben hatte. Schnell lotst sie mich in den Schatten auf der anderen Straßenseite. Völlig fertig stehe ich dann da, finde das In-der-Hitze-Stehen selbst im Schatten eigentlich viel, viel unangenehmer, als mit dem Rad zu fahren und dabei Fahrtwind zu haben. Immer noch bin ich vom Kösterberg so außer Atem, dass ich kaum trinken kann, aber die Cola als Treibstoff für die letzten Kilometer benötige ich dringend. So mache ich insgesamt eine Pause von sage und schreibe 10,5 Minuten. Trotzdem knabbere ich an dem ebenso dargebotenen Erdnuss-Schoko-Riegel nur etwas herum.

Kilometer 143,5, 12:39 Uhr - Blankenese (32,3°C): Das Anfahren nach dem viel zu langen Stopp fällt mir extrem schwer. JETZT würde ich wirklich eine Gruppe und viel Windschatten brauchen - denken sich wohl auch die zwei Fahrer, die beharrlich hinter mir her fahren. Als der eine von den beiden dann nach einiger Zeit mal zu mir aufschließt, kommen wir ins plaudern, wie heiß und anstrengend es doch sei und dass die Platzierung doch letztlich egal sei. Auf meine Bemerkung, er käme doch sicherlich aus der Nähe von Berlin, lacht er, nein, er kommt aus Sachsen-Anhalt, genauer gesagt aus Tangermünde. Er übergeht meinen völlig irritierten Blick, fährt weiter beharrlich neben mir und plaudert. Mir raubt sein für mich etwas zu hohes Tempo und das zusätzliche Reden meine letzte Puste, meine letzten Kräfte und das Ganze wird irgendwo hier für mich zur kontinuierlichen Qual. Aber, verdammt: ich will ins Ziel!

Kilometer 147, 12:47 Uhr - Kleiner, ja, winziger Anstieg bei Neumühlen (32,4°C): Nachdem der Kösterberg mir meine letzten Körner genommen hatte und die Cola in Blankenese wirkungslos verpufft, hatte ich auf diesen winzigen Anstieg überhaupt keine Lust mehr! Mittlerweile weiß ich: Nur mein Wille allein kann mich noch ins Ziel bringen - Spaß und Lust an dem Rennen können das nicht mehr bewerkstelligen. Mühsam schleppe ich mich mit 18 km/h die vielleicht 30 Höhenmeter hinauf, entwickle wieder einen Tunnelblick auf die paar Meter Straße direkt vor mir. Trotzdem bemerke ich, dass rechts 20 Meter vor mir ein Fahrer ins Schlingern kommt, seinen rechten Fuß gerade noch aus der Pedale bekommt, stehen bleibt und wie in Zeitlupe ganz, ganz langsam der Länge nach auf die Straße sinkt. Diese verlässt er dann, indem er recht hektisch mit Hilfe der Arme von dem Asphalt herunterrobbt, das Fahrrad noch an seinem linken Fuß mit dem Klickschuh befestigt. Ich bin über den ebenso erschreckenden wie auch völlig absurden Anblick so irritiert und andererseits so in meiner eigenen Mühe des Radfahrens und dem Tunnelblick gefangen, dass ich gar nicht auf die Idee komme, anzuhalten und dem Mann zu helfen. Was für eine Nachlässigkeit! Er war wahrscheinlich von Krämpfen geschüttelt und möglicherweise bei dieser Hitzeschlacht dehydriert - ich hätte halten und helfen müssen!! Hätte nach meinem Stopp in Blankenese locker genügend Wasser auch für ihn dabei gehabt. Aber ich war irgendwie viel zu beschäftigt mit mir selber, um zu halten und zu helfen - und verzeihe mir dies in der Folgezeit nicht! Verdammt nochmal!! Auch wenn man ehrgeizig ist und ein Radrennen fährt - man muss in solchen Situationen helfen!!! Und sei es nur mit etwas Wasser.

Kilometer 153,5, 13:00 Uhr - Reeperbahn (32,4°C): Für meinen jungen Wegbegleiter aus Tangermünde spiele ich schon seit geraumer Zeit den Fremdenführer, habe ihm mühsam mit seiner Geschwindigkeit von 30 km/h fahrend Altona und das Rathaus und Dänemark erklärt (Altona war mal die zweitgrößte Stadt Dänemarks!), auf den "Altonaer Balkon" mit Blick über die Elbe verwiesen, erklärt, dass der Streckenverlauf in diesem Jahr etwas verändert ist und ein Stück durch die Max-Brauer-Allee und die Königstraße verläuft - wegen der zeitgleich stattfindenden Cruise Days. Jetzt überlegt er, ob es sich lohnen würde, hier auf der Reeperbahn mal rechts abzubiegen - ich meine, nein, bei Tag schon gar nicht. Aber dann schicke ich ihn auch einfach, mit größtmöglicher Höflichkeit, weg. Er solle mal weiter sein Tempo fahren, ich sei am Ende und wolle nur noch irgendwie ins Ziel eiern. Prompt schließt der andere Fahrer, der hinter uns fuhr, zu mir auf und fängt an zu plaudern - ein wenig nur. Ich sehe sofort: Auch der ist fix und fertig, will nur noch ins Ziel und wir können uns von unserem Leid nicht mehr durch Plauderei ablenken. Meine Geschwindigkeit nähert sich mit ca. 25 km/h mehr und mehr der eines lässigen Sommer-Sonntags-Ausflugs-Radlers an und das einzige, was mich noch hochhält, ist der Gedanke, dass es wirklich nicht mehr weit bis zum Ziel ist. Diese letzten Kilometer ziehen sich aber unverhältnismäßig in die Länge, meine Güte!

 

 

 

Kilometer 156,5, 13:06 Uhr - Am Rathaus (32,6°C): Es gibt weit und breit keinen Grund, hier jetzt noch aufs Tempo zu drücken. Der nächste Fahrer vor mir ist gut 150 Meter entfernt, hinter mir kommt einstweilen gar keiner mehr. Trotz meines ausgeprägten Trödel-Tempos bin ich mit dem Rad schneller gewesen, als meine Liebste mit der S-Bahn - sie wollte mich hier am Rathaus noch mal anfeuern und das Erreichen des Ziels, meines großen Ziels, miterleben und feiern. Allerdings wird sie erst zehn Minuten nach mir hier sein und so mein absurdes Schlingern ins Ziel versäumen. Wirklich sehr schade!

Kilometer 156,9, 13:07 Uhr - Mönckebergstraße, 150 m vor dem Ziel (32,7°C): Eigentlich bin ich gerade der König der Mönckebergstraße! Die ganze Straße gehört gerade MIR allein! Ich - als König der Mö!! Wann hat man das schon mal?

Realistisch betrachtet: Mühselig schleiche ich durch die Mönckebergstraße zum Ziel. Einige Ordner stehen gelangweilt in der prallen Sonne herum und stieren vor sich hin. Fast alle Zuschauer sind offenbar vor der Sonne geflüchtet, die wenigen verbliebenen beachten mich als einen der hintersten Fahrer gar nicht mehr, aber doch: Ein paar wenige Zuschauer klatschen freundlich. Mir ist völlig klar: Die meinen mich! Wirklich mich!! Sonst ist ja gerade weit und breit niemand anderes mehr auf der Strecke. Dieser Beifall sorgt zwar nicht für Gänsehaut, aber er rührt mich kurz vor erreichen meines Zieles an. In Erinnerung geblieben ist mir auch ein Mann, der vier, fünf Meter neben der Fahrstrecke steht. Als er mich kommen sieht stürzt er hektisch zur Werbebande, trommelt wie von Sinnen mit beiden Händen darauf, brüllt "Na los, komm, Du schaffst das!" Ja, na klar schaffe ich auch das letzte kleine Stückchen - aber seinen tollen, vehementen Einsatz finde ich zum Brüllen komisch. So komisch, dass ich aller Qualen zum Trotz mit einem breiten Grinsen gen Zielbogen rolle, wie die offiziellen Zielfotos belegen. Ansonsten herrscht bei meiner Zieldurchfahrt betretene Stille. Die im Zielbereich errichtete, große Tribüne ist menschenleer. Warum auch sollten die letzten eintreffenden Radler von allgemeinem Interesse sein?

Kilometer 157,1, 13:07:14 Uhr - Zieldurchfahrt (32,7°C, 150 µg/m³ Ozon): Die 155 Kilometer der großen Cyclassics-Runde - geschafft!! Vor zwei Jahren völlig unvorstellbar und irrsinnig, vor einem Jahr unvorstellbar, vor einem halben Jahr machbar erscheinend, gestern dann doch wieder unvorstellbar. Und jetzt geschafft, irgendwie. Ich bin zu erschöpft zum Jubeln oder überhaupt irgendwie richtig zu freuen. Würde am liebsten sofort hier, fünf Meter hinter dem Zielbogen, vom Rad steigen - aber nein, die paar hundert Meter bis zur Transponderabgabe schaffe ich auch noch. Auf dem Weg dorthin treffe ich den jungen Mann aus Tangermünde wieder - beide sind wir froh, es geschafft zu haben und so kann ich ihm noch einen schönen Mountain-Bike-Urlaub in Österreich wünschen.

Froh bin ich auch, dass ich keine Doping-Probe abliefern muss: Obwohl ich allein beim Rennen ca. 4-5 Liter getrunken habe (!) und mich hinterher auch üppig mit Getränken versorge, wird es mehrere Stunden dauern, bis ich wieder Flüssigkeit von mir geben kann. Offenbar habe ich mich mit der Getränkemenge an der unteren Grenze des für mich Nötigen bewegt. Wenn ich im Internet lese, dass dort einige ganz stolz verkünden, dass sie mit zwei Flaschen à 0,75 Liter "durchgekommen" sind, weiß ich nicht, was ich von diesem absurden Ehrgeiz und kolossalem gesundheitlichen Leichtsinn halten soll. Es sind wohl doch noch viele kindliche Gemüter dabei.

Cyclassics 2012, der Autor beim Bier im Ziel

So viel nochmal zum Thema Sponsoring: Ich mit einem Erdinger Alkoholfrei in der Hand im Ziel. Mein Ziel, die 155 Kilometer zu schaffen, habe ich erreicht. Mehr, wie z.B. die heimlich erhoffte bessere Zeit, war aber einfach nicht drin!

 

 

 

Mein Tacho, ein Stückchen nach dem Ziel vom Lenker genommen, zeigt mir, dass ich mein heimliches Ziel, unter der offiziellen Zeitvorgabe von fünf Stunden zu bleiben, verfehlt habe. Meine mit dem Tacho gemessene Gesamt-Fahrtzeit: 5 Stunden, 7 Minuten, 46 Sekunden. Meine gemessene Fahrtstrecke verblüfft mich, sie ist mit 160,3 km deutlich länger, als die offizielle Angabe mit 157,1 km. Eigentlich misst mein Tacho sehr genau und an dem Stückchen vor dem Start und nach dem Ziel kann dieser Unterschied nicht wirklich liegen. Meine Pausenzeit auf der gesamten Strecke betrug sagenhafte 20 Minuten, wahrscheinlich wäre ich mit der halben Pausenzeit insgesamt wesentlich besser gefahren und jeweils wieder deutlich schneller in Tritt gekommen. Aber was soll man machen, wenn sich die Liebste am Straßenrand so liebevoll um einen bemüht? Meine "Netto-Fahrzeit" (also ohne Pausen) betrug also 4 Stunden 47 Minuten und 40 Sekunden, was einem Durchschnittstempo von 33,4 km/h entspricht. Eigentlich doch ganz okay! Die Höchstgeschwindigkeit von 57,8 km/h erreichte ich auf der Fahrt in die Ortschaft Nenndorf, die zwar flacher ist, als die Abfahrt von der Köhlbrandbrücke, aber es war einfach weniger Verkehr um mich herum.

Die Zahlen der offiziellen Zeitmessung des Rennens sind da natürlich etwas ernüchternder: Offizielle Fahrzeit 5 Stunden 6 Minuten 26 Sekunden, auf der offiziellen Wegstrecke von 157,1 km ist das ein Schnitt von 30,76 km/h (inklusive Pausen natürlich). Ich belege damit Platz 1957 von insgesamt 2018 Männern, die in einer Zeit unter 5 Stunden, 20 Minuten ins Ziel gekommen sind (zudem auch 54 Frauen). Die wenigen noch später eingetroffenen Fahrer hat man nicht mal mehr in die ersten, vorläufigen Ergebnislisten aufgenommen. Der allerletzte Fahrer, den man direkt vor dem Besenwagen ins Ziel hat fahren lassen, traf um 13:48 Uhr ein - genau 41 Minuten nach mir. Na, da hatte ich ja doch noch Luft nach hinten.

 

Sonntag, 19.8., 15 Uhr (35,3°C): Gemütlich radeln wir nach Hause und mit Kaffee und Kuchen in einem Eimsbütteler Café geht es mir schon wieder viel besser! Mit einem tiefen Blick in ihre Augen verkünde ich meiner Liebsten, dass ich diese fiese, lange Cyclassics-Strecke nie, nie, NIE wieder fahren werde! Sie lächelt schweigend. Momentan ist sie stolzer auf mich, als ich es selber bin.

Den Abend verbringe ich damit, Essen in mich hinein... ja, hineinzustopfen. Immer mit dem Gefühl, ich schaffe es gar nicht, die verloren gegangene Energie wieder aufnehmen zu können. Auch hat mich schon die Gewissheit erreicht, unterwegs auf der Strecke zu wenig gegessen zu haben, viel zu wenig. Wahrscheinlich auch ein Grund, warum ich auf den letzten rund zehn Kilometern regelrecht eingebrochen bin und mich richtig schlecht fühlte. Ist das etwa ein Hungerast gewesen?

 

Montag, 20. August 2012: Der Tag nach dem Rennen.

Montag, 20.8.: Eine brillante Entscheidung war, den Tag frei zu nehmen! Offenbar hat eine gehörige Portion Rest-Adrenalin und/oder Rest-Endorphin in meinem Blut dafür gesorgt, das ich schon um kurz nach sechs Uhr knallwach in meinem Bett liege und Bilder durch meinen Kopf rasen lasse - viel schneller, als ich selber durch die Gegend raste. Ja, doch, selbst produziertes Adrenalin ist schon eine faszinierende Droge!

Zwar habe ich nur einen verblüffend geringen Muskelkater an der oberen Muskulatur der hintern Oberschenkel, aber der Tag ist gut, um das Erlebte noch etwas nachklingen zu lassen, Zeitungen zu lesen und im Internet nach Bildern und Berichten zu schauen. Auf der Arbeit hätte ich sowieso völlig neben mir gestanden und wäre heute sehr abwesend und wenig nützlich gewesen.

Beim Gespräch am Abend mit meiner Herzallerliebsten wird allerdings eine Meinungsänderung offenbar. Mittlerweile ist mir nämlich völlig klar geworden, dass ich im kommenden Jahr auf jeden Fall unter der Schallmauer von fünf Stunden bleiben will - auf der langen Strecke, versteht sich! Natürlich! Meine Liebste lächelt, schweigend...

 

Drei Wochen nach dem Rennen.

Drei Wochen nach dem Rennen, ein Fazit: Meine Gefühlslage einige Zeit nach dem Rennen ist merkwürdig ambivalent. Eigentlich gibt es zwei sich widersprechende Empfindungen.

Zum einen bin ich zugegebenermaßen etwas stolz über die von mir erbrachte Leistung, diese 155 km mit eine Durchschnittsgeschwindigkeit von knapp 31 km/h geschafft zu haben und bewundere mich selbst für die noch vor drei Jahren völlig ungeahnte Leistungsbereitschaft. Ein wenig, jedenfalls.

Andererseits jedoch bin ich in einem absurd gewaltigen Maß enttäuscht darüber, die Zeit von fünf Stunden nicht erreicht zu haben, die eigentlich die Wertungs-Vorgabe des Veranstalters ist. Von echter Zufriedenheit keine Spur!

Und diese latente Unzufriedenheit ist ja auch eine mir wohlbekannte Triebfeder. Sie wird mich dazu antreiben, es im kommenden Jahr noch einmal zu versuchen!

Aber: Das Maß an Zeit, das mir für ernsthaftes und vor allem strukturiertes Training zur Verfügung steht, ist einfach begrenzt, auch und gerade an Wochenenden. Rennrad-Training braucht einfach viel Zeit. Und die 155 km einigermaßen angemessen zu schaffen, erfordert einen enormen Trainings-Aufwand. Soviel habe ich bei diesem Rennen jedenfalls gelernt. Allerdings ist meine Bereitschaft, das alles systematisch und mit noch deutlich mehr Einsatz zu betreiben, nicht allzu groß. Es gibt da ja noch mehr in meinem Leben, als Radfahren. Auch und gerade an Wochenenden!

Okay, mit etwas mehr Erfahrung und Training sollte die Grenze von fünf Stunden von mir zu knacken sein. Viel mehr ist jedoch mit meinen Trainings- und Übungsmethoden in der Tat einfach nicht drin. Und schließlich bin ich ja auch keine 20 mehr, sondern ja mittlerweile Ü50...

Diese Erkenntnis ist etwas bitter, aber zeigt mir auch: Ich bin da einfach an eine Grenze geraten - an meine persönliche, den Umständen geschuldete Leistungsgrenze. Diese habe ich mit meinen Radsport-Aktivitäten in den letzten paar Jahren irgendwie gesucht - und, voilà: Da war sie - meine persönliche Grenze. Mehr geht nicht wirklich. Meine Gesundheit habe ich nicht riskiert, aber meine Kräfte habe ich bei diesem Rennen mal komplett aufgebraucht. Und: Es ging trotzdem noch immer ein Stückchen weiter. Andererseits kamen meine Kräfte nach dem Rennen auch verblüffend schnell wieder zurück.

Wäre das Rennen anstatt bei zum Ende ca. 33 Grad im Schatten nur bei 20 Grad gewesen, ich wäre vielleicht ein wenig schneller gewesen, aber nicht besonders viel. Der Hauptgrund für meine nach eigenem Empfinden mangelhafte Fahrt-Zeit ist schlicht und einfach, dass mein Trainingszustand einfach nicht mehr hergab. Und selbst, wenn ich gar keine Pause gemacht hätte und mit meiner "Netto-Fahrzeit" von 4 Stunden 47 Minuten ins Ziel gekommen wäre - ich wäre gerade mal läppische 200 Plätze weiter vorne im Klassement gewesen. Bedeutungslos!

Und genau dieses Wissen sorgt dafür, dass ich vor den vielen, vielen Fahrern, die diese verdammt lange Strecke so verdammt schnell schaffen, meinen Riesen-Respekt bekunden muss. Es ist eine grandiose Leistung, was diese Fahrer da abliefern. Der schnellste Fahrer des Jedermann-Rennens über 155 km war mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 42,17 km/h erheblich schneller, als die Profis ein paar Stunden später (40,9 km/h) - die allerdings 100 km mehr fahren mussten, voll die Hitze erwischten und zusätzlich solche Tücken, wie den Waseberg gleich mehrfach bewältigen mussten.

Trotzdem: Die 155 km sind ohne Zweifel "ein ganz anderer Schnack", als die 100 km, und die Leistungen der meisten Jedermänner auf dieser Strecke sind grandios - ich habe jetzt eine kleine Idee davon, was die schnellen Fahrer und Fahrerinnen (2,6 Prozent der ins Ziel gekommenen sind Frauen) da leisten! Das ist wirklich großer Sport auf Hamburgs Straßen und Breitensport im allerbesten Sinn! Leute, fahrt sauber, fahrt acht- und rücksichtsvoll - und Ihr seid großartige Sportler und ich ziehe vor Euch ganz tief meinen virtuellen Hut! Mein Respekt vor den eleganten, schnellen Fahrern auf dieser langen Strecke hat durch meine eigene Teilnahme an diesem Rennen eher noch gewaltig zugenommen.

Letztlich der Respekt vor allen, die sich an diesem verflixten, brüllend heißen Sonntag durch 155 km Cyclassics gebissen haben. Denn dieses Rennen, diese Vattenfall Cyclassics - sie sind einfach ein faszinierendes Ereignis und Erlebnis! Ein Fahrrad-Feiertag, ja, DER Fahrrad-Feiertag! Und das ausgerechnet im Fahrrad-feindlichen Hamburg... Aber das ist eigentlich eine andere Geschichte...

 

 

Natürlich hatte ich auch bei diesem Rennen wieder meinen GPS-Empfänger bei mir. Das bedeutet, dass Sie sich hier die kml-Datei meines Rennens herunterladen können - und damit den exakten Weg direkt z.B. in Google Earth betrachten. Zu sehen ist die Runde auch unten in der (zoombaren) Karte. Bitte beachten Sie: In Waldgebieten und in schmalen Straßen treten immer wieder kleine Störungen beim Satelliten-Empfang auf, was zu Abweichungen in der Strecken-Darstellung führt. Ich bin also nicht querfeldein durch den Wald oder über Häuser gefahren...

 

 

 

 

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Dirk Matzen

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