Es ist Samstagnachmittag. Viele Fußballfreunde hören im Radio die
mehr oder minder interessanten Reportagen aus der
Fußball-Bundesliga. Nachdem man über die Begegnungen vom VfB
Stuttgart, Eintracht Braunschweig oder dem FC St. Pauli ausführlich
informiert wurde, kommt wie immer der unvermeidliche Bericht über
die DDR-Oberliga.
Ebenso wie Resultate von Dynamo Dresden, 1. FC Magdeburg, Energie
Cottbus, Lokomotive Leipzig zumeist am Ohr vorbeirauschen, nehmen
wir die sonore Stimme der Sprecherin auch kaum wahr: "Stahl
Eisenhüttenstadt besiegt Fortschritt Bischofswerda mit zwei zu null,
Wismut Aue gegen Chemie Halle eins zu eins..." usw.
Aber halt! Kaum jemand stutzt und bemerkt, dass wir Samstag für
Samstag einem Schwindel, ja einer Art Urkundenfälschung auflaufen:
BSG (für Betriebssportgemeinschaft) "Wismut" Aue ist eigentlich ein
Falschname. Der hinter dem Fußballverein stehende Betrieb hat nicht
das Geringste mit dem Metall Wismut zu tun! Richtig wäre: BSG Uran
Aue. Bei den Sportlern handelt es sich um Betriebsangehörige eines
Uranbergbaubetriebes mit Namen "Sowjetisch-Deutsche
Aktiengesellschaft (SDAG) Wismut".
Hätten Sie es gewusst? Ähnlich wie im Südschwarzwald wird auch in
der DDR Uranbergbau betrieben. Das in der Region um Karl-Marx-Stadt
(in der Nähe der Städte Gera, Aue, Zwickau) abgebaute Uran diente
unter den Nazis dazu, die Entwicklung einer deutschen Atombombe
voranzutreiben. Hieran war übrigens die Firma Degussa federführend
beteiligt - sie gibt es auch heute noch und erst im Januar 1988
übernahm Degussa die Atomskandalfirma NUKEM.
1945 übernahm die sowjetische Besatzungsmacht die absolute
Kontrolle über die Uranbergbaubetriebe. Die UdSSR benötigte das Uran
dringend für ein eigenes Atombombenprogramm. Der sich abzeichnende
atomare Rüstungswettlauf fand in großem Maße mit Uran aus der DDR
statt, denn zur damaligen Zeit gab es in der UdSSR noch keine
erschlossenen Uranvorkommen.
Der Abbau von Uran ist mit erheblichen Risiken sowohl für die im
Uranbergbau beschäftigten Arbeiter als auch für die Umwelt behaftet.
Die Herstellung von Uran aus Erz ist ein komplexer Vorgang, denn das
Uranerz der DDR hat durchschnittlich einen Uranoxidgehalt von nur
0,05 bis 0,2 % (anderswo 0,04 bis 1%). Nach der geologischen
Erkundung wird das Uranerz abgebaut, vor Ort vorbehandelt (also
zerbrochen und zermahlen) und durch Laugung aufbereitet. Die hierbei
entstehende uranhaltige Lösung wird gereinigt, konzentriert und
schließlich durch einen chemischen Vorgang ausgefällt. Das hierbei
entstehende Endprodukt (wegen seiner Farbe "yellow cake" genannt)
wird in Fässer abgefüllt und per Eisenbahn verschickt. Eine
weitergehende Verarbeitung des Uran findet in der DDR nicht statt.
Wie man sich leicht denken kann, entstehen beim Uranabbau
zahlreiche schwerwiegende Umweltprobleme. Dies fängt schon beim
Abbau untertage an: die Arbeiter dort atmen ständig radioaktive
Stäube und Gase ein, die sämtliche Zerfallsprodukte des Urans
enthalten. Obwohl die radioaktive Belastung durch Einführung des
Naßbohrverfahrens und eine bessere Grubenbelüftung reduziert wurde,
ist sie noch erheblich. Über die Grubenbelüftung wird nicht nur das
radioaktive Radon-222 in die Umwelt gebracht, sondern oft werden
auch Stäube abgeleitet. Die Abluftschächte des Belüftungssystems
liegen oft mitten auf landwirtschaftlichen Nutzflächen.
Schlimm sind die Verhältnisse für die Bergarbeiter. Wurden sie
zunächst mit äußerst hohen Löhnen und zahlreichen anderen
Vergünstigungen zur SDAG Wismut gelockt (z.B. eigene, gut bestückte
und nur für Wismutarbeiter zugängliche Geschäfte, besondere Prämien,
längerer Urlaub, kürzere Wartezeiten auf Autos und Wohnungen, eigene
gute Krankenversorgung etc.), so sind sie härtester Arbeit in
unmenschlicher Umgebung ausgesetzt. Über die Strahlengefährdung
werden sie nur unzureichend aufgeklärt. Zumeist sind es nur
Gerüchte, die bis zu ihnen vordringen - so werden neue Arbeiter von
Kollegen darauf hingewiesen, dass, falls sie einen Kinderwunsch
haben, sie sich in den "nächsten paar Jahren darum kümmern" sollten.
Untersuchungen von anderen Orten zeigen, dass 45 % der
Uranbergarbeiter "eingeschränkt fruchtbar" sind. Der Rest, 55 % ist
"unfruchtbar".
Die meisten dieser Arbeiter können die verlockende hohe Rente
nicht in Anspruch nehmen, sie sterben vorher. Besonders häufig
werden Lungenkrebs, Kehlkopfkrebs, Leukämie (Blutkrebs), Hodenkrebs
und Impotenz festgestellt. Kinder von Uranbergarbeitern haben
besonders häufig angeborene geistige und körperliche Behinderungen.
Ständige Müdigkeit, vorzeitige Alterung und Haarausfall sind weitere
Folgen für diese mit Radioaktivität hoch belasteten Personen, die
über die Ursachen im Ungewissen gelassen werden (s. Extrakasten
weiter unten).
Auch eine ganz besondere "Bevorzugung" macht den Bergarbeitern
arg zu schaffen: ihre harte Arbeit wird traditionell mit billigem,
unversteuertem Schnaps "belohnt". Von der SDAG Wismut sogar noch
gefördert, bekommen die Bergleute zum Spottpreis von 1,12 Mark
monatlich bis zu zehn Flaschen Trinkbranntwein. Die Bergleute nennen
die 32prozentigen Schnaps schlicht "Kumpeltod". Der Alkoholismus
wird von Wismut gezielt gefördert, man belügt die Arbeiter sogar und
behauptet, der Schnaps würde gegen ihre "Staublunge" wirken.
Aber nicht nur die Kumpel sind extrem gefährdet. Auch die gesamte
Umwelt leidet unter dem Uranbergbau. Bei der Auslaugung des Urans
aus dem Erz mittels Schwefelsäure versickern uranhaltige Lösungen im
erdreich und landen früher oder später im Grundwasser. Es ist
technisch nicht möglich, alles Uran aus dem Erz zu lösen. Vor allen
Dingen in den 50er und 60er Jahren wurden außerdem große Mengen Erz
auf Halde geschüttet, die nach damaliger Ansicht "minderwertig"
waren, weil sie einen zu geringen Anteil an Uranoxid enthielten.
Diese Halden, wie auch der heute hinzukommende uranhaltige Abraum,
sind also schwachradioaktive Abfälle. Die überall in der Region
anzutreffenden, 80 bis 100 Meter hohen Halden sind für jeden
zugänglich. Kein Zaun, der vor Zutritt schützt, kein Warnschild
weist auf die Radioaktivität hin. Zum Teil stehen Wohnhäuser direkt
an den Halden, Kleingärten werden betrieben, Obstbäume locken mit
Früchten, Kinder spielen auf der Erde.
Die Halden sind kaum mit Erdreich bedeckt worden, so dass an
trockenen und windigen Tagen der Strahlenstaub frei umherweht. Die
Umgebung der Halden ist mit grauem Staub bedeckt.
Mittlerweile geht man dazu über, den vorhandenen geringen
Urangehalt dieser Halden zu nutzen. Zum Teil werden sie abgetragen
um dann gelaugt zu werden. Teilweise wird dies jedoch auch so
gemacht, dass verdünnte Schwefelsäure in freier Umwelt auf die
Haldenberge "verregnet" wird. Am Fuß der Halden fängt man in mit
Plastikfolien ausgelegten Gräben die saure Uranlösung auf. Sicher
nur zum Teil, der Rest versickert in der Erde.
Bis zum Jahre 1980 wurde das Haldenmaterial auch als Baumaterial
für Straßen und Plätze sowie für Fundamente und Fußböden von Häusern
verwendet.
Zufällig wurde entdeckt, dass auf den kleinen erdbedeckten Zonen
der Halden besonders gut Pilze wachsen. Diese dort gezogenen Pilze
werden dann auch schon mal im Restaurant nebenan verwendet.
Es wird geschätzt, dass, zudem durch Grubenabwässer, täglich
mehrere Kilogramm Uran durch das Flüsschen Wispe abfließen und über
Weiße Elster und Saale schließlich in der Elbe landen.
Beim nächsten Arbeitsgang der Erzaufbereitung werden die
uranhaltigen Lösungen abgetrennt - wobei pro Tonne Erz eine Tonne
Rückstandsschlamm verbleibt. Auch dieser ist natürlich noch schwach
radioaktiv, denn restlos lässt sich nicht alles Uran heraustrennen.
Der Rückstandsschlamm wird in ein großes Absetzbecken geleitet (neun
Kilometer Umfang). Bis vor ein paar Jahren war dieses Absetzbecken
noch nicht einmal eingezäunt. Im Sommer, wenn es länger trocken war,
kann es vorkommen, dass dieses Becken austrocknet. Sobald es windig
wird verwirbelt der dort entstehende, extrem feine Staub zu riesigen
radioaktiven Staubwolken.
Es ließen sich noch eine riesige Anzahl von einzelnen
Umweltskandalen in Zusammenhang mit dem Uranbergbau in der DDR
aufführen. Wir sollten uns in Erinnerung zurückrufen: Uran wird
benötigt für Atomkraftwerke und Atomwaffen - fürwahr bedrohliche
Ausgeburten des menschlichen Geistes. Im Interesse der Welt wird es
höchste Zeit, dass das Uran in der Erde bleibt, in der DDR und
anderswo. Schon allein das Abbauen von Uran ist in jeder Hinsicht
menschenverachtend.
Das Fußballteam von Wismut Aue jedenfalls befindet sich derzeit
im Abstiegskampf der obersten DDR-Liga. Sollte es absteigen, wäre es
ebenso wie die Mannschaften von "Wismut" Gera und Kernkraftwerk
Greifswald in der 2. Liga der DDR. Auch mit der Atomwirtschaft - so
bleibt zu wünschen - sollte es abwärts gehen. Je schneller, desto
besser!
(Die Angaben basieren auf eigenem Anschauen und, zum größten
Teil, der Studie "Pechblende - Der Uranbergbau in der DDR und seine
Folgen" des Autors Michael Beleites entnommen. Herausgegeben wurde
diese, aufgrund der Geheimhaltungsmaßnahmen der SDAG Wismut unter
schwierigsten Bedingungen erstellte, umfassende Studie vom
Kirchlichen Forschungsheim Wittenberg und dem Arbeitskreis "Ärzte
für den Frieden - Berlin" im März 1988)
| Der Sohn
eines betroffenen Bergarbeiters schreibt 1988:
"Mit 20 hat mein
Vater bei der Wismut angefangen. Das war 1950. Damals
wurde noch trocken gebohrt. In Schlema ist er
eingefahren. Gelockt hat das Geld und die größeren
Lebensmittelrationen. Er kam 1945 mit seiner Mutter aus
Schlesien. Gewusst hat er nichts von der Strahlengefahr.
Woher auch. Die's wussten, haben den Arbeitern nichts
gesagt. Von Strahlung hat mein Vater nie etwas erzählt.
Peckblendensteinchen standen bei uns auf der
Fernsehtruhe. Hat schön geglitzert. 1963 wurde bei
meinem Vater 30% Silikose festgestellt. Wäre er noch
zwei Jahre länger unter Tage geblieben, hätte er
die Bergmannsrente bekommen. Jetzt kamen ihm die Ärzte
mit Arbeitsschutz und 150 Mark pro Monat, so 'ne Art
Entschädigung. Alle zwei Jahre fuhr er zur Kur. Jedesmal
kam er mit höheren Silikosewerten nach Hause. Immer
öfter lag er dann im Krankenhaus. Er hat so viele
Kumpels, die am Anfang mit eingefahren sind, dort
getroffen. Die starben wie die Fliegen. Keiner wurde
älter als 55. Mit 54 musste Vater in die
Lungenheilstätte eingewiesen werden. Dort haben sie
Gewebsproben entnommen, zwei, drei mal. Das muss
wahnsinnig schmerzhaft gewesen sein. Von Strahlung und
Krebs haben die Ärzte nichts gesagt, auch nicht zu
meiner Mutter. Verschwartungen der Silikose hat's
geheißen. Dann radiologische Klinik - 50
Kobaltbestrahlungen, Fieber, Massen von Medikamenten.
Ich kann nicht vergessen, wie er allein und ratlos und
ohne Hoffnung in dem kahlen Krankenzimmer saß. Er hat
nur noch mit dem Kopf geschüttelt. Wenigstens das Ende
wollte er selbst bestimmen. Er hat zu viele Kumpels
verrecken sehen. Mein Vater hat sich aus dem Fenster
gestürzt, 10. Stock. Er hat nichts gewusst, nichts von
Strahlung. Fast zum Schluss hat dann ein Arzt zu meiner
Mutter gesagt, dass es Lungenkrebs war."
(aus einem
persönlichen Brief an den Verfasser der Studie
"Pechblende") |
(Der Text wurde so veröffentlicht im "ROBIN WOOD-Magazin" Nr.
24/1.90)
Anmerkungen Sommer 2005: Auch heute noch gebührt mein
ganzer Respekt und meine Achtung den Menschen, die unter den heute
kaum noch vorstellbaren Verhältnissen und massiven Repressionen
diese Studie erstellten!
Mein Mitgefühl gilt den Opfern des Uranabbaus: den Arbeitern
und Anwohnern der Region - die systematisch verdummt wurden. Als ich
im Frühjahr 1989 einmal in der Region um Ronneburg war, hatte ich voller Schaudern
nur einen Gedanken: hier ist die Apokalypse zu Hause! Ich konnte mir
kaum vorstellen, wie die Menschen es aushielten, hier zu leben...
Wie ging es weiter mit der SDAG Wismut?
Nach der deutschen Vereinigung wurde der Uranabbau zum 31.
Dezember 1990 eingestellt. In den Jahren des Uranbergbaus wurden
231.000 Tonnen Uran abgebaut, die DDR war damit nach den USA und
Kanada der drittgrößte Uranproduzent der Welt! 45.000 beschäftigte
umfasste die Stammbelegschaft.
In der Folge wurde ein deutsches Staatsunternehmen gegründet,
dass sich mit der Sanierung des Gebietes befasst, wie heißt es auf
deren Homepage so schön und wahr: "Die Sanierung der großflächig radioaktiv
kontaminierten Altlasten in Sachsen und Thüringen stellt eine der
größten ökologischen und wirtschaftlichen Herausforderungen im
wieder vereinten Deutschland dar."
Der Gipfel der Idiotie jedoch: man war sich vereinigten
Deutschland nicht zu blöde, den Namen "Wismut" - allein aus
Täuschungsgründen gewählt - weiterzuführen. Der Sanierungsbetrieb,
der über 1000 Einzelprojekte durchführt, trägt heute den Namen
Wismut GmbH. Die Homepage der Firma (s. Links) ist durchaus
interessant und empfehlenswert! Wobei: Angaben über die Gesamtkosten
konnte ich leider nicht finden. Sicherlich sind es zig Milliarden,
die die DDR dem gesamten Deutschland hinterlassen hat.
Die Studie "Pechblende - Der Uranbergbau in der DDR und seine
Folgen" braucht man heute nicht mehr mit feuchten Händen in der
Unterhose versteckt an Grenzorganen vorbei zu transportieren - man
kann sie sich komfortabel als pdf-Datei im Internet downloaden (s.
Links - höchst empfehlenswert!)...
Den Fußballverein Wismut Aue gibt es nach wie vor - wenn auch
unter verändertem Namen: FC Erzgebirge Aue. Sicher sinnvoll
- schließlich ist man ja auch keine Betriebssportgemeinschaft mehr.
Die Trikotfarbe lila behielt man, auf der Homepage ist noch das alte
Wismut-Logo zu bewundern. Bis auf den VfB Stuttgart hat der Verein
übrigens alle eingangs erwähnten Vereine hinter sich gelassen, zum
Teil gleich um mehrere Klassen! Im Frühjahr 2005 klopfte man
erstmals und energisch an das Tor zur Fußball-Bundesliga, scheiterte
jedoch dann doch deutlich. Na dann: Glück auf!
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Reaktionen auf den Text per eMail:
"Vielen Dank, für diesen nüchternen, bezeichnenden Bericht
über den Uranbergbau in meinem Heimatland. Wenn jeder so nüchtern
und sachlich darstellen würde, würde aus dem Beitritt vielleicht
wirklich noch eine Vereinigung.
Ich erinnere mich an eine
„Wandzeitung" im Stahlwerk Hennigsdorf. Auf dieser waren dutzende
Etiketten von Spirituosen zu sehen. Unter anderem auch das des
„Wismut-Branntweins". Ich staunte über den Preis. Nun kenne ich auch
„offiziell" den Grund – Suizidhilfe. Mir ist ein wenig schlecht.
Als
ehemaliger „Atomkraftfreund" hatte ich 1999 ein Gespräch mit einem
französischen(!) Kampfpiloten, der wörtlich sagte: "Atomkraft ist
ein Flugzeug, für das es noch keine Landebahn gibt." Ich glaube,
diesen „Umschalter" hatte ich nötig.
Ihnen alles Gute"
(T.G.)
(21.1.2009)