Radfahren...!

Europa-Radweg R1 / D-Route 3
9. Tag: Von Quedlinburg nach Bernburg
  (97,3 km)

Ein Fahrrad-Reisebericht über eine Radtour auf einem Teil des Europa-Radwegs R1 im Oktober 2012
  mit 34 Bildern





an der Saale bei Nienburg

Unterwegs am Abend an der Saale zwischen Nienburg und Bernburg.

Hier geht es zum unmittelbar vorangegangenen Tag des Fahrrad-Reiseberichtes mit der Fahrt auf dem Europa-Radweg R1 / der D-Route 3 von Bad Harzburg nach Quedlinburg.

 

Mittwoch 10. Oktober 2012, Quedlinburg
Wetter: Der Jahreszeit entsprechend kühl, morgens bedeckt, später dann aufgelockert bewölkt.

 

 

Etwas gemütlich lassen wir es heute Morgen in Quedlinburg angehen, starten erst gegen 9:30 Uhr auf unsere heutige Radstrecke. Um nach Quedlinburg zu kommen, hatten wir ja den Europa Radweg R1, der sich direkt am Nordrand des Harzes entlang schlängelt, verlassen müssen. Nun gilt es also zunächst, wieder auf diesen Weg zu kommen - um der Route wieder folgen zu können.

 

 

 

Nach unserer Karte entscheiden wir uns, auf einer Landesstraße direkt nach Gernrode zu fahren. Die Straße nach Gernrode bringt uns nicht wirklich Spaß, sie ist recht stark befahren. Die meisten Autofahrer verhalten sich zwar vorbildlich und überholen in einem möglichst weiten Bogen - aber trotzdem stresst das, denn man weiß ja nie.

In Gernrode sollten wir die Europa-Radroute R1 zwar recht unproblematisch wieder finden - beschließen aber, ab hier doch lieber noch ein Stück Straße weiter zu fahren. Damit vermeiden wir dann mal wieder ein unbefestigtes Stück Wegstrecke. Einen kurzen Stopp in Gernrode machen wir dann doch - allerdings nur für einen kurzen Handschuhwechsel. Die Temperaturen sind heute recht angenehm für Oktober.

 

Ballenstedt und seine schöne Baumallee

Über eine Nebenstraße und einen gut zu fahrenden Waldweg nähern wir uns dann recht zügig dem ersten markanten Punkt der heutigen Radtour: Ballenstedt. Schon aus einiger Entfernung können wir das hoch über der thronende Schloss sehen. Als wir dann gegen 10:30 Uhr bei dem Schloss sind, gönnen wir uns trotz der beeindruckenden Umgebung gar nicht allzu viel Zeit. Es ist zwar ein beeindruckendes Ensemble, aber die Enttäuschung über das geschlossene Café ist dann doch vorherrschend.

Ballenstedt Schloss

Schon von weitem sichtbar ist das Schloss in Ballenstedt.

Etwas anderes zieht unsere Aufmerksamkeit an: Vom Schloss führt eine lange, schnurgerade Allee hinab in den Ortskern der 9.000 Einwohner-Stadt Ballenstedt. Was für eine tolle Straße, gesäumt von schönen Gebäuden. Die wollen wir jetzt aber genießen und hinunter rauschen! Gedacht, gesagt, getan - mit einem kleinen Geschwindigkeitsrausch donnern wir begeistert juchzend die Allee hinab.

 

 

 

Dabei registrieren wir auf der linken Straßenseite noch ein kleines Café. Nun kommen wir ja doch noch zu unserem Morgen-Kaffee, freuen wir uns greifen beherzt in die Bremsen, queren den Mittelstreifen und gönnen uns 20 Minuten Pause. Dabei registrieren wir beim Blick auf unseren Tourenführer: Diese tolle Abfahrt gehört gar nicht zur Strecke des R1. Der biegt dort oben am Schloss ab. Na sowas - haben wir gar nicht bemerkt! Sollen wir da nun wieder hinauf fahren? Der türkische Inhaber des Cafés bekommt unsere Debatte mit und drückt uns kurzerhand einen Stadtplan in die Hand. Dieser leistet uns dann später in der Tat mehrfach gute Dienste, um den R1 wiederzufinden. Vielen Dank dafür!

Eine Viertelstunde später finden wir im Ballenstedter Ortsteil Opperode den Europa-Radweg R1 wieder - unserem Tourenführer zufolge haben wir dabei zwei schöne Aussichtspunkte versäumt. Aber dafür halt die tolle Abfahrt genossen.

 

Abschied vom Harzrand: Schlechtere Wege, ärmere Orte

Hinter Opperode gibt es ein kleines Stück Kopfsteinpflaster mit viel Verkehr, aber recht bald geht es auf einen straßenbegleitenden Radweg. Dieser ist zunächst großzügig und gut - wandelt sich aber nach wenigen Minuten in einen schmalen, jämmerlichen Hoppelweg aus sich völlig auslösendem Asphalt. Da wurde wohl mal gespart und gepfuscht zugleich. Vielleicht aber stammt der Weg ja noch aus der DDR-Zeit? Gab es damals überhaupt schon Radwege in dieser Gegend? Ich weiß es nicht... Aber wahrscheinlicher ist wohl, dass an dem Weg jemand deutlich mehr Geld verdient hat, als ihm zustand.

Schlechter Radweg bei Meisdorf

Der alternde Radweg neben der Landesstraße L75 zwischen Opperode und Meisdorf zeigt deutliche Auflösungserscheinungen - da fährt man besser doch auf der Straße.

 

 

 

Nach einigen Minuten auf diesem Unfugs-Weg haben wir die Nase voll, schieben unsere Räder über den Grasstreifen auf die Straße und genießen dort den Asphalt, der so glatt wie ein Baby-Popo ist. Kurz danach sind wir in der 5.500 Einwohner-Stadt Falkenstein (Harz), lassen dort das Schloss Meisdorf rechts liegen.

Aber hinter dem Stadtteil Meisdorf geht es mal wieder richtig in die Vollen: Eine langgezogene, derbe Steigung ist zu bewältigen. Aber da haben wir ja genügend Erfahrung und Übung. Das beschert uns wieder einige schöne Blicke. Hauptsache, die dunklen Wolken halten dicht!

 

 

 

Nachdem wir uns zehn Minuten bergauf gerackert haben, stehen wir vor einem anderen, neuen Problem - ja, wir stehen buchstäblich. Eine Weggabelung ist das Problem. Fahren wir auf der großen Straße weiter geradeaus mit gewissem Rechtsdrall - oder biegen wir halblinks auf den schmalen Pfad ab? Ein Schild gibt es nicht - nicht mehr. Ein Metallpfosten steht an der Gabelung, aber Schilder gibt es dort nicht (mehr). Offenbar sind die Schilder entfernt worden. Unsere Karte hilft uns an dieser Stelle plötzlich nicht mehr eindeutig weiter, wir können die Gabelung auf der Karte nicht ausfindig machen. Ganze sieben Minuten stehen wir hier zum beraten herum, entscheiden uns dann endlich für den linken Pfad. Eigentlich nur aus einem Gefühl heraus fahren wir so. Und weil die R1-Strecke irgendwann später einen scharfen Linksknick macht, kann es nicht so völlig falsch sein, jetzt etwas nach links zu fahren.

Schlechter Asphalt

Auf dem schlechten, sich auflösenden Asphalt versuchen wir auf unserer Fahrt in gemächlichem Tempo, die wenigen heilen Flecken zu erwischen.

 

 

 

Erst nach zehn Minuten mühsamer Fahrt bergauf, wieder auf krümelig sich auflösendem Asphalt, stellt sich anhand eines noch vorhandenen Schildes heraus, dass die Entscheidung für den Weg korrekt gewesen ist. Beeindruckend ist immerhin die Fahrt an einem hunderte Meter langen und mehrere Meter hohen Berg an Zuckerrüben vorbei.

 

 

 

Den nordöstlichsten Zipfel des Harzrandes haben wir mit dieser abschließenden Steigung nun hinter uns gelassen. Die Wege weisen seit einiger Zeit ja schon eine nachlassende Qualität auf - doch als wir jetzt in nach Ermsleben (3.000 Einwohner) kommen, dem Verwaltungssitz der Stadt Falkenstein/Harz, erschrecken wir uns. Wir haben uns am Rande des Harzes schon daran gewöhnt, dass beinahe alles hübsch, gepflegt und saniert ist. Hier nun, gerade mal ein paar Kilometer nördlich des Harzrandes, gewinnen wir einen ganz anderen Eindruck. Hier hängt noch ganz schön viel DDR in der Luft. Etliche Häuser, die dringend auf Sanierung warten und einzelne, die schon zu lange hierauf gewartet haben, queren unseren Weg. Vor dem schön sanierten Rathaus steht jetzt, mittags um 12 Uhr, auf dem ausgeschilderten Wochenmarkt ein einsamer Marktstand eines fernöstlichen Anbieters mit Kleidung, der mittlerweile zusammen räumt. Ansonsten kein Mensch weit und breit. Einen Moment später aber doch: Als wir wieder einmal nach Orientierung suchen, spricht uns eine aufmerksame Passantin an und bringt uns auf den richtigen Weg. Danke!

Ermsleben, verfallende Häuser

Wir sind in Ermsleben, und wir sind erschreckt, wie sehr sich der Zustand der Gebäude von den Städten am direkten Harzrand unterscheidet.

 

 

 

Trotzdem sind wir über den Zustand der Ortschaft mit den vielen verriegelten und verrammelten Fenstern und Türen in der ganzen Ortschaft ehrlich erschüttert. Was für ein dramatischer Unterschied zum direkten Harzrand! Hier sind offenkundig nicht viele Gelder für Sanierungen geflossen. Ermsleben - anscheinend ein irgendwie vergessener Ort.

Verblüffend fast, dass wir am Ortsrand von Ermsleben ein großes, modernes Fabrikgelände einer modernen Technikfirma sehen. Eigentlich könnte es dem Ort wohl doch besser gehen...?

 

Heute ein "Kleines Festival der Flüsse": Die Selke

Über die "Friedensbrücke" geht es in Ermsleben über den ersten Fluss des Tages, eigentlich nur ein kleines Flüsschen: Die Selke. Ein Nebenfluss der Bode, der wir ja schon in Thale und in Quedlinburg begegnet waren.

 

 

 

Als wir in den 1.000-Einwohner-Ort Reinstedt kommen, machen wir Bekanntschaft mit dem Kopfstein-pflaster in etlichen Ortschaften der Region. Mal mehr, mal weniger grob und holperig ist dieses Kopfstein-pflaster. Mal mehr, mal weniger alt. Mal mit der Möglichkeit, auf einen einigermaßen ebenen Fußweg auszuweichen, mal ohne. Gerade jetzt, in Reinstedt, erleben wir binnen weniger Minuten eine Mischung und einen beständigen Wechsel aus all diesen Wegezuständen. So richtig viel Freude bringt das Radfahren da nicht unbedingt. Und: Es ist mittlerweile 12:30 Uhr und wir hätten Lust auf eine kleine Mittagspause. Nicht nur, dass es keinen Laden, keinen Bäcker oder ähnliches gibt (einen kurzen Moment hoffen wir, als wir an einem Haus die Beschriftung "Wilhelm Paul Bäckermeister" sehen - aber dort backt offenbar schon lange niemand mehr). Wir finden auch weit und breit keinen kleinen Rastplatz oder ähnliches, um uns an unseren Vorräten etwas zu stärken. Also müssen wir weiter.

fehlende Fahrrad-Richtungsschilder

Wir gewöhnen uns mehr und mehr daran, uns anhand solcher Halterungen, den Resten einer Fahrrad-Beschilderung, zu orientieren. Wir sind hier in der Selke-Niederung bei Reinstedt unterwegs und fragen uns: Wer klaut nur all diese Fahrrad-Schilder?

 

 

 

Etwas abseits der Straßen, an der kleinen Selke entlang, geht es weiter. Landschaftlich ist es hier schön, aber leider erfordert der Radweg selber auch viel Aufmerksamkeit. Und wieder stehen wir mehrfach vor den Überbleibseln von abmontierten Radweg-Richtungs-schildern. Langsam entwickeln wir eine gewisse Übung, die verbliebenen Reste der abmontierten Beschilderung zu interpretieren. In welche Richtungen weisen die verbliebenen Haltungen? Ist der Mast selber fest, und die Halterungen auch? Oder drehbar, das Ganze - was eine Menge weiterer Unsicherheit bringen würde? Und doch: Wir ärgern uns hierüber! Es frisst einfach auch eine Menge Zeit, sich immer wieder orientieren zu müssen. Was sind das nur für Leute, die diese Schilder klauen? Übermütige Jugendliche, bei Mutproben? Andere Streckenradler auf dem R1, als Souvenirjäger? Nachbargemeinden, die die Kosten für Fahrradschilder sparen wollen? Fremdenfeinde, die nicht wollen, dass Ortsfremde sich hier zurecht finden? Wir wissen es nicht, haben keinen blassen Schimmer - aber es ist einfach doof! Aber streckenweise sind die Schilder so konsequent entfernt worden, dass man dahinter schon Systematik vermuten muss.

An der Selke entlang werden wir in die 2.500-Einwohner-Stadt Hoym geleitet. Wieder gibt es keinen Bäcker oder Ähnliches. Wieder grobes Kopfsteinpflaster und nur manchmal die Möglichkeit, diesem auszuweichen. In der gesamten Ortschaft sehen wir keinen einzigen Menschen, aber immerhin ein paar Autos auf den Straßen parken. Und: Ganz am Ende der Stadt stoßen wir auf einen Sportplatz. Und dort gibt es ein paar Bänke und Tische am Rande des Platzes. Diese nutzen wir und laden uns einfach ein, dort eine halbe Stunde zu verweilen und unsere Vorräte etwas zu verringern. Ein schönes Plätzchen - und herzlichen Dank an den SV Fortuna Hoym für diese Möglichkeit!

schlechter Radweg

Wieder mal außergewöhnlich schlechter Asphalt auf dem Weg ein Stück hinter Hoym.

 

 

 

Es folgen wieder ein paar Kilometer auf sich auflösendem Asphalt, sehr holperig. Einige Kilometer lang geht der Weg direkt am Ufer der Selke entlang. Auch die Ortschaft Gatersleben, durch die es dann geht, ruht sehr in sich - aber immerhin bietet sie makellosen Asphalt. Was wir in den Ortschaften langsam zu schätzen wissen.

Fallobst am Wegesrand

Eine Radtour im Herbst - und das Fallobst liegt im Überfluss am Wegesrand: Wir erlauben uns hier, unsere Obstvorräte mit ein paar Birnen aufzufüllen.

 

 

 

Eine ganze Weile geht es dann wieder durch die Feldmark, auf einem Betonplatten-weg. Gesäumt wird dieser Weg von etlichen Birnbäumen. Nun... unser kleiner Vorrat an Fallobst-Äpfeln aus der Nähe von Nieheim von vor einigen Tagen geht zur Neige - und hier liegen reife Birnen zu Hunderten auf dem Boden. Zum Teil sind diese schon verdorben. Das betrachten wir geradezu als Aufforderung, dieses Schicksal bei einigen der Birnen zu verhindern. Also gibt es einen kurzen Stopp... Tja, so ist das bei herbstlichen Radtouren.

 

Kurze Pause am Concordiasee

Einen Moment danach sind wir am Ufer des Concordiasees. Ein gerade erst entstandener bzw. noch im Entstehen begriffener See. Eine frühere Braunkohlegrube wird hier geflutet. Erst im Jahr 2020 soll die Flutung abgeschlossen sein.

Eine Weile geht es am Ufer entlang. Der spärliche Bewuchs am Ufer des Sees mit Pionierpflanzen lässt erkennen, dass hier alles noch im Entstehen begriffen ist.

Aber immerhin: In Schadeleben gibt es für uns endlich die Möglichkeit, eine Kaffeepause zu machen. Immerhin ist es auch schon 14:30 Uhr - das ist ja nun nicht gerade besonders früh für einen Kaffee...

Mit einem Ortsansässigen kommen wir ins Gespräch - und erst dadurch werden wir mit der Nase darauf gestoßen: Hier schräg über den See hinüber hat es vor drei Jahren eine Katastrophe gegeben, die bundesweit Schlagzeilen gemacht hat. In Nachterstedt - ein riesiger Erdrutsch. Einige Häuser und Straßen versackten in den Concordiasee. Es gab drei Tote und viele verloren ihr Haus.

Stimmt - da war doch was. Wie schnelllebig doch unsere Zeit ist! Da muss ich schon gehörig in meinem Gedächtnis wühlen, um mich an den Ortsnamen Nachterstedt und die damit verbundenen Katastrophenbilder wieder zu erinnern. Eigentlich bin ich beinahe fassungslos, was ich alles schon wieder vergessen habe...

Fallobst am Wegesrand

Beim Blick über den Concordia-See kann man den Ort der Katastrophe in Nachterstedt auch drei Jahre später noch erkennen.

 

 

 

Aber der Blick über den See hinüber lässt das Katastrophen-gebiet auch heute noch deutlich erkennen. Was für eine Tragik, was für Drama! Beinahe hätten wir das im Vorbeifahren gar nicht bemerkt. Aber ein kurzes Innehalten ist durchaus angemessen.

Der gesprächige Einheimische gibt uns noch ein paar Tipps für den weiteren Weg. Wir orientieren uns trotzdem lieber an den Schildern - die gibt es nämlich wieder häufiger. Schön allerdings: Der Himmel reißt jetzt am Nachmittag mehr und mehr auf. Zeitweilig hatte der Himmel recht bedrohlich ausgesehen, jetzt wissen wir, dass es auch heute trocken bleiben wird. Radlerglück!

 

Staßfurt als Übernachtungsort?

Durch die kleine Ortschaft Neu Königsaue und ein Stück danach fahren wir auf einer kleinen, ruhigen Landstraße. Dann jedoch geht es auf einen holperigen Feldweg, der von einem schmalen hoppeligen Asphaltband begleitet wird. Wohl so eine Art Radweg. Durch die Gräser am Rande ist der Weg weitgehend zugewachsen. Ganz lustig dabei: Der geht direkt an den tief hängenden Bäumen entlang - man fährt quasi direkt durch die Bäume hindurch, wenn man sich nicht auf Lenkerhöhe duckt. Der holperige Feldweg ist per Rad kaum zu befahren. Wir gewöhnen uns mehr und mehr an Widrigkeiten auf dem Weg, denn im Gegensatz zu früheren schlechten Wegen nehmen wir es diesmal mit Humor. Oder sagen wir: Mit etwas Zynismus... Trotzdem erscheint uns dieser Weg fast endlos zu sein.

 

 

 

 

Während der vielen Kilometer auf diesem Weg fangen wir an, zu überlegen, ob wir uns in Staßfurt vielleicht eine Unterkunft suchen sollten? Eigentlich ist es noch etwas zu früh dafür - aber wer weiß, vielleicht gefällt Staßfurt uns ja besonders gut?

Wir freuen uns ehrlich, als es wieder auf eine Asphaltstrecke geht. Kurz vor Staßfurt geht es noch am Ortsrand von Hecklingen und Gänsefurth entlang und uns begegnen Dinge, die uns etwas traurig stimmen. Da hat doch jemand einen schön gestalteten Kiosk als R1-Raststätte Gänsefurth angelegt. Nur - leider scheint dieses Ansinnen hier überhaupt nicht zu gelingen. Der Kiosk sieht fast schon verfallen aus, das Dach fehlt, das Gelände drumherum ist zugewuchert. Offenbar gibt es nicht genügend Radler auf dem R1, um diese Raststätte am Leben zu erhalten. So etwas ist doch einfach schade, bedauerlich.

geschlossene Radler-Raststätte

Der Radler-Kiosk ist sicherlich eine gute Idee gewesen - aber offenkundig war er nicht dauerhaft zu betreiben.

 

 

 

Gegenüber, ein kleines Stück weiter, stoßen wir auf eine Brücke über eine Niederung, die durch ein Gitter abgeriegelt ist. Ganz offenkundig soll man nicht über die mit Holzbohlen ausgebaute, mehrere hundert Meter lange Stahlbrücke fahren. Allerdings können wir überhaupt nichts ausmachen, was gegen das Befahren dieser Brücke sprechen würde - alles sieht sehr stabil aus. Und unter dem gekippten Gitter kann man sich, etwas mühsam zwar, aber doch hindurchzwängen. Weit und breit gibt es keinen Hinweis darauf, was hier los ist und ob es eine alternative Streckenführung gibt. Was also tun? Wir sind zwar nicht weit von Staßfurt entfernt, wüssten jetzt aber nicht wirklich, wohin.

defekte Brücke vor Staßfurt

Die folgende Brücke hat dann jedoch einen Zustand, dass wir mit unseren bepackten Rädern nicht hinüber fahren wollen - also kehren wir um.

 

 

 

Also kriechen wir mit unseren Rädern unter dem Gitter hindurch. Nach einigen Augenblicken haben wir die Brücke hinter uns gelassen - und wundern uns darüber, was das hier wohl sollte. Zwei Minuten später wissen wir es: Wir stehen wieder vor einer Brücke, diesmal über einen Fluss, die Bode - da ist sie ja wieder. Die Konstruktion ist ähnlich - nur diesmal ist deutlich erkennbar, dass man diese Brücke besser nicht überqueren sollte. Es fehlen Bohlen, etliche sind an- oder abgebrochen. Und ein aufmerksamer Zeitgenosse hat mit rosa Farbe auf die ersten Bohlen der Brücke immerhin die Warnung "Vorsicht defekt" geschrieben. Hier kehren wir besser um, mit meinem beladenen Rad zusammen wiege ich fast 120 kg - da will ich da nicht über eine derart marode Brücke. Schade, dass es keinen Hinweis für Radler gibt, was man hier denn nun machen sollte.

Immerhin 20 Minuten lang irren wir etwas durch die Gegend, bis wir dann auf einem Radweg das Ortsschild der 28.000-Einwohnerstadt Staßfurt im Salzlandkreis passieren. An einem Rummelplatz geht es vorbei, nach zehn Minuten sind wir auf einem zentralen Platz im Zentrum der Stadt. Schauen uns ein wenig um, finden einen interessanten "Rundblick auf die alte (neue) Stadtmitte", wie es auf einer Infotafel heißt. Im Jahre 2010 hat es im Rahmen der Internationalen Bauausstellung "Stadtumbau Sachsen-Anhalt" offenbar große Umbauaktionen im Zentrum von Staßfurt gegeben. Unter anderem hat man einen großen Stadtsee angelegt. Es ist ja schon wirklich beeindruckend, was man in den Regionen der neuen Bundesländern mit viel Aufwand alles investiert, um den Niedergang der Industrie aus DDR-Zeiten einigermaßen aufzufangen! Ob da wohl einige westdeutsche Regionen langsam neidisch werden?

Staßfurt, Straße

Wo sind Balkone, wo ist das Grün? Blick in die "Blumen"straße östlich des Stadtzentrums von Staßfurt.

Das ist alles ganz interessant und schön - und doch verlockt es uns nicht so sehr, hier in Staßfurt zu bleiben. Eigentlich vor allem, weil es uns heute zu früh ist, hier schon unsere heutige Etappe zu beenden. Wir sind heute elanvoller, als zuletzt.

Es ist zwar schon 16:45 Uhr, aber ein paar Kilometer sollten also schon noch drin sein. Kurz entschlossen sichern wir uns hier in Staßfurt eine Unterkunft in Bernburg/Saale. Es ist kein Problem, dort eine Unterkunft ausfindig zu machen. Die Dame am Telefon beschreibt präzise, wie wir denn zu ihr finden. Ob das wohl hilft? Über 20 Kilometer sind es auf dem Radweg noch bis Bernburg und in rund eineinhalb Stunden wird es dunkel. Aber insgesamt rollt es ganz gut bei uns heute. Also: Zügig weiter jetzt!

 

Weiter geht's, der nächste Fluss: Die Bode

Eine gute Entscheidung!

Denn: Dadurch, dass wir weiter fahren, wird aus dem insgesamt recht guten Radtouren-Tag heute ein wirklich großartiger Radtouren-Tag!

Schon in Staßfurt geht es eine Weile an der Bode entlang, die hier schon ein stattlicher Fluss geworden ist. Es geht auf einer Nebenstrecke hinaus aus der Stadt - und dabei wird es ruhiger. Und nach wenigen Minuten geht es außerhalb der Stadt wieder an die Bode - und es wird wunderschön! Ein traumhaft schönes Stück Wegstrecke, unser Radfahrerherz macht Luftsprünge. Dabei behilflich ist der gute Asphalt an dieser Strecke. Nach einiger Zeit geht der über in einen gut verlegten Schotterweg - auch kein Problem.

Bode vor Hohenerxleben

Und hier überqueren wir gerade die Bode auf dem Weg nach Hohenerxleben.

 

 

 

Die Umgebung wird eher immer schöner. Zügig erreichen wir Hohenerxleben, passieren den kleinen Ort aber ohne viel Aufhebens und lassen auch das dortige Schloss ziemlich unbeachtet. Auch ein paar Kilometer Waldweg direkt neben der Bode stören uns nicht weiter. Auch den Ort Neugattersleben "schlucken" wir förmlich im Vorbeifahren. Das abendliche Licht wird immer schöner, die Gegend ist toll - wir radeln wie im Rausch. So könnte es immer weiter gehen- wenn es nicht dunkel werden würde. Der schönste Zustand , den man als Radler erreichen kann.

Nienburg-Saale Zentrum

Abends um sechs Uhr im Stadtzentrum von Nienburg (Saale) - nicht viel los im Ort.

 

 

 

Wir kommen nach Nienburg (Saale), und es geht schon langsam auf 18 Uhr zu. Die 6.500-Einwohner-Stadt gefällt uns aber prima. Und wir gönnen uns einen kurzen Stopp. Unter der seit einiger Zeit wieder eindeutigen R1-Beschilderung fällt uns ein Schild auf: "Der Boderadweg endet hier!" Aha - wir hatten gar nicht mitgekriegt, dass wir auf dem Boderadweg fahren. Aber die Schönheit der letzten Kilometer lässt eine Ahnung aufkommen, dass der Boderadweg ganz nett sein könnte...

 

Traumhaft schön: Am Ufer der Saale nach Bernburg

Es hat aber natürlich auch einen Grund, warum der Boderadweg hier endet: Auch die Bode endet hier. Über eine Brücke geht es noch einmal über die Bode hinüber, sie mündet hier in die Saale. Auch die wird auf einer modernen Bogenbrücke gleich überquert. Jetzt teilen wir den R1 also mit mit dem Saale-Radweg. Es sind noch sechs Kilometer bis an den Ortsrand von Bernburg - die schönsten sechs Kilometer des heutigen Tages. Ein Stückchen hinter Nienburg/Saale wird der Weg zu einem reinen Radweg.

Sonnenuntergang Saale

Sonnenuntergangs-Stimmung beim Radeln an der Saale ein Stück hinter Nienburg (Saale).

Die Saale haben wir die ganze Zeit direkt im Blick. Schauen wir über sie zur Seite haben wir einen wunderschönen Sonnenuntergang im Blick. Da geht einem das Herz auf. Radfahren vom Allerfeinsten!

Jenseits der Saale tauchen große Industrieanlagen auf, kündigen wohl die Stadt Bernburg an. Industrie-Romantik vor Sonnenuntergang.

Industrie im Sonnenuntergang

Industrieromantik: Sonnenuntergang hinter einem Zementwerk am Stadtrand von Bernburg.

Als wir um 18:27 Uhr das Ortsschild von Bernburg (Saale) passieren, ist das tolle Spektakel des Sonnenuntergangs schon einige Minuten vorbei. Es dämmert schon ziemlich, als wir entlang riesiger Industrieanlagen (ohne Sonnenuntergang im Hintergrund wirken sie nicht ganz so romantisch) langsam zum Zentrum von Bernburg kommen.

 

 

 

Glücklicherweise dämmert es noch nicht so stark, es ist noch hell genug, dass wir das von einem großen Meister der Bernburger Stadtplanungskünste mitten auf einem schmalen Radweg fest installierte Verkehrsschild mit einem Andreaskreuz vor ein Bahnübergang rechtzeitig ahnen können. Wäre es noch etwas dunkler gewesen, dann wären wir sicherlich direkt in das Schild hinein gefahren. Na - Schwamm drüber! Ist ja nix passiert! Uns jedenfalls.

Die Beschreibung unserer routinierten Vermieterin erweist sich als perfekt, zwei Minuten später haben wir die Unterkunft völlig unkompliziert gefunden.

 

Abendspaziergang durch Bernburg/Saale

Eine Pause brauchen wir danach, essen etwas, sind sehr zufrieden und froh mit dem heutigen Fahrrad-Tag! Und das einiger Widrigkeiten zum Trotz, wie der teilweise entfernten Beschilderung oder sich auflösenden Asphaltwegen.

Im Gegensatz zu meiner Liebsten habe ich jedoch noch weiteren Entdeckungsgeist mit in die 33.000-Einwohner-Stadt Bernburg hinein gebracht, mache abends noch einen Rundgang durch die Stadt.

Nun - was kann man an einem Mittwochabend im Oktober, ab 20:30 Uhr von einer solchen Stadt schon erwarten? Vieles wirkt zwar, als seien die Bürgersteige hochgeklappt. Aber könnte man das wirklich anders erwarten in solch einer größeren Kleinstadt - oder, je nach Sichtweise, in einer kleinen Mittelstadt? Wohl kaum... Aber ein wenig merkwürdig wirkt diese unbelebte Innenstadt schon auf mich.

Schloss Bernburg nachts

Blick auf das Schloss Bernburg direkt an der Saale mit Beleuchtung in der Nacht.

 

 

 

Kaum begegne ich einmal anderen Personen auf meinen gut einstündigem Rundgang. Aber das lässt ja genügend Möglichkeiten, die Stadt selber etwas genauer in Augenschein zu nehmen. Und insgesamt gefällt Bernburg mir gut! Eine schöne, interessante Stadt. Viele Gebäude wirken fast großstädtisch, es gibt beeindruckende Bürgerhäuser im Zentrum der Stadt. Unwillkürlich bekomme ich das Gefühl, dass man früher einmal Großes mit der Stadt vorhatte. Und sicherlich war die Bedeutung von Bernburg auch einmal beachtlich - immerhin eine frühere Residenzstadt mit einem beachtlichen Schloss direkt an der Saale. Überhaupt beherbergt Bernburg viel Historie, feierte vor einem Jahr gerade sein 1050-jähriges Bestehen. Eindrucksvoll, diese Stadt - und ich muss zugeben muss, dass ich vor der Radtour gar keine Idee von Bernburg hatte. Aber genau das ist ja das Schöne an solchen Reisen: Man sieht vieles, sammelt ungeheuer viele neue Eindrücke. Zum vertiefen der Eindrücke fehlt oft die Zeit, aber das ist, zumindest für uns, auch nicht der Sinn und Zweck einer solchen Radtour.

Unsere Fahrrad-Daten des heutigen Tages: 97,3 km Strecke, zurückgelegt in 6 Stunden und 4 Minuten bei insgesamt besten Bedingungen. Das bedeutet eine gemütliche Durchschnittsgeschwindigkeit von 16,4 km/h, mit einem Maximum von 39,8 km/h. Insgesamt sind wir auf dieser Tour jetzt 493,6 km auf und an dem Europa-Radweg R1 geradelt.

 

Den Bericht zu unserer siebten Etappe der Radtour auf dem Europa-Radweg R1 mit der Fahrt von Bernburg/Saale nach Wörlitz fahren, finden Sie hier.

 

 

 

 

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Dirk Matzen

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