Marienborn, Deutsch-deutscher Grenzkontrollpunkt auf DDR-Seite.
Es ist Samstagmorgen, ich sitze in einem Minizug, um in die DDR
einzureisen. Neben mir liegt ein ganzer Stapel der letzten Ausgaben
des ROBIN WOOD-Magazins - von mir auf der "Zoll- und
Devisenerklärung" für die Einreise mit "19 Zeitschriften"
deklariert.
Nachdem die Abfertigung durch den Grenzkontrolleur äußerst
freundlich
abgewickelt war, naht der Zoll - in Form einer uniformierten
weiblichen Person. Schon der erste Eindruck zeigt: korrekt vom Zeh
bis zu den Haarspitzen. Und natürlich kommt die Frage: "Darf ich die
Zeitschriften einmal sehen?!" Aber selbstverständlich darf die
verkörperte Autorität dieses. Nach ein wenig lustlosem Geblättere
eine weitere gestrenge Frage "Wollen Sie das verteilen?
Oder was?" Während ich anmerke, dass mein Bekannter in der DDR sich
für den Umweltschutz interessiere, passiert es: die Zollperson
entdeckt ein Magazin mit der Aufschrift "Schönberg - Abort der
Deutschen". Das zuvor eher gelangweilte Getue ändert sich
schlagartig: während der Artikel aufgeschlagen wird, setzt sie sich
auf einen freien Platz und, tatsächlich, sie fängt an zu lesen! Aber
nur eine Weile, denn solche Zeitschriften müssen den Vorgesetzten
auch noch vorgeführt werden, draußen, auf dem Bahnsteig.
Kurz darauf erscheinen nun auch mehrere uniformierte Herren auf
dem Bahnsteig, intensiv in ROBIN WOOD-Magazinen blätternd. Mehr
amüsiert als verärgert beobachte ich das Treiben. Schade, dass ich
dies nicht mit einer Kamera festhalten kann! Prompt wird auch der
Artikel "Schadstoffe in der DDR" entdeckt. Ich ahne, dass meine
Chancen, die Hefte mitnehmen zu dürfen, drastisch sinken. Und es
kommt, wie es kommen musste: die Zollfrau verkündet mir im Zug das
Urteil des halböffentlich tagenden Gremiums. Man werde die Hefte
zunächst einbehalten, zur Überprüfung. Also erhalte ich von der
"Zollverwaltung der DDR, Bezirksverwaltung Magdeburg, Grenzzollamt
Marienborn/ Eisenbahn" eine Hinterlegungs-bescheinigung. Zugegeben,
ich war sehr dankbar, dass die Grenzautorität der DDR darauf auch
noch handschriftlich vermerkt hatte: "ohne Gebühren". Eine kurze
Erklärung folgt: wenn die Hefte akzeptiert würden,
dann würde mein
Bekannter sie erhalten; andernfalls würden sie an mich
zurückgesandt.
Letzteres passierte dann auch, natürlich! Nach zwei Wochen
bekomme
ich ein Paket aus Marienborn mit meinen unversehrten Magazinen.
Statt eines Kommentars über die Unerwünschtheit von ROBIN WOOD in
der DDR liegt als Füllstoff im Paket eine Ausgabe der
DDR-Zeitschrift "Dynamo Sport" von 1987, Schlagzeile
"Dynamo-Bruderbund weiter gefestigt". Weiter hinten, unter einem
Foto eines Sportwettkampfes: "Gute Leistungen gab es beim
Handgranatenweitzielwurf der Frauen..." So etwas liest man von
offizieller Seite in der DDR eben immer noch lieber...