Radfahren...!

Europa-Radweg R1 / D-Route 3
11. Tag: Von Wörlitz nach Bad Belzig
  (81,0 km)

Ein Fahrrad-Reisebericht über eine Radtour auf einem Teil des Europa-Radwegs R1 im Oktober 2012
  mit 32 Bildern





Fahrrad-Panne

Eine Fahrrad-Panne ein Stück hinter dem Dorf Radis zwischen Bahngleis und Kuhkoppel lockt etliche neugierige Kühe an.

Hier geht es zum unmittelbar vorangegangenen Tag des Fahrrad-Reiseberichtes mit der Fahrt auf dem Europa-Radweg R1 / der D-Route 3 von Bernburg/Saale nach Wörlitz.

 

Freitag 12. Oktober 2012, Wörlitz
Wetter: morgens sonnig, sehr kalt, wenig Wind.

 

 

Einfach zu groß: Wir verzichten auf den Wörlitzer Park

Schon am Abend zuvor haben wir uns eigentlich so entschieden, jetzt, beim Frühstück, fällt die endgültige Entscheidung: Nein, den Wörlitzer Park, er ist immerhin Weltkulturerbe der UNESCO, werden wir heute morgen nicht besuchen. Von unserer Unterkunft aus wären das zwar nur wenige hundert Meter, und wir hätten eigentlich auch Lust dazu, diesen Park ein wenig zu erkunden. Aber - die Vernunft siegt. Der Wörlitzer Park ist einfach viel zu groß, und sich dort mal eine Stunde Zeit zu nehmen, das lohnt einfach nicht wirklich. Man müsste sich einen ganzen Tag Zeit nehmen für diesen Park - und wir wollen ja auch weiter radeln. Es ist Freitag, die Tour neigt sich dem Ende zu, schließlich wartet am Montag wieder die Arbeit in Hamburg. Also werden wir auf den Wörlitzer Park verzichten, finden das zwar etwas schade. Aber, nun gut: Wir sind ja auf Radtour.

 

 

 

 

Um Punkt neun Uhr satteln wir also unsere Räder. Und wir ziehen uns ganz dick an. Denn: Der Himmel war über Nacht klar und auch heute Morgen noch empfängt uns ein strahlender, knallblauer Himmel. Aber: Es ist knackekalt! Dicke Handschuhe, Fleecepullover, Jacken - alles ist gefragt heute Morgen.

Macht aber nichts! Gegen Kälte kann man sich ja gut ausstatten, man bewegt sich ja auf dem Rad und wird so warm. Aber dieses traumhafte Wetter, das kann man nicht bestellen oder kaufen, das ist einfach eine Wohltat für die Seele. Also brechen wir in bester Stimmung auf. Schnell haben wir den Ort Wörlitz verlassen und radeln auf einer mäßig befahrenen Straße gen Süden.

 

Zurück auf den Europa-Radweg R1/D-Route 3 in Oranienbaum

Für die Unterkunft in Wörlitz hatten wir ja die Route des Europa-Radwegs R1 / der D-Route 3 verlassen und waren gestern dem Elbe-Radweg ein Stück gefolgt. Nun wollen wir also zurück auf den R1. Das kann kein besonderes Problem sein: Fünf Kilometer südlich von Wörlitz liegt der 3.000 Einwohner-Ort Oranienbaum - verwaltungstechnisch mit Wörlitz zu der Kleinstadt Oranienbaum-Wörlitz zusammengelegt, als Gast in der Gegend fühlt sich das jedoch künstlich an. Aber solche Konstrukte aus Gebietsreformen begegnen uns auf der gesamten Tour ständig. Durch Oranienbaum verläuft der Radweg R1 - den werden wir dort schon finden.

Straße von Wörlitz nach Oranienbaum

Die Straße von Wörlitz nach Oranienbaum im Morgenlicht.

 

 

 

Die Strecke nach Oranienbaum ist schön - wir bewegen uns ja noch im Biosphären-reservat Mittelelbe, die Landschaft ist flach und erlaubt weite Blicke. Ganz so, wie ich es beim radeln liebe. Nach einer Viertelstunde Fahrt passieren wir das Ortsschild Oranienbaum, ein Stückchen weiter gibt es bereits die erste kurze Pause des Tages.

Oranienbaum, Stadtkirche

Im Vorbeifahren erhaschen wir einen kurzen Blick auf die außergewöhnliche barocke Stadtkirche von Oranienbaum.

 

 

 

Oranienbaum liegt sehr friedlich da, und das große Schloss Oranienbaum liegt in der Morgensonne so schön am Weg, dass wir einen Moment stoppen, den Anblick genießen. Bei diesem weichen Morgenlicht und der eindrucksvollen Umgebung der perfekte Ort für ein paar Fotos mit dem Selbstauslöser der Kamera. Oranienbaum - ein wirklich schöner kleiner Ort! Und er wirkt insgesamt, ja - sehr historisch. Auch der vor dem Schloss sich ausbreitende, große Marktplatz wirkt stimmig und authentisch. Und im Vorbeifahren - wir haben den R1 hier schnell gefunden - erhaschen wir noch einen Blick auf die sehr bemerkenswerte, barocke Stadtkirche.

Kurz: Der Tag beginnt rundum wunderbar! Unsere Stimmung ist so blendend wie das Wetter.

 

Eine Abkürzung für uns: Ferropolis nur aus der Ferne

Kurz hinter Oranienbaum geht es durch die Ortschaft Goltweitz - und wir folgen mal wieder unserem Hang nach Abkürzungen auf dieser Radtour: Wir weichen von der offiziellen Routenführung ab. Um den Gremminer See fahren wir nicht herum, der Tourenführer für den Europa-Radweg R1 schlägt eine Abkürzung vor - ein paar Kilometer Weg zu sparen, finden wir ja häufig attraktiv. So auch jetzt.

 

 

 

 

Der Preis dafür: Ein paar Kilometer nachdem wir zunächst auf einer wenig befahrenen Straße, dann auf einen asphaltierten Nebenweg durch den eingebogen sind, stehen wir vor einer Absperrung. Ein kleines Schild daneben ist eindeutig: Durchfahrt verboten! Keine Ausnahme! Hm, etwas ratlos stehen wir da - wat nu? Würden wir umkehren, wäre aus der Abkürzung ein ziemlicher Umweg geworden. Andererseits wird diese Sperre ja ihren Grund haben und wir haben keine Ahnung, was uns hier erwartet. Trotz allem schlängeln wir uns an der Schranke vorbei und fahren einfach weiter. Eine Weg-Beschilderung können wir wir hier sicher nicht erwarten - aber, na, wird schon werden...

ehemalige Bergbau-Halde

Der Wald, die Bepflanzung auf der Abraum-Halde, auf der wir unterwegs sind, wirkt zuweilen merkwürdig und künstlich angelegt - ist er ja auch.

 

 

 

In einem ehemaligen Bergbaugebiet sind wir hier wieder mal unterwegs, wir fahren auf einer Abraum-Halde - es geht durch einen lichten Wald zeitweilig stramm bergauf. Der Wald wirkt zuweilen wie künstlich - er ist eher frisch angelegt, also eher ein Forstgebiet, als ein Wald. Wohl eines der Renaturierungsgebiete früherer Bergbau-Regionen, es ist eine sonderbare Gegend, durch die wir hier fahren.

Ferropolis

Beim Blick über den Gremminer See können wir nur eine leichte Ahnung von dem Freilichtmuseum "Baggerstadt Ferropolis" erhaschen.

 

 

 

Einige Zweifelsfälle, was den richtigen Weg angeht, begegnen uns, wir fahren dann einfach nach Gefühl weiter. Nach 20 Minuten Fahrt endet der Wald, wir sind wieder auf einem groben Schotterweg in dem prallen Sonnenschein unterwegs. Ein Trupp an Vermessungsarbeitern macht am Wegesrand gerade Pause, aber, nein - unsere Erwartung, dass wir jetzt mit Sprüchen "is aber verboten, hier durchzufahren!" angepflaumt werden, erfüllt sich nicht. Sie gucken nur neugierig und grüßen nett.

Von dem großen Gremminer See sehen wir gar nicht viel, und hinter dem See haben wir nur kurze Blicke auf das Freilichtmuseum der "Baggerstadt Ferropolis". Gewaltige Bagger des ehemaligen Braunkohlebergbaus sind von dieser Seite des Sees über eine Baumreihe hinweg zu sehen - mehr von Ferropolis sehen wir aber auch nicht. Ein wenig Bedauern schleicht sich bei mir ein. Es wäre sicherlich interessant gewesen, sich dies aus der Nähe etwas genauer anzuschauen. Aber das geht von hier aus jetzt nicht. Insgesamt fällt es uns aber ein wenig schwer, sich vorzustellen, dass diese jetzt sehr grüne Gegend von den großen Baggern lange Zeit aufgefressen wurde.

 

Eine Panne - einer der Höhepunkte der ganzen Radtour

Nach einiger Zeit am See entlang geht's wieder in den Wald, wieder auf Asphalt. Das eine oder andere Auto überholt uns: Für uns völlig unbemerkt sind wir aus dem gesperrten Bereich wieder im "öffentlichen Straßenbereich" angekommen. Nachdem wir dem Straßenverlauf einfach weiter folgen, kommen wir in die 1.300-Einwohner Ortschaft Radis.

Hier sollten wir die offizielle Wegführung des R1 wiederfinden. Denken wir - schaffen wir erstmal aber nicht, wir verfahren uns ein wenig. Vom Blick auf unsere Karte erinnere ich noch, dass es in der Folge einige Kilometer links von einer Bahnstrecke entlang geht. Als wir dann über eine Straßenbrücke über eben diese Gleise fahren, wird uns schnell klar: Da stimmt was nicht! Schnell wird uns klar, dass wir umdrehen müssen, insgesamt zwei bis drei Extra-Kilometer, nicht schlimm.

Aus einer anderen Richtung kommend, finden wir in der Tat dann beim Bahnhof der Stadt die Fahrrad-Richtungsschilder des R1, die wir aus unserer Herkunftsrichtung gar nicht sehen konnten. Alles gut, also.

 

 

 

Auf einem Schotterweg geht es in der Tat direkt neben den Hochgeschwin-digkeits-Gleisen der Bahn entlang. Einige Kilometer wird dieser Weg schnurgeradeaus führen. Schon nach wenigen Minuten sind zwei ICEs der Bahn mit hoher Geschwindigkeit an uns vorbei gerauscht. Hui! Was für eine Energie!

ICE neben Radstrecke

Wir sind flott unterwegs und nur unwesentlich schneller als wir rauscht binnen weniger Minuten schon zum zweiten Male eine ICE auf der Bahnstrecke neben uns vorbei.

 

 

 

Das zieht ein wenig zu sehr unsere Aufmerksamkeit auf sich - und bei dem Versuch, selbst ähnlich viel Energie zu entwickeln, fährt meine Liebste flott über einen größeren, kantigen Stein. Sie ist ja mit ihrem Sportrad mit gerade mal 28 mm breiten Reifen unterwegs, dazu noch beladen mit dem Gepäck. Das ist zuviel für den Reifen - es gibt einen glatten Durchschlag. Schon nach wenigen Metern ist alle Luft aus ihrem Vorderrad entwichen. Ein Platten! Immerhin ist sie bei der kleinen Kollision nicht zu Sturz gekommen.

Da ist jetzt also erstmal eine Pause angesagt. Und ein wenig Bastelarbeit: Reifen wechseln, den alten Reifen flicken - als später mal möglicherweise notwendigen Ersatzreifen. Alles kein großes Problem, wir lassen uns unsere Laune dadurch nicht verhageln. Das Ärgerlichste ist schon fast, dass Werkzeug und Ersatzschlauch natürlich ganz unten in meiner Satteltasche schlummern, also die gesamte Tasche fast komplett ausgeräumt werden muss.

Nach dem kurzen Stopp in Oranienbaum ist aber eine Pause auch gar nicht weiter schlimm - eigentlich ist eine Pause längst fällig, nur bot sich bisher weiter nix an. Es ist wenige Minuten vor elf Uhr, es ist immer noch frisch, aber die Sonne scheint wunderbar. Und wenn nicht gerade mal ein Zug vorbei rauscht (was ja soo oft dann auch nicht passiert), dann ist das hier ein schönes friedliches Plätzchen, direkt neben einer großen Kuh-Koppel. Eigentlich fehlt nur eine Bank.

In aller Seelenruhe kann die kleine Reparatur also durchgeführt werden. Und wir haben ja keinen Zeitdruck. Allerdings: Wir sind kaum hier, da bekommen wir Besuch. Ruckzuck hat sich eine ganze Gruppe an Kühen zu uns gesellt. Guckt neugierig und aufmerksam, was hier wohl los? (s. Titelbild) Wir haben unseren Spaß und unsere Freude an der Geselligkeit. Und wir sind seit spätestens unserem Aufenthalt im Oberallgäu ja ausgesprochene Freunde dieser ruhigen, freundlichen Vierbeiner.

Neugierig und scheinbar auch neidisch gucken sie. Noch während ich das Hinterrad ausbaue, muss ich die ganze Zeit an eines der absoluten Lieblingsbücher meiner Tochter denken: "Mama Muh fährt Fahrrad" - sie hatte das Buch vor vielen Jahren innig geliebt! Und die Kühe hier gucken so, das würden sie es nur zu gern mal ausprobieren wollen, sich auf das sportlich Fahrrad zu schwingen.

 

 

 

Während ich mich also mit dem Fahrrad beschäftige, kümmert sich meine Liebste um etwas Zuwendung für die Kühe, die mit der Zeit immer mehr werden. Einige belustigte Plaudereien mit den überaus interessierten Vierbeinern sorgen dafür, dass dieser Stopp zu einem der absoluten Stimmungshighlights der Tour wird. Wir haben unseren Spaß und finden die Neugierde der Kühe entzückend.

Etwas mühsam ist es dann, den schmalen Reifen mit der kleinen Handpumpe auf genügend Druck aufzupumpen, dass er nicht am nächsten Kantstein wieder durchschlägt. Auch nach getaner Arbeit bleiben wir noch eine Weile bei unseren "neuen Freunden", von denen einige etwas müde von der ganzen Aufregung werden, andere dafür um so zutraulicher. Eine Dreiviertel Stunde dauert der Stopp - macht ja nix. Wir haben heute ja eh kein festes Ziel. Es wird auf der gesamten Tour (incl. Münsterland-Giro am zweiten Tag) die einzige technische Panne bleiben - wenn man mal von den Notwendigkeiten absieht, die Bremsen an den ersten beiden, regnerischen Tagen im Teutoburger Wald zu ersetzen und hin und wieder nachzujustieren.

Kuh-Nase

Ein wenig Zuwendung mögen unsere neuen, vierbeinigen Freunde auch.

Insgesamt ist dieses komische Intermezzo durchaus ein Highlight und wir amüsieren uns noch lange über die neugierigen Kühe.

Weiter geht's dann für uns. Als es dann kurz vor dem Dorf Bergwitz wieder auf eine offenbar sehr neu verlegte Asphaltstraße geht, sind wir erleichtert. Ziemlich genau zehn Kilometer sind wir zuvor auf Schotter- bzw. Feldweg gefahren. Einfach nicht unser liebster Untergrund zum radeln. Am Bergwitzsee (auch ein gefluteter Tagebau) geht es direkt vorbei, es sieht einladend aus, hier eine Pause zu machen - aber diese hatten wir ja gerade erst.

 

 

 

 

In der Ortschaft am Bahnhof dann stehen wir mal wieder einen Moment desorientiert herum - kein Schild zu sehen. Wir brauchen einen Moment, bis wir die aufgepinselten, großen Weg-markierungen an einer Unterführung wahrnehmen. Wir sind wohl einfach zu sehr auf Schilder gepolt.

 

Mittagspause in Lutherstadt Wittenberg

Auf ansonsten guten Wegstrecken kommen wir wieder zügig voran, beschließen, dass Lutherstadt Wittenberg der nächste Stopp werden soll - dann für einen Kaffee zum Mittag (und Kuchen, womöglich?). Einen Kaffee hat's bei unseren bisherigen Pausenorten ja noch nicht gegeben.

Das Dorf Klitzschena passieren wir zügig, durch ein Stück Wald geht es wieder zurück an die Bahngleise. Um Punkt 12:30 Uhr sehen wir über weite Felder dann zum ersten Mal die Türme von Lutherstadt Wittenberg. Das Ziel vor Augen - das ist beim Radeln immer schön. Auch, wenn nur ein Café das Ziel ist. Wieder rauscht ein ICE an uns vorbei.

Blick zum Industriegebiet Wittenberg

Langsam erweitert sich der Blick auf Lutherstadt Wittenberg - und zeigt ein markant großes Industriegebiet.

 

 

 

Ansonsten fährt es sich gut hier in der Gegend. Der Blick auf Lutherstadt Wittenberg erweitert sich langsam - und erschreckt uns ein wenig. Eigentlich hatten wir uns eine ganz idyllische, historische Stadt vorgestellt. Nun sehen wir vor allem gewaltige Industrieanlagen mit viel Dampf und Qualm.

Im Dorf Kienberge gibt es noch einen kurzen Orientierungsstopp, aber doch sind wir verblüfft, dass es fast auf die Minute genau eine halbe Stunde dauert, bis wir die Lutherstadt Wittenberg tatsächlich erreichen. Ein Highlight dabei ist - als Hamburger - natürlich die Überquerung der Elbe! Mit schönem Gruß an die Heimat. Schade nur, dass der Radweg direkt neben der sehr stark befahrenen, autobahnähnlichen Bundesstraße B2 verläuft. Aber das nur gut zwei Kilometer lang, die man halt aushalten muss, solche Straßen lassen sich bei Städten dieser Größenordnung ja meist nicht vermeiden.

Anfahrt auf Wittenberg

Die Anfahrt auf die Innenstadt von Wittenberg verläuft einige Zeit direkt neben der stark befahrenen Bundesstraße B2.

 

 

 

Nach der Elbüberquerung macht die Straße einen Bogen nach links und begleitet die Elbe ein paar hundert Meter lang - und man hat die Industrieanlagen direkt im Blick. Allerdings noch deutlich vorher gibt es, direkt am Elbufer, eine Fußgänger-querung über die Bundesstraße. Man überquert dann auch noch gleich die Bahngleise - und gerade mal gut hundert Meter weiter ist man mitten im Zentrum der Altstadt von Lutherstadt Wittenberg. Das ist dann doch sehr plötzlich und überraschend! Keine 200 Meter von der unbebauten Elbe entfernt ist schon das Zentrum der 46.000-Einwohner-Stadt. Und diese Altstadt gestaltet sich in der Tat sehr schön und einladend!

Einen nur kurzen Blick werfen wir auf die recht monumentale Statue von Martin Luther, die vor dem Alten Rathaus von Wittenberg steht. Aber dann haben wir direkt nebenan am Markt schnell das erwünschte Café gefunden, mit leckerem Kaffee und sahnigem Kuchen. Es ist zwar relativ frisch, aber die Sonne lugt noch kräftig zwischen den sich langsam zuziehenden Schleierwolken hindurch - so kann man noch schön draußen sitzen. Wir sind die frische Luft mittlerweile so gewöhnt, dass wir es momentan überhaupt nicht mehr mögen, drinnen zu sitzen. Und: eigentlich sind wir hier rundum zufrieden mit dem bisher geleisteten auf der Radtour!

 

 

 

Denn - eigentlich hatten wir vermutet, dass wir es in den uns zur Verfügung stehenden Tagen nicht von Münster bis Berlin schaffen werden, schaffen können. Eigentlich hatten wir uns in Münster ursprünglich gedacht, dass es doch ganz schön wäre, bis nach Wittenberg zu kommen - und dort dann einfach in einen der vielen Regionalzüge nach Berlin zu steigen. Wir haben also hier in Wittenberg unser Ziel erreicht - allerdings eineinhalb Tage zu früh. Das ist doch wirklich großartig!

Also schnappen wir uns jetzt hier im Café unseren papierenen Tourenguide und planen die verbleibenden eineinhalb Tage Zeit noch einmal neu. Ganz in das Zentrum von Berlin hinein zu fahren, darauf haben wir beide nicht die geringste Lust. Denn von der Tendenz her sind wir beide von Städten auf der Tour eher genervt - und gerade Berlin, das ist ein Fahrrad-Alptraum nach einer solchen Tour. Schließlich kommt man nicht immer so rasant schnell und zügig ins Stadtzentrum, wie hier in Lutherstadt Wittenberg! Also nehmen wir uns als neues Ziel unserer Tour Potsdam vor, und stellen uns einstweilen für diesen Tag eine Übernachtung in Bad Belzig vor. Mal sehen, wie es heute so weiterläuft. Der Tourenplan weist für die bevorstehenden Strecken bis dorthin lange, unbefestigte Wege aus - wir erinnern zwar unsere Losung des zweiten Tages ("lieber auf gutem Schotter fahren, als auf schlechtem Asphalt"), aber meist bringen uns die unbefestigten Wegstücke mit unseren beladenen Fahrrädern überhaupt keinen Spaß. Es könnte also gut sein, dass uns heute noch lange spaßfreie Wegstrecken bevorstehen. Wir brechen also wieder auf.

Denkmal Martin Luther Wittenberg

Blick auf Dr. Martin Luther auf seinem Denkmal vor dem Rathaus der Lutherstadt Wittenberg.

 

 

 

Einen Moment lang lasse ich nun noch meinen Blick auf dem etwas rundlichen Herrn Dr. Luther ruhen, auf seinem Sockel vor dem Rathaus. Klar - wir müssen auch noch zu "seiner" Schlosskirche, an deren Tür er im Jahr 1517 seine 95 Thesen gehämmert hat. Ein wirklich bedeutungsvoller Ort! Einen Moment muss ich darüber nach-denken, was in meinem Leben wohl alles anders verlaufen wäre, wenn Herr Dr. Luther dies nicht so gemacht hätte. Aber, meine Güte - es gelingt mir nicht wirklich, mir dies vorzustellen. Aber es wäre ohne Zweifel vieles, vieles anders gewesen, nicht nur in meinem Leben.

Nun aber, nach einer halben Stunde Pause am Markt, wollen wir also zumindest noch ein klein wenig sehen von Lutherstadt Wittenberg. Ein wahrhaft historischer Ort, in dem Martin Luther im Jahr 1517 die Reformationsbewegung in der Kirche auslöste. Dem wird in der Stadt Rechnung getragen - gleich vier Bauwerke der Stadt sind zu einem Weltkulturerbe der UNESCO zusammengefasst, zu den "Luthergedenkstätten": Die Schlosskirche zu Wittenberg, das Lutherhaus, die Stadtkirche St. Marien und das Melanchthonhaus. Natürlich müssen wir da zumindest noch einen flüchtigen Blick darauf werfen.

Lutherstadt Wittenberg Schlosskirche Tür

Nun - es ist sicherlich nicht mehr das Original, auf dem Martin Luther seine 95 Thesen anschlug. Trotzdem ist das heutige Hauptportal der Wittenberger Schlosskirche beeindruckend, die 95 Thesen Luthers sind auf ihr aufgetragen. Als wir dort sind allerdings Baustelle.

 

 

 

Wir schieben unsere Räder eine Weile durch die Altstadt von Lutherstadt Wittenberg - und diese ist fürwahr sehr schön und von der geschichtlichen Bedeutung her faszinierend. Schnell jedoch merken wir, dass man auch hier viel, viel mehr Zeit brauchen würde, um den Sehens-würdigkeiten einigermaßen gerecht zu werden. Den riesigen Mantel der Geschichte um diese Stadt - ihn streifen wir bei unserem Rundgang nur leicht. Eigentlich erwischen wir nur einen Hauch davon. Höchst beeindruckend! Lutherstadt Wittenberg hätte mehr Zeit verdient, wesentlich mehr Zeit. Aber - wir sind ja auf Radtour. Von den großen, emissionsintensiven Industrieanlagen im Westen der Stadt, die uns ja schon von weitem auffiel, bemerkt man im Zentrum übrigens nichts.

 

 

 

Also fahren wir bald weiter, es ist mittlerweile einiges nach 14 Uhr. Leider hat sich der Himmel mittlerweile zugezogen, die Sonne hat sich für den Rest des Tages verabschiedet. Und, verblüffend: Fast genauso schnell, wie man in das Zentrum von Wittenberg hinein gekommen ist, geht es auch wieder aus der Stadt hinaus. Schon nach wenigen hundert Metern rufe ich meiner Liebsten zu, dass hier ja schon alles wieder völlig sehr dörflich wirkt, einschließlich der hoppeligen Wege. Und, ruck-zuck haben wir Lutherstadt Wittenberg hinter uns gelassen.

 

Holprige Feldwege in Sachsen-Anhalt...

Hinter Lutherstadt Wittenberg geht es wieder durch die Feldmark. Auf Feldwegen. Und, wir haben es befürchtet: Auf Schotter der eher hässlichen Sorte. Einige der Wege sind so schlecht befestigt und mit solch tiefen Schlaglöchern versehen, dass wir nur in Schlangenlinien darum herum lavieren kann. Wenn uns dann auf dem schmalen Weg auch noch Autos in überhöhtem Tempo entgegen kommen und es nicht mal als nötig erachten, den Fuß aufgrund der knappen Situation auch nur einen Millimeter vom Gas zu nehmen, wenn sie uns erreichen, dann verliert man ganz schnell die Lust an diesen Wegen. Also, merke: Auch in Sachsen-Anhalt gilt auf Straßen das Gesetz des Stärkeren. Aber das kennen wir ja eh aus der Stadt.

Feldweg bei Schmilkendorf

Ein wenig trostlos ist die Strecke ja schon: Nicht nur auf Höhe des Dorfes Schmilkendorf sind wir auf einem Feldweg unterwegs.

 

 

 

Schon nach einigen Kilometern sind wir also genervt von den teilweise desolaten Wegen, fragen uns ja nicht zum ersten Mal, wer sich diese Wege hier eigentlich überlegt hat? Einige dieser holprigen Wege fühlen sich so an, als sei es das Hauptanliegen des Planers, die doofen Radfahrer nicht auf der Straße fahren zu lassen und dort Autofahrer über Gebühr stören. Manchmal wünschte ich mir schon, dass diese Planer unsere wüsten Verwünschungen hören könnten. Uns ist jedenfalls schon längst klar, dass dieses Wegstück mal wieder eine Durchhalteübung wird, die wir seit dem Nordrand des Harzes in Niedersachsen so umfangreich nicht mehr hatten.

Lutherstadt Wittenberg Schlosskirche Tür

Langsam kommt Brandenburg in Sicht: Gut so - wir sind der Sand- und Schotterwege müde geworden.

 

 

 

Für dieses Wegstück auf dem R1 würde ich ohne Zweifel ein komplett gefedertes Fahrrad empfehlen. Ungefedert und mit Gepäck beladen ist es hier auf dem Europa-Radweg R1 einfach nicht schön zu fahren. Nur auf kurzen Intermezzi in den Ortschaften Grabo und Berkau entkommen wir dem Schotter mal, fahren ein wenig auf Kopfsteinpflaster und sogar mal auf einem Stück Asphalt. Immer wieder mal geht es durch einen dichten Wald - von Waldstrecken bin ich auch auf dieser Radtour immer noch kein Freund geworden.

Um Viertel nach drei Uhr, nach fast einer Stunde Hoppel-Schotter-Fahrt, fängt es leicht an, zu regnen - nicht so richtig doll, aber spürbar. Auch das noch! Wir streifen unsere Regenjacken über, auf die Hosen können wir aber einstweilen verzichten!

 

... und Asphaltstrecken in Brandenburg

Nach sage und schreibe fast eineinhalb Stunden Schotterstrecke können wir es kaum glauben, als es plötzlich und unvermittelt mitten im Wald auf Asphalt geht. Aha, ein Blick auf die Karte verrät: Wir haben Sachsen-Anhalt vor ein paar 100 Metern verlassen und sind nun in Brandenburg. Und schon auf Asphalt! Danke, Brandenburg, tut das gut! Von vielen früheren Radtouren, oft allerdings im östlichen Brandenburg, wissen wir ja, dass man in diesem Bundesland auf gute Radwege Wert legt.

 

 

 

Um kurz vor vier Uhr machen wir dann einen Stopp in der ersten Ortschaft in Brandenburg, im 100-Seelen-Dorf Klein Marzehns. Am Rande eines großen Spielplatzes bietet ein überdachter Rastplatz eine gute, geschützte Möglichkeit dafür - der Regen piselt weiter vor sich hin. Nach Bad Belzig sind noch 19 km ausgeschildert, das sollten wir ja bei Tageslicht noch schaffen können. Also hänge ich mich ans Telefon, um eine Unterkunft klar zu machen. Nach drei Anrufen bin ich verblüfft: Nur Absagen - alles sei voll! Was ist denn jetzt plötzlich los? Bisher hatten wir keine ernsthaften Probleme bei der Unterkunftssuche. Aha, es ist ja jetzt Freitag, Wochenend-Beginn, mittlerweile sind wir im weiteren Berliner Umland und es sind Herbstferien. Irgendwann habe ich dann doch noch Glück bei einer Unterkunft. Mit diesen Probleme haben wir gar nicht gerechnet. Also jetzt: Ab nach Bad Belzig!

Klein Marzehns

Ein kurzer Stopp ist hier in Klein Marzehns nötig: Es wird Zeit, dass wir uns eine Unterkunft sichern. Dies gestaltet sich jedoch überraschend schwierig.

 

 

 

Als wir nach einer Viertelstunde wieder auf die Räder steigen, müssen wir feststellen, dass der Regen deutlich zugenommen hat. Noch fahre ich ohne Regenhose weiter, aber das halte ich nicht lange durch. Die eigentliche Sensation ist jedoch der Weg: Wir fahren auf perfektem, wie mit dem Lineal gezogenen Asphalt! Was für ein Radfahrer-Glück, was für eine Freude! Ja, in Brandenburg, da wird etwas dafür getan, dass Radfahrer sich wohl fühlen können! Umgehend entsteht unsere heutige Weisheit des Tages: "Lieber in Brandenburg bei prasselndem Regen auf tollem Asphalt fahren, als in Sachsen-Anhalt bei trockenem Wetter auf miserablem Schotter!". Denn: Ja, der Regen prasselt mittlerweile tatsächlich richtig heftig auf uns herab!

Wasser steht auf Radweg

Am Rand dieses funkelnagelneuen Radwegs wächst noch nichts. Glatt, wie ein Babypopo ist der Weg - welche Freunde! Da stört uns auch das viele Wasser heute nicht weiter.

 

 

 

Also beschließen wir, jetzt möglichst flott nach Bad Belzig zu fahren. Der Regen wird immer kräftiger, wir sind inzwischen auf unserer Tour aber so robust und geübt, dass wir trotzdem Spaß haben an der zügigen Fahrt auf dem durchgängig perfekt asphaltiertem Weg. Unvorstellbar auf der bisherigen Route, oder auch im heimatlichen Hamburg: Es gibt hier zuweilen sogar gründlich gereinigte Radwege! Und das zuweilen mitten im Wald! In Brandenburg wird sogar der Wald gefegt - für die Radler. Was für ein Luxus!

Wir sind hier im südwestlichen Brandenburg im Naturpark Hoher Fläming unterwegs, haben aber nicht wirklich ein Auge für die Landschaft übrig. Die Ortschaft Raben streifen wir nur am Rande, von der dortigen Burg sehen wir genau nichts. Bald danach geht es durch die Ortschaft Grubo. Grubo?? Waren wir da nicht vorhin schon durchgefahren? Sind wir hier im Kreis unterwegs? Ach, nein, das Dorf vor etwa 15 km war Grabo - jetzt sind wir in Grubo. Auch irgendwie originell.

 

 

 

Nach Grubo verläuft der Radweg direkt neben der mäßig befahrenen Kreisstraße. Es geht beständig auf und ab. Im nun wie bei einem Wolkenbruch prasselndem Regen geht es zügig voran - dem Wetter zum Trotz. Teilweise ist erkennbar, dass der Radweg funkelnagelneu ist, es gibt noch nicht einmal Bewuchs am Rand des Weges. Wir preschen voran. Ortschaften gibt es direkt an den neun Kilometern von Grubo nach Bad Belzig nicht mehr - nur Hügel. Egal!

 

Miese Übernachtung in Bad Belzig

Um kurz nach halb sechs Uhr sind wir dann auch schon bei unserer Unterkunft in einer Pension in Bad Belzig. Das uns dort zur Verfügung gestellte Zimmer erweist sich sowohl als das teuerste, als auch das schlechteste auf der gesamten Tour: Zwar ist alles ziemlich neu, aber das Zimmer ist winzig klein, keinerlei Möglichkeit, die nassen Klamotten irgendwo zum Trocknen aufzuhängen - wir improvisieren da also, hängen unsere tropfenden nassen Sachen an die geöffnete Tür des Badezimmers, an Türgriffe und die Ecke des Dusche. Immerhin gibt es einen kleinen Schrank, mit einzelnen Kleiderbügeln, an der geöffneten Tür kann man ja auch was aufhängen. Lediglich ein Stuhl steht in einer engen Ecke, kein Platz für einen Tisch, nicht mal ein Fernseher im Zimmer (dafür aber hübsche Bilder an der Wand), keine Lampen am Bett. Für das verlangte Geld ein ziemlich mickriges Angebot!

Schon am Telefon hatte man meinem Wunsch nach einem Frühstück ganz lässig abschlägig beurteilt: Wir seien die einzigen Gäste der Pension, die ein Frühstück wünschten - da würde sich das für die Gastgeber einfach nicht rentieren. Frühstück machen? Zu viel Aufwand! Tja, wir sind halt näher dran an Berlin... Wenn man bedenkt, was einige der anderen Gastgeber auf unserer Tour sich für enorme und manchmal liebevolle Mühe mit dem Frühstück für die einzigen Gäste gegeben haben, da ist das hier in Bad Belzig schon ein echtes, ziemlich überteuertes Armutszeugnis. Aber, nun gut - es ist eine Nacht und die beiden Einzelbetten scheinen stabil zu sein.

Bad Belzig Marktplatz, nachts

Der Marktplatz von Bad Belzig in der Nacht.

 

 

 

Meine Energie reicht dann noch, für den üblichen, abendlichen Rundgang im Zielort unserer heutigen Etappe - der eher ernüchternd ausfällt. Obwohl es mittlerweile wieder aufgehört hat, zu regnen, ist die Stadt an diesem Freitag-Abend wie leergefegt. Außer ein paar Spät-Pubertisten, die mit ihren großen Autos wie gejagt zur Sparkasse rasen, an dieser brav am Automaten Geld besorgen und dann wie erneut davonrasen, sehe ich nur ganz wenige Menschen.

 

 

 

Der eigentlich ganz hübsch renovierte 11.000-Einwohner-Stadt Bad Belzig lässt mich eher deprimiert zurück: Leblos am Freitagabend. Da kann auch die durchaus beeindruckende, wuchtige romanische Marienkirche und die massive Burg Eisenhardt wenig dran ändern. Immerhin habe ich bei meinem Rundgang zwei Bäcker gefunden, bei denen wir hoffen können, am kommenden Morgen vielleicht doch ein kleines Frühstück zu bekommen.

Die Daten der heutigen Fahrt: Trotz der Panne 81,0 km Strecke, gefahren in 4 Stunden 53 Minuten - Durchschnittsgeschwindigkeit: 16,9 km/h, Spitze 35,8 km/h bei anfangs sonnig-kalten, aber guten Fahrrad-Bedingungen, später wurde es zwar wärmer - aber dafür deutlich nasser. Insgesamt haben wir auf der Tour auf dem Europa-Radweg R1 jetzt 665,3 Kilometer zurück gelegt.

 

Den Bericht zu unserer neunten Etappe der Radtour auf dem Europa-Radweg R1 mit der Fahrt von Bad Belzig zum Endpunkt unserer Tour, Potsdam, fahren, finden Sie hier.

 

Hier geht es zu meiner externen Bilderserie zu der gesamten Radtour auf dem Europa-Radweg R1 / der D-Route 3 von Münster bis nach Potsdam mit 100 anderen, großformatigen Bildern auf meiner externen Webseite www.reiseberichte-bilder.de (neues Fenster öffnet).

 

 

 

 

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Dirk Matzen

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