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Vilnius 2008 |
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In der Mitte von Europa und wunderschön: Vilnius in Litauen |
![]() Abendstimmung auf der "grünen Brücke" in Vilnius. |
![]() Blick über das abendliche Vilnius. |
![]() In der Altstadt gibt es viele schöne Gebäude und etliche einladende Geschäfte und Gastronomie. |
![]() Das Symbol für die europäische Kulturhauptstadt 2009: Vilnius. |
![]() Abendliche Stimmung über der Neris, die sich in Beton gefasst durch Vilnius schlängelt. |
![]() Die große Prachtstraße von Vilnius: der Gedimino Prospektas - eine großzügige, bedeutende Straße im Norden der Altstadt. Im Osten läuft sie auf die Kathedrale zu, im Westen liegt das litauische Parlament. |
![]() Nachts am Rathausplatz (Rotušės aikšte). |
![]() Vor dem Zweiten Weltkrieg war diese Straße, die "Deutsche Straße" (Vokiečių), viel schmaler (der jetzige Grünstreifen war bebaut) und das Zentrum jüdischen Lebens in Vilnius. |
![]() Im früheren jüdischen Viertel von Vilnius. |
![]() Einige Tafeln an einigen Wänden informieren über die Lage des Ghettos in der Zeit der Deutschen Besatzung. |
![]() Ruhige Nebenstraße im jüdischen Viertel. |
![]() Etwas zurückgezogen und versteckt: das jüdische Museum. Nicht sehr groß - aber eindrucksvoll. |
Die meisten Morde während des Zweiten Weltkrieges fanden im südlich von Vilnius gelegenen Vorort Paneriai statt, damals bekannt unter dem Namen Ponar. Hier hatte es sich ergeben, dass die Rote Armee für Tank- und Vorratslager große runde Gruben ausgehoben hatte - als Deutschland die Sowjetunion überfiel und Litauen einnahm. Als Tanklager fanden diese Gruben keine Verwendung mehr. Dafür hatten die Deutschen, zusammen mit linientreuen Litauern, einen neuen Ort für die Massenmorde. Es ist von den Deutschen detailliert dokumentiert worden, wie viele Menschen hier ihren letzten Weg gingen: rund 100.000 Personen, zumeist aus Vilnius, wurden in diese Gruben erschossen, darunter ca. 70.000 Juden. Die Erschossenen wurden in Massengräbern verscharrt. Als die Rote Armee dann immer näher rückte wurde, kurz bevor sie Vilnius erreichte, ein Trupp von 70 jüdischen Männern dorthin kommandiert, um die Toten wieder auszugraben und zu verbrennen - letztlich um Beweise zu verwischen. Zweien von diesen 70 gelang trotz widrigster Umstände die Flucht - ihnen verdankt die Welt die Informationen um das entsetzliche Geschehen.
Es gibt in Paneriai eine Gedenkstätte, die mit der Bahn für einige Cent in wenigen Minuten, verbunden mit ein paar hundert Metern Fußweg, völlig unkompliziert erreichbar ist. Auch dies ein Ort, in dem das Grauen förmlich greifbar ist und dessen Besuch in das Pflichtprogramm eines jeden am Leben in Vilnius Interessierten gehören sollte. Er beeindruckt durch seine Ruhe und auch gerade dezente Darstellung des Geschehenen.
![]() An der Gedenkstätte in Paneriai (Ponar) direkt vor den Toren von Vilnius. Einer der Orte, an denen Deutsche für das Grauen sorgten. |
![]() Gedenkstätte der Eisenbahner direkt an den Gleisen in Ponar. 100.000 Menschen wurden hier getötet. |
![]() Israelische Gedenkstätte im Wald von Ponar. |
![]() Die von den Sowjets ausgehobenen runden Gruben erschienen den Deutschen ideale Orte zur Tötung zehntausender Menschen zu sein. Heute sind in dem Waldstück sehr dezent Gedenkstätten verschiedener Nationen eingerichtet. |
![]() Gedenksteine, in litauischen und israelischen Farben bemalt. |
Der Übergang in die nächste Diktatur und Schreckensherrschaft war im Jahre 1944 jedoch wiederum nahtlos, als die Sowjetische Rote Armee das Land annektierte und unterwarf. Binnen weniger Jahre wurden ca. 120.000 Litauer deportiert, vorwiegend nach Sibirien, hunderttausende andere wurden getötet oder als politische Gefangene eingesperrt. In Vilnius sorgten die Sowjets dafür, dass sichtbare Zeichen jüdischen Lebens konsequent und weitgehend getilgt wurden und verschwanden.
Auch dies eine schwere Zeit für Litauen - mir erscheint es, als sei diese Zeit heute in Litauen noch weitaus präsenter, als die Schrecken des Nazi-Regimes. Eine ebenso spannende wie polemisch-einseitige Dokumentation zu der Zeit findet man im früheren KGB-Gebäude, das heute ein Museum ist. Viele Gräueltaten der Sowjetmacht sind hier mitten im Herzen von Vilnius dokumentiert. Völlig neu war für mich die Erkenntnis, dass es in Litauen noch lange Zeit nach der sowjetischen Okkupation teilweise kriegsähnliche Zustände gegeben hatte, zehntausende Litauer als Partisanen in die Wälder gegangen waren und die Sowjets mit viel Unterstützung durch die Bevölkerung bekämpften. Diese Vorgänge werden in der früheren KGB-Zentrale von Vilnius eindrucksvoll dargestellt. Trotzdem erscheint mir der Name für die Museum jedoch deplatziert, übertrieben und wie eine Anklage an den heutigen russischen Staat: das "Genozid Museum". Ich denke nicht, dass die Kämpfe zwischen Sowjets und Litauern ein "Genozid", ein Völkermord, war - auch, wenn sie schonungslos und brutal waren und viele Litauer darunter zu leiden hatten. Einen Genozid hatte es in Litauen durchaus gegeben, einige Jahre zuvor, durchgeführt von Deutschen und Litauern gemeinsam, am jüdischen Volk. Hierzu schweigt man sich dann im "Museum des Genozids" aus. Einen Besuch ist dies Gebäude jedoch trotzdem allemal wert, und schon allein die weitgehend original erhaltenen Gefängniszellen und Folterkammern im Keller lassen einen erschaudern.
![]() Auch an der Prachtstraße Gedimino Prospektas gelegen: Ein früherer Gerichtshof, dann Sitz der Gestapo und schließlich residierte in dem Palast zu Sowjetzeiten der Geheimdienst KGB - und folterte und tötete in den Kellern. Heute ist in dem Gebäude ein Museum untergebracht. |
![]() In den Mauersteinen an dem Fußweg entlang sind die Namen die hier getöteten Litauer eingemeißelt worden. |
![]() Das KGB-Museum ist einer der wenigen Orte, an dem man noch das Wappen der "Litauischen Sozialstischen Sowjetrepublik" bewundern kann... |
![]() Wer hierhin kam - in den Keller des KGB oder zuvor der Gestapo - hatte keine guten Aussichten für die Zukunft. |
![]() Eine Menge an Originalausstattung aus sowjetischer Zeit ist auch noch zu bewundern... |
![]() ... anderes wurde offenbar noch rechtzeitig vernichtet. |
![]() Blick in eine der trostlosen Zellen. |
Doch dann, in den Jahren 1990/91 ermutigte die liberale Politik von Mihail Gorbatschow im Machtzentrum der Sowjetunion in Moskau die Litauer dazu, zunehmend und vehement für ihre Unabhängigkeit einzustehen. Die Welt musste den Atem anhalten: wird Moskau nicht nur die europäischen Satellitenstaaten des Warschauer Paktes, sondern auch Länder der eigenen Union, des eigenen Staates, in die Freiheit entlassen? In Litauen gab es ein monatelanges Tauziehen und Ringen um die Macht. Ca. ein Jahr lang wurde das Parlament der "Litauischen Sozialistischen Sowjetrepublik", der Seimas, von mutigen Bürgern blockiert und mit Barrikaden verschanzt. Die gefürchteten sowjetischen Panzer und Spezialeinheiten ließen sich hier nicht blicken. Das Fernsehzentrum jedoch wurde von den Sowjets sehr schnell mit Waffengewalt eingenommen, 16 Litauer, zumeist sehr junge, fanden dort den Tod.
Doch Litauen bekam seine Freiheit, 1993 zogen die letzten russischen Soldaten mit üblen Beschimpfungen auf den Lippen aus dem mittlerweile souveränen Land ab. An die dramatischen Vorgänge wird am Seimas erinnert, Teile der Barrikaden sind original erhalten und durch Glaswände vor äußeren Einflüssen geschützt.
Und überhaupt zeigt man sich heutzutage am Parlament offen und angenehm entspannt: kaum sieht man Sicherheitskräfte oder Zäune, die alles abriegeln würden. Unserer angemeldeten Gruppe gewährt man nach einem schnellen Sicherheitscheck recht unkompliziert den Zutritt, man wird ohne große aufgesetzte Gesten auf deutscher Sprache durch alle wichtigen Räume geleitet, und, ja, aber selbstverständlich darf man alles fotografieren. Auch wie selbstverständlich nimmt sich der führende Oppositionspolitiker Audronius Ažubalis der rechtskonservativen Vaterlandsunion zwei Wochen vor der Parlamentswahl rund eine Stunde Zeit für die ausländische Gruppe, wie tags zuvor auch schon der Regierungsberater in EU-Dingen, Rolandas Kazlauskas, der gleich drei Stunden Zeit hatte für die Bildungs"urlaubs"gruppe. Ein Parlament zum Anfassen, mit Politik zum Anfassen - alles ganz selbstverständlich! Und eben darum auch beeindruckend.
![]() Das Gebäude des Litauischen Parlaments Seimas. Dieser Teil des Gebäudekomplexes stammt noch aus der sowjetischen Zeit. |
![]() Vor dem Parlamentsgebäude. |
![]() Gebäudedetail des Seimas im Abendlicht. |
![]() Im Eingangsbereich des Seimas: Nationalwappen und Nationalfahne umringen die EU-Fahne. |
![]() Im Eingangsbereich entsteht durch die bunten Glasfenster ein fast kirchlicher Charakter, durch die plüschigen Sofas ein Gefühl vom Charme der 80er Jahre in der Sowjetunion... |
![]() Auch der alte Sitzungssaal hat eine ähnliche Ausstrahlung, wie der Eingangsbereich: Plüschig! Über die dramatischen Ereignisse in diesem Raum während der Zeit der litauischen Wende. |
![]() Der Tisch rechts und die darauf liegenden Trümmer sind Überreste von den Kämpfen zwischen Sowjets und Litauern am Fernsehturm von Vilnius am 13. Januar 1991 - bei denen 14 junge Litauer getötet sowie ca. 1000 verletzt wurden. |
![]() Der neue Sitzungssaal des Parlaments: modern, schick, sachlich, nüchtern und elegant |
![]() Brunnen-Installation vor dem Parlamentsgebäude. |
![]() Direkt am Parlament erhalten einige original erhaltene und mittlerweile hinter Glas geschützte Barrikadenteile aus der Wende-Zeit die Erinnerung an die dramatischen Vorgänge am Leben. |
![]() Barrikadenteile direkt am Parlamentsgebäude. |
![]() Ebenfalls direkt vor dem Parlamentsgebäude: Wahlkampf! Die größte und auffälligste Wahlkampftafel, die mir in der Woche - zwei Wochen vor der bedeutenden Parlamentswahl - begegnete. Nur einige der Parteien nutzten die Gelegenheit, hier Plakate anzubringen. Die in Deutschland übliche Beschilderung ganzer Städte vor einer Wahl fand ich in Vilnius nicht. |
Doch zurück zur Stadt Vilnius... Bei all der Schönheit und der Pracht dieser Stadt fällt es mir fast die ganze Zeit über schwer, auch einmal etwas mehr hinter die Fassaden zu gucken und - wie es natürlich auch in der Absicht des Bildungsurlaubes ist - einmal die andere Seite des hier ausufernden Kapitalismus kennen zu lernen.
Geradezu fassungslos stehe ich dann jedoch im Stadtteil Šnipiškės. Großinvestoren haben hier ein Dorf weitgehend zerstört, ein Dorf, das mitten in der Stadt Vilnius gelegen war. Das "Europa Center" ist entstanden, eine Skyline aus Glas und Stahl, eine gute Handvoll gewaltiger, hoher, supermoderner, machtvoller Finanzpaläste nebst Shopping-Center - wie man es in der gesamten Welt mittlerweile kennt. 50 bis 100 Meter weiter: Schlagartig fühlt man sich wie mitten auf dem Lande, windschiefe Holzhäuschen, Apfel- und Pflaumenbäume, Gartenblumen, überhaupt viel Grün, keinerlei befestigte Wege, tiefer Matsch, Autos wackeln durch die tiefen Schlaglöcher. Die Menschen wandeln auch schon mal im Morgenmantel durch die Gegend - nur die Glitzer-Glanz-Bauten in der unmittelbaren Nachbarschaft wollen nicht so recht dazu passen. Fast wirkt es, als würden die modernen Gebäude nach den kleinen Häusern geradezu greifen. Auf einem der Holzhäuser entdecke ich ein Denkmals-Schild - immerhin. Wie ich höre, hatte das Gebiet, auf dem die Skyline nun steht, auch eine solche Struktur. Es wirkt sowohl idyllisch, aber auch heruntergekommen. Vieles an den Holzhäusern ist liebevoll hergerichtet, aber doch kann ich mir kein rechtes Bild davon machen, ob die Menschen hier wirklich gerne leben, oder ob sie noch die Stellung halten und ihre Häuser (sind diese überhaupt ihr Eigentum?) als Spekulationsobjekt ansehen... Verwirrt ziehe ich von Dannen - einen krasseren Gegensatz an Kultur und Architektur habe ich in meinem Leben wohl noch nie erlebt... Auch das gibt es mitten in Vilnius!
![]() Im Stadtteil Šnipiškės, 200 Meter von den Hochhäusern der Finanzwelt entfernt sieht es aus wie in einem litauischen Dorf: Wucherndes Grün, unbefestigte Straßen, alte, windschiefe Holzhäuser. |
![]() Was für bizarre Gegensätze: vorne dörfliches Leben, hinten das "Europa Center". |
![]() Die Baustellen für neue Beton-Stahl-Häuser scheinen die alten Holzhäuser geradezu zu überrollen. |
![]() So sieht dann das neue Šnipiškės aus: kalt, funktional, ohne Grün. |
![]() Das zugehörige Einkaufszentrum bietet eine Anzahl an edlen und teuren Geschäften - aber wenig Besucher... |
Und Vilnius bietet auch Platz für ein weiteres Unikum: die
"Republik Užupis". Gelegen in einem weiten Bogen des Fluss
Vilnia haben die etwa 2000 Bewohner
dieses Stadtteils am 1. April
(!) 1997 diese Republik ausgerufen. Etwas hügelig gelegen, mit
alten, schönen Häusern (die jedoch teilweise sehr
renovierungsbedürftig und heruntergekommen sind) nennt man das
Viertel auch das "Montmartre von Vilnius": Es ist in den Jahren der
Unabhängigkeit ein Künstlerviertel entstanden. Der marode Wohnraum
war günstig zu erstehen und es fand sich eine lebendige Gemeinschaft
beisammen. Die Republik hat einen Präsidenten, eigene Pässe,
angeblich einen Botschafter in Moskau sowie eine Armee (die aus 12
Mann bestehen soll - diese habe ich jedoch nicht zu Gesicht
bekommen...). Das offizielle Regierungsgebäude ist allgemein zugänglich, ohne
den Sicherheitscheck, wie beim Seimas: es ist die schöne und sehr
gemütliche Kneipe Užupio Kavinė. Natürlich gibt es
für die Republik auch eine eigenen Verfassung, die auch an mehreren
Stellen angeschlagen ist. Dort findet man Dinge wie "Jeder hat
das Recht zu lieben", "Jeder hat das Recht, nicht geliebt zu
werden - aber nicht unbedingt", "Jeder hat das Recht, Fehler zu
machen" oder auch: "Eine Hund hat das Recht, ein Hund zu sein".
Mit anderen Worten: alles in der Republik Užupis ist gewürzt mit einer kräftigen Prise Ironie und Witz (so, wie auch das Schild mit dem "Lächelgebot" an der Brücke zur Republik) und ist einfach sehr originell. Die Folge des Ganzen: Es ist dort nicht mehr das heruntergekommene Armenviertel, sondern es ist allgemein beliebt geworden, in Užupis zu leben. Also steigen in der Folge, wie überall auf der Welt, die Mieten - Neu-Wohlhabende ziehen in das Viertel hinein, restaurieren und renovieren die heruntergekommene Bausubstanz - und die ursprünglich dort lebenden, einfallsreichen Künstler können sich ein Leben immer weniger leisten. Die meisten sind schon längst weg aus dem Viertel. Es wird immer schicker werden in Užupis, keine Frage. Aber ebenso ist keine Frage, dass Užupis dann auch an Flair verlieren wird...
![]() Am Fluss Vilnia, die Brücke markiert einen der Übergänge zur "Republik Užupis": Lächeln bitte! |
![]() Užupis - das "Montmartre von Vilnius". Vieles ist schon in einem schönen neuen Zustand, aber nicht alles... |
![]() Auf hohem Sockel: Das Symbol von Užupis, der Trompete spielende Engel. Seither nennt man Užupis auch "Engelsrepublik". |
![]() Einige der Gebäude warten noch auf eine Restaurierung. Aber man hat sich auch eingerichtet... |
![]() Die Verfassung von Užupis hat 41 Artikel, die an mehreren Orten öffentlich aushängen. |
![]() Hier ist Liebe noch ganz eisern: die Brücken über die Vilnia nach Užupis werden für Liebesbeweise der besonderen Art genutzt. |
![]() Blick von Užupis über den Fluss Vilnia in Richtung Altstadt von Vilnius. |
Insgesamt gefiel mir der entspannte Lebensstil in der Stadt sehr. Es geht recht locker zu, die Menschen sind freundlich-unaufdringlich, kramen für die Verständigung dann auch schon mal ihre paar Bocken Englisch hervor, sind liebenswert. Wenn man, wie ich in den vergangenen Jahren, häufig in südlichen Ländern ist, dann fällt einem auch der geordnete und eher defensive Straßenverkehr auf. Die ganze Art der Menschen wirkte auf mich eher skandinavisch, als irgendwie "östlich".
Obwohl: mit Skandinavien hat Litauen eigentlich nichts zu tun. So legt man zum Beispiel Wert auf die Aussage, dass die Sprache Litauisch zum "Indoeuropäischen" Sprachstamm angehört. "Indoeuropäisch" ist identisch mit dem, was man in Deutschland - und zwar nur hier! - als "indogermanisch" bezeichnet. Wir haben also in Deutschland die gleichen Wurzeln der Sprache, wie die Litauer. Für mich ist das nahezu unvorstellbar! Bei kaum einem Litauischen Wort kann ich irgendeine Bedeutung erahnen, ohne Ausnahme alles erscheint mir völlig fremd. Bis zum Ende der Woche kann ich mir nicht ein einziges Wort litauisch merken. Ich bin zwar sprachlich überhaupt nicht begabt, aber Litauisch ist mir bis zum Ende sehr fremd. Schnell gesprochen erscheint mir allein der Klang - die Litauer mögen mir diesen Eindruck bitte nachsehen! - eher wie russisch, bzw. wie eine russische Mundart! Ich könnte beide Sprachen nur schwerlich auseinander halten.
Aber überhaupt: die Russen! Die meisten Litauer mögen sie wohl nicht wirklich und auch politisch versucht man sich immer deutlich von den Russen abzusetzen - das Trauma der Okkupation ist noch allzu gegenwärtig und der Staat Litauen ist im Vergleich zu Russland eben doch nur ein winzigen "Happen". Allerdings ist der Einfluss der in Litauen lebenden Russen aufgrund des eher geringen Anteils (knapp sieben Prozent) eher gering. Trotzdem erscheint diese Minderheit dem Vertreter der Vaterlandssunion, Audronius Ažubalis, beim Treffen im Seimas ein Dorn im Auge. War er Beginn seiner Ausführungen offenbar noch ganz in dem Wahlkampfgetöse gefangen, will er der westlichen Gruppe doch allen Ernstes erklären, dass sämtliche Russen im Land in der Zeit vor der Wahl ihrer Botschaft einen Besuch abstatten, um sich dort quasi von Moskau erklären zu lassen, welche Partei sie zu wählen haben. Mein Gedanke hierzu: Es kann für den Frieden im Lande nie förderlich sein, eine Minderheit im Lande auszugrenzen und zu Vollidioten zu erklären. Aber nun ja, da können wir ja auch vor der eigenen Haustüre noch einiges kehren. (Anmerkung November 2008: bei den Parlamentwahlen kurz nach unserem Besuch wurde die litauische Vaterlandsunion zur stärksten Partei gewählt und löste in einer Koalition mit vier anderen konservativen Parteien die regierenden Sozialdemokraten ab. Unser Gesprächspartner war seinerzeit als Favorit für den Posten des litauischen Außenministers gehandelt worden - aber offenbar gaben die Koalitionsverhandlungen dies nicht her. So bekleidet er nach der Wahl keinen Ministerposten, ist jedoch Vorsitzender des auswärtigen Ausschusses des litauischen Parlaments - immerhin.)
![]() Während eines Gespräches mit dem Vertreter der Litauischen Vaterlandssunion, Audronius Ažubalis nebst Dolmetscherin. Er nahm sich immerhin eine ganze Stunde Zeit für ausländische Gäste - zwei Wochen vor den litauischen Parlamentswahlen. |
Im Jahr 2009 ist Vilnius, wie schon erwähnt, neben Linz die Kulturhauptstadt Europas. Dies wird für Viele der Anlass sein, die Stadt erstmalig zu besuchen. Wie schon beschrieben hat sich Vilnius aus diesem Anlass auch herausgeputzt und ist eine Besuch allemal wert! Für meinen Teil bedaure ich ein wenig, die Stadt nicht an einem lauen Sommerabend erlebt zu haben. Die Innenstadt war abends immer recht bevölkert, je näher das Wochenende rückte, um so stärker. Besonders abends hat Vilnius ein enormes Flair - und wenn das Leben bei den vielen Gaststätten im Sommer noch mehr auf die Straßen zieht, dann bin ich mir sicher, dass es umwerfend schön sein muss in der barocken Perle des Nordens. Ich glaube, dass ich irgendwann im Sommer noch einmal dorthin muss! Vielleicht dann auch mit dem Zug, was auch kein Problem darstellt....
Andererseits muss ich auch noch einmal hervorheben, was für eine großartige Reiseform ein solcher Bildungsurlaub doch ist! Man bekommt Sichtweisen und Einblicke, die ansonsten einem Touristen weitgehend verborgen bleiben: Parlament, Paneriai/Ponar, KGB-Gefängnis und Šnipiškės hatte ich schon erwähnt, aber wer lässt sich von einer in Litauen kurz nach dem Krieg geborenen Jüdin durch das frühere jüdische Viertel führen und das frühere Leben dort erklären? Wer besucht schon die Zentrale des litauischen Gewerkschaftsbundes oder die noch im Aufbau begriffene, monumentale Gedenkstätte für die zwischen 1944 und 1947 747 Ermordeten Litauer im sowjetischen KGB-Gefängnis, ein Jahr bevor die Gedenkstätte eröffnet wird? Chancen, die wohl vor allem eine solche Reiseform bietet!
![]() Noch im Aufbau befindlich und nicht für die Öffentlichkeit zugänglich: die Gedenkstätte für die vom KGB ermordeten. |
![]() Die gesamte Gestaltung der Halle soll hier noch nicht gezeigt werden, darum nur ein "kleiner" Ausschnitt - aber auch dieses Mosaik ist schon quadratmetergroß... |
![]() ...und wird per Hand mühevoll zusammengesetzt aus kleinen bunten Steinen. |
![]() Dieser Blick auf Steine und Werkzeug lässt ahnen, wie ungeheuer mühevoll die Mosaike erstellt werden. |
Der Samstag des Bildungsurlaubes ist jedenfalls "frei", ohne offizielles Programm, steht also jedem zur freien Verfügung. Ich nutze die Gelegenheit, um einen Ausflug in die zweitgrößte Stadt Litauens zu unternehmen, nach Kaunas. Die gerade mal gut einstündige Zugfahrt (zum Preis von umgerechnet ca. Euro 4,50) vermittelt einige Eindrücke von der schönen Landschaft Litauens, und die Stadt Kaunas bringt auch viele neue, schöne Eindrücke. Kurz gesagt: Auch diese Stadt bietet jede Menge Interessantes, aber sie ist (noch?) nicht so herausgeputzt, wie die Hauptstadt des Landes und Europäische Kulturhauptstadt 2009, Vilnius. Nach gerade mal acht Stunden Aufenthalt in Kaunas sammeln sich nicht genug Wissen und Einsichten, um umfassend über die Stadt zu schreiben - aber doch genügend, um in einer Bilderserie einige Eindrücke aus Kaunas an einem wolkenverhangenen Tag im späten September zu zeigen. Sie finden diesen kleinen Reisebericht und die Bilderserie über Kaunas hier.
Kurzum: es heißt doch immer so schön, dass Reisen bilden würde... Für wohl kaum eine andere Reiseform gilt dies so sehr, wie für einen solchen Bildungsurlaub! Die oft kurzen Blicke hinter die Kulissen zeigen einem eine sehr vielschichtige, lebendige Stadt und schärfen den Blick. So etwas ist nicht billig - doch es bereichert enorm!
Einige Stadtansichten und Eindrücke aus Vilnius
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Kunst
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Einige Details
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Am Bahnhof
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Kirchen in Vilnius - eine unüberschaubare Vielfalt
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| Meine Empfehlung: Ein Reiseführer, der viel mehr als Vilnius enthält - mir aber zahlreiche tolle Hinweise zu dieser Stadt gab: |
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