Radfahren...!

Europa-Radweg R1 / D-Route 3
8. Tag: Von Bad Harzburg nach Quedlinburg
  (66,1 km)

Ein Fahrrad-Reisebericht über eine Radtour auf einem Teil des Europa-Radwegs R1 im Oktober 2012
  mit 31 Bildern





Benzingerode Ziegenberg

Ein schönes Stück des Weges an diesem Tag geht am Ziegenberg bei Benzingerode entlang.

Hier geht es zum unmittelbar vorangegangenen Tag des Fahrrad-Reiseberichtes mit der Fahrt auf dem Europa-Radweg R1 / der D-Route 3 von Einbeck nach Bad Harzburg.

 

Dienstag 9. Oktober 2012, Bad Harzburg
Wetter: Zunächst bedeckt, später aufgelockert und sonnig, wenig Wind.

 

 

Als "Europa-Radweg R1-Rebellen" unterwegs

Es ist heute 9:20 Uhr, als wir beide - also meine Herzallerliebste und ich - heute in Bad Harzburg-Bündheim unsere Räder präparieren, um uns weiter gen Osten zu bewegen. In einem Vorhaben heute sind wir uns für unsere heutige Fahrt absolut einig: Auf die offizielle Streckenführung des Europa-Radwegs R1 im Niedersächsischen Nordharz-Gebiet haben wir nach dem gestrigen Tag überhaupt keine Lust mehr! Die gestern in diesem Gebiet zurückgelegte Strecke von Langelsheim über Goslar und Oker nach Bad Harzburg ist einfach zu furchtbar gewesen. Unser Vertrauen in die Streckenführung hier in der Region ist absolut hin.

Darum lautet der Beschluss: Wir rebellieren einfach! Lassen den Europa-Radweg R1 in dieser Region einfach Radweg sein - und werden uns unseren eigenen Weg suchen. Unser Kartenmaterial zeigt uns deutlich, dass die offizielle Wegführung direkt hinter Bad Harzburg erstmal wieder steil bergauf geht - direkt in das Waldgebiet des nördlichen Vorharzgebietes hinein und dort als unbefestigter Weg weiter geht. Nein - darauf haben wir keine Lust mehr! Die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass auch dieser Weg wieder katastrophal schlecht ist und keinen Spaß bringt. Schlechter können unsere selbst gesuchten Wege auch nicht sein.

Europa-Radweg R1? Erst einmal: Nein danke! Wir hoffen da auf Sachsen-Anhalt und dass man dort für bessere Radwege gesorgt hat.

Für mich gibt es heute sogar noch ein zweites Anliegen - ganz gegen unsere sonstigen Gewohnheit habe ich heute einen ganz klaren Zielort vor Augen: Ich will nach Quedlinburg! 1988 und 1989 war ich häufig in Quedlinburg, als Bundesbürger - und war fasziniert von der Stadt. Nach der friedlichen Revolution bin ich dann nie wieder dort gewesen. Zeitgleich mit der Wende in der damaligen DDR hatte es einen gewaltigen Umbruch in meinem damaligen Leben gegeben - so kam es, dass ich nie wieder dort war. Und das wäre heute doch DIE Gelegenheit, das endlich nachzuholen!

Allerdings: Quedlinburg liegt gar nicht direkt am Radweg R1, man muss die Strecke auch dafür wieder verlassen. Nicht allzu weit, nicht mal zehn Kilometer. Aber während wir uns mit dem R1-Rebellentum bei Bad Harzburg einig sind, stehe ich mit dem Wunsch, nach Quedlinburg fahren zu wollen, einstweilen alleine da. Meine Liebste, sie war damals bei den Fahrten in die DDR nicht mit dabei, hat nicht viel Interesse, nach Quedlinburg zu fahren. Ich werde etwas Überzeugungsarbeit leisten müssen - na, und zunächst müssen wir ja erstmal schauen, was der Tag so bringt.

 

 

 

Aber erstmal müssen wir los, uns ein wenig orientieren, um gut durch Bad Harzburg hindurch zu kommen - und dann auch die richtige Strecke zu finden. Das erweist sich als nicht allzu schwierig, wir fahren zunächst in Richtung Westerode, dort knicken wir dann auf eine Nebenstraße ab, auf der wir mit nur wenig Autoverkehr in aller Ruhe bergauf unterwegs sind. Schöne Ausblicke genießen wir, nur das Wetter macht uns ein wenig Sorgen: Dunkle, bedrohliche Wolken hängen über den Höhenzügen des Harzes. Werden wir mal wieder mit Regen bedacht werden? Die letzten beiden Tage waren schön, aber die ersten beiden Tage unserer Tour mit dem vielen Regen sind uns noch in sehr frischer Erinnerung.

Eckertal Hinweistafel DDR-Grenze

Ein Stopp zwischen den Ortschaften Eckertal und Stapelburg ist hier ja fast vorgegeben. Heute gar nicht mehr vorstellbar: Bis 1989 war da vorne, hinter der Infotafel, die Mauer, die das Land in zwei Teile zerschnitt.

 

 

 

Nach einigen Kilometern kommen wir gegen 10:30 Uhr zu dem Flecken Eckertal, das noch zur Stadt Bad Harzburg in Niedersachsen gehört. Ein paar Meter weiter sind wir in Stapelburg in Sachsen-Anhalt, früher in der DDR. Wir gönnen uns hier einen Stopp an den Informationstafeln zum Grenzdenkmal Stapelburg - vor dem wir hier unmittelbar stehen. Der Maueröffnung an dieser Stelle wird hier ausführlich gedacht. Ein wunderbares geschichtliches Ereignis, das uns beide immer noch anrührt. Vielleicht sollten wir das "Grüne Band" als nächste Radtour in Angriff nehmen? "Hier waren Deutschland und Europa bis zum 11. November 1989 um 16 Uhr getrennt." besagt eine große Informationstafel neben der Straße. Manchmal wünsche ich mir ja, nur ein wenig, von dem allgemeinen Lebensgefühl des November 1989 zurück... Wenn man jetzt hier steht, kann man sich eine gewaltige Mauer zwischen diesen beiden Dörfern glücklicherweise gar nicht mehr vorstellen. Passend zu unseren Empfindungen zeigt der Himmel mittlerweile erste Auflockerungen.

 

 

Auf dem Weg nach Ilsenburg

Wir durchqueren den 1.400-Einwohner Ort Stapelburg und schwenken auf einen straßenbegleitenden Radweg in Richtung Ilsenburg ein. Der Weg ist nicht besonders gut, es gibt etliche Dellen, die uns ziemlich durchschütteln. Aber mit dem Wissen, dass die Alternative der parallel geführte, unbefestigte Waldweg auf der offiziellen Streckenführung des Radweg R1 wäre ("sehr holprig" nennt unser Tourenführer die dortige Strecke), lässt uns auch diesen miesen Weg mit stoischer Gelassenheit ertragen. Als wir nach einiger Zeit von einem Schild "Willkommen im Nationalpark Harz" geheißen werden, finden wir das schön. Unterwegs in einem Nationalpark - das hat doch was!

Ilsenburg Ortseinfahrt

Auf einer sehr schönen Straße geht es in die Stadt Ilsenburg hinein.

 

 

 

Es ist ziemlich genau 11 Uhr, als wir vom Ortsschild Ilsenburg begrüßt werden. Eigentlich eine gute Zeit für unseren Morgen-Kaffee, oder? Wir beide müssen uns eingestehen, dass wir den Ort gar nicht weiter kennen und bisher auch nicht von ihm gehört haben. Das scheint nicht nur uns so zu gehen: Nahezu menschenleer empfängt uns Ilsenburg. Nur wenige einzelne Passanten begegnen uns. Und das ist doch verblüffend, denn: Ilsenburg ist ganz zauberhaft!

Ein wenig Schwerindustrie gibt es noch in Ilsenburg, und doch strahlt die 10.000-Einwohner-Stadt eine sehr angenehme Ruhe und Gelassenheit aus. Als wir dann, etwas versteckt, noch ein schönes Café finden, sind wir rundum zufrieden.

Und als wir dann nach einer halben Stunde Pause wieder auf unsere Räder steigen, landen wir in der Ortsmitte ganz automatisch auf dem R1. Immerhin: Man wird als Radler hier in Ilsenburg nicht aus der Ortsmitte herausgehalten, wie wir ja häufig "im Westen" erlebten.

 

Wieder auf dem R1 zum Touristen-Magnet Wernigerode

Auf kleinen Straßen geht es weiter, ein wenig bergauf und bergab, es lässt sich gut radeln. Das nächste größere Ziel ist Wernigerode. Im Gegensatz zu Ilsenburg ist Wernigerode uns natürlich ein Begriff. Fast schon ein Ruf, wie Donnerhall als touristische Attraktion eilt der Stadt voraus.

Anfahrt auf Wernigerode

Wir sind in der Anfahrt auf Wernigerode. Das hier ziemlich trübe Wetter lässt das gewaltige Schloss, das über der Stadt thront, nur ahnen.

 

 

 

Durch die beiden Ortschaften Drübeck und Darlingrode rollen wir hindurch, unser Blick fällt schon von weitem auf das gewaltige Schloss, das auf einem steilen Hügel hoch über der Stadt Wernigerode thront. Ein sehr beeindruckender Blick, fürwahr! Es ist sehr trübes Licht, fast sieht es nach Regen aus, je näher wir an Wernigerode heran kommen. Aber dies bleibt uns glücklicherweise erspart: Es bleibt trocken.

Nach nicht einmal einer halben Stunde Fahrt passieren wir das Ortsschild von Wernigerode, immerhin eine Stadt mit 33.000 Einwohnern. Nach einigen weiteren Minuten sind wir mitten im Zentrum von Wernigerode - auch hier dürfen Radfahrer mitten in die Innenstadt hinein. Immerhin! In dieser Hinsicht unterscheiden sich die Städte im Vorharzgebiet in Sachsen-Anhalt offenbar deutlich von den niedersächsischen Orten.

Wernigerode Rathaus

Vor dem Rathaus von Wernigerode ist an diesem Dienstag ein Wochenmarkt.

Und, in der Tat: Wernigerode ist eine fantastische Fachwerkstadt - wunderschön! Das denken sich auch viele Tausende andere andere: Die Stadt ist spürbar ein Touristen-Magnet. Fast haben wir das Gefühl, dass sich wahre Menschenmassen durch die Innenstadt schieben.

 

 

 

"Schieben" ist aber ein gutes Stichwort: Genau das tun wir auch, mit unseren Rädern. Wer sein Fahrrad liebt, der schiebt. Wir wollen uns etwas Zeit für Wernigerode nehmen, schieben die Räder kreuz und quer durch das Stadtzentrum. Es ist zugegebener-maßen etwas mühsam mit den recht schwer bepackten Rädern, sich um die vielen anderen Fußgänger herumzuschlängeln (in Ilsenburg hätten wir dieses Problem nicht gehabt). Erst, als wir nach einer guten halben Stunde das Zentrum von Wernigerode wieder verlassen, entdecken wir, dass man auch hier in Wernigerode abschließbare Fahrrad-Garagen aufgebaut hat, wo man völlig unkompliziert sein Rad samt Gepäck abstellen und sicher einschließen kann. So etwas hatten wir ja vor zwei Tagen schon in Holzminden gesehen. Eine großartige Idee! Schade nur, dass wir nichts davon wussten und erst nach unserer kurzen Besichtigung der Innenstadt darauf stoßen. Aber die Richtung mit diesen Fahrrad-Boxen stimmt! Und hier wären sie sogar vor Regen geschützt. Dieser ist heute offenbar nicht mehr zu erwarten heute. Es klart sogar zusehends auf.

Wernigerode Fahrradbox

Toll - auch in Wernigerode hat jemand mitgedacht: Perfekte, überdachte Fahrradboxen finden sich am Rande des Zentrums. Wir entdecken diese leider erst, als wir wieder abfahren.

 

 

 

Zur Verabschiedung wird aus der traumhaften Wernigeroder Fachwerk-Innenstadt dann doch noch eine post-sozialistische Wirklichkeit: Direkt neben einer langen Kette Plattenbauten entlang verlassen wir die schöne Stadt Wernigerode. Diese ist für sich genommen sicherlich ein Highlight im deutschen Abschnitt des Europa-Radwegs R1. Ein bisschen zu wenig Zeit haben wir uns nur genommen für Wernigerode.

Unser Fahrrad-Führer zeigt uns: Hinter Wernigerode geht der offizielle Streckenverlauf für einige Kilometer auf einen unbefestigten Weg. Da wir darauf derzeit weiterhin keine Lust haben, beschließen wir kurzerhand, auf die parallel laufende Straße nach Benzingerode auszuweichen. Eine ziemlich gute Entscheidung: Eine feister, breiter, perfekt asphaltierter, samtener Radweg trägt uns förmlich in nicht mal zehn Minuten die vier Kilometer nach Benzingerode.

 

Spektakuläre Strecke in Richtung Blankenburg (Harz)

Durch Benzingerode zu radeln, hat noch einen anderen spannenden Aspekt: Schon von weitem sah man hinter dem Ort eine höchst merkwürdige Erhebung. Ein sehr schmaler, steiler... ja: Hügel? Berg? Oder was ist das? Je näher wir kommen, umso interessanter sieht dieses Etwas hinter dem Ort aus. Eine merkwürdige Landschaft! Wie eine Art schroffer Verwerfung sieht das aus - aber wir beide haben von Geologie so gar keine Ahnung. Gerade wieder ist das schade.

Benzingerode Erhebung

Schon von Weitem sehen wir die komische Erhebung bei Benzingerode - die nun nach der Ortsdurchfahrt unmittelbar vor uns liegt.

 

 

 

Schön und spannend finden wir beide diesen unvermittelt im Harzvorland auftauchenden Höhenzug. Erst viel später, zu Hause, finde ich: Wir sind hier im Naturschutz-gebiet Ziegenberg zwischen Benzingerode und Heimburg mit bis zu 315 m hohen Erhebungen. Wir schauen uns dies einen Moment lang an, mittlerweile haben wir mehr Sonne als Wolken am Himmel. Sehr schön ist, dass der Radweg (ab hier sind wir wieder auf der richtigen Wegführung des R1) direkt an dieser Erhebung entlang geht. Ein sehr schönes Stück Weg - auf einem Betonplattenweg.

Heimburg Radweg

Schöne Radstrecke in der Nähe der Ortschaft Heimburg kurz vor Blankenburg (Harz). Und: Der Himmel reißt plötzlich auf.

Kloster Michaelstein

Das Kloster Michealstein wird von dem Europa-Radweg R1 durchquert.

 

 

 

Ein Stück grober Schotter, dann eine ruhige Nebenstraße. Und schon queren wir auf dieser Tour wieder historischen Grund: Durch das Gelände des im 12. Jahrhundert gegründete Kloster Michaelstein direkt vor den Toren Blankenburgs geht der Radweg R1 mitten hindurch.

Die 20.000-Einwohner-Stadt Blankenburg empfängt uns dann zunächst... ja... etwas tragisch. Es geht zunächst an einem riesigen Gelände entlang, das "deindustrialisiert" ist - also an einer großen Brachfläche, auf der man noch Reste von früheren, augenscheinlich uralten Industrieanlagen sehen kann. Ein paar Schornsteine sieht man noch in der Ferne. Das meiste scheint jedoch schon abgerissen. Man kann als Ortsfremder nur ahnen, dass sich hier nach der Wende 1989 Dramen abgespielt haben - aber das erscheint uns hier greifbar.

Blankenburg Altstadt

Die Altstadt im Stadtzentrum von Blankenburg/Harz: Schön, aber trotz der Geschäfte komischerweise sehr unbelebt.

 

 

 

Uns schlägt das ein wenig aufs Gemüt. Aber eigentlich freuen wir uns, in eine Stadt zu kommen. Es ist kurz nach 14 Uhr - Zeit für einen Kaffee vielleicht? Zügig sind wir in die Altstadt gekommen - und auch sie macht uns ein wenig ratlos... Wir waren heute in Ilsenburg: Das erschien fast menschenleer. Dann in Wernigerode: Dort schien es vor Menschen fast zu bersten. Und nun Blankenburg: Um diese Mittagszeit erscheint es uns im Zentrum eine Tragödie zu sein - menschenleer.

Eigentlich kommt dieses Stadtzentrum schön daher: Viele schön restaurierte Häuser, eine autoarme, teilweise autofreie Zone, zahlreiche kleine Geschäfte. Aber: Die Innenstadt funktioniert ganz offenkundig nicht. Nur wenige einzelne Personen treiben sich hier herum, wir fühlen uns fast verloren. Hier und da finden wir Leerstand. Was ist hier nur los? Immerhin finden wir eine schöne Bäckerei, in der es neben uns noch den einen oder anderen Gast gibt.

Aber etwas verstört sind wir doch, als wir eine halbe Stunde später wieder unsere Fahrräder besteigen. Was ist hier nur los, in Blankenburg am Harz? Wirklich verstehen können wir diese völlig leblos wirkende Innenstadt nicht. Das wohl sehr schöne Schloss von Blankenburg sehen und besuchen wir nicht. Und spätestens, als wir kurz danach vor der Entscheidung stehen, nach links zum "Großvater" oder nach rechts zum "Vogelherd" fahren, haben wir diese Gedanken einstweilen beiseite geschoben. Und fahren in der Mitte zwischen diesen beiden Höhenzügen weiter.

 

Kurze Zwischenstation in Thale

Über ein etwas buntes Sammelsurium an Wegen geht es jetzt zügig bei mittlerweile strahlendem Sonnenschein voran. Auf einem straßenbegleitenden Radweg, auf einer schön asphaltierten Nebenstrecke, über grobem Schotter durch den Wald, auf eng verlegten Betonplatten. Um vier erreichen wir den Stadtrand von Thale (17.000 Einwohner).

Radweg im Wald

Bei diesem Licht fahre sogar ich gerne durch den Wald!

Und ich werde etwas unruhig, denn ich spüre, dass meine Liebste heute einfach nicht viel Elan hat - sie hat einfach die Tendenz, hier eine Unterkunft zu suchen und hier zu bleiben. Ich aber will ja eigentlich heute unbedingt nach Quedlinburg. Das sind noch gute zehn Kilometer, zumeist abseits des Radwegs R1. Also machen wir erstmal auf einem großen, modern gestalteten Platz mitten im Zentrum von Thale, direkt neben dem Rathaus, eine Pause. Genießen den prallen Sonnenschein.

Thale am Bahnhof

Am Bahnhof am Ausgang des Bodetals vorbei geht die Route des R1 - und lässt bei dem Blick eine Ahnung aufkommen, wie spektakulär sich das Bodetal mit den steilen Flanken gestaltet.

 

 

 

Noch nie war ich in Thale, aber ich weiß, dass die Umgebung von Thale großartige Natur zu bieten hat. Schon allein das Bodetal muss sensationell schön sein. Auch das Plateau des Hexentanz-platzes, immerhin per Seilbahn erreichbar, muss großartig sein!

Und doch benötige ich gar nicht sooo viel diplomatisches Geschick, wie zunächst vermutet, um meine Liebste nach einer knappen halben Stunde in der prallen Sonne noch zum Weiterfahren zu bewegen. Sie spürt einfach meinen unbedingten Wunsch, nach Quedlinburg zu wollen - und fügt sich dem, in guter Laune. Erst recht, nachdem ich telefonisch eine Unterkunft in Quedlinburg gesichert habe. Und ich - ich könnte jubeln!

 

Weiter geht es, nach Quedlinburg

Was ist es denn nur, das mich so nach Quedlinburg zieht? Nun - wie es bei älter werdenden Menschen zuweilen so ist: Vor allem Erinnerung zieht mich an. Wie schon erwähnt, war ich Ende der 80er Jahre recht häufig in Quedlinburg, zu DDR-Zeiten. Durch einige Umstände hatte ich dort und in der Umgebung von Quedlinburg einige wunderbare, mutige Menschen kennengelernt, die mir damals sehr ans Herz gewachsen waren. Dass der Kontakt zu diesen Leuten sich in der Folgezeit nach der friedlichen Revolution nach der Wende verlor, ist ebenso bedauerlich, wie zahlreichen Umständen mit dramatischen und tragischen Änderungen der Lebensumstände zu der Zeit auch bei mir geschuldet. Wie das Leben eben manchmal so spielt - auch gegen die eigenen Wünsche.

Aber heute, genau heute, habe ich die Chance, nach all der Zeit, mal wieder ein klein wenig auf alten Pfaden zu wandeln. Und das will ich jetzt!

Quedlinburg damals zum Ende der 80er Jahre war zauberhaft, ein ruhiges Städtchen, vollständig in mittelalterlicher Struktur erhalten. Allerdings waren viele Gebäude vom DDR-typischen Verfall bedroht, teilweise gab es schon den Abriss von historischen Gebäuden - worüber sich damals schon viele sehr ärgerten und versuchten, sich zu wehren. Aber ich habe noch Bilder von Quedlinburg im Kopf, die etwas magisches haben: Abends, bei diesiger, vom Smog und Kohleheizungen geschwängerter Luft durch die Stadt zu laufen, musste einem bei dem damaligen, funzeligen Laternenlicht das Gefühl geben, einen Zeitsprung gemacht zu haben, direkt im Mittelalter gelandet zu sein. Irgendwelche offenen Geschäfte oder Gastwirtschaften gab es an Samstagabenden eher nicht, Leuchtreklamen fehlten natürlich völlig. Eine stille Stadt aus sehr altem, teilweise brüchigem Fachwerk im Halblicht - das ist zu einem guten Teil das Bild von Quedlinburg, das ich im Kopf habe. Und das war irgendwie magisch.

Und ich mache mir jetzt etwas Sorgen. Wahrscheinlich ist es so, dass die friedliche Revolution damals gerade rechtzeitig kam, um diesem alten Stadtkern, diese Perle im Vorharzgebiet, vor dem völligen Verfall zu retten. Diesen Verfall hätte es allein in der DDR früher oder später mit Sicherheit gegeben. Aber: Was ist in der Zwischenzeit wohl aus Quedlinburg geworden? Ja, ich weiß: Die gesamte Altstadt von Quedlinburg ist mittlerweile UNESCO-Weltkulturerbe. Und das finde ich ja auch toll! Aber ich fürchte mich auch etwas: Vielleicht ist jetzt alles schick? Vielleicht ist alles total neu - und nur auf alt getrimmt? Vielleicht wirkt die alte Stadt jetzt wie geleckt (so, wie ich es früher in Goslar empfunden habe)? Alles auf Tourismus ausgelegt? Möglicherweise wälzen sich gerade ganze Busladungen chinesischer Touristen durch die Stadt? Vielleicht ist das alte, magische Flair weg, zugunsten moderner Geschäftemacherei? Vielleicht musste ja sogar vieles von dem alten Flair verschwinden, um diese wunderschöne Stadt zu retten?

All das geht mir durch den Kopf und bereit mir etwas Kummer, als wir uns jetzt in Thale auf den Weg nach Quedlinburg machen. Sogar ein wenig Herzklopfen habe ich, bin etwas aufgeregt - ganz so, als würde ich einer alten Liebe wieder begegnen... Na, so ist es ja eigentlich auch.

 

 

 

Thale haben wir schnell hinter uns gelassen. Auf einem guten, etwas abgelegenen Radweg geht es nach Neinstedt, mit seinen knapp 2.000 Einwohnern gehört es mittlerweile zur Stadt Thale. Auch dies ein für mich bedeutsamer Ort, auch in Neinstedt war ich damals, zu DDR-Zeiten, einige Male. Erinnern kann ich mich noch gut an die Neinstedter Anstalten, in denen zu DDR-Zeiten wohl recht vorbildhafte Behindertenarbeit geleistet wurde, wo damalige Freunde arbeiteten. Aber jetzt nehmen wir uns nicht viel Zeit für Neinstedt - und ich erkenne von der Straße aus überhaupt nichts wieder. Aber meine alten Bilder im Kopf nehme ich mit.

Feldweg nach Quedlinburg

Auf diesem hoppeligen, sandigen Weg geht es für uns von Neinstedt aus nach Quedlinburg.

 

 

 

Nun wird es holprig: In Neinstedt verpassen wir irgendwie eine vernünftige Straße nach Quedlinburg, landen auf einem löchrigen, steinigen, sandigen Feldweg. Wie komisch, dass mich das jetzt im Moment so gar nicht stört - eigentlich sogar überhaupt nicht. Statt mich daran zu stören, stürze ich wiederum ca. 24 Jahre zurück, kann mich genau erinnern, diesen Hoppelweg damals mit einem geliehenen DDR-Diamant-Fahrrad, zusammen mit ein paar Freunden, schon mal entlang gehoppelt zu sein. Gerade habe ich also einen Filter im Kopf. Und es ist ja nicht schlecht, wenn der mal etwas widrige Umstände schön färbt. Warum nur klagt meine Liebste gerade das eine oder andere mal über den Weg?

 

Endlich, endlich mal wieder: Zauberhaftes Quedlinburg!

Und dann macht mein Herz trotz aller Erwartungen doch einen erstaunlich hohen Hüpfer, als ich den Schlossberg mit der Stiftskirche sehe, die die Stadt überragen. Ach, Du tolles Quedlinburg! Was für ein Anblick - schon von außerhalb der Stadt!

Eine ganze Weile brauchen wir, bis wir in der Stadt mit seinen 25.000 Einwohnern unsere Unterkunft gefunden haben. Mein altes Leid macht sich auf dem Weg dorthin bemerkbar: Ich frage nach dem Weg, zwar nur ungern, aber immerhin - und die Antwort verwirrt mich. Verwirrt mich total - ich kapiere überhaupt nichts und die Fragerei hilft mir überhaupt nicht weiter. Ein Grund, warum ich nicht gerne nach dem Weg frage. Aber ich bin ja auch ein Mann...

In der Unterkunft angekommen will meine Liebste, ihr geht es heute ja nicht so richtig gut, erstmal eine ausgiebige Pause machen. Sie war vor einigen Jahren mit Kollegen mal ausführlich in der Stadt - ich seit 23 Jahren nicht mehr. Alles ist also okay, kein Problem - ich aber bin gerade nicht zu mehr in der Lage, als meine Sachen in die Ecke der tollen Unterkunft zu pfeffern und in meine "Stadtklamotten" hinein zu springen. Zehn Minuten nach der Ankunft in der Quedlinburger Unterkunft bin ich schon wieder unterwegs - diesmal auf Schusters Rappen.

Quedlinburg Steinstraße

Blick entlang dem Steinweg im Zentrum von Quedlinburg.

 

 

 

Und: Ziemlich schnell bin ich einigermaßen beruhigt! Denn die Stadt wirkt nicht, "wie geleckt". Vieles ist erneuert worden - aber offenbar hat man doch so einigermaßen das richtige Fingerspitzen-gefühl gefunden. Weder Autoschlangen noch Touristenströme wälzen sich durch die Stadt, zumindest nicht an diesen wunderschönen Abend Anfang Oktober. Auch ist aus der Innenstadt keine Partyzone geworden, mit einer Bar neben der anderen und es ist auch nicht alles voller Cafés und Restaurants. Aber es gibt sie, die Restaurants und Cafés - allerdings zumeist stilvoll. Leuchtreklamen gibt es jetzt, natürlich, hier und da. Aber nichts ist "überkandidelt" - ich bin bald beruhigt. "Mein" Quedlinburg, es ist schön geblieben! Hier und da schöner geworden. Der Markt - er ist derzeit eine Großbaustelle: Was wird wohl aus dem noch werden? Und, zugegeben, verpasst es mir dann doch einen kleinen Stich, wenn ich mitten im Zentrum der Stadt vor einem "MacGeiz" stehe - aber das bringt wohl die Zeit und die Entwicklung der letzten Jahr mit sich.

Es fällt mir an diesem Abend etwas schwer, an der verlockenden "Käsekuchenbäckerei" vorbei zu gehen ("Käsekuchenesser sind auf Anhieb sympathisch" - stimmt doch, oder?). So etwas tolles gab es "damals" nicht einmal andeutungsweise. Die DDR war in der Tat ein ganz schön trostloses Land, sogar ohne Käsekuchenbäckerei!

Quedlinburg Steinstraße

Platz am Schlossberg von Quedlinburg bei abendlicher Stimmung. Für mich irgendwie beruhigend: Keine Touristenströme wälzen hier entlang, keine Menschenmassen bevölkern die Stadt.

 

 

 

Aber ich gehe schnell vorbei, weil es ja schon spät ist und ich noch im allerletzten Tageslicht auf den Schlossberg will. Als mir dort dann diese Stadt, von deren Existenz ich bis 1987 gar nichts wusste, zu Füßen liegt, da freue ich mich wirklich! So richtig! Quedlinburg hat den Weg und den Dreh in die neue Zeit ziemlich gut geschafft, finde ich.

Quedlinburg Markt nachts

Der Markt von Quedlinburg am späten Abend. Er ist eine große Baustelle während unseres Aufenthalts.

Und ich bin glücklich, mal wieder hier zu stehen. Ach, Quedlinburg, du Schöne - du traumhaft Schöne! Vielleicht bist du ja die schönste Stadt Deutschlands? Du gehörst auf jeden Fall zu den Allerschönsten dazu! Ach je - ich komme ins Schwärmen! Aber doch bin ich sehr froh darüber, dich auch schon zu DDR-Zeiten kennengelernt zu haben...

Nicht edel, aber doch sehr wunderbar gehen wir beide später noch Essen in Quedlinburg - früher ging das kaum. Meine Seele hat heute ein Stück Ruhe gefunden. Das hängt allerdings nicht so sehr an unserer heutigen Leistung auf dem Fahrrad: Gerade mal 66,1 km Strecke haben wir zurück gelegt. Bei der Fahrzeit von 4 Stunden, 17 Minuten entspricht dies einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 15,8 km/h (Maximum 39,6 km/h) - ziemlich lahm sind wir da heute unterwegs gewesen. Insgesamt haben wir damit ab Münster bisher 396,3 km auf dem Europa-Radweg R1 zurück gelegt.

Immerhin: Im Vergleich zu dem vorangegangenen Tag war es heute angenehmes Radeln - das hatte uns der niedersächsische Vorharz am Tag zuvor ja beinahe verleidet. Aber hier, in Sachsen-Anhalt, ist der R1 doch deutlich besser.

 

Den Bericht zu unserer sechsten Etappe der Radtour auf dem Europa-Radweg R1 mit der Fahrt von Quedlinburg nach Bernburg/Saale fahren, finden Sie hier.

 

 

 

 

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Dirk Matzen

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