Radfahren...!

Europa-Radweg R1 / D-Route 3
10. Tag: Von Bernburg nach Wörlitz
  (90,7 km)

Ein Fahrrad-Reisebericht über eine Radtour auf einem Teil des Europa-Radwegs R1 im Oktober 2012
  mit 25 Bildern





Dorfdurchfahrt in Sachsen-Anhalt

Eine von zahlreichen, typischen Ortsdurchfahrten auf der heutigen Strecke, hier durch das Dorf Frenz.

Hier geht es zum unmittelbar vorangegangenen Tag des Fahrrad-Reiseberichtes mit der Fahrt auf dem Europa-Radweg R1 / der D-Route 3 von Quedlinburg nach Bernburg/Saale.

 

Donnerstag 11. Oktober 2012, Bernburg/Saale
Wetter: Der Jahreszeit entsprechend kühl, morgens bedeckt, später dann aufgelockert bewölkt, abends sonnig, wenig Wind.

 

 

Weiter geht's auf unserer Radtour auf dem Europa-Radweg R1 / der D-Route 3. Das schöne an den von uns ja immer kurzfristig gesuchten Unterkünften ist, dass einem neben dem Bett üblicherweise auch ein Frühstück geboten wird. Das ist doch einfach großartig: Aufstehen, duschen, Sachen in die Satteltaschen packen - und dann steht ein Frühstück schon bereit. Welch ein Vergnügen! Auch gerade heute, hier in Bernburg, wieder!

 

Wir verlassen Bernburg/Saale - beim zweiten Versuch

 

 

 

Um 8:45 Uhr satteln wir dann unsere Räder - es kann losgehen. Zunächst allerdings wollen wir noch einmal in das Zentrum der Stadt. Ein paar Dinge wollen erledigt werden bei der Bank. Dann geht es zunächst auf der gleichen Strecke aus Bernburg wieder hinaus. Und, siehe da: Der uns schon indirekt begegnete Bernburger Großmeister der Stadtplanung (s. den Bericht von gestern) hat noch ein weiteres Mal zugeschlagen. Hatten wir uns gestern schon über ein Verkehrsschild, das direkt auf den Radweg installiert ist, gewundert, so begegnet uns so etwas gleich noch einmal. Wieder ein Andreaskreuz. Wieder mitten auf dem Radweg (wir sind heute ja auf der anderen Straßenseite stadtauswärts unterwegs). Diesmal ein klein wenig mit Signalfarben markiert. Wieder super-gefährlich. Nennen wir es mal zurückhaltend "verantwortungslos", was hier gebaut worden ist. Fassungslos rollen wir an dem Tatort vorbei.

Verkehrsschild mitten auf Radweg

Gefährlich - wieder so ein Verkehrsschild mitten auf dem Radweg in Bernburg!

 

 

 

Danach vertun wir uns irgendwo wieder etwas, fahren in einem großen Bogen wieder in Richtung Innenstadt von Bernburg zu, ohne dies zunächst zu merken. Komisch - verfahren! Da haben wir uns wohl irgendwo vertüdelt. Ins Zentrum wollen wir nicht wieder, also kehren wir um - nicht, ohne zu registrieren, dass man an anderer Stelle mitten auf dem Radweg gleich eine ganze Bahnschrankenhalterung installiert hat. Was ist nur los in Bernburg? Hat dort ein Exil-Hamburger Stadtplaner die Radwege-"Planung" übernommen?

Wie auch immer - als wir nach einigen Minuten wieder an dem Knotenpunkt neben der Hauptstraße stehen, wo wir uns wohl verfahren haben, gesellt sich ein freundlicher Rennradfahrer zu uns. Er erklärt, wie es für uns weitergeht. Ein wenig plaudern wir noch - dann fahren wir alle unserer Wege. Er jedoch nur ein kurzes Stück: Um nicht von einem etwas wild daherkommenden Auto angefahren zu werden, muss er abrupt bremsen - und bezahlt die Aktion mit einem satten Sturz. Immerhin passiert ihm weiter nichts, aber bei uns bleibt der Eindruck, dass Bernburg in Sachen Fahrradverkehr noch ein Entwicklungsgebiet ist.

 

Ein Stück an der Fuhne entlang

Unser Weg jedoch ist wieder einmal schön. Die letzten gut 20 km nach Bernburg ging es gestern schon an Flüssen entlang, jetzt geht es auch wieder an das Ufer eines Flusses. Nun ja, an einem größeren Bach: Der Fuhne. Später lernen wir: Es gibt auch einen Fuhne-Radweg. Auf dem gut geschotterten Weg kommen wir zügig voran, das Wetter heute scheint wieder prima zu werden: Der Himmel ist aufgelockert, nur wenig Wind - perfekt zum radeln!

geklaute Radwegschilder

Geklaute Fahrrad-Richtungsschilder auch in der Nähe von Bernburg/Saale - das kennen wir ja schon.

 

 

 

Ein Problem des gestrigen Tages begegnet uns prompt wieder: Geklaute Richtungs-schilder. Aber das kennen wir ja schon: Orientierung anhand der Halterungen der Radschilder. Obwohl wir klar kommen, fluchen wir wieder - wer macht sowas nur, und das noch so flächendeckend?

Auf einer ruhigen, abgelegenen Straße geht es jetzt durch einige kleine Ortschaften: Baalberge, Kleinwirschleben, Leau, Preußlitz, Cörmigk. Vereinzelt taucht hier ein anderes Problem auf, dass wir zuletzt in den Dörfern in Sachsen-Anhalt schon kennengelernt haben: Kopfsteinpflaster. Oder sagen wir besser: Eher historisches Kopfsteinpflaster. Hin und wieder mit unseren eher sportlichen Rädern kaum befahrbar, sind wir ganz froh, wenn wir auf bessere Fußwege ausweichen können - auch, wenn wir das eigentlich doof und zuweilen gefährlich finden.

Cörmigk Café

Morgens gleich eine nette Pause und viel Gemütlichkeit  in einem Café in Cörmigk.

 

 

 

In dem Dorf Cörmigk dann erwartet eine tolle und überhaupt nicht erwartbare Überraschung: Es gibt einen Bäcker! Genauer: Ein Bäckerei-Café. Wir lieben es ja sehr auf unseren Radtouren, bei Bäckern einen kurzen Stopp einzuschieben. Aber wir haben uns ja auch schon längst daran gewöhnt, dass es in den kleinen Ortschaften solche Infrastruktur kaum noch gibt! Im Osten noch viel seltener, als im Westen. Aber, wenn sich denn mal eine solche seltene Gelegenheit ergibt, dann wäre es dumm, sie nicht zu nutzen - auch, wenn es gerade mal kurz nach 10 Uhr am Morgen ist und wir erst eine gute Stunde fahren. Wie hier jetzt gerade. Die Betreiberin der kleinen Bäckerei wundert sich ein wenig über unseren Wunsch nach Kaffee und Kuchen zu dieser Zeit, platziert uns nebenan in einem Zimmer, das eher aussieht, wie Omas Wohnzimmer. Aber wir freuen uns, mal wieder solch ein Kleinod gefunden zu haben - und machen ein halbes Stündchen Pause. Um 10:40 Uhr geht's weiter.

Der Tag lässt sich also wieder prima an und wir sind auch noch weiterhin guter Dinge, als wir uns auf einem Feldweg um Pfützen herumschlängeln. Langsam haben wir uns ja an Feldwege gewöhnt.

Weiter geht es durch die Dörfer der Region, wir wechseln von dem großen Salzlandkreis und den Landkreis Anhalt-Bitterfeld: Biendorf (überrascht mit einem barocken Schloss), Frenz (mal wieder holperiges Kopfsteinpflaster) und Großpaschleben (wo ein mitten auf dem Land liegendes Schiff unsere Aufmerksamkeit kurz auf sich zieht).

 

Mittagspause in Köthen (Anhalt)

 

 

 

Kurz vor Großpaschleben stoßen wir auf ein auf den ersten Blick etwas irritierendes Fahrrad-Schild. Der Europa-Radweg R1 wird dort gleich in drei Richtungen angezeigt. Üblich sind ja zwei Richtungen: Eine, aus der man kommt, und eine, in die man weiterfahren will. An der Beschilderung halten wir also erstmal, um zu klären, was wohl los ist. Es wird jedoch ganz schnell klar: Wenn man genau hinschaut, entdeckt man unter einem der R1-Schilder die Beschriftung "Alternativ". Und auch der Blick auf unsere Karte zeigt: Da hat man eine insgesamt 22 km lange Alternativ-Route um Köthen herum durch Wulfen angelegt. Da die Alternativ-Route sogar etwas länger ist, als die "Normal-Route", und für uns keine wirklich erkennbaren Vorteile birgt, entscheiden wir uns für die Strecke durch Köthen (Anhalt). Aber das Ganze soll sagen: Augen auf bei der Beschilderung - selbst, wenn sie vorhanden ist (oft genug fehlt sie ja), kann man sich vertun, wenn man nicht genau hinschaut.

Auf dem Weg von Großpaschleben in das Zentrum von Köthen verfahren wir uns nun allerdings erstmal wieder, und das gründlich. Köthen (Anhalt) ist zwar nicht ganz so groß, wie unser heutiger Startort Bernburg, empfängt uns mit seinen 26.000 Einwohnern allerdings mit ziemlich städtischem Verkehr. Wahrscheinlich verpassen wir hier in dem Kuddelmuddel irgendwo ein R1-Richtungsschild? Bemerken tun wir dies erst, als wir völlig überraschend nach einiger Zeit an einem Ortsausgangsschild von Köthen stehen - in Richtung Großpaschleben. Hm, da kommen wir ja her. Die Richtung kann nicht stimmen! Also fahren wir jetzt einfach nach Gefühl in Richtung Stadtzentrum - und sind nach einigen Minuten auf dem zentralen Marktplatz mit seiner beeindruckenden St. Jakobskirche.

Köthen, St. Jakob Kirche

Auf dem Marktplatz von Köthen (Anhalt) mit der beeindruckenden St. Jakob-Kirche.

 

 

 

Köthen wird seit 2013 gern als "Welthauptstadt der Homöopathie" bezeichnet, schon allein, weil der homöopathische Weltärzte-verband seitdem hier seinen Sitz hat. Eigentlich komisch, dass es hier auf dem gerade stattfindenden Wochenmarkt fast nur Fleisch und Fisch gibt... Und hier auf dem Markt in Köthen auf eine "Haifischbar" zu stoßen, mutet für mich Hamburger ja fast schon absurd an!

Wie auch immer: Es ist exakt 12:00 Uhr, als wir auf dem Markt in Köthen ankommen - und wir gönnen uns eine Pause, schon wieder. Pausen sind doch einfach das Schönste auf einer Radtour. Doch obwohl das Zentrum von Köthen sehr schön ist, fühle ich mich hier nicht wohl. Denn: Ich fühle mich beobachtet, sehr beobachtet. Bin ich etwa durch das viele Radfahren auf einsamen Wegen die Menschen entwöhnt? Wie auch immer - jedenfalls habe ich das Gefühl, dass die vielen Menschen auf und um den Markt uns Fremdlinge mit einer Mischung aus Neugierde und Argwohn beobachten. Vielleicht drückt die enorme Arbeitslosenquote in der Stadt von über 20 Prozent auf die allgemeine Stimmung? Jedenfalls fühle ich mich hier auf sonderbare Weise nicht willkommen - ein reines Gefühl, vielleicht ja ganz unbegründet. Und das geht allerdings nur mir so, meine Liebste hat nicht so eine Wahrnehmung. Nach einer Dreiviertelstunde fahren wir dann weiter.

 

Über die Dörfer an die Elbe nach Aken

Einige Minuten nach dem Start auf dem Markt in Köthen haben wir die Stadt auch schon hinter uns gelassen. Wir finden uns wieder auf dem Radweg direkt neben der Bundesstraße B185, dann an der B187a. Nicht gerade unser liebstes Revier zum Radeln direkt neben solch stark befahrenen Straßen, aber das werden nur einige Kilometer sein.

Und, wie wir es schon von den Wegen kennen, geht es weiter von Ortschaft zu Ortschaft, von Dorf zu Dorf. Wir kommen durch Porst (haben danach Mühe, vor einem Bahngleis mit unseren bepackten Rädern durch ein enges Drängelgitter hindurch zu kommen - da hat mal wieder ein Meister der Planung zugeschlagen). Danach geht es durch die Ortschaft... Pißdorf - und ich entschuldige mich hier öffentlich dafür, dass ich direkt vor dem Ortsschild einen Stopp ein gelegt habe, natürlich nur, um das Schild zu fotografieren. Einen Kilometer weiter kommt Osternienburg trotz seiner 2.000 Einwohner merkwürdig leblos daher. Aber, nun gut: Es ist ein Donnerstag Mittag im Oktober im ein Uhr mittags. Noch einen Kilometer weiter passieren wir Elsnigk (wo uns ein Bauernladen kurz anblinzelt - aber wir ignorieren das jetzt mal).

Radweg-Drängelgitter

Das wohl als Schutz vor den Bahngleisen gedachte Drängelgitter nördlich von Porst ist für Radler mit viel Gepäck eher ein dämliches Hindernis.

 

 

 

Eine etwas längere Erwähnung auf der heutigen Route verdient trotz seiner nur knapp 500 Einwohnern aber auf jeden Fall Reppichau! Nicht nur, dass noch kurz vor Ortseingang ein kleines, ungeduldiges Empfangs-komitee auf uns wartet. Meine Liebste bremst sofort und springt begeistert vom Fahrrad, um das lebhafte, kleine Shetlandpony das direkt auf der Weide neben dem Radweg aufgeregt hin- und herläuft, etwas liebkosen zu können.

Aber das ist nicht alles, was Reppichau ausmacht! Im Vergleich zu fast allen anderen Dörfern, die wir so durchqueren, ist hier förmlich greifbar, dass die Einwohner sich viel Mühe geben mit ihrem Dorf und sich dafür engagieren. Das Dorf nimmt für sich in Anspruch, dass Eike von Repgow, der Erschaffer des "Sachsenspiegels", also des ersten mittelalterlichen Rechtsbuchs, aus Reppichau stammt (im Internet ist jedoch zu lesen, dass es höchst umstritten ist, ob Eike von Repgow tatsächlich von hier stammt - aber, was soll's...). Man hat hier ein Informationszentrum zum "Spiegel der Sassen" errichtet, das Dorf mit verschiedenen Figuren und Bemalungen rund um den Sachsenspiegel versehen. Und das ist gelungen! Auch mit den Pollern an der Straße ist man hier kreativ. Insgesamt hat man das Gefühl, hier in einem sehr lebendigen Ort zu sein. Auf jeden Fall zeigt Reppichau ein völlig anderes Gesicht, als die meisten anderen Dörfer der Region.

Reppichau, Straßenpoller

Selbst die Straßenpoller in Reppichau sind außergewöhnlich und auffällig.

Strecke von Reppichau nach Aken

Ein Stück hinter Reppichau: Der dustere Himmel wirkt recht bedrohlich.

 

 

 

Nachdem wir Reppichau verlassen haben, geht es für uns weiter in Richtung einer Bekannten aus Hamburg: Der Elbe. Der Himmel zieht sich etwas bedrohlich zu - aber es wird uns heute kein Niederschlag heimsuchen. Vom Wetter her ist es wieder ein großartiger Fahrrad-Tag!

Ziemlich flott kommen wir in die Stadt Aken (Elbe). Mit 8.000 Einwohnern ist Aken zwar eine der größeren Ortschaften der heutigen Etappe und bietet auch ein paar Sehenswürdigkeiten - aber wir tun genau das, was die Route des Radwegs R1 uns vorgibt (wobei die Beschilderung hier mal wieder fehlt): Wir fahren von Süden ein Stück in die Stadt hinein, biegen auf dem Radweg an der Hauptstraße nach rechts in Richtung Dessau ab - und verlassen nach ein paar hundert Metern Weg Aken wieder. Vom Stadtzentrum sehen wir nichts. Den Eindruck, den Aken auf diesem Stück Weg auf uns macht, ist eher trostlos: Grau verputzte Häuser und Plattenbauten.

 

Zwischen Aken und Dessau in einer "Radler-Hölle"

Direkt nach dem Ortsschild von Aken steht uns etwas unvermutet eine zehn Kilometer lange Durchhalteübung bevor. Auf unserer Karte sehen wir, dass es durch das Biosphärenreservat Mittelelbe geht - das klingt ja erstmal ganz verlockend.

In der Praxis jedoch bedeutet dies: Zehn Kilometer Radweg durch den Wald, an einer sehr stark befahrenen Straße, der L63, entlang, die schnurgeradeaus verläuft. Der Radweg selber ist über weite Strecken schlecht gepflegt und holperig. Überall haben sich von unten Baumwurzeln durch den Radler-Asphalt gedrückt, das ist entsetzlich zu fahren. Man stelle sich solch einen Zustand nur mal auf einer Überland-Autostraße vor.

Strecke von Aken nach Dessau

Eine zehn Kilometer lange Durchhalteübung ist die Strecke von Aken nach Dessau. So wenige Autos, wie hier im Moment, gibt es auf der Straße wohl nicht so oft.

 

 

 

Hinzu kommt, dass wir durch die Automassen plötzlich enormen Lärm ausgesetzt sind. Nicht schön! Die Revolution steht jedoch nicht bevor, denn die Autos haben einen tollen, glatten Asphalt. Den nutzen sie auch gerne, um auf der lange schnurgeraden Strecke auch so richtig Gas zu geben. Der Radweg verläuft so, dass er in dieser Fahrtrichtung auf der linken Straßenseite verläuft. Drei Meter neben uns donnern uns also andauernd Autos mit 130 bis 150 km/h entgegen.

Nach fünf Kilometer an dieser fiesen Strecke gibt es einen kleinen Parkplatz - da müssen wir erstmal einen kurzen Stopp zum Durchatmen und Beruhigen der Nerven einlegen. Einer der wenigen Zeitpunkte, zu dem wir mal auf unsere süße Seelennahrung im Proviant zugreifen müssen. Auf einer Infotafel wird auch hier darauf hingewiesen, dass man hier im Biosphären-Reservat unterwegs ist. Für uns allerdings ist dies nur ein langweiliger Wald ohne jede Abwechslung und ein Stück Radler-Hölle. Der Elbe-Radweg verläuft übrigens ebenso auf dieser Strecke, biegt jedoch an diesem Parkplatz in Richtung Dessau ab - braucht jedoch bis Dessau auch fünf km längere Strecke.

Wir entscheiden uns, auf diese fünf km Extra-Strecke zu verzichten und uns auf der Route des R1 an dem furchtbaren Radweg neben der L63 möglichst schnell nach Dessau zu begeben.

Durchhalten ist gefragt. Nach insgesamt gerade mal einer halben Stunde Fahrt an dieser Strecke erreichen wir Dessau - aber wir sind schon sehr entnervt von diesem elendigen Stück.

 

Wieder ein Weltkulturerbe: Das Bauhaus in Dessau-Roßlau

Geradezu erleichtert sind wir, als wir Dessau-Roßlau erreichen! Immerhin sind die Autos dann langsamer, etwas zumindest. Mit immerhin 82.000 Einwohnern ist Dessau eine der größeren Städte auf der gesamten Strecke. Das heißt, es geht für uns eine ganze Weile durch das städtische Gebiet.

 

 

 

Höchst erfreulich dabei: Man kommt auf der Strecke des Europa-Radweg R1 direkt an an die Gebäude des UNESCO-Weltkulturerbes des Bauhaus heran. Ganz anders war dies ja noch vor drei Tagen in Goslar, wo man sich die Radler ja vom Leib, also aus der Stadt heraus hielt.

Eigentlich wäre Dessau-Roßlau ein toller, höchst interessanter Ort für eine Unterkunft. Aber das ist uns jetzt noch zu früh - es ist erst 15:15 Uhr, als wir am 1925/26 errichteten Bauhaus-Gebäudekomplexes sind. Ein bedeutungsvoller Ort, an dem ein heute völlig vertrauter Architekturstil damals ganz neu entwickelt worden ist. Allerdings: Mehr als zehn Minuten Zeit nehmen wir uns hier aber nicht, leider. Man bräuchte deutlich länger, um alles erfassen zu können. Auf Radtouren fehlt diese Zeit an interessanten Punkten ja häufiger mal.

Uns ist aber gerade eine Pause ein klein wenig wichtiger - also lassen wir den Radweg R1 links liegen und fahren in die Innenstadt, die nicht Bestandteil der Route ist. Ein wenig irren wir auf dem Weg dorthin umher, aber im Zentrum ist ein Bäcker dann schnell gefunden. Dort dürfen wir neben dem Genuss von Kaffee und Kuchen erleben, wie sich die Badminton-Nationalmannschaft von China (die an diesem Tag abends ein Gastspiel gibt, wie wir auf Plakaten sehen) in der Bäckerei mit Trinkschokolade versorgt - was in Ermangelung jeglicher Fremdsprachenkenntnisse in der Gruppe ein langwieriges und kompliziertes Unterfangen ist.

Warum es allerdings in unserer kleinen Zwei-Personen-Gruppe gerade hier zu Missstimmungen kommt, ist später gar nicht mehr so recht nachvollziehbar. Aber es ist so - und vielleicht gehören solche Missstimmungen ja auch zu solchen langen Touren...? Immerhin: Aller Missstimmung zum Trotz sichern wir uns für die kommende Nacht eine Unterkunft - also eine gemeinsame Unterkunft. Die allerdings ist in Wörlitz. Und da müssen wir jetzt also erstmal noch hin, es müssten so knapp 20 km Weg sein. Wobei Wörlitz gar nicht direkt an der Strecke der Europa-Route R1 liegt. Aber wir werden schon klar kommen.

Dessau Rathaus

Blick auf das Rathaus von Dessau-Roßlau. Bei der Ankunft können wir beobachten, wie mit viel Aufwand das große Transparent "Nazis? Nein danke" angebracht wird. Das ist ja schon mal eine deutliche Ansage am Rathaus!

 

 

 

Einen dicken Pluspunkt sammelt Dessau dann aber doch bei uns. Denn: Am Rathaus wird mit viel Aufwand gerade ein riesiges Plakat angebracht mit der knappen, klaren Aufschrift: "Nazis? Nein danke". Und das am Rathaus! Im heimatlichen, hanseatisch-steifen Hamburg nicht wirklich vorstellbar. Also: Ein Pluspunkt für Dessau.

In der Folge fällt es dann zunächst enorm schwer, den Radweg R1 in Dessau überhaupt wiederzufinden. Als eigentlich in unserer "Gruppe" anerkannter Navigationsleiter leiste ich mir in der mir völlig unbekannten Stadt einige Fehlschläge mit der Suche der richtigen Richtung - das lässt die zuvor schlechte Stimmung nahezu eisig werden. Meine Güte, bin ich erleichtert, als wir um 17 Uhr endlich erkennbar auf dem richtigen Weg sind...

 

Durch die "Dessau-Wörlitzer Elbauen", oder: Die unsichtbare Elbe

Wie von alleine steigt unsere Stimmung wieder, als wir Dessau verlassen haben und in der prallen Abendsonne durch eine wunderschöne Landschaft fahren: Die "Dessau-Wörlitzer Elbauen", ein Natura 2000-Schutzgebiet.

Dessau-Wörlitzer Elbauen Steinhaus

... um kurz danach dieses markante Feldstein-Haus zu passieren.

 

 

 

Die Strecke ist schön! Nicht unbedingt besonders schön zu fahren - aber eine besondere Umgebung. Es geht auf schmalen Wegen zwar viel durch den Wald, aber der ist jetzt sehr abwechslungs-reich. Immer wieder wird man durch Bauten am Wegesrand überrascht, mal ist es ein Tempel, mal ein aufwändiges Tor, mal beidseitig des Weges platzierte Statuen. Alles ist zuweilen wie ein großer Park gestaltet. Wir haben wieder Freude am Fahren.

Komisch dabei jedoch: Unsere Karte zeigt, dass wir häufig fast direkt am Ufer der Elbe fahren. Nur zu sehen bekommen wir die Elbe nicht eine Sekunde. Seit fast 30 km fahren wir parallel zur Elbe, manchmal fast in Wurfweite - aber wir sehen sie einfach nicht.

 

 

 

Als einzige Ortschaft zwischen Dessau und Wörlitz durchqueren wir Vockerode, 1600 Einwohner. Wer sich in den 1980er Jahren schon etwas genauer für Luft-verschmutzung interessiert hat, der kennt diesen Ortsnamen. Zu DDR-Zeiten wurde hier ein in den 1930er-Jahren errichtetes, nicht sehr effizientes Braunkohle-Kraftwerk betrieben und war eines der größten und bekanntesten Luftverschmutzer Mitteleuropas. Mittlerweile ist das Ding stillgelegt, die großen Schlote sind gesprengt - empfangen werden wir aber noch von den beiden Schloten des auch bereits stillgelegten Gaskraftwerkes. Vockerode- ein kleiner Industrieort par excellence.

Dessau-Wörlitzer Elbauen

Die Dessau-Wörlitzer Elbauen - eine schöne ruhige Landschaft voller Weite. Hier sind wir allerdings gar nicht mehr auf dem Radweg R1 unterwegs, sondern fahren auf dem Elbe-Radweg, der uns nach Wörlitz leiten wird.

 

 

 

Den Europa-Radweg R1 haben wir schon ein Stück vorher verlassen und fahren jetzt auf dem Elbe-Radweg. Wie schon tags zuvor dürfen wir wieder einen schönen Sonnen-untergang genießen, rollen bei den letzten Sonnenstrahlen nach Wörlitz hinein. Wörlitz ist mit seinen 1.500 Einwohnern nicht sehr groß - unsere Unterkunft haben wir schnell gefunden.

 

Wörlitz am Abend

Von dem weltberühmten Wörlitzer Park, der Teil des Dessau-Wörlitzer-Gartenreiches auch Bestandteil des UNESCO-Weltkulturerbes ist, sehen wir nicht viel, lediglich die Außenmauern.

Wörlitz nachts, Zum Eichenkranz

Nachts beim Rundgang durch Wörlitz - ein Blick auf den historischen Gasthof "Zum Eichenkranz".

 

 

 

Nachdem wir in unserer Unterkunft noch ein ganz neues Erlebnis haben - ungefragt wird uns ein großzügiges Abendessen serviert - streifen wir noch ein wenig durch den Ort. Dieser ruht aber am Abend sehr in sich. Beim Blick auf eine Karte wird uns auch schnell klar, dass unser Ansinnen, uns am kommenden Morgen mal eine Stunde Zeit für den Park zu nehmen, Unfug ist. Man bräuchte einen ganzen Tag Zeit für diesen Park. Also werden wir es morgen ganz lassen, ihn zu besichtigen.

Unsere heutigen Daten der Radtour: 90,7 km Strecke, gefahren in 5 Stunden 18 Minuten, zurückgelegt bei besten herbstlichen Fahrrad-Bedingungen. Das entspricht einem für eine Radtour ordentlich Schnitt von 17,5 km/h, das Maximum liegt bei 31,8 km/h. Insgesamt haben wir auf der Radtour auf dem R1 ab Münster jetzt 584,3 km zurückgelegt.

 

Den Bericht zu unserer achten Etappe der Radtour auf dem Europa-Radweg R1 mit der Fahrt von Wörlitz nach Bad Belzig fahren, finden Sie hier.

 

Hier geht es zu meiner externen Bilderserie zu der gesamten Radtour auf dem Europa-Radweg R1 / der D-Route 3 von Münster bis nach Potsdam mit 100 anderen, großformatigen Bildern auf meiner externen Webseite www.reiseberichte-bilder.de (neues Fenster öffnet).

 

 

 

 

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Dirk Matzen

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