Also, jetzt könnt Ihr es mir wirklich glauben: vor mir seid Ihr
sicher! Keinerlei Gefahr geht von mir aus. Gleich vier Mal wurde ich
gründlich durchgecheckt. Gestern. In der Türkei. Und alle, z.T.
peniblen Sicherheitschecks ließen offenbar keine Gefahr erkennen - man ließ mich dann doch gewähren
und das Land verlassen.
Auch meine Identität erwies sich als so Vertrauen erweckend, dass
ich fünf oder sechs Passkontrollen ohne sonderliche Probleme
überstand.
Ihr braucht Euch also nicht zu fürchten vor mir! Alles ist in
Ordnung!
So etwa zumindest, denn ohne nervliche Schäden kann man die
ganzen Prozeduren kaum überstehen. Besonders der schicke und sehr
moderne Hauptflughafen Istanbul (Atatürk Hava Limanı)
tut sich da hervor - eigentlich ist der ein einziges Ärgernis!
Fand ich jedenfalls. Ein wenig überempfindlich bin ich da wohl
schon, aber geärgert habe ich mich schon über das Getue dort. Soll
ich das mal eben schildern? Ach, mach ich mal eben...
Fange dabei jedoch schon mal bei meiner Anreise nach Ankara eine
Woche zuvor an. Mit Turkish Airlines ab Hamburg und mit Umsteigen,
eben in Istanbul.
Dass mein Flug mit 20 Minuten Verspätung in Istanbul ankam,
erschien mir undramatisch. Zunächst. Bei einem
früheren Flug vor einigen Monaten wurde das Umsteigen zügig und
unkompliziert abgewickelt - wie es bei Transitreisenden ja
eigentlich üblich ist. Doch diesmal lief alles anders.
Die Umstiegszeit betrug ursprünglich 1:45 Stunden, waren mit der
Verspätung jetzt also noch knapp eineinhalb Stunden. Als ich den
Schildern „Transit“ folge läuft mir ein Offizieller hinterher und
lässt sich mein Ticket zeigen: nein, nein so ginge das nicht - ich
müsse zuerst durch die Passkontrolle und dann zu einem anderen
Terminal wechseln, für Domestic Flüge, also Inlandsflüge. Aha, denke
ich, alles anders also - aber was soll’s?
Denke ich allerdings nur kurz. Denn kurz danach finde ich die
Passkontrolle: etwa 30 kleine Kabinen, die rechte Hälfte für
einreisende Türken, die linke für Ausländer wie mich. In der rechten
Hälfte stehen pro Schalter etwa 3-5 Leute in der Warteschlange - in der linken jedoch pro
offenem Schalter etwa 30-50 Leute, etwa fünf oder sechs dieser
Kontrollstationen waren
geöffnet. Alle sehen genervt aus, die Stimmung ist spürbar gereizt.
Ich reihe mich in irgendeine Schlange ein.
Sehr schnell verstehe ich die gereizte Stimmung, denn: es geht
einfach nicht voran! Bei jedem einzelnen Reisenden dauert die
Passkontrolle minutenlang. Manchmal wohl auch gleich mehrere
Minuten. In 50 Minuten beginnt das Boarding für meinen Anschlussflug
nach Ankara. Sollte also doch kein Problem sein!
Einige andere Kontrolleure gehen auf und ab, beobachten und
kontrollieren die immer genervtere Menschenmenge, flachsen über
Reisende, deren Zeit offenbar noch viel knapper ist, als meine, und
die nach und nach die Nerven verlieren. Warum besetzen die nicht
einfach noch ein paar der Kontrollschalter??? Langsam registriere
ich, dass auch meine Zeit durchaus knapp bemessen ist. Nach einer
Viertelstunde geht der Kontrolleur aus dem Kabuff, bei dem ich
anstehe - ich bin da etwa auf „Platz 30“. Er geht einfach weg, ohne
irgendein Zeichen. Keiner weiß, was ist. Er wird wohl gleich wieder
kommen - denken alle. Aber Pustekuchen! Als der nach 10 Minuten noch
nicht wieder da ist werde ich richtig kribbelig. Soll ich mich nicht
besser an eine andere Schlange anstellen? Was tun, wenn der gar
nicht wiederkommt?
Stress pur! Denn, ich weiß genau: mein Flug nach Ankara ist der
letzte an dem Tag, soll um 23:45 Uhr starten. Der nächste ginge erst
um 6:00 Uhr morgens - da würde ich dann gerade noch rechtzeitig auf
meiner Arbeitsstelle erscheinen können. Aber wohl in welchem
Zustand? Eine Nacht auf dem Flughafen Istanbul - nicht sonderlich
erstrebenswert jedenfalls!
Also, jetzt aber weg von diesen trüben Gedanken und wieder zurück zum
Atatürk-Flughafen in Istanbul. Nach einigen Momenten weiterer
Wartezeit fällt mein Entschluss: ab an eine andere Schlange. Nur
wenige Gedanken verschwende ich an die Leute, die da ganz vorne in
der Schlange stehen, sicherlich schon mindestens eine dreiviertel
Stunde dort verbracht haben müssen. Ich durchstehe jetzt also eine
weitere Schlange - und tatsächlich: langsam aber sicher geht es
voran. Die Spannung steigt: werde ich den Anschlussflug bekommen?
Um es vorweg zu nehmen: Natürlich bekomme ich ihn! Denn: selbstverständlich hat der eine
saftige Verspätung. Aber das weiß ich dort in der Schlange vor der
Passkontrolle ja nicht - also bin ich weiterhin und zunehmend
hektisch. Von jedem Einreisenden wird elektronisch ein Foto
angefertigt und abgespeichert. Das meinige würde ich ja gerne mal sehen!
Unvorteilhaft wäre wahrscheinlich noch geprahlt... Und: hätten die
Kontrolleure nicht zumindest ein wenig nett sein können?
Als ich dann endlich kontrolliert bin ist es zwanzig Minuten nach
elf - die Boarding-Zeit für meinen soll seit fünf Minuten schon
laufen und ich habe noch gar keine Ahnung, wo ich eigentlich hin
muss. Verlaufe mich erst mal in der großen Halle, in der die
Gepäckbänder sind. Hätten die nicht zumindest einen kleinen Hinweis
anbringen können, wo man hin muss? Eine kurze Frage an einen
unfreundlichen Offiziellen beseitigt jedoch jeden Zweifel. Ich weiß
den Weg - aber nicht die Streckenlänge. Immer noch Hektik. Und
schnell auch Schweiß.
Mittels Transportbänder kann man den Weg bis zum Terminal für Domestic-Airport glücklicherweise relativ zügig bewältigen. Und
trotz der Unübersichtlichkeit des Terminals brauche ich nur wenige
Augenblicke, bis ich verstanden habe wohin ich muss. Der Schicherheitscheck an diesem Terminal läuft für Istanbuler
Verhältnisse verblüffend zügig ab. Und schon stehe ich am Gate für
den Flug nach Ankara - und kann endlich die Anzeige lesen, dass der
Flug 30 Minuten Verspätung haben soll. Tatsächlich werden es dann 45
Minuten - aber was soll’s?
Das gibt mir immerhin die Gelegenheit, mir die hier
herumlaufenden Leute ein wenig anzuschauen. Verblüffend viele
eindeutig mitteleuropäisch aussehende Leute treiben sich in dem
langweiligen Mini-Terminal herum. Und fast alle haben etwas
gemeinsam: sie sind rot. Richtig krebsrot. Verbrannt von der Sonne.
Ach ja, der Lira fiel bei mir Kuruşwiese: es war ja am heutigen Tag
das Formel 1-Rennen in Istanbul. Das erste Formel 1-Rennen in der
Türkei überhaupt. Die haben sich dort also in die Sonne gesetzt,
sich das Rennen angeschaut und so verbrennen lassen - wie ich damals, vor
19 Jahren in Budapest (s. Artikel).
Wie furchtbar!
Eine dreiviertel Stunde später, es ist Viertel nach ein Uhr
nachts, bin ich in Ankara und froh, dass die Abwicklung dort mit
Gepäckausgabe etc. blitzschnell in wenigen Augenblicken vor sich geht.
Kurz vor halb zwei sitze ich schon im Taxi - um bei der Fahrt
verblüfft festzustellen, dass man in Ankara nachts um halb zwei ohne
große Probleme mit über Tempo 100 fast die gesamte Stadt queren
kann! Die Strecke sind 35 Kilometer bis ins Stadtzentrum und dann
noch einmal vielleicht drei oder vier Kilometer bis zu meinem Hotel.
An zwei Ampeln auf der gesamten Strecke hält der Taxifahrer
tatsächlich an, über zwei oder drei weitere mogelt er sich im
langsamen Tempo rüber. Ansonsten fährt er ziemlich konstant zwischen
90 und 120 Stundekilometer, vom Flughafen bis 300 Meter vor meinem
Hotel - einmal quer durch die Stadt. Erstaunlich!
Ich war ganz froh, noch kurz vor zwei Uhr am Hotel anzukommen und
er murrte, dass ich dann auch noch eine Quittung haben wollte...
Aber der Rückflug - erneut mit Umsteigen in Istanbul - stand mir
ja noch bevor. Freudlos und mit einem etwas mulmigen Gefühl. Obwohl:
was soll tatsächlich passieren? Die Umsteigezeit in Istanbul ist
diesmal zweieinhalb Stunden. Der Flughafen ist auch ganz schön
gestaltet, es gibt ein paar interessante Läden, in denen man schön ein wenig
stöbern kann, das müsste doch problemlos gehen!
Rechtzeitig bin ich in Ankara auf dem Flughafen - mir war zu
Ohren gekommen, dass man dort mal wieder komplett alles für Abflüge
von Turkish Airlines umorganisiert hatte. Also lasse ich ein wenig
Vorsicht walten und bin rechtzeitig am Flughafen.
Der erste Sicherheitscheck. In Ankara ist der immer völlig
chaotisch und ein totales Durcheinander - so auch diesmal. Schon zum
Betreten des Flughafengebäudes wird man durchgecheckt. Traditionell
sind es dann immer etwa fünf Leute gleichzeitig, die ihre zu
durchleuchtenden Sachen kunterbunt durcheinander auf das Laufband
werfen, durch die Schleuse drängen, und alles dann nach der Schleuse
wieder auseinanderpflücken - ein lustiges Gewusel.
Irgendwann früher wurde mal meine Schale mit Schlüsselbund,
Geldbörse, Brieftasche etc. versehentlich ausgeschüttet - da durfte
ich dann unter der Apparatur herumkriechen und eine Weile lang alles
wieder zusammensuchen, zumal aus der Geldbörse bei der Gelegenheit
noch ein paar Zettel und Karten herausgeplumpst waren.
Einem Kollegen aus Hannover kam vor meinen Augen mal das Jackett
mit sämtlichen Papieren, Pass, Flugtickets und allem Geld abhanden.
Kurzzeitig zumindest, durch eine etwas dämliche Verwechslung. Der
Adrenalinschub für den kurz vorm beruflichen Ruhestand stehenden
Herren war gewaltig - aber alles löste sich unproblematisch wieder
auf, als die Verwechslung bemerkt wurde (Tipp für den Flughafen
Ankara: tue immer alles, aber auch wirklich alles!, was wichtig oder
wertvoll ist oder ein Piepen in der Schleuse verursachen könnte, in
ein gut markiertes, farbenfrohes Handgepäck-Stück und lasse höchste
Obacht walten in dem Durcheinander! Ab Oktober 2006 soll das neue
Flughafenterminal in Betrieb gehen - vielleicht wird dann ja alles
besser.).
Mit anderen Worten: es herrscht ein Chaos, aber da alles recht
zügig geht bleibt es ohne große Gereiztheit im Rahmen. Es hat
durchaus
noch etwas von dem in der Türkei oft zu findenden, oft durchaus
liebenswerten Chaos.
Schnell ist man eingecheckt - und tatsächlich: das Gepäck wird
bis Hamburg durchgebucht. Dies hatte man vor ein paar Monaten „aus
Sicherheitsgründen“ mal anders organisiert, wie ich von Kollegen
gehört hatte...
Wenn man sich dann zum Gate begeben will, dann kommt nach der
Passkontrolle der zweite
Sicherheitscheck. Man muss sich zwischen zwei Schlangen entscheiden:
derjenigen für Inlandsflüge und derjenigen für Internationale Flüge.
Niemand hier, den man fragen könnte, also denke ich mir, okay, ich
will ins Ausland, dann muss ich hier wohl meinen Pass abstempeln
lassen - und gut ist. Also ran an die Schlange für Auslandsflüge.
Nach einer Viertelstunde weiß ich: das war eine Fehlentscheidung.
Gehe zurück auf Los, begib Dich direkt dorthin, ziehe nicht 4000
Lira ein - der Schalter war nur für direkte Auslandsflüge und nach
einer kurzen Pass- und Ticketeinsichtnahme wurde ich zurück
geschickt zu den anderen Warteschlange, der Inlandsflugschlange.
Nach einer weiteren Viertelstunde Warten bestehe ich dann den
zweiten Sicherheitscheck! Sonderlich scharf ist dieser in Ankara
meist nicht. Es bleibt mir sogar erspart, den Gürtel abnehmen zu
müssen!
In der wahrscheinlich langweiligsten Wartehalle der
Flughafen-Welt (vielleicht ja auch hier eine Besserung mit dem neuen
Terminal?) muss ich dann warten - länger, als erwartet. Der Flieger
hat eine gute halbe Stunde Verspätung. Natürlich. Damit habe ich in
Istanbul nur noch zwei Stunden Umsteigezeit. Das macht mich schon
jetzt etwas
nervös! Zumal ich ja auch noch keinen Ausreisestempel im Pass habe!
Aber erst einmal genieße ich den kurzen Hüpfer nach Istanbul.
Turkish Airlines hat durchaus angenehme Flugzeuge mit nettem Service. Und diejenigen
zwischen Ankara und Istanbul sind anscheinend immer voll. Kein
Wunder: wenn man eine 4-Millionen-Einwohner-Metropole und Hauptstadt
mit einer 15- bis 18-Millionen-Weltmetropole verbindet und als
Alternative 6-7-stündige Busfahrten anbietet, dann sind die Flieger
trotz hoher Flugfrequenz natürlich voll ...
Aber dann bin ich schon wieder auf dem Atatürk-Flughafen in
Istanbul. Zügig geht’s vom Terminal für die Inlandsflüge rüber zum
Terminal für die Auslandsflüge - die Entfernung ist mir ja als nicht
allzu weit bekannt. Froh bin ich trotzdem, dass ich mein Gepäck
nicht aufnehmen und später wieder neu einchecken muss.
Hinweisschilder weisen den Weg für Transitreisende. Nur:
plötzlich stehe ich in der großen Haupthalle des Flughafens - und
finde keinen Transithinweis mehr. Wieder mal war ich wohl zu blöde,
mit Tomaten auf den Augen. Denke ich - fast bis zum Ende der Halle.
Der Entschluss, zurück zu gehen, erweist sich als richtig: da hatte
ich doch tatsächlich übersehen, dass ich in meinem Rücken eine
Rolltreppe in das obere Geschoss hätte nehmen müssen. Aber ich habe
ja nur ein paar Minuten verplempert.
Also: Die Rolltreppe hoch ins obere Geschoss. Dort lande ich in
einer großen Halle fast unmittelbar am Ende einer Warteschlange, die
sich an der Glaswand der modernen Halle entlang windet. Und nach
einem kurzen Blick trifft mich fast der Schlag: etwa 70 Meter lang
ist die Schlange vor gerade mal zwei Sicherheitsschleusen. Bei denen wird es
offenbar mit türkischer Gelassenheit genau genommen - es geht nur im
Zeitlupentempo voran. Weiter vorne sehe ich Leute, deren Zeit
offenbar knapp bemessen ist und die zuweilen schon die Nerven
verlieren.
Als ich mir nach etwa einer Viertelstunde Wartens ohne
bemerkenswertes Vorankommen dann auch schon ernsthafte Gedanken
mache, wie lange es wohl dauern wird, bis... - tut sich am Ende der
Schlange bemerkenswertes. Es bricht Hektik aus. Der Grund erschließt
sich auf den ersten Blick: Das Ende der Schlange hat sich inzwischen
rund um die Halle gewunden. Die hintersten Leute stehen mittlerweile
direkt vor der Rolltreppe, über die pausenlos weitere Menschen mit
ihrem zum Teil verblüffend großem Handgepäck herauf transportiert
werden.
Es entsteht ein heilloses Durcheinander: auf der Rolltreppe gibt
es ja keine Ausweichmöglichkeit - und davor auch nicht. Die ersten
kommen zu Fall, fluchen, schimpfen, man versucht auszuweichen, so
wie es gerade geht.
Einige türkische, zuvor geradezu unbeteiligt und dösig
herumschlendernde Sicherheitsbeamte zeigen jedoch Geistesgegenwart,
sorgen in Windeseile dafür, dass der zögerliche Sicherheitscheck
schlicht aufgelöst wird. Frei nach dem Motto „sofort alle raus hier“
geht’s kurz durch die Schleusen durch, unter vielfältiger und
strenger Polizeibewachung raus aus dem Gebäude auf die davor
liegende Straße, 50 Meter weiter, dann wieder rein ins Gebäude und
ab zu den nächsten Sicherheitsschleusen. Immerhin: vier Stück an der
Zahl, mit einem nicht sonderlich großen Vorraum. Es wird jedoch sehr
zügig abgefertigt. Und wie einige andere auch habe ich beim Auflösen
der Warteschlange sämtliche Hemmungen und Rücksichtnahmen abgelegt
und mich gaanz weit nach vorne gemogelt, denn mir wurde schon klar:
auch meine Zeit wird knapp. Zwei Stunden Zeit hin oder her...
Dann ist es geschafft: ich bin als sichere Person anerkannt und
darf nach zehn Minuten weiter. Aber mir ist ja schon längst klar:
der türkische Staat hat mich ja noch nicht wieder entlassen, es
wartet ja noch die Passkontrolle auf mich. Etwas hektisch haste ich
durch die Halle des an sich schönen Flughafens.
Die Bordkartenkontrolle dauert wohl nur knapp eine Minute
Wartezeit - aber dahinter sehe ich das nächste Grauen, die
Warteschlangen vor der Passkontrolle. Etwa so lang wie bei der
chaotischen Einreise - nur sind offenbar diesmal immerhin alle
Kontrollhäuschen geöffnet. Mir wird sofort klar: wenn diese Prozedur
wieder so lange dauert, wie bei der Einreise, dann werde ich meinen
Flieger wohl schon fast vergessen können!
Der Puls geht schneller, als ich mich an die vermeintlich
kürzeste Schlange anschließe. Und eigentlich wollte ich doch in dem
CD-Shop noch eine CD kaufen, was ich in Ankara diesmal nicht
geschafft hatte, und auch eine Flasche Wasser wäre schön.
Aber das schminke ich mir wohl besser ab... Um es kurz zu
machen: diesmal klappt die Abfertigung besser, es gibt nicht so
viele Computerprobleme - schon nach einer halben Stunde „bin ich
durch“, habe den Ausgangsstempel im Pass und noch berechtigte
Hoffnung, rechtzeitig zum Boarding an meinem Gate zu sein. Nicht
unerwähnt lassen will ich, dass ich mit Wohlwollen registriert habe,
dass einige „Vordrängler“ vehement von Sicherheitskräften in die
Schranken verwiesen und an die Schlangenenden gebracht werden.
Schnell schauen, wo ich denn hin muss, ob es Veränderungen
gegeben hat... Nein, also zügig ab zum Gate.
Rund 500 Meter Weg mögen es gewesen sein und sind schnell
zurückgelegt. Dort finde ich eine gelangweilte und untätig wartende
Menschenmenge vor - von Offiziellen weit und breit noch nichts zu
sehen, das Boarding fängt wohl etwas später an. Das ist ja nicht
ungewöhnlich.
Also liegt der Beschluss nahe, doch noch schnell die CD von Hande
Yener zu kaufen - und etwas Wasser, verschwitzt wie ich jetzt
bin. Mehr vor Nervosität als vor Anstrengung.
Also die 500 Meter zurück zur Einkaufsmeile, wo sich der CD-Shop
befindet, weiß ich ja noch von früheren Flügen (bei denen das
Umsteigen in Istanbul völlig unkompliziert und schnell ging). Die CD
ist schnell gefunden und erwartungsgemäß etwa doppelt so teuer wie
in normalen Geschäften...
Auch der Rest - das Wasser! - und ein wenig unvorstellbar süßes Turkish Delight als
Mitbringsel ist schnell besorgt. Also geht’s umgehend die 500 Meter
zurück zum Gate. Dort hat sich zu meiner Überraschung nichts
verändert: gelangweilte Reisende, keine Offiziellen. Hm, es wird
wohl eine Verspätung geben - angezeigt wird jedoch nichts.
Also noch mal eben 100 Meter zurück, und auf die Toilette, etwas
frisch machen. Die Hektik kann jetzt ja endlich etwas abklingen.
Nach drei oder vielleicht auch fünf Minuten verlasse ich das
gepflegte und stille Örtchen - und es trifft mich der nächste
Schlag: keine Menschenseele ist mehr an "meinem" Gate zu sehen. Was ist
passiert? Ich schaue mich um: nein, es bewegt sich auch keine
größere Gruppe durch den Weg. Eingecheckt können die etwa 130 Leute
in der kurzen Zeit ja auch nicht alle sein. Es gibt nur eine
Erklärung: das Einchecken ist verlegt worden! Aber wohin nur? Kein
Zettel, kein Hinweis auf der Anzeige, kein Offizieller, den man
fragen könnte - nichts lässt darauf schließen, wo es jetzt los
geht...
Der Pulsschlag findet angeregte Geschwindigkeiten wieder. Es gibt
nur eines: zurück in die große Halle und auf der Anzeigetafel
nachschauen - oder irgendwo fragen. Also wieder die 500 zurück - zum
geringen Teil durch Laufbänder unterstützt. Um gerade sechs Zahlen
hat sich das Gate verändert. Also muss ich hektisch wieder die 500
Meter „in meine alte Richtung“ zurück, wie sich herausstellt, ist
das neue Abflug-Gate quasi nur einmal 100 Meter „um die Ecke“ vom
alten Gate. Tja, da hätte ich mir ja mit einem kleinen Hinweisschild
rund einen Kilometer sparen können...
Wieder bin ich durchgeschwitzt, doch als ich ankomme ist das
Boarding noch nicht einmal angefangen und nur wartende Reisende,
keine Offiziellen. Immerhin gibt es dort eine Anzeige, dass der Flug
30 Minuten Verspätung haben wird. Puuuh, immerhin gibt es genügend
Sitzplätze - also erst mal hinsetzen. Mein Wasser ist schnell alle.
Doch jetzt heißt es erst einmal warten. Verblüffend lange. Nach
gut einer halben Stunde (die angekündigte Verspätung ist also schon
längst rum und eigentlich sollten wir schon über Rumänien sein) lassen sich in aller Gemütsruhe die drei weiblichen
Sicherheitsleute blicken und beginnen - richtig! - mit der nächsten,
sehr strengen Sicherheitskontrolle an der dortigen einzigen
Sicherheitsschleuse. Das dauert recht lange.
Ich lasse es erst einmal geschehen, bin noch damit beschäftigt,
zu trocknen... Irgendwann wird es mir zu langweilig und ich reihe mich
ein in die kürzer werdende Schlange. Bereitwillig ziehe ich
beim Check den Gürtel aus meiner Hose und ziehe meine Schuhe aus.
Doch während ich mir noch Gedanken mache, was wohl wird, wenn jetzt
auch noch die Nieten an meiner Jeans auf dem Metalldetektor ein
Piepen verursachen... bin ich schon durch.
Ich lande in einem abgeschirmten Raum von etwa doppelter
Wohnzimmergröße. Die Sitzplätze sind natürlich alle schon belegt.
Die Stehplätze auch - fast alle. Aber 30-40 Leute müssen noch rein.
Offenkundig ist dieser Raum nicht für Flugzeuge unserer Größe
ausgelegt. Es herrscht drangvolle und stickige Enge und es ist eine
wahre Erlösung, als nach 10-15 Minuten endlich der Zugang zum
Flugzeug - nicht ohne Kontrolle der Boarding-Cards und des Passes - freigegeben wird. Endlich!
Mit ganzen zwei Stunden Verspätung geht es endlich in den Flieger
Richtung Heimat. Alle Hektik war überflüssig wie ein Kropf - alles
hätte ich in völliger Ruhe und Gelassenheit durchwarten können.
Türken haben diese Eigenschaften oft - da kann ich wohl noch viel
lernen...
Klar, sicherlich kann jeder, der schon mal auf größeren Flughäfen
umgestiegen ist, ähnliche Erlebnisse erzählen (aus den USA höre ich
auch tolle Erlebnisse). Und natürlich: die Türkei ist ein sehr
terrorgefährdetes Land - von daher finde ich gründliche Kontrollen
angebracht und gut. Aber: etwas zügiger und an die Bedürfnisse der
Reisenden angepasst könnte dies doch wohl geschehen. Denn ärgerlich
ist es auf diese Weise allemal...
Eigentlich habe ich die Türken ja als ausgesprochen (gast-)freundliche
und zuvorkommende Menschen kennen gelernt - am Flughafen Istanbul
gilt das jedoch zumeist nicht so recht. Ich werde ihn besser
zukünftig meiden.
Größere Kartenansicht
Reaktionen auf den Text:
"Ich fliege 4-5
mal wegen meinem Beruf nach istanbul, und auch öfter
Istanbul-Ankara, und das was sie hier schildern, das kenne ich .
Mir kommen
dann sofort die Bilder vor meinen Augen, wie „Inländische“
Bürger immer schneller vorankommen, und das Ausländer immer vor
einer riesen Schlange stehen müssen.
Pässe werden
kontrolliert, und dann kommen die wirklich dümmsten Fragen.
Das komische
ist nur, das ich mich nicht daran erinneren kann, das es in
Istanbul so ist.
Nein, es ist
echt komisch, aber das ist genau hier, in Düsseldorf, Frankfurt,
Berlin. ectr.
Wir, die
Ausläbnder müssen immer qualen aushalten, und die Nerven sind
blank.
Jetzt wissen
Sie wenigstens, was wir hier Jahrelang aushalten, und noch
aushalten müssen.
Z. D.
Ein Türkischer
Bürger"
(19.6.2007)